Revolutionen: Die friedliche Revolution 1989 | #FokusDHM Deutsches Historisches Museum https://www.youtube.com/watch?v=iJ-qaWE8W5A Transkript (automatisch erstellt) 0:01 Denken wir an politische Revolutionen, dann kommen uns meist Bilder von Straßenschlachten, Barrikadenkämpfen oder zerstörten Häuserzeilen in den Kopf. 0:08 Dass politische Veränderungen jedoch nicht ausschließlich mit Gewalt erzwungen werden müssen, hat uns die Revolution gezeigt, mit der wir uns heute beschäftigen. 0:26 Die Rede ist natürlich von der friedlichen Revolution von 1989, mit der die DDR endete und die den Weg zur deutschen Einheit ebnete. 0:35 Und damit herzlich willkommen bei unserer vierten und letzten Folge zum Thema Revolutionen. Ihren Anfang nahm die Revolution eigentlich schon Ende der 1970er Jahre. 0:45 Unter dem Schutz der Kirche organisierten sich zahlreiche Bürgergruppen in Opposition zur DDR-Regierung. 0:51 Warum denn gerade zusammen mit der Kirche? Ich dachte, im Sozialismus ist die Religion nur „Opium des Volks“? 0:57 Genau deshalb war das Verhältnis zwischen der Staatspartei SED, der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, und der Kirche immer schwieriger. 1:07 Verbieten konnte die SED die Kirche nicht, aber sie konnte sie einschränken und schikanieren. 1:12 Zugleich betrieb die SED eine starke Verweltlichung und ersetzte religiöse Rituale durch staatliche. 1:18 Beispielsweise ersetzte die Jugendweihe die Kommunion beziehungsweise die Konfirmation. Im Zuge der atomaren Aufrüstungspolitik engagierten sich in den 1980ern 1:29 mehr und mehr junge Menschen für eine Friedenspolitik in der DDR. Zum Motto wurde dabei der Bibelspruch "Schwerter zu Pflugscharen". 1:38 Unter diesem Motto trafen sich Bürgerrechtler*innen ab Juli 1989 in der Leipziger Nikolaikirche jeden Montag zu einem Friedensgebet. 1:47 Daraus entwickelten sich ab September 1989 die berühmt gewordenen Montagsdemonstrationen. Knapp zehn Jahre zuvor hatte sich in Polen die Gewerkschaft Solidarność gebildet, 2:05 die nicht nur von polnischen Intellektuellen unterstützt wurde, sondern auch von Papst Johannes Paul II. Obwohl die Gewerkschaft bereits 1981, nur ein Jahr nach ihrer Gründung, verboten wurde, 2:16 lebte sie im Untergrund weiter. Solidarność stellte den Machtanspruch der kommunistischen Regierung infrage, die von sich sagte, 2:24 sie allein könnte den Willen des polnischen Volkes repräsentieren. Der Schlüsselmoment waren jedoch die Kommunalwahlen der DDR im Mai 1989. 2:35 Am Wahlabend des 7. Mai wurden die offiziellen Ergebnisse bekannt gegeben: Nur 98% der Wahlbeteiligten hatten mit Ja für die Abgeordneten der Volkskammer gestimmt. 2:45 Das war das schlechteste Ergebnis, das die SED-Regierung jemals bei Wahlen erzielt hatte. „Nur“…? Das ging doch auch nicht mit rechten Dingen zu. 2:52 Und was waren die Gründe für die so "schlechten" Ergebnisse? Zum einen hatte es mit der wirtschaftlichen Notlage zu tun, 2:59 in der sich die DDR seit einiger Zeit befand. Auch verweigerte die SED notwendige Reformen, 3:05 sodass die Unzufriedenheit in der Bevölkerung mehr und mehr stieg. Dies führte dazu, dass nun zum ersten Mal Bürgerrechtsbewegungen die Wahlauszählung beobachteten. 3:15 Dabei stellten sie fest, dass die Wahlen manipuliert wurden. Die Folge war eine massive Ausreisewelle ab dem Sommer 1989. 3:24 Aber die Grenze nach Westen war durch die Mauer doch seit 1961 zu. Das stimmt. 3:29 Viele DDR-Bürger*innen flohen in sozialistische Nachbarländer wie beispielsweise in die Tschechoslowakei, nach Ungarn oder Polen, wo sie anschließend die bundesdeutschen Botschaften besetzten, 3:40 um ihre Ausreise zu erzwingen. Gleichzeitig formierten sich ab Herbst '89 immer mehr Oppositionsgruppen 3:57 wie etwa das Neue Forum, die eine Demokratisierung der DDR verlangten. Sie verlangten nicht das Ende der DDR und die deutsche Einheit? 4:05 Das ist wichtig zu unterscheiden. Tatsächlich forderten die meisten Oppositionsbewegungen nicht das Ende des Sozialismus 4:11 oder das Ende der DDR als Staat. Sie verlangten schlicht die Grundrechte, die ihnen in der Verfassung der DDR seit vierzig Jahren versprochen waren. 4:18 Das sieht man auch hier auf den Plakaten. Erst nach dem Mauerfall begann sich der Gedanke zu etablieren, 4:23 die Bundesrepublik und die DDR als einen Staat zusammenzuführen. Das sieht man auf diesem Plakat, das später entstanden ist, 4:30 als die anderen hier gezeigten. Und was war die Reaktion der DDR-Regierung auf diese immer lauter werdenden Proteste? 4:36 Die DDR-Regierung versuchte mit aller Kraft, die Flüchtlingsströme und Protestaktionen einzudämmen, doch darf nicht vergessen werden, in welcher Situation sich die DDR im Sommer und Herbst '89 befunden hat. 4:49 Die Wirtschaft lag am Boden und seit Juli fehlte es der Regierung an einer klaren Linie, 4:53 nachdem Erich Honecker aus gesundheitlichen Gründen sein Amt nicht mehr ausüben konnte. Was den Demonstrant*innen jedoch besonders half, war der Politikwechsel innerhalb der Sowjetunion 5:03 unter Michail Gorbatschow, der ab 1987 Glasnost und Perestroika versprach, also Offenheit und Umbau der Sowjetunion. 5:11 Doch in der DDR wurden diese neuen Leitlinien nicht eingeführt. Anfang November spitzten sich die Proteste dann mehr und mehr zu. 5:20 Sowohl in Leipzig wie auch in Ost-Berlin auf dem Alexanderplatz. Um ein Ende der Proteste herbeizuführen und quasi "den Druck aus dem Kessel" zu nehmen, 5:29 entschied sich die SED schließlich am 9. November, den Bürger*innen der DDR ein Grundrecht wiederzugeben, das sie ihnen mit dem Mauerbau 1961 praktisch entzogen hatte, nämlich die Reisefreiheit. 5:41 Dies sollte der Berliner SED-Bezirkschef Günter Schabowski am Abend des 9. November auf einer Pressekonferenz der Bevölkerung mitteilen. 5:48 Die Szene ist heute legendär. Hierbei kam es zu einer Fehlkommunikation. 5:55 Während die SED-Regierung geplant hatte, dass DDR-Bürger*innen von nun an leichter Pässe und Visa erhalten können, wurden Schabowskis Worte so interpretiert, 6:04 dass ab sofort die Grenze passiert werden könne! Und so versammelten sich Tausende von Menschen noch in der Nacht an der Bornholmer Straße 6:11 und anderen Grenzübergängen und verlangten, über die Grenze gelassen zu werden. Die Grenzbeamten gaben schließlich überfordert auf und öffneten die Schlagbäume. 6:20 Kein Schuss fiel. Und damit war zum ersten Mal in der deutschen Geschichte eine Revolution auf friedlichem Weg geglückt. 6:27 Aber das war nur der Anfang einer rasanten Entwicklung. Am 18. März 1990 kam es zu den ersten freien Parlamentswahlen in der DDR. 6:36 Das Datum war kein Zufall. Hatte die erste deutsche Revolution ja am 18. März 1848 ihren Ausgang genommen. 6:45 Und damit sind wir am Ende unserer Reihe zu wegweisenden Revolutionen der europäischen, aber vor allem der deutschen Geschichte. 2:05 -Ende-