Sprache, Telefon und WhatsApp - Geschichte der Kommunikation mit Harald Lesch | Terra X Terra X History https://www.youtube.com/watch?v=hd-rUbWeVgE Transkript (automatisch erstellt) 0:02 * Titelmusik * (Prof. Lesch) E-Mail, Facebook, TikTok & Co, 0:28 die Ikonen der modernen Kommunikation. Damit sich Milliarden Menschen austauschen können, 0:34 transportieren sie im Sekundentakt eine Flut von Gefühlen, Gedanken und Informationen bis in die letzten Winkel der Erde. 0:45 Seit der Entstehung von Sprache und Schrift haben geniale Erfindungen und Fortschrittsdenken 0:50 die Welt immer weiter technisiert. Doch mit dem Einsatz von "Künstlicher Intelligenz" 0:59 ist der Mensch in eine völlig neue Dimension vorgestoßen. Nee, mach dir keine Gedanken, das krieg ich hin. 1:21 Ja, das wird schon laufen. Dann weiß ich Bescheid. Ja, bis dann, ne? Ja, tschüss, ciao. 1:30 Ein Relikt aus einer Zeit, als noch nicht jeder ein Telefon hatte. Die öffentlich Telefonzelle machte es möglich: 1:40 Jeder konnte darin für 'n paar Münzen, mehr oder weniger, in die ganze Welt telefonieren. 1:48 Der Wunsch, mit anderen zu kommunizieren, geht sogar über die Grenzen der Erde hinaus. 1:57 1977 wurden die "Voyager Golden Records" ins All geschickt. Auf zwei Datenplatten war alles gespeichert, 2:05 was die Außerirdischen über uns wissen sollten. Ein großer Aufwand in der Hoffnung, 2:10 dass intelligente Lebewesen diese Nachrichten verstehen und antworten. Warum machen wir das? 2:16 Woher kommt dieses starke Bedürfnis, mit anderen zu kommunizieren? Die einfache Antwort: Es ist angeboren. 2:24 Technisch gesehen ist Kommunikation nichts anderes, als der Austausch von Informationen zwischen Sender und Empfänger, 2:31 von einfachen Sachinhalten bis hin zu tiefen Gefühlen. Kommunikation ist nicht nur 'ne menschliche Fähigkeit, 2:39 auch Tiere verfügen über komplexe Kommunikationssysteme: neben optischen Signalen verständigen sie sich mit Lauten und Duftstoffen. 2:47 Aber kein anderes Lebewesen hat die Kommunikation so sehr perfektioniert wie wir Menschen, 2:54 denn wir können sprechen. Hallo? 3:00 Die Entwicklung der Sprache beginnt bei den Primaten. Innerhalb ihres Rudels verständigen sie sich mit Mimik, Gestik 3:08 und auch mit Lautäußerungen, die im Lauf von Jahrhunderttausenden immer variationsreicher werden. 3:18 Spätestens Homo Sapiens ist schon in der Lage, Worte zu formulieren. Er nutzt seine Fähigkeit unter anderem zur Feindesabwehr, 3:26 aber auch zur gemeinschaftlichen Jagd. Da müssen Strategien vermittelt, Gefahren benannt 3:32 und Aktivitäten koordiniert werden. Das alles geht am besten mit Sprache. 3:39 Am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften wird untersucht, welche körperlichen Voraussetzungen notwendig sind, 3:47 um sprechen zu lernen. Und warum der Mensch das geschafft hat, seine nächsten Verwandten im Tierreich aber nicht. 3:54 Wenn wir die Evolution der Sprache erforschen wollen, dann haben wir eine große Herausforderung, nämlich die, 4:01 dass wir unsere direkten Vorfahren nicht untersuchen können. Die Vorfahren, die wir haben, 4:07 die noch leben, das sind die Schimpansen, die können wir untersuchen. 4:12 Bei den Schimpansen können wir uns jetzt die Gehirne anschauen und die mit dem menschlichen Gehirn vergleichen 4:19 und dann sehen, ob es da Unterschiede gibt. Und die Unterschiede sind natürlich relevant 4:25 für die mögliche Entstehung von Sprache. Auf MRT-Bildern wird deutlich, wo die Zentren für Sprachverständnis 4:34 und Sprachproduktion liegen: das Wernicke-Areal und das Broca-Areal. 4:40 Und dass sich dazwischen auffällige Faserverbindungen befinden. Vergleicht man diese mit den Gehirnen unserer Vorfahren, 4:51 sieht man, dass sie vom Makaken über den Schimpansen bis hin zum Menschen immer länger und dichter werden. 5:03 Und auch wenn noch andere Bereiche des Gehirns an der Verarbeitung und Produktion von Sprache beteiligt sind, 5:09 gehen die Forschenden davon aus, dass in dieser Faserverbindung einer der Schlüssel für die Sprachfähigkeit des Menschen liegt. 5:23 Eine Besonderheit gibt es bei Gehirnen von Neugeborenen: Gerade die Faserverbindung 5:29 zwischen Broca-Areal und Wernicke-Areal, die wichtig ist für die Verarbeitung von grammatisch komplexen Sätzen, 5:38 ist beim Neugeborenen noch nicht funktionstüchtig. Sie ist noch nicht myelenisiert und erlaubt somit nicht, 5:45 Informationen von A nach B zu schicken. Ein Säugling kann zwar noch nicht sprechen, 5:52 aber er hört schon aufmerksam zu. Und: die Faserverbindung wächst mit jedem Wort, 5:57 das ein Kleinkind erlernt. Reden wir über unsere Muttersprache. 6:03 Ihr Wortschatz umfasst rund 75.000 Wörter. Jedes Wort, das uns per Schallwellen im Ohr erreicht, 6:10 wird im Gehirn an diesen 75.000 Wörtern abgeglichen. Jeder Gedanke, den wir als Antwort formulieren, muss in Worte übersetzt werden 6:19 und wird dann durch Übergabe an die Artikulationsorgane, also Lippen, Zunge, Gaumen, Rachen, Kehlkopf und Lunge zu dem, was andere hören, 6:29 nämlich: Sprache. Sprache im heutigen Sinn 6:34 gibt es vermutlich erst seit etwa 125.000 Jahren. Das Besondere: Sie macht nicht nur das Menschsein aus, 6:42 sondern ist auch das Instrument unserer kulturellen Entwicklung. Mit Sprache können hier und jetzt Zukunft und Vergangenheit, 6:49 Gedanken, Gefühle und Bedürfnisse ausgedrückt werden. Worte und Sätze erschaffen Vorstellungen vom Jenseits, 7:00 sie beschreiben die Welt der Ahnen, erzählen von heiligen Ritualen, von Göttern und Religionen. 7:06 Es ist eine zweite Realität, die durch Worte entsteht, eine geistige Welt, die ohne Sprache nicht existieren würde. 7:16 Mit der Ausbreitung von Homo Sapiens auf der Erde entwickeln sich vermutlich Zehntausende Sprachen. 7:23 Jede Gemeinschaft hat ihre lokal eigene. Erst mit Beginn der Sesshaftigkeit geht die Zahl zurück 7:32 auf heute nur noch rund 7000 Sprachen. Aktuell liegt Englisch auf Platz eins, gefolgt von Mandarin, 7:42 Hindi, Spanisch und Französisch. 7:46 Deutsch folgt auf Platz 12, gesprochen von rund 130 Millionen Menschen. 7:52 Prognosen gehen davon aus, dass in den nächsten 200 Jahren von den 7000 Sprachen nur noch 100 übrig sind. 7:59 Gefährdet sind dabei die Sprachen, die mündlich überliefert werden, denn... das gesprochene Wort ist zwar schön, aber flüchtig. 8:07 Es zu erhalten, es zu konservieren, das war der nächste große Schritt in der Geschichte der Kommunikation. Denn wer schreibt, der bleibt. 8:16 Die Entwicklung der Schrift beginnt etwa 3500 vor Christus in Uruk, im heutigen Irak. 8:23 Die erste Metropole der Menschheit ist eine florierende Handelsstadt. Den Warenein- und ausgang buchhalterisch zu verwalten, 8:30 ist auch schon im Altertum eine bürokratische Notwendigkeit. Zunächst behilft man sich mit Zählsteinen, 8:40 kleine Lehmkugeln mit eingeritzten Zeichen für Art und Menge der Ware. Doch mit der Ausweitung des Handels wird das System viel zu umständlich. 8:51 Der Zählstein wird ersetzt durch die Tontafel, die Bildzeichen werden ersetzt durch abstrakte Linien aus senkrechten, 8:59 waagerechten und keilförmigen Zeichen. Das ist die Geburtsstunde der Keilschrift. 9:06 Viele Jahrhunderte findet sie in Gebieten des Alten Orients Anwendung. Nüchterne Verträge und Gesetzestexte 9:13 werden ebenso in Keilschrift in den weichen Ton gedrückt wie fantastische Epen über uralte Götter 9:19 oder eine alles vernichtende Sintflut. In Ägypten entwickelt sich um circa 3200 vor Christus 9:30 eine Bilderschrift, die man Hieroglyphen nennt. Doch sie hat eine Schwäche: 9:36 Jedes Zeichen kann für einen Laut, eine Silbe oder ein Wort stehen. Um die Fülle an Worten abbilden zu können, 9:42 braucht man Hunderte von Zeichen. Für einfache Arbeiter kaum zu erlernen, schon gar nicht, 9:50 wenn sie aus der Fremde stammen und die ägyptische Sprache nicht können. Gerade sie sind es aber, 9:56 die um 1700 vor Christus eine entscheidende Schriftreform auslösen. Aus den rund 700 Hieroglyphen picken sie sich etwa zwei Dutzend heraus, 10:07 deren Lautklang sie aus ihrer eigenen Sprache kennen. Damit gelingt es ihnen, Worte und Sätze zu schreiben. 10:15 Kaum zu glauben, aber die neue Schrift der Wanderarbeiter bildet die Basis nahezu aller Alphabete der Erde, 10:22 auch wenn es bis zu den heutigen Alphabeten Jahrhunderte dauerte. So entsteht aus der ägyptischen Hieroglyphe für Stier 10:31 in der Sprache der Arbeiter Alp, der Buchstabe A. Aus der Hieroglyphe für Haus in der Sprache der Arbeiter Bayt, 10:39 der Buchstabe B und so weiter... Die älteste Schriftart, die noch geschrieben wird, stammt aus China. 10:50 Sie ist im Lauf der Jahrtausende immer komplexer geworden. Im Chinesischen kennt man zwischen ca. 60.000 und 80.000 Schriftzeichen. 11:01 Für den Alltag werden zwar "nur" etwa 3000 gebraucht, aber im Vergleich zu den 26 Buchstaben des lateinischen Alphabets 11:08 ist das immer noch ungeheuer viel. Die chinesische Schrift ist am Anfang eine Bilderschrift, 11:18 das lässt sich noch gut erkennen. Das Zeichen für Baum zum Beispiel ist ein Stamm und mehrere Äste. 11:25 Das Zeichen für Mensch sind zwei Striche ohne Kopf. In der Regel werden mehrere Zeichen miteinander kombiniert. 11:33 Das Schriftzeichen für Mensch und das Schriftzeichen für Baum ergibt in Kombination: Ein Mensch lehnt am Baum und ruht sich aus. 11:42 Das Nächste ist das Zeichen für Feuer. Und hier haben wir zweimal der Baum, bedeutet dann Wald. 11:50 Also, der Wald besteht aus zwei oder mehr Bäumen. Und wenn das Feuer und der Wald zusammenkommen, 11:56 bedeutet das "brennen". So sind diese kombinierten Bildzeichen entstanden, 12:01 die immer sehr fantasievoll sind, auch die Fantasie anregen und dazu verleiten zu denken, dass fast alle Schriftzeichen 12:08 nach diesem Prinzip funktionieren könnten. Das ist nicht der Fall. Selbst Chinesen müssen viele Jahre lang üben, 12:18 bis sie die Zeichen beherrschen und sich verständlich machen können. Eine Fleißarbeit, da die Zeichen und ihre möglichen Kombinationen 12:27 auswendig gelernt werden müssen. Bildzeichen und Symbole umfassen heute nur noch drei Prozent 12:35 der chinesischen Schriftzeichen. Die restlichen 97 Prozent sind Phonogramme. 12:40 Also eine Kombination aus Laut- und Bildelementen. Das eine gibt Hinweise auf die Aussprache, 12:45 das andere auf die Bedeutung. Was die Sache so schwierig macht, ist, dass viele gesprochene Silben sich absolut oder fast gleich anhören, 12:55 aber unterschiedliche Bedeutungen haben. Die Silbe "ma" zum Beispiel hat bis zu 45 unterschiedliche Bedeutungen. 13:03 Man versteht sie nur im Kontext eines Satzes oder wenn man das Schriftzeichen vor Augen hat. 13:10 Also, die gesprochene Silbe "ma" kann alles Mögliche bedeuten. Von der Mutter über Pferd, über Schimpfen, über Ameise 13:18 und noch viele anderer Dinge. Es kommen noch unterschiedliche Töne hinzu im Chinesischen: 13:24 Also, man sagt: "Ma, ma, ma, ma". 13:27 Chinesischer Humor funktioniert über diese Wortspiele, weil sie ständig irgendwas sagen, was etwas anderes bedeuten kann. 13:37 Vereinfachungen wurden schon oft versucht. Z. B. mit "Pinyin", einer computertauglichen Umschrift des Chinesischen 13:45 in lateinische Buchstaben. Wie sonst könnte man mit Tausenden chinesischen Schriftzeichen 13:51 eine Tastatur bedienen oder eine Nachricht auf dem Handy schreiben? Es war vielleicht die Motivation dahinter, dass man gedacht hat, 14:00 man könnte die Schriftzeichen abschaffen, weil der Schriftzeichen-Erwerb auch für die Chinesen 14:06 'ne große Herausforderung darstellt, sie lernen zu müssen. Da wäre 'ne Alphabetschrift sicher 'ne Vereinfachung. 14:14 Aber man stellte fest, dass das mit Pinyin nicht funktioniert. Es ist 'n Hilfsmittel, aber es kann nicht die Schriftzeichen ersetzen. 14:23 Schrift ist das Spiegelbild von Sprache, mit Vereinfachungen gerät man schnell an die Grenze dessen, 14:30 was man ausdrücken möchte. Schrift brauchen wir auch, 14:35 um das Wissen der Welt an kommende Generationen zu kommunizieren. Einmal aufgeschrieben, können Informationen ewig abgerufen werden. 14:44 Hüter und Verbreiter des Wissens in Europa sind lange die Klosterbibliotheken, beziehungsweise ihre Schreiber. 14:55 Man kann sich das kaum vorstellen, aber jedes Buch musste per Hand abgeschrieben werden. 15:01 Ein erfahrener Schreiber brachte es am Tag auf 150 bis 200 Zeilen. Für so 'n Wälzer hier hat er bestimmt ein Jahr gebraucht. 15:10 Über Jahrhunderte wurden in Europa so Schriften vervielfältigt, bis in die Mitte des 15. Jahrhunderts. 15:16 Damals wurde der Buchdruck mit beweglichen Lettern erfunden. Eine Zeitenwende, denn der Buchdruck machte es möglich, 15:23 Wissen massenhaft zu verbreiten. Denn der Druck eines Buches dauerte jetzt nur noch zwei Wochen 15:30 und man hatte auf einen Schlag viele identische Exemplare. Innerhalb weniger Jahrzehnte 15:36 breitet sich die Technik auf dem ganzen Kontinent aus. Ob reich oder arm, wer lesen kann, kann sich informieren: 15:43 zunächst über Flugblätter, später über Zeitungen. Längst sind Tages- und Wochenzeitungen auf dem Rückzug, 15:53 zumindest in gedruckter Form. Durch die Digitalisierung ist die Papierflut zwar weniger geworden, 15:59 die Datenflut aber ist explodiert. Zum Vergleich: Eine bedruckte A4-Seite 16:06 entspricht einem Kilobyte Daten, 1000 Seiten sind ein Megabyte, 16:10 eine Million Seiten ein Gigabyte. Wir reden aber längst von Terabyte, Petabyte und Exabyte. 16:17 Inzwischen leben wir in der Zettabyte-Ära. Ein Zettabyte in Papier würde von der Erde zur Sonne reichen, 16:24 und zwar 666 Mal. Allein 2022 16:32 wurden 103 Zettabyte an Daten produziert, ein Ende ist nicht in Sicht. 16:38 Fassbar ist das alles längst nicht mehr. Wer löscht denn heute noch Daten? 16:45 Die Speichermedien sind so billig geworden, das lohnt sich nicht mehr. Und dann mit der Erfindung der Cloud, wo man alle Daten reinschieben kann. 16:53 Da sind wir alle zu digitalen Messies geworden und sind sicher, dass diese Massen an Daten dort sicher verwahrt sind. 17:00 Aber das sind sie nicht. Denn die Cloud ist keine abstrakte Datenwolke über unseren Köpfen, 17:07 das ist ein Riesenserver, und der steht irgendwo ganz konkret und ist natürlich verwundbar. 17:15 Manche Wissenschaftler glauben, dass wir uns auf ein "Digital Dark Age" zu bewegen, 17:22 in dem Datenmassen verloren gehen können, weil Server kollabieren oder nicht mehr ausgelesen werden können. 17:30 Auf der Insel Spitzbergen wurde deshalb in einer alten Kohlegrube eine Option geschaffen, digitales Wissen langfristig zu konservieren. 17:39 Vertreter von Regierungen, Archiven, Museen, aber auch Privatpersonen lagern im Arctic World Archive ihre Daten ein. 17:48 300 Meter tief im Berg, im Zentrum des Permafrostes, bei konstanten minus fünf Grad Celsius. 17:59 Wir haben Spitzbergen gewählt, weil es abgelegen und sicher ist. Es ist an internationale Verträge gebunden und keine Militärzone. 18:08 Im Arctic World Archive kommuniziert die Welt mit der Zukunft. Die Kommunikationsträger sind aber nicht digital, sondern analog, 18:17 hergestellt in einem besonderen Prozess: Jede Art von Dokument, Foto, Tonträger, Film oder Text, 18:26 wird in einen QR-Code umgerechnet. Massen von Daten, die dann auf 35-mm Filmmaterial gespeichert werden, 18:34 auf dem beständigsten Datenträger, der momentan existiert. Die Lebensdauer des Films beträgt laut Tests 1000 Jahre 18:48 bei einer Temperatur von 21 Grad Celsius. Halbiert man die Temperatur, verdoppelt man die Lebensdauer. 18:55 21 Grad halbiert... würden 2000 Jahre bedeuten. 19:00 Und wir haben hier minus fünf. Also können wir sehr sicher sein, dass die Daten im Arctic World Archive 2000 Jahre halten werden. 19:10 Auf aktuellen Speichermedien kann eine Lebensdauer von 2000 Jahren nicht ansatzweise garantiert werden. 19:17 Aber was, wenn die Technik dann eine andere ist oder nicht mehr existiert? Wie sollen künftige Generationen die Datenschätze entschlüsseln? 19:28 Es ist selbsterklärend. Alle Anweisungen sind in Klartext verfasst. 19:33 Sie können sie einfach lesen. Es ist fantastisch, etwas offline zu haben, das nicht gehackt 19:38 und nicht durch elektromagnetische Strahlung, Sonnenstürme oder Cyberangriffe zerstört werden kann. 19:45 Man kann sich entspannen, weil man alle Daten wiederherstellen kann. Keine einzige Katastrophe soll diesem Archiv etwas anhaben können. 19:59 Doch wer weiß schon, ob Spitzbergen eines Tages tatsächlich zur wichtigsten Datenbank der Menschheit wird? 20:09 Eine Herausforderung ist es, Informationen zu bewahren. Eine andere, sie über große Distanzen zu transportieren. Ein Riesenproblem. 20:18 Denn die Botschaften von Rauch- und Feuerzeichen, die waren begrenzt. Denn sie übermitteln nur Botschaften, über die man sich einst verständigte: 20:26 "Vorsicht, Feinde", "Keine Gefahr" oder "Alles gut". Für komplexe Nachrichten verwendete man über Jahrtausende den Boten, 20:34 der zu Fuß unterwegs war. Das Problem ist: das dauerte. Also, wie kann man den Transport von Nachrichten beschleunigen? 20:44 Die Antwort hat der Franzose Claude Chappe. 1793 erfindet er den "optischen Telegrafen". 20:52 Dafür braucht man mehrere Türme, die gut sichtbar auf Anhöhen stehen und über schwenkbare Zeiger verfügen. 20:59 Das Bauwerk auf dem Litermont-Gipfel im Saarland ist eine Rekonstruktion. In jedem Turm sitzt damals ein Nachrichtenübermittler, 21:10 der mit seinem Fernrohr die Nachbarstation beobachtet und auf ein Signal wartet. 21:16 Die einzelnen Türme liegen 12 bis 14 Kilometer voneinander entfernt. Das Signal erfolgt optisch über die beweglichen Arme, 21:28 es wird nachgebildet und von Station zu Station weitergeleitet. Achtung, neues Signal. 21:36 Figur Nummer 59. 92 Figuren werden mit den ersten Telegrafen verwendet. 21:43 Jede Figur ist einer Ziffer zugeordnet, die nur mithilfe eines Codebuchs 21:48 in Klarnachrichten übersetzt werden kann. Einer der Nutznießer der neuen Technik ist Napoleon. 21:57 Von Paris aus kommuniziert er dank der optischen Telegrafie so schnell mit seinen Truppen wie kein anderer Feldherr seiner Zeit. 22:05 Infolge des Kommunikationsvorsprungs fährt er einen Sieg nach dem anderen ein. 22:10 Bald reicht sein Telegrafennetz von Mailand und Venedig bis nach Mainz. Die Telegrafenlinie Metz-Mainz ist Luftlinie ungefähr 250 Kilometer. 22:22 Wir haben auf dieser Linie 22 Stationen. Man sagt, ungefähr eine Minute zum Einstellen eines Signals. 22:29 Das bedeutet, nach 22 Minuten war die erste Information über 250 Kilometer transportiert worden. 22:36 Im Verhältnis zu einem Reiterboten ist dies eine hohe Geschwindigkeit. So fortschrittlich die Technik damals auch ist, sie hat ihre Tücken. 22:46 Und bei einbrechender Dunkelheit oder schlechter Wetterlage ist die Sichtverbindung zu den anderen Stationen unterbrochen 22:53 und damit auch die Kommunikation. Da kommt ein Durchbruch aus der Welt der Physik gerade recht, 23:04 die Entdeckung der Elektrizität. Mit der Erkenntnis, dass man einen Code auch elektrisch über Leitungen schicken kann. 23:12 Als Abfolge von Punkten und Strichen, also unterschiedlich langen elektrischen Impulsen. 23:17 Nach dem Erfinder Samuel Morse wird er der Morse-Code genannt. Das ist einer der ersten Morse-Telegrafen. 23:28 Mit dem wurden ab 1850 in Europa die ersten Nachrichten mit elektrischem Strom übertragen. 23:35 Das war die erste Anwendung des elektrischen Stroms überhaupt. Ich drücke auf die Morse-Taste und dann schließe ich einen Stromkreis, 23:44 im selben Moment wird beim Empfänger ein Elektromagnet angezogen, der drückt einen Schreibhebel gegen das Papier 23:52 und die Nachricht wird darauf aufgezeichnet und ist im selben Moment da. 23:58 Erstmals und radikal überwindet die Technik alle natürlichen Schranken. Sie funktioniert unabhängig von Tages-, Licht- 24:07 und Witterungsverhältnissen. Kommunikation wird verlässlich. 24:11 Doch auch wenn Telegrafenstationen überall aus dem Boden schießen, private Telegramme sind lange noch Luxus und entsprechend selten. 24:20 Der größte Teil der Nachrichten, mindestens zwei Drittel, waren tatsächlich Börsennachrichten. 24:28 Viel waren auch Pressetelegramme. Das heißt, Tageszeitungen wurden ja erst durch die Telegrafie möglich. 24:35 Und es entstehen z. B. Nachrichtenagenturen, deren Geschäft es ist, genau diese Nachrichten zu verbreiten. 24:41 Und die Menschen erleben das, wie wir die Globalisierung erleben, dass sich Prozesse ungeheuer beschleunigen. 24:48 So wie wir heute mit E-Mail oder dem Smartphone kommunizieren. Diese Erfahrung machten die Menschen bei der Telegrafie im 19. Jh. auch. 24:58 Der elektrischen Telegramm-Übertragung gehen körperliche Kraftakte voraus. Zunächst müssen Kabel verlegt 25:04 und eine flächendeckende Infrastruktur aufgebaut werden. Die Leitungen über Land zu führen, ist vergleichsweise einfach. 25:14 Die Verkabelung der Weltmeere hingegen, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, 25:19 ein gigantisches Unterfangen, das bis heute anhält. Da werden nicht nur neue, Tausende Kilometer lange Glasfaserleitungen 25:31 von Kontinent zu Kontinent gespannt, sondern auch ständig beschädigte Elemente von Tauchrobotern repariert. 25:38 Über 98 Prozent aller Internetdaten laufen über Seekabel. 25:45 Ob E-Mails, Social Media, Filme oder Börsendaten, Seekabel sind die Schlagadern der Weltkommunikation, 25:52 das zentrale Nervensystem des globalen Internetverkehrs. Dass man nicht nur Codes, 26:02 sondern auch Sprache durch eine Leitung schicken kann, entdeckt 1861 der deutsche Naturforscher Philipp Reis. 26:09 Er entwickelt das erste Telefon. Sehr vereinfacht gesagt, besteht es aus einem Mikrofon, 26:18 mit dem man Sprache in elektrischen Strom umwandeln kann, und einem Lautsprecher, 26:23 der den elektrischen Strom wieder in Sprache zurückverwandelt. Eine bahnbrechende Erfindung, die erst einmal niemand ernst nimmt. 26:33 Reis experimentierte auch mit unsinnigen Sätzen: "Das Pferd frisst keinen Gurkensalat." 26:41 "Die Sonne ist von Kupfer." Also, Dinge, 26:44 die bewusst keinen Sinnzusammenhang haben, um überprüfen zu können: Kann man das wirklich verstehen, was da gesagt wird? 26:53 15 Jahre später sind es Alexander Graham Bell und sein Kollege Thomas Watson, 26:58 die Telefonleitungen zwischen ihre beiden Zimmer legen, um bei geschlossenen Türen von Raum zu Raum miteinander zu telefonieren. 27:11 Die beiden Amerikaner haben eine verbesserte Apparatur gebaut, um die "Stimme aus der Ferne" verständlicher zu machen. 27:18 Nach einer Reihe von Misserfolgen geht endlich der erste Anruf durch. Das ist der Beginn einer neuen Zeit, auch in Deutschland. 27:30 Zunächst laufen die Kabel in einer Fernsprechvermittlung zusammen. "Fräuleins vom Amt" stellen jede Verbindung einzeln her 27:38 und stöpseln die Gesprächspartner zusammen. Oft führt das zu langen Wartezeiten. 27:47 Erleichterung bringt die Wählscheibe. Schon 1905 werden allein in Deutschland 27:53 eine Milliarde Telefongespräche registriert. Für alle, die zu Hause kein Telefon haben, 28:02 stehen bald weltweit öffentliche Münzfernsprecher zur Verfügung. Je nach Kultur und Zeitgeist, in unterschiedlichsten Farben und Formen 28:11 und an kuriosesten Orten. Heute hat jeder seine eigene Telefonzelle in der Tasche, 28:17 aber interessanterweise wird weniger telefoniert. Herr Pörksen, stirbt das Telefonieren aus? 28:24 Nicht vollständig, aber wir sehen ganz klar, bei Jugendlichen zeigen Studien, die telefonieren viel weniger, 28:31 und die kämpfen eigentlich um ihre kognitive, beziehungsweise kommunikative Autonomie. Wie machen die das? 28:38 Z. B.: Sprachnachrichten verschicken, das heißt, im Grunde genommen 'ne Art entzerrtes Telefonat führen. 28:45 Man sendet etwas los, muss nicht groß tippen und hat dann wieder Zeit, auf die Antwort zu warten 28:52 und entsprechend zu reagieren. Und das sind so kleine, könnte man sagen, kleine Notwehrgesten 28:58 in Zeiten des permanenten Bombardements mit Informationen. Aber das sind so Anzeichen, 29:04 als ob wir Anpassungsverfahren an dieses Netz haben, dass wir, zumindestens viele, ganz erheblich überfordert sind. 29:12 Ich glaube, ja. Also, wir haben immer mehr Informationen, immer schneller, immer unmittelbarer auf nur einem Kommunikationskanal. 29:19 Das Private und das Öffentliche verschwimmt. Und diese Gleichzeitigkeit überfordert, also das Banale, 29:25 das Berührende, das Bestialische. Alles ist unter vernetzten Bedingungen sofort erlebbar. 29:31 Und diese, ich nenn's mal so, Überdosis Weltgeschehen, die erzeugt dann ihre eigenen Reaktionsbildungen: 29:40 Abwehr, Ignoranz, Nachrichtenverweigerung, Nachrichtenmüdigkeit. 29:46 Ohne den Italiener Guglielmo Marconi würde es die modernen Kommunikationssysteme nicht geben. 29:53 Marconi baut einen Sender und Empfänger, mit dem Signale in elektromagnetische Wellen umgewandelt 30:00 und über Antennen-Funkmasten kilometerweit übertragen werden können. 30:05 Blitzschnell und vor allem ohne Kabel. Für seine bahnbrechende Erfindung erhält der Tüftler 1909 30:12 den Nobelpreis für Physik. Die drahtlose Kommunikation revolutioniert die Seefahrt. 30:20 In Not geratene Schiffe können nun erstmals Hilfe anfordern, sogar über eine Strecke von Tausenden Kilometern, 30:27 mit dem Morsesignal S.O.S. * Morse-Töne * 30:35 Auch das Militär interessiert sich für die neue Technologie: In den Schützengräben des Ersten Weltkriegs 30:41 findet eine regelrechte "Schlacht der Telefonate und Telegramme" statt. Achtung, Achtung, hier ist die Sendestelle Berlin im Vox-Haus. 30:52 1923 macht sich der Rundfunk die kabellose Übertragung zunutze. Er gilt als erstes elektronisches Massenmedium. 31:02 Konnte eine Botschaft bislang nur von einem Sender zu einem Empfänger übertragen werden, 31:07 kann der Rundfunk unzählig viele Empfänger erreichen. Das weiß auch die Politik zu nutzen. Die Nationalsozialisten 31:18 erkennen das propagandistische Potenzial des Radios, um das Volk aufzuhetzen, allen voran Joseph Goebbels: 31:28 (Goebbels) Der Rundfunk gehört uns. Niemandem sonst. 31:32 Den Rundfunk werden wir in den Dienst unser Idee stellen. Die Nationalsozialisten setzen nicht nur auf die Macht der Worte, 31:40 sondern auch auf die der Bilder. In den Lichtspielhäusern feiert die Deutsche Wochenschau 31:46 martialisch die Siege der Wehrmacht, auch noch, als der Krieg längst verloren ist. 31:55 Technisch arbeitet man bereits daran, die Bilder vom Kino in die Wohnzimmer zu bringen. 32:01 Der erste Bildapparat ist die sogenannte Nipkow-Scheibe von 1884. 32:07 Eine sich drehende Scheibe mit 24 Löchern, mit der ein Bild in 24 Zeilen zerlegt 32:14 und wieder zusammengesetzt wird. Die Größe des so erzeugten Fernsehbildes ist aber begrenzt. 32:24 Der Nipkow-Fernseher kann aus technischen Gründen nicht beliebig große Bilder erzeugen, 32:31 denn je größer das Bild wird, umso größer muss der Durchmesser der Nipkow-Scheibe werden. 32:37 Wenn Sie ein normales Fernsehbild von, sagen wir... 30 Zoll haben wollen, also ungefähr 65 Zentimeter, 32:45 dann ist der Durchmesser der Nipkow-Scheibe mehrere Meter. Das passt in Ihr Wohnzimmer nicht mehr rein. 32:51 Die Faszination "Fernsehen" ist groß. Man sitzt beisammen wie in grauer Vorzeit am Lagerfeuer. 32:57 Nur dass nicht mehr ein Mensch der Erzähler ist, sondern ein Kasten. Ab 1967 strahlt das deutsche Fernsehen auch in Farbe aus. 33:08 Spätestens ab dann gehört das Fernsehen zu den mächtigsten Kommunikationsmedien seiner Zeit. 33:14 Aber noch ist der Zuschauer reiner Empfänger, kein Sender. Das Internet wird das ändern. 33:19 Das weltumspannende Kommunikationsnetz, das hat Auswirkungen auf Menschen. 33:23 Und die psychische Dimension dessen, das ist uns noch gar nicht richtig bewusst. 33:29 Denn früher, da war die Alltagswelt der Menschen eine kleine Insel der Gleichzeitigkeit. 33:35 Umgeben von einem großen Reich an Vergangenheit, denn alle Nachrichten, die aus großen Entfernungen kamen, 33:40 die waren zwangsläufig alt.Tage, Wochen, Jahre sogar. Durch die globale Telekommunikation ist nun die ganze Erde ein Ort der Gleichzeitigkeit geworden. 33:51 Das heißt, Ereignisse auch aus entfernten Regionen der Erde, drängen an den einzelnen emotional heran. Und wir müssen mit der Flut der Eindrücke und Gefühle seither lernen umzugehen. 34:07 Mehr als 5 Milliarden Menschen nutzen inzwischen das Internet. Für sie hat das „WWW“ innerhalb von nur wenigen Jahren nahezu alles im Leben verändert: 34:18 Die Möglichkeiten sozialer Kontakte, mobil zu arbeiten oder sich nützliche Informationen zu beschaffen sind mit Hilfe der weltweiten Datenbahnen nahezu grenzenlos – ohne dass man dafür einen Fuß vor die Tür setzen muss. 34:35 Doch wo Licht ist, ist auch Schatten. Neben der Tatsache, dass blinkende Smartphones permanent Aufmerksamkeit binden, haben viele die Kommunikation mit ihren Mitmenschen in digitale Räume verschoben - 34:44 sei es in Spielewelten oder in die Welt der Sozialen Netzwerke. Wie im analogen Leben auch geht es in Social Media oft um den Wunsch nach Anerkennung. 35:02 Im Netz erfolgt sie durch hohe „Followerzahlen“ oder „Likes“. Bei jedem „Daumen hoch“ werden wir von unserem Gehirn mit Dopamin – dem sogenannten Glückshormon - belohnt. 35:13 Bleibt der digitale Beifall aus, fällt der Pegel - Enttäuschung macht sich breit. Beides spürt man körperlich. 35:21 Der Belohnungs-Dopamin-Kreislauf kann aber gefährlich werden. Man braucht ständig neue Likes, um Glück zu empfinden. Zudem nimmt die Vereinsamung vieler User in der realen Welt bedrohlich zu. 35:35 Jetzt haben wir die letzten 40 Jahre eine Entwicklung, eine technologische Innovation, die uns ja offenbar als Ganzes mitnimmt. 35:49 Was, was bedeutet denn das, Mensch zu sein in einer Welt, in der es auf einmal so ein Informationsnetz gibt? Ich glaube, sie braucht Medienmündigkeit in der Breite der Gesellschaft, 35:57 also Medienbildung, eigentlich von den frühesten Schultagen an, aber auch bis ins hohe Alter. Sicher gilt es, die Selbstbildungskräfte jedes Einzelnen zu stärken, 36:09 dass ich immer überlegen muss, ist es relevant, ist es nötig? Verdient es, aus dem Moment heraus geteilt zu werden? Weiß ich schon genug? Also ein Abschied von diesem Sofort-Bescheidwissertum, diesem kommentierenden Sofortismus 36:22 als unmittelbare Reaktion, das schiene mir, auch wenn ich jetzt mir hier mal wünschen darf, so was wie das Gebot der Stunde. Das schnelle Teilen von Informationen über das Internet kann unterschiedlichste Reaktionen auslösen. 36:36 Informationen über ein Unrecht, von dem man sonst nichts erfahren würde, kann zu friedlichen Solidaritätsbekundungen, aber auch zu Krawallen führen. 36:47 Es ist die „Macht der Vielen“, die über die Sozialen Netzwerke in kürzester Zeit mobilisiert werden soll – mit Foto- und Videomaterial aus der ganzen Welt. 36:59 Das große Problem: Informationen gelangen oft schneller in Umlauf, als ihre Richtigkeit überprüft und eingeordnet werden kann. Es ist extrem schwierig zu entscheiden, was ist richtig, was ist falsch. 37:13 Auch weil die Inhalte durch Algorithmen gesteuert werden. Algorithmen bevorzugen „grelle“ Bilder - die einfachen, zum Teil leider auch falschen Wahrheiten, die imstande sind, die Selbstbildungskräfte jedes Einzelnen zu schwächen. 37:29 Im extremen Fall können sie sogar an den Grundfesten eines Staates rütteln. Das sind die Schattenseiten der digitalen Kommunikation. 37:38 Mehr Informationen macht uns automatisch mündiger - das war so etwas wie das heilige Mantra aller Netzutopien. Und jetzt müssen wir anerkennen: Mehr Informationen und immer mehr Informationen unklarer Herkunft 37:52 machen uns gar nicht automatisch mündiger, sondern immer mehr Information unklarer Herkunft erhöht die Chancen effektiver Desinformation, weil wir gewissheitsbedürftige Wesen sind 38:02 und weil wir dann in höchster Aufregung, im umherwirbelnden Informationskonfetti auf das zurückgreifen, was wir aus guten oder schlechten Gründen ohnehin glauben wollen. 38:11 Stichwort: Fake News. Mit Künstlicher Intelligenz können Bilder und Aussagen von Personen technisch perfekt manipuliert werden, wie der amerikanische Regisseur Jordan Peele beweist: 38:23 This is a dangerous time. Moving forward, we need to be more vigilant with what we trust from the internet. President Trump is a total and complete dipshit. Now see, I would never say these things. 38:39 Jahrhundertelang ist die Wissenschaft davon ausgegangen, dass Sprache das Menschsein ausmacht, den Menschen einzigartig macht. Inzwischen haben wir Maschinen beigebracht zu sprechen - selbst lernenden Maschinen. 38:54 Eine Fähigkeit, mit der sie uns immer ähnlicher werden. Entschuldigung, kann ich Sie mal was fragen? Bitte, gerne. 39:02 Wie ist denn so Ihr Umgang mit den menschlichen Partnern hier, gibt’s da Probleme? Ich komme gut zurecht. Ich arbeite nach den vorgegebenen Anweisungen und erfülle meine Aufgaben bestmöglich. 39:14 Es gibt jedoch einige Herausforderungen, die ich gelegentlich überwinden muss. Und um welche Herausforderungen handelt es sich dabei? 39:23 Zum Beispiel kann es schwierig sein, menschliche Emotionen und Körpersprache zu verstehen und darauf angemessen zu reagieren. Ich habe zwar Programme und Algorithmen, die mir dabei helfen. 39:37 Aber ich bin noch immer in der Lernphase, versuche aber, meine Fähigkeiten zu verbessern. Dieser Dialog wurde von einem Chat-Bot kreiert, einer künstlichen Intelligenz. Ist doch unglaublich, oder? 39:52 KI ist Chance und Risiko zugleich. Einerseits kann sie Arbeitsprozesse erheblich erleichtern, andererseits macht sie dem Menschen ernsthafte Konkurrenz. Sprachfähige KI-Service-Roboter sind in Japan keine Besonderheit mehr. 40:10 Es gibt inzwischen sogar Humanoide, die in ihrem Kopf Datenplatten und Programme haben, die optisch dem menschlichen Gehirn nachempfunden sind. Am deutschen Institut für Robotik im Zentrum für Luft- und Raumfahrt versucht man, Bedenken gegenüber der KI-Technologie entgegen zu steuern. 40:31 Der Roboter der Zukunft ist bewusst mechanisch konstruiert. Er soll dem Menschen als nützliches Werkzeug dienen, aber nicht sein Ebenbild werden. 40:40 Er soll wie ein Mensch kommunizieren und sich bewegen können, aber gleichzeitig auch keine falschen Erwartungen wecken, denn er ist und bleibt eine Maschine - und das soll man auch sehen. 40:57 Eine Theorie besagt, dass, solange der Roboter sehr technisch wirkt, es meistens für die Menschen akzeptabel ist. Wenn man jetzt immer mehr versucht, die menschliche Form oder sogar menschliche Mimiken oder Gestiken nachzubauen, 41:10 dass da ein gewisser Ablehnungseffekt entsteht. Also, die Menschen sind sehr empfindlich darauf zu erkennen, wenn jetzt ein Gegenüber irgendwie ein auffälliges Verhalten hat. Und meistens ist es so, dass Roboter, 41:24 die sehr menschlich versuchen zu werden, doch eher immer noch ein bisschen auffällig wirken. Vielleicht werden wir schon in naher Zukunft wie selbstverständlich mit Robotern kommunizieren. 41:36 Oder gar selbst als virtuelles Wesen, als Avatar, unsere gesamte Kommunikation in eine digitale Parallelwelt verlegen. Hauptsache, der Mensch vergisst nicht, was das Menschsein ausmacht – der persönliche Kontakt mit anderen. 41:50 Am Ende dreht sich doch alles um die Frage: Wie viel Kommunikation braucht der Mensch? Oder eher: Wie viele Kommunikationsmittel braucht der Mensch? 42:07 Und da gibt es eine gute Nachricht: Wir entscheiden selbst, wie viel Technik wir in unser Leben lassen, wann wir auf die Stopptaste drücken und sagen: Ich bin jetzt nicht mehr erreichbar. 42:16 Ich bin jetzt nicht perfekt informiert, ich muss mich jetzt nicht darstellen, ich bin einfach nur ich, ein unvollkommener Mensch in einer nicht-digitalen Welt. Diese Freiheit haben wir. Und diese Freiheit, die sollten wir uns auch ab und zu mal nehmen.