Die Zwölftontechnik von Arnold Schönberg einfach erklärt Elbphilharmonie Hamburg https://www.youtube.com/watch?v=g4pPCgjzm5E Transkript (automatisch erstellt) 0:15 Anfang der 1920er Jahre schreibt Arnold Schönberg an einen seiner Schüler, 0:20 dass er eine Entdeckung gemacht hat, die die deutsche Musik für die nächsten 100 Jahre prägen wird. 0:26 Die Entdeckung, die er gemacht hat – die Zwölftontechnik. Aber wozu braucht ein Komponist wie Arnold Schönberg überhaupt 0:33 eine neue Kompositionstechnik? Arnold Schönberg hat den Eindruck, 0:38 dass die Musik der vorangegangenen Jahrhunderte zwar immer komplexer und facettenreicher geworden ist, 0:44 dass der Ausdruck sich aber immer noch in einer Art Gefängnis befindet, nämlich im Gefängnis der Tonalität. 0:51 Tonalität ist einfach ein Konzept, das die Beziehung zwischen Tönen und Akkorden regelt, 0:57 so dass eine einheitliche Tonart entstehen kann. So wie bei der folgenden Akkordfolge. 1:12 Schönberg wirft nun alle Regeln der Tonalität über den Haufen. 1:16 So zum Beispiel auch, das spannungsreiche, scharfe Intervalle wie Dieses, sich normalerweise 1:24 auflösen müssten in ein spannungsarmes, neutrales Intervall. Bei ihm können Dissonanzen, also diese scharfen Intervalle 1:31 für sich selbst stehen. Schönberg schreibt in dieser Zeit 1:39 unglaublich ausdrucksstarke Musik und sprudelt nur so über vor Kreativität. Aber er merkt, dass er sich in einer kompositorischen Sackgasse befindet. 1:49 Denn wenn alles geht und er immer nur intuitiv komponieren kann, bringt er keine langen Stücke zustande. 1:57 Er braucht also ein System, so dass er wieder längere Stücke komponieren kann. Und das leistet die Zwölftontechnik. 2:21 Die Zwölftontechnik hat eine einfache, aber geniale Grundregel Ein Ton darf erst dann wieder erklingen, 2:29 wenn alle anderen elf Töne auch einmal erklungen sind. Ich kann die Reihenfolge der Zwölftöne frei wählen, 2:43 solange Sie diese Regel nicht verletzen. Ein Stück läuft aber Gefahr, monoton zu werden, 2:57 wenn immer dieselbe Reihenfolge der Zwölftöne durchläuft. Und deshalb wendet Schönberg ein paar Techniken an, 3:05 wie er diese Grundreihe variieren kann. Das demonstriere ich einmal an einer tonalen Volksliedmelodie. 3:17 Ich nehme erst mal die offensichtlichen Tonwiederholung raus. 3:24 Die erste Technik heißt Krebs. Ich kann diese Reihe einfach von hinten nach vorne 3:29 spielen. Als nächstes kann ich die Tonschritte, 3:38 sogenannte Intervalle, in ihrer Richtung umkehren. Jedes Intervall, das nach oben geht, geht jetzt nach 3:44 unten. Und die Umkehrung für sich genommen. 3:57 Diese Umkehrung kann ich jetzt auch von hinten nach vorne spielen. 4:07 So habe ich aus einer Reihe schon vier Varianten gewonnen und jede dieser Varianten kann auf jedem 4:13 der Zwölftöne starten. Und so habe ich aus 4:23 einer Zwölftonreihe 48 Varianten hergestellt. Ist Zwölftonmusik dann nicht langweilige mathematische Musik? 4:32 Definitiv nicht. Zwölftonmusik ist emotional 4:36 ausdrucksstark und unglaublich facettenreich. Jeder Komponist und jede Komponistin hat die Zwölftontechnik auch 4:43 individuell für sich nutzbar gemacht, so dass unglaublich unterschiedliche Kompositionen entstanden sind. 4:49 Ist es schlimm, wenn ich die Zwölftonreihen nicht höre? Nein, denn die Zwölftontechnik ist eine Kompositionstechnik wie bei Mozart auch. 4:58 Der hatte ja auch Kompositionsprinzipien, die wir im Konzert nicht analytisch raushören müssen. 5:03 Man kann sich also in beiden Fällen emotional und unmittelbar auf das Werk einlassen. Löst Zwölftonmusik 5:09 durch ihre vielen Dissonanzen nicht ein gewisses Unbehagen aus? Auch hier würde ich sagen nein. 5:15 Denn die vielen Dissonanzen und das Fehlen der Tonalität wirkt vielleicht ein bisschen ungewohnt am Anfang. 5:22 Aber Schönberg gewinnt dadurch auch eine ganze Menge, denn er schafft völlig neue harmonische Welten 5:28 und möchte diese gemeinsam mit uns erkunden. Ich lade also herzlich dazu ein, einmal in ein Konzert zu gehen 5:35 und diese neuen harmonischen Welten zu erleben. Und hatte Schönberg jetzt recht, dass er mit seiner Entdeckung 5:41 die deutsche Musik für die nächsten 100 Jahre prägen würde? Tatsächlich kann man sagen Ja, die Zwölftontechnik 5:48 gehört zu den beliebtesten Kompositionstechniken im 20. Jahrhundert. 5:52 Unter anderem ist daraus der Surrealismus entstanden. Aber auch neben dem Surrealismus gab es unzählige Komponistinnen 5:59 und Komponisten, die die Zwölftontechnik auch heute noch verwenden.