Als das Christentum Staatsreligion wurde: Was änderte sich? Glaube&Geschichte https://www.youtube.com/watch?v=eJ7vQVvJAeQ Transkript (automatisch erstellt) 0:00 Hallo zusammen und willkommen zu unserer heutigen Vorlesung zur Religionsgeschichte. Stellen Sie sich mal für einen kurzen 0:06 Moment folgende [musik] Szene vor. Eine kleine verängstigte Gruppe von Menschen. Gestern noch mussten sie sich in den feuchten, wirklich [musik] 0:14 stockfinsteren Katakompen Roms verstecken. Jedes ihrer geheimen Treffen [musik] war geprägt von purer Panik, der ständigen, lähmenden Angst vor Verrat 0:22 und Hinrichtung. Und jetzt spulen wir die Zeit einfach mal nur ein paar Jahrzehnte [musik] vor. Es ist kaum zu glauben, aber die Anführer exakt dieser 0:30 einst gejagten Gruppe sitzen [musik] plötzlich in marmorinnen Palästen. Sie speisen am Tisch mit dem mächtigsten Mann der Welt, dem römischen Kaiser, 0:38 umgeben von Gold, Seide und dichten Weihauchwolken. Ein regelrechter historischer [musik] Schleudertraumoment, oder? Wie um alles 0:46 in der Welt konnte das passieren? [musik] Genau das wollen wir heute analysieren. Dieser massive Wendepunkt hat die europäische Geschichte geprägt 0:54 [musik] wie kaum ein anderer. Hier ist unser Fahrplan für die heutige Sitzung. Wir starten mit dem unglaublichen Wandel von den Katakompen in die Paläste. 1:02 Schauen uns dann den genauen Weg zur Staatsreligion [musik] an. Danach werfen wir einen Blick auf Architektur, römische Verwaltung, Mode und das 1:10 Rechtssystem und [musik] wie das alles die Kirche geformt hat. Im fünften Punkt zeige ich Ihnen, wie aus einer Art religiösem [musik] Pionierprojekt ein 1:18 echter himmlischer Großkonzern wurde, bevor wir uns zum Schluss dem unsterblichen Erbe Roms widmen. Wir haben einiges vor, also legen wir direkt 1:26 los. Wir beginnen mit unserem ersten Kapitel von Katakomben [musik] zu kaiserlichen Palästen. Es ist absolut essentiell, dass wir erst 1:35 [musik] einmal das schiere Ausmaß dieses gesellschaftlichen Erdbebens begreifen. Rufen Sie sich noch mal die frühe Identität der [musik] Christen ins 1:43 Gedächtnis. Das war eine geheime, brutal verfolgte Untergrundsekte. Für diese Menschen war allein schon das Bekenntnis [musik] zu ihrem Glauben 1:51 lebensgefährlich. Und dann schauen sie sich das Resultat nach nur wenigen Jahrzehnten an. eine festetablierte, [musik] 1:57 unfassbar reiche Institution direkt im Machtzentrum des Imperiums. Wissen Sie, das war kein langsamer, schleichender Prozess [musik] im 2:05 Hintergrund. Das war eine fundamentale radikale Neuausrichtung der damaligen Weltordnung. Die absoluten Außenseiter wurden zur absoluten Elite. Aber und das 2:15 ist die große Frage, wie genau lief das ab? Das führt uns direkt zu Kapitel 2, Der Weg zur Staatsreligion. Schauen wir uns mal die harten historischen Fakten 2:25 an. die diese Verschmelzung von Religion und Staat überhaupt erst möglich gemacht haben. Es gibt da diesen populären Mythos. Kaiser Konstantin sieht vor 2:34 einer Schlacht ein Kreuz am Himmel und zack, am nächsten Tag [musik] ist ganz rum christlich. Na ja, als Historiker muss ich Ihnen sagen, ganz so einfach 2:43 war es natürlich nicht. Der eigentliche Wendepunkt [musik] war das Jahr 313 nach Christus, das Mailänder Toleranzedikt. Dieses Datum sollten Sie sich unbedingt 2:52 merken. Aber Achtung, das Edikt machte das Christentum noch nicht zur Staatsreligion. Es erlaubte den Christen lediglich [musik] nicht mehr im Geheimen 3:00 beten zu müssen. Das gesamte vierte Jahrhundert hindurch erlebten wir dann einen langsamen, aber stetigen Verschmelzungsprozess. [musik] 3:07 Erst unter Kaiser Theodosius dem I. wurde der christliche Glaube dann tatsächlich für alle Bürger verbindlich. Was wir hier sehen, ist keine simple 3:15 Übernahme. [musik] Das gigantische römische Reich nahm diesen jungen Glauben und stülbte ihm schlichtweg seine eigene perfekt geölte 3:22 Staatsmaschine über. Und genau [musik] das bringt uns zu Kapitel 3: Architektur und römische Verwaltung. [musik] Wie genau hat Rom die Kirche physisch und 3:33 strukturell geprägt? Die allererste für jeden sichtbare Veränderung [musik] passierte im öffentlichen Raum. Vorher beteten Christen heimlich in 3:41 Privathäusern. Auf einmal brauchten sie Platz für Hunderte, [musik] wenn nicht tausende Menschen. Jetzt wird es spannend. Sie kopierten nämlich [musik] 3:49 ganz bewusst nicht die Architektur der alten heidnischen Tempel. Haben Sie sich mal gefragt, warum? Ganz einfach. [musik] Ein heidnischer Tempel galt als 3:57 Wohnort der Götter. Da durften nur die Priester [musik] rein. Das einfache Volk stand draußen. Die Christen brauchten aber Platz für die Gemeinde. Also 4:05 wählten sie eine rein pragmatische Lösung, die Basilika. Im vierten Jahrhundert war das nämlich überhaupt kein religiöses Gebäude. Es war eine 4:12 städtische Gerichts oder Markthalle, ein langer Raum mit Säulen und am Ende saß der römische Richter. Die frühen Kirchenväter nahmen einfach diesen 4:20 Bauplan, tauschten den Richterstuhl gegen den Altar aus und der Bischof [musik] übernahm praktisch den Platz des Richters. Brilliant, oder? Der Glaube 4:28 wurde buchstäblich zu einer öffentlichen staatlichen Angelegenheit. Apropos staatlich, den Begriff Diozese kennen Sie bestimmt aus dem heutigen [musik] 4:37 kirchlichen Sprachgebrauch. Aber hätten Sie gewusst, dass eine Diozese ursprünglich eine reinweltliche römische Verwaltungseinheit [musik] war? Die 4:46 Kirche hat die politische Landkarte des Imperiums quasi eins zu eins abgepaust. Die Bischöfe wurden in diesem neuen System zu einer Art [musik] geistlichen 4:54 Gouverneuren, die große Regionen wie römische Beamte verwalteten. An der Spitze [musik] des Ganzen stand der Pontifex Maximus. Im alten Rom war das 5:04 der oberste Staatspriester, ein Titel, der absolut exklusiv dem Kaiser vorbehalten war. Als das weströmische [musik] Reich dann allmählich zerfiel, 5:13 tat sich ein riesiges Machtvakuum auf. Und wer füllte [musik] es? Die Kirche. Sie übernahm einfach diesen kaiserlichen Titel für den Papst. Die Kirche agierte 5:22 fortan wie [musik] ein Staat im Staate und sorgte für Struktur und Verwaltung dort, wo die römischen Legionen längst abgezogen waren. [musik] Ein 5:30 logistisches Meisterstück. Machen wir direkt weiter mit Kapitel 4. Diese kulturelle Assimilation machte nämlich nicht bei Gebäuden [musik] oder 5:38 Verwaltungsgrenzen halt. Sie durchdrang den kompletten Alltag, die Mode und sogar die menschliche Psyche. Wenn Sie heute einen Gottesdienst besuchen und 5:47 die Priester in ihren wirklich prachtvollen Gewändern [musik] sehen, denken sie vielleicht: "Wow, das sieht sehr biblisch aus." Tja, falsch gedacht. 5:55 Was Sie da sehen, ist im Grunde die [musik] festgefrorene Mode der römischen Oberschicht aus dem vierten und fünften Jahrhundert. Sehen Sie dieses breite 6:02 Band über den Schultern, das [musik] Palium, das war das offizielle Rangabzeichen eines römischen Senators. Kerzen und Weihauch wurden direkt aus 6:10 dem Begrüßungszeremoniell für römische Kaiser übernommen, um ihre angebliche Göttlichkeit [musik] zu ehren. Die Kirche hat es einfach auf Christus 6:17 umgemünzt. Und der 25. Dezember. [musik] In der ganzen Bibel steht kein Wort über das Geburtsdatum Jesu, aber im römischen Kalender war das der Feiertag des Soll 6:27 Invictus, der unbesiegten Sonne. Die Kirche war schlau genug, dieses unfassbar [musik] beliebte Fest nicht zu verbieten, sondern es christig 6:34 umzudeuten. Aus der Sonne am Himmel wurde die Sonne der [musik] Gerechtigkeit und Latein, das wurde ganz nebenbei zur universellen 6:42 Betriebssprache der neuen Religion. Wir beobachten hier aber [musik] auch einen tiefgreifenden psychologischen Wandel. Die früher griechisch geprägte Theologie 6:51 philosophierte viel über Licht, Wahrheit und das Wesen der Seele. Sünde galt da eher als eine Art spirituelle Krankheit, aber dann traf dieser Glaube auf die 7:00 Römer und die Römer waren, na ja, brillante, aber eiskalte Juristen. [musik] Das Ergebnis war die lateinische 7:07 Theologie. Auf einmal drehte sich alles um Begriffe [musik] aus dem Gerichtssaal. Schuld, Strafe, Sühne, Gesetz. Sünde war nicht länger eine 7:15 Krankheit, [musik] sondern der klare Bruch eines Vertrages mit Gott, der rechtlich gesühnt werden musste. Dieses juristische Denken prägt 7:22 unser westliches Verständnis von Recht und Gerechtigkeit, ob wir es wollen [musik] oder nicht bis heute. Um diese massiven Strukturveränderungen 7:29 greifbarer zu [musik] machen, lassen Sie uns in Kapitel 5 ein etwas moderneres Bild verwenden. Ich nenne dieses Phänomen gerne das Pionierparadoxon. 7:39 Das frühe Christentum [musik] war am Anfang genau wie so ein aufstrebendes Pionierunternehmen, so eine kleine Neugründung, eine hochmotivierte, 7:46 eingeschworene Truppe mit einer absolut genialen, [musik] völlig neuen Idee, die aus dem Untergrund den Katakompen herausagiert. Und dieses Projekt wächst 7:54 so rasant, dass es schließlich vom absolut größten Weltkonzern der damaligen Zeit geschluckt wird, dem römischen [musik] Reich. Die Folgen 8:01 dieser Übernahme: gewaltig. Plötzlich gibt es unendliche Ressourcen, ein globales Netzwerk [musik] und riesige prunkvolle Büros, die Basilika. Aber der 8:09 Preis für diesen Aufstieg war hoch. Auf einmal herrscht strenge Bürokratie und quasi Anzugpflicht. Erinnern Sie sich an die Senatorengewänder. [musik] 8:16 Aus der kleinen agilen spirituellen Bewegung war ein gigantischer schwerfälliger Konzern [musik] des Heils geworden. Hier liegt der Kern des 8:23 Paradoxens. Für die Kaiser bedeutete die Einheit des [musik] Glaubens ab sofort zwingend die Einheit des Staates. Klar, die Kirche schwam auf einmal in 8:32 Reichtum. [musik] Sie konnte im ganzen Reich Krankenhäuser bauen, Schulen eröffnen und massenhaft Arme versorgen, aber im Gegenzug wurde 8:39 sie unweiderlich [musik] zu einem Spielball der Machtpolitik. Es waren nun oft die Kaiser, die bei großen Konzilien die theologische Richtung vorgaben. 8:47 [musik] Nicht unbedingt, weil sie besonders fromm waren, sondern weil sie knallhart kalkulierten. Eine zersplitterte 8:53 Religion führt zu einem zersplitterten Imperium. Religion war schlichtweg zur Staatsresion geworden. Das bringt uns zu unserem sechsten und [musik] letzten 9:02 Kapitel. Was bedeutet diese ganze Entwicklung eigentlich für uns? Heute sprechen wir [musik] über das unsterbliche Erbe Roms. Das weströmische 9:11 Reich ist im Jahr 476 nach Christus als politische Macht ganz offiziell [musik] untergegangen. Wir alle kennen das aus den Schulbüchern. Aber ein zentraler 9:20 Gedanke bringt die Realität viel besser auf [musik] den Punkt. Das Imperium verschwand gar nicht spurlos. Es wechselte lediglich [musik] seine Form. 9:29 Rom hat einfach in der DNA der Kirche weitergelebt. Die straffe römische [musik] Struktur überlebte in den steinernen Gewölben unserer Kathedralen, 9:36 in den strengen Hierarchien unseren Universitäten und [musik] in den tiefsten Grundprinzipien unseres Rechtssystems. Geschichte, liebe 9:44 Studierende, [musik] ist eben keine Ainanderreiung von isolierten Epochen, wo etwas Altes stirbt und sofort etwas völlig Neues aus dem Nichts aufploppt. 9:52 Rom hat der [musik] Kirche gezeigt, wie man ein globales Imperium führt. Und genau durch die Kirche ist [musik] Rom am Ende unsterblich geworden. Bevor wir 10:00 schließen, möchte ich Ihnen noch eine letzte provokante Frage mitgeben, ein kleines Gedankenexperiment [musik] sozusagen. Was wäre eigentlich passiert, 10:08 wenn das Christentum nie Staatsreligion geworden wäre, wenn es schlichtuntergreifend die Privatsache jedes Einzelnen geblieben wäre? ohne 10:16 diese Verschmelzung mit der römischen Staatsgewalt, [musik] ohne die Übernahme der Verwaltung und des imperialen Rechts, hätte Europa dann vielleicht 10:22 eine friedlichere Geschichte erlebt? [musik] Oder auf der anderen Seite hätte der europäische Kontinent ohne diese Klammer jemals diesen enormen 10:29 kulturellen Zusammenhalt entwickelt, [musik] den wir heute noch spüren? Denken Sie doch einfach mal darüber nach, wenn Sie das nächste Mal durch 10:36 eine Stadt laufen und an einem Gebäude mit mächtigen [musik] antiken Säulen vorbeikommen oder wenn sie irgendwo in der Ferne Kirchenglocken Leuten hören. 10:43 [musik] Das alles ist das stetige noch heute hörbare Echo dieser unglaublichen Verschmelzung aus dem [musik] vierten Jahrhundert. Vielen Dank, dass Sie heute 10:50 dabei waren und bleiben Sie neugierig. abonnieren und neue Videos möglich machen.