Der Psychologe der Nürnberger Prozesse | Terra X Terra X History https://www.youtube.com/watch?v=fv5Z2U_-qx8 Transkript (automatisch erstellt) 0:03 In Nürnberg stehen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs die Haupttäter des NS-Regimes vor dem Tribunal der Siegermächte. In ihren Zellen kommt ihnen kaum einer so nahe wie der amerikanische Gerichtspsychologe Gustave Gilbert. 0:15 Ausgerechnet dem jüdischen Gutachter vertrauen sie sich an. Massenmörder auf der Couch. Hier kommen fünf Erkenntnisse des Psychologen von Nürnburg. 0:32 Gustave Gilbert, hier im Gerichtssaal, steht vor einer Mammutaufgabe. Vorraussetzung für einen ordentlichen Prozess ist sein Gutachten über die mentale Verfassung der Angeklagten. 0:45 Unter ihnen: Hermann Göring, lange Zeit zweiter Mann in Hitlers Reich, verantwortlich auch für den Bau der ersten Konzentrationslager. Joachim von Ribbentrop, Außenminister bis zuletzt und Hans Frank. Als Generalgouverneur im besetzten Polen mitschuldig am Tod von Hunderttausenden. 1:13 Im Lauf des Prozesses wird der jüdische Psychologe zu einer der wichtigsten Bezugspersonen für die einst selbstherrlichen Machthaber. „Vom Augenblick der Anklage an bis zur Hinrichtung hatte ich zu jeder Zeit freien Zugang zu den Gefangenen. 1:30 Dieses ermöglichte während eines ganzen Jahres das Studium ihrer Reaktionen unter kontrollierten Bedingungen. Die Methode bestand ganz einfach aus zwangloser Unterhaltung. Ich machte mir nie Aufzeichnungen in ihrer Gegenwart, führte aber sorgfältig Buch über meine Gespräche und Beobachtungen, 1:50 indem ich meine Notizen jedes Mal sofort nach Verlassen der Zellen, des Gerichtssaals oder der Kantine für mich allein aufschrieb und von diesen Notizen die täglichen Tagebucheintragungen machte.“ Die Angeklagten sind die meiste Zeit in ihren Zellen allein, rund um die Uhr von Wachposten beobachtet. 2:13 Diese Einsamkeit ist der Schlüssel zur Erklärung ihrer Redseligkeit. So sieht es der Sohn von Hans Frank. "Sie sind wirklich allein. Ich hätte mit jedem geredet. Es wäre mir Scheiß-Wurst-egal gewesen, überhaupt nur eine menschliche Reaktion, eine Antwort zu bekommen, selber das Wort zu erheben. 2:33 Das ist für mich eine psychische Notwendigkeit, ich würde sogar sagen zum Überleben.“ Seine jüdische Herkunft verschweigt Gilbert den Angeklagten zunächst. 2:46 Ihn interessiert dabei, ob die eingeschworenen Antisemiten ihn von sich aus als Jude identifizieren würden. Doch niemand spricht ihn darauf an. 2:59 1961, im Prozess gegen Adolf Eichmann, den Manager des Massenmords, sagt Gilbert als Fachmann aus. Hier in Jerusalem beschreibt er, wie die Angeklagten in Nürnberg reagierten, als sie schließlich erfahren, dass er Jude ist. 3:21 „Als ich sie wissen ließ, dass ich Jude bin, schienen sie nicht darauf zu reagieren. Sie machten deutlich, dass sie nie etwas persönliches gegen Juden gehabt hätten, dass es nur dummer, ideologischer Unsinn war und einige ihrer besten Freunde Juden waren.“ 3:40 „Man muss verstehen, dass die Angeklagten in Gilbert natürlich immer auch den Feind sahen. Sie wussten genau es geht um ihr Leben. Der Galgen droht und sie versuchten sich natürlich auch in einer gewissen Art und Weise darzustellen, sich selber zu entlasten und die anderen zu belasten.“ 4:05 Gerade zu Beginn des Prozesses geben sich die meisten Angeklagten als verschworene Gemeinschaft. Doch hinter den Kulissen sieht es anders aus. Dem Gerichtspsychologen offenbaren die NS-Führer, was sie wirklich voneinander halten. 4:22 Verbunden mit der Bitte, dass Gilbert darüber bis Prozessende bloß kein Wort verlieren solle. Im Schutz der Zelle nimmt besonders Hans Frank kein Blatt vor den Mund, wie Gilbert in seinem Tagebuch festhält: 4:42 "Wenn ich Göring ohne Uniform und Orden unterwürfig seinen 10-Minuten Gang unter den neugierig belustigten Blicken der amerikanischen Wachposten sehe, denke ich daran, wie in seiner Glorie als Reichstagspräsident schwelgte! Es ist grotesk! Hier sind Männer, die Deutschlands Herrschaft an sich rissen, jeder in so einer Zelle, mit vier Wänden und einer Toilette, und sie erwarten den Prozess wie gewöhnliche Verbrecher." 5:10 Sie fürchten um ihre Hälschen und klammern sich an alle möglichen lächerlichen Entschuldigungen, um sich von der Schuld freizusprechen. "Die Tatsache, dass die Hauptangeklagten nach außen hin als eine Gemeinschaft auftraten, lag nur daran, dass sie gemeinsam vor Gericht standen. 5:31 Im Grunde war es aber so, hinter den Kulissen, dass sie sich bekämpften und dass alte Rivalitäten wieder aufbrachen." Das gilt vor allem für Hermann Göring. Sein Ziel: Seine Mitstreiter mögen vor Gericht keinesfalls die Ideologie des Nationalsozialismus verraten. 5:53 Gilbert notiert dazu: "Sein gewandter Humor will immer den Anschein erwecken, ein derartig liebenswürdiger Mensch könne nichts böse gemeint haben. Trotzdem kann er sein pathologisches Geltungsbedürfnis nicht verbergen, und er bringt ungehemmt seine Verachtung für andere Nazi-Führer zum Ausdruck." 6:16 Auf eine Person hat Göring es besonders abgesehen: Joachim von Ribbentrop. Der frühere Weinhändler erlebt dank seiner Führertreue im NS-Staat einen kometenhaften Aufstieg. Bis an die Spitze des Außenministeriums. 6:33 Kompromisslos vollstreckt er Hitlers aggressive Order und gilt als einer der schärfsten Kriegstreiber. In Nürnberg fällt Ribbentrop hingegen durch seine äußere Verwahrlosung auf. 6:45 Gilberts Erklärung hierfür: „Der Zusammenbruch des Systems, das seine Politik mit Waffengewalt aufrechterhalten hatte, ließ das hohle Rückgrat seines schwachen Charakters zusammenknicken. Übrig bleibt ein zu Fall gebrachter, verwirrter und moralisch heruntergekommener Opportunist. 7:06 Er kann nicht ein einziges glaubhaftes Argument für sich anführen. Der Prozess erfüllt ihn mit Furcht.“ Hermann Göring identifiziert Ribbentrop als eine mögliche Schwachstelle für seine Strategie der Geschlossenheit. 7:21 Gilbert gegenüber aber offenbart der Reichsmarschall, was er wirklich vom früheren Außenminister hält. "Ich hoffe Ribbentrop bricht nicht zusammen. Um die Militärs hab’ ich keine Angst, sie werden sich zu benehmen wissen. 7:39 Ribbentrop war ein grenzenlos ichbezogener Mensch – ein erfolgreicher Weinhändler, der aber weder den Hintergrund, noch den Takt für den diplomatischen Dienst besaß. Aber trotz seiner Dummheit war Ribbentrop eitel wie ein Pfau auf seiner Position." 7:57 "Wie man sich denken kann, verwenden die Nazis den Großteil ihrer Unterhaltung auf allgemeine Redensarten, Selbstrechtfertigungen und Gegenbeschuldigungen; aber gerade dadurch, dass sie ehrlicher in ihrer Meinung über die anderen als über sich selber sind, enthüllen sie unvermeidlich die eigenen Charaktere und Triebkräfte." 8:19 In den Gesprächen mit Gilbert zeigt sich die einstige Führung des Regimes zerstritten und missgünstig. Anders als öffentlich zur Schau gestellt. Keiner der Beschuldigten bekennt sich zu Anklagepunkten wie Verbrechen gegen die Menschlichkeit oder Entfesselung von Angriffskriegen. 8:43 Gilbert will wissen, wie verstrickt sie wirklich waren. "Erfuhren Sie nichts über die Gräueltaten, von denen die ganze Welt wusste?« 8:52 »Oh, man hörte eine ganze Menge Gerüchte, aber man glaubte natürlich nichts Derartiges. Doch einige der SS-Generale, die die Befehle auszuführen hatten, müssen alles darüber gewusst haben. 9:04 Wie konnten sie es nur mit ihrem Gewissen vereinbaren? Ich kann es nicht verstehen.« "Hermann Göring war in alle Vorgänge eingebunden im NS-Staat, in die Verfolgungs-, Vertreibungs-, Vernichtungspolitik. Er war natürlich ein Verbrecher." 9:22 Die Anklage präsentiert eindeutige Beweise für die Komplizenschaft der Angeklagten bei zahllosen Verbrechen. Neben Dokumenten belasten auch Filmaufnahmen aus den befreiten Konzentrationslagern die Beschuldigten. 9:38 Gilbert hält seine Eindrücke während der Vorführung am 29. November 1945 im Tagebuch fest. "Frank nickt zustimmend als beim Vorspann die Echtheit beglaubigt wird… Ribbentrop schließt die Augen, blickt weg... Frank schluckt krampfhaft. 10:01 Er blinzelt mit den Augen, um Tränen zurückzuhalten. Göring lehnt weiter an der Balustrade, schaut meiste Zeit schläfrig aus. Ribbentrop schaut auf, als ein englischer Offizier zu sprechen beginnt: 17.000 Leichen habe er schon begraben... Frank kaut an Nägeln ... Film zu Ende." 10:29 Auch die eindeutigen Bilder auf der Leinwand, bewegen niemanden dazu, sich auch nur zu seiner Kenntnis zu bekennen. "Keiner der Angeklagten hat zugegeben, von den Verbrechen des Regimes gewusst zu haben. Niemand hat zugegeben, vom Holocaust gewusst zu haben. 10:50 Alle wussten, wenn sie das sagen, landen sie unter dem Galgen. Nur dem Psychologen gegenüber spricht Hans Frank, ehemals NS-Statthalter im besetzten Polen, offen. 11:04 "Wenn man bedenkt, dass wir wie Könige lebten und an diese Bestie glaubten! — Lassen Sie sich von niemand erzählen, dass sie nichts gewusst hätten! Jeder ahnte, dass etwas ganz und gar nicht in Ordnung war mit diesem System, auch wenn wir nicht alle Einzelheiten wussten. Sie wollten es nicht wissen!" 11:23 "Mein Vater wusste über jedes Verbrechen genau Bescheid. Er hat die Ermordung der Intellektuellen Polens befohlen. Das war seine persönliche außerordentliche ‚Befriedungsaktion’." Sie alle hatten hohe Ämter inne. Dennoch halten die Angeklagten bis zuletzt am Trugbild fest, mit den Massenmorden nichts zu tun gehabt zu haben. 11:51 Im Prozess und in den Gesprächen mit Gilbert steht ein Mann immer wieder im Mittelpunkt: Adolf Hitler. So war etwa der ehemalige Außenminister Joachim von Ribbentrop stets gern gesehener Gast auf dem Berghof des Diktators. 12:11 In Ribbentrops Darstellung erscheint der einstige Gastgeber nun wie ein Verführer, dessen Manipulation einfach nicht zu entgehen sei. „Wenn Hitler jetzt zu mir in diese Zelle käme und sagen würde: "Tu dies!" würde ich es sogar nach allem, was ich jetzt weiß, machen. 12:32 Ist das nicht erstaunlich? Können Sie wirklich nicht die ungeheure magnetische Anziehungskraft seiner Persönlichkeit spüren?“ Wie Ribbentrop bestreiten die Beschuldigten ihre Verantwortung mit dem Verweis auf ihren Treueeid zu m sogenannten Führer. 12:50 So auch Hans Frank, der gegenüber Gilbert nun aber plötzlich schonungslos mit seinem einstigen Idol abrechnet: „Hitler war der Teufel. So verführte er uns alle.“ 13:05 „Wir alle haben etwas Böses in uns. Doch vergessen Sie nicht, dass immer ein Mephisto da ist, der es zum Vorschein bringt.“ "Das ist schon dadurch eine Schutzbehauptung. 13:15 Denn sofort, wenn Sie einen anderen Menschen zum Satan machen oder zum Hypnotiseur, sind Sie nicht mehr selbst verantwortlich." Hitler als alleiniger Urheber von Krieg und Massenmord? 13:29 Dieses Narrativ erfreut sich damals auch über die Mauern des Nürnberger Justizpalasts hinaus großer Beliebtheit in der Bevölkerung. „Diese ganze Hysterie um Hitler machte es einfach danach zu sagen: Er hat uns verführt. Er hat uns manipuliert. 13:46 Wir wussten eigentlich gar nicht, was wir taten. Das war eine einfache Entlastungserzählung. Die war aber auch wirkungsvoll. Sie wurde gerne geglaubt, weil sich in diesem Staat natürlich sehr viele schuldig gemacht hatten." 14:07 In Nürnberg versucht Hermann Göring sein politisches Erbe zu sichern. Er hofft immer noch, dass die Geschichte ihn einst rehabilitieren würde. Anders als viele Mitangeklagte hält er bis zuletzt öffentlich an seiner Treuepose fest. 14:26 "Für Göring war es wichtig, vor der Geschichte als Held, als deutscher Held zu erscheinen und nicht als Verräter." Gegenüber Gilbert sinniert er darüber, eines Tages in einem Marmorsarg bestattet und verehrt zu werden. Nach dem Vorbild Napoleons. 14:43 "Ich kann mich hier doch nicht wie ein Strolch hinstellen und sagen, der Führer sei ein millionenfacher Mörder Vergessen Sie nicht, dass Hitler uns mehr bedeutete als irgend jemand sonst. Keine Angst, der Tag wird kommen, an dem die Welt anders über all dies denkt, und auch das Deutsche Volk wird die Dinge anders beurteilen. 15:06 Und Ihre Moral und Ihre Reue und Ihre Demokratie, die können Sie sich in den Hut stecken!" Allerdings wird Göring bewusst, dass er mit seiner Glorifizierung der Vergangenheit mehr und mehr auf verlorenem Posten dasteht, wie Gilbert notiert: 15:28 "Göring ist offensichtlich tief beunruhigt über die Tatsache, dass er, nach dem heutigen Stand der Dinge seine Treue gegenüber einem Mörder ausdrücklich bestätigt hat." Am 1. Oktober 1946, nach 218 Verhandlungstagen und 236 gehörten Zeugen, richtet sich der Blick der Weltöffentlichkeit noch einmal nach Nürnberg. 15:55 Die Urteile sind gefällt. Gustave Gilbert ist auch diesmal der erste, der die persönliche Reaktion der Angeklagten in seinem Tagebuch dokumentiert: "Frank lächelt höflich, vermag aber nicht mich anzublicken." 16:08 "Tod durch den Strang. Ich verdiente es und erwartete es, wie ich Ihnen ja immer sagte. Ich bin froh, dass ich in den letzten Monaten Gelegenheit hatte, mich zu verteidigen und über alles nachzudenken." 16:27 Dokumente aus dem Familienbesitz sprechen eine andere Sprache: „Selbst im letzten Brief am Abend vor seiner Hinrichtung schreibt er meiner Mutter noch: Die Wahrheit wird eines Tages über mich herauskommen. 16:40 Bitte, sorge du dafür. Ich war niemals ein Verbrecher. Wie kann man das nach einem beinahe einjährigen Prozess sagen, wo die dicksten Beweise für unsere irischen Verbrechen vorgelegt worden sind und er mittenmang. Mittenmang.“ 17:00 Mit einer Zyankali-Pille, die ihm wohl ein US-Wachmann besorgt, kommt Göring seiner Hinrichtung durch den Galgen zuvor. "Göring starb so, wie er gelebt hatte, als ein Psychopath, der versuchte, alle humanen Werte zu verspotten und seine Schuld durch dramatische Gesten zu vertuschen." 17:21 In der Nacht vom 14. zum 15. Oktober begeht Göring Selbstmord. Wie Hitler, Himmler und Goebbels. "Am 16. Oktober werden Joachim von Ribbentrop und Hans Frank, sowie acht weitere Angeklagte gehängt. Keiner der Verurteilten lässt bis zuletzt ernstgemeinte Reue erkennen." 17:46 Lust auf mehr Geschichte? Dann abonniert diesen Kanal, damit ihr keines unserer Videos verpasst.