Hitlers Aufstieg zur Macht | Terra X Terra X History https://www.youtube.com/watch?v=bCmnrIiVq6g Transkript (automatisch erstellt) 0:08 München, 26. Februar 1919. Trauerzug für einen Revolutionär: 0:15 Bayerns Ministerpräsidenten Kurt Eisner. Hunderttausend geben dem ermordeten Sozialisten 0:22 jüdischer Herkunft das letzte Geleit. Darunter auch ein junger Gefreiter, 0:28 der sich nach dem verlorenen Krieg entwurzelt fühlt. Adolf Hitler. 0:33 Er hat für Kaiser und Reich gekämpft. Jetzt arrangiert er sich mit den Kräften der Revolution. 0:39 Aus Überzeugung, aus Opportunismus? Hinter ihm liegt ein Leben voller Niederlagen, 0:47 vor ihm eine ungewisse Zukunft. Wie konnte ein solcher niemand in so kurzer Zeit zum Diktator aufsteigen? 0:59 Worauf fußte seine Macht? Was brachte so viele Deutsche dazu, ihm bis in den Abgrund zu folgen? 1:10 * dramatische Musik * München. 1:19 Anfang 1919 herrscht Bürgerkrieg in der Stadt. Der deutsche Kaiser hat abgedankt. 1:25 Die Republik ist ausgerufen. Feinde der Demokratie schießen aufeinander. 1:30 Radikale Kommunisten liefern sich blutige Kämpfe mit Soldaten der Reichswehr und oftmals rechtsextremen Freikorps. 1:38 Es geht um die Macht im Freistaat. Irgendwo abseits der Wirren, Adolf Hitler. 1:46 Er wartet ab, tut alles, um in der Armee zu bleiben. Ansonsten droht ihm Obdachlosigkeit. 1:55 Hitler scheint ihn den Wochen und Monaten der Revolution von einem politischen Opportunismus getrieben zu sein. 2:01 Es scheint für ihn wichtiger zu sein, nicht das persönliche Umfeld zu verlieren. 2:06 Wenn das bedeutet, dass er bei der Revolution mitmachen muss, 2:09 dann ist er ganz offensichtlich dazu gewillt. Zunächst steht Hitler auf Seiten der Linken, 2:16 doch dann setzen sich die Rechten durch. München wird zum Zentrum ihrer Bewegung, 2:23 Hass auf Kommunisten und Juden kocht hoch. Im Grunde genommen ist Hitler im Frühjahr 1919 noch immer so planlos, 2:32 wie er es eigentlich sein ganzes Leben lang gewesen ist. Er taucht jetzt ein in dieses völkische Milieu in München 2:40 und sucht nach Antworten auf die großen Fragen, die großen Krisen seiner Zeit. 2:48 Wer hat die Niederlage im Ersten Weltkrieg zu verantworten? Wie sieht das politische Gemeinwesen der Zukunft aus? 2:57 In München gibt nun die Reichswehr den Ton an. Hauptmann Karl Mayr 3:03 baut einen antikommunistischen Propagandadienst auf. Bald dient sich ein Freiwilliger als Spitzel an. 3:11 Ein streunender Hund, wie sich Mayr später erinnert. Er nimmt Hitler unter seine Fittiche 3:18 und verschafft ihm Zugang zu einer Propaganda-Schulung. Für Hitler ein Wendepunkt. 3:25 Er erhält ideologische Orientierung und eine Aufgabe. Die Chance, sich zu bewähren. 3:34 Er schnappt vieles auf und versucht, das denjenigen, die ihm zuhören, zu vermitteln. 3:41 Testet auch, ob das ankommt. Daraus wächst sein Selbstbewusstsein. 3:45 Insofern bestärkt das Hitler darin, dass die Politik möglicherweise ein aussichtsreiches Betätigungsfeld für ihn sein könnte. 3:57 Das Wien seiner Jugend. Die Stadt an der Donau hat Hitlers Politikverständnis früh beeinflusst. 4:03 Zur Jahrhundertwende die Metropole der Vielvölkermonarchie Österreich-Ungarn. 4:09 1907 kommt der junge Hitler aus der österreichischen Provinz in das Getriebe der Zwei-Millionen-Stadt. 4:17 Er ist 18, fühlt sich als angehender Künstler. Maler will er werden. 4:23 Doch er scheitert bei der Aufnahmeprüfung an der Akademie Zweimal. 4:28 Er schlägt sich durch, liest viel, oder verfolgt das politische Geschehen 4:34 im Parlament an der Ringstraße. * dramatische Musik * 4:39 Hinter ehrwürdigen Fassaden bietet der Reichsrat ein verstörendes Bild. * dramatische Musik * 4:49 Es sind oft chaotische Debatten, die Hitler und sein einziger Freund, August Kubicek, verfolgen. 4:57 An die 30 Parteien beharken einander. Deutsch-Österreicher, Tschechen, Polen oder Italiener, 5:04 alle in ihrer Muttersprache. Ein Spektakel, das bei Hitler bleibenden Eindruck hinterlässt. 5:12 (Gerwarth) Für Hitler sind Parlamente Quatschbuden, die nicht in der Lage sind, die großen Fragen der Zeit zu lösen. 5:22 Weil er selber der Meinung war, dass es immer Individuen sind, die die großen Entscheidungen ihrer Zeit treffen. 5:28 Und dass im Grunde genommen im Parlament immer alles zerredet wird. Hinweise auf ein explizit antijüdisches Weltbild Hitlers 5:37 in Wien sind dagegen nicht überliefert. Er hält sich mit Aquarellen über Wasser, 5:42 die ihm jüdische Händler abkaufen. (Weber) Das kann man auch nicht einfach nur darauf reduzieren, 5:48 dass die Geschäfte wichtig waren, weil es gleichzeitig auch glaubhafte Erzählung darüber gibt, 5:54 dass er zum Beispiel jüdische Bekannte gegen Angriffe verteidigte. Von daher wissen wir tatsächlich, dass Hitler noch nicht 6:01 besonders antisemitisch während dieser Zeit ist. Zurück in München. September 1990. 6:10 Hitler entwickelt sich bei der Reichswehr zum Musterschüler, saugt die rechte Propaganda regelrecht in sich auf. 6:19 Er ahnt wohl, was sein Vorgesetzter Hauptmann Mayr hören will. Nicht die Deutschen sind Schuld an ihrer Misere, sondern fremde Mächte, 6:27 die Deutschland von außen und innen zerstören wollen. In einer Erörterung erklärt Hitler nun die Juden zur größten Bedrohung, 6:36 sieht in ihnen eine "Rassen-Tuberkulose der Völker". Ganz im Sinne der Parolen aus den Schriften 6:43 völkisch-nationaler Rassentheoretiker. Hitler erlebt im Herbst 1919 seine politische Verpuppung. 6:51 Das meint, dass über Monate hinweg es in einem brodelt und reift. Am Ende Streift man die Hülle ab, 7:03 und es kommt eine neue politische Gestalt heraus, die aber nun über eine klare politische Orientierung verfügt. 7:10 Und das heißt bei Hitler radikaler rassistischer Antisemitismus, gepaart mit einem virulenten Antikapitalismus. 7:19 Im Herbst 1919 entsteht so das erste schriftliche Zeugnis von Hitlers Antisemitismus. 7:27 Es mündet in der Forderung nach der "Entfernung der Juden überhaupt". Wir wissen nicht mit Sicherheit, ob er in dem Augenblick 7:38 des Verfassen des Briefes sich klar ist, was die radikalste Lösung ist, die möglich ist. 7:44 Aber wir wissen, dass er schon in den frühen 20er Jahren explizit sagt, dass es doch eigentlich am besten wäre, 7:54 wenn alle Juden Deutschlands am Galgen aufgehängt würden, bis es keine Juden mehr gibt. 8:01 1919 wird Hitler auch Mitglied der DAP, der rechtsextremen Deutschen Arbeiterpartei. 8:08 Die Gaststätte Sternecker Bräu ist einer der Treffpunkte der winzigen Splittergruppe. 8:13 Sie will die Arbeiterschaft für völkisch-nationale Ziele gewinnen, ein Gegenangebot zu Kommunisten und Sozialdemokraten machen. 8:22 Hitler findet schnell Anschluss. (Weber) Hier ist auf einmal diese neue Gruppierung, 8:29 die Deutsche Arbeiterpartei, wo ihm alle Leute zujubeln. Und in dem Augenblick hat er ein neues Zuhause gefunden, 8:34 sowohl im im engeren Sinne als auch im politischen Sinne. Zum ersten Mal hat er nun wirklich Leute gefunden, 8:41 die ihn nicht auslachen aufgrund seiner politischen Überzeugung, sondern die ihm zujubeln. 8:48 Hitler gewinnt rasch an Bedeutung in der DAP. Am 24. Februar 1920 im Münchner Hofbräuhaus 8:55 verkündet er vor 2000 Zuhörern ein 25 Punkte-Programm. * dramatische Musik * 9:04 Bald darauf wird die Partei umbenannt zur Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei, NSDAP. 9:12 Das Programm bleibt das gleiche; Eine Mischung völkisch-nationaler Positionen 9:18 mit einem Schuss Antikapitalismus. (Malinowski) Das sind Formeln, die nicht nach rechts klingen, 9:26 sondern die Sprache der Linken bedienen. Und dieser Pseudosozialismus, ist ein ganz zentrales Element, 9:35 wenn man verstehen will, warum das so früh und so erfolgreich gelungen ist, 9:41 in Teile der ehemaligen Arbeiterschicht und der Bauern einzudringen. 9:46 Als Werbe Obmann entwirft Hitler eine Parteifahne, die auf Massenwirkung zielt. 9:51 Das schwarze Hakenkreuz soll für die höhere Rasse stehen, im Verbund mit Rot und Weiß, für Sozialismus und Nationalismus. 9:59 Provokant spielt er mit den Gegensätzen, die er in seinem Bild von einer Volksgemeinschaft 10:04 willkürlich vereinen will. Er will die Welt, die ihn umgibt, gestalten und formen. 10:11 So frei wie der Künstler, als der er sich seit seiner Jugend sieht. 10:17 Seine Kindheit ist nicht ohne Kummer. Der Vater, ein Despot, er prügelt den Sohn, 10:24 der nicht lernt und auf der Realschule versagt. Auf Druck reagiert Hitler trotzig und jähzornig. 10:31 Der Heranwachsende entwickelt sich zum Träumer. Er flieht in Fantasiewelten, sucht Trost in Heldengeschichten, 10:40 die er bei Karl May findet und in der Musik Richard Wagners. * dramatische Blasmusik * 10:51 Die Oper in Wien, seit mehr als 150 Jahren ein Sehnsuchtsort für Musikbegeisterte. 11:00 Auch für den jungen Adolf Hitler. Auf billigen Stehplätzen erlebt er mit seinem Freund Kubicek 11:07 die Macht von Wagners spektakulärem Musiktheater. Opulente Bühnenbilder, 11:15 tragische Helden, überwältigende Musik. (Pyta) Das Hören und Sehen soll verschmelzen. 11:21 Man kann sich nicht abwenden, man kann nicht unkonzentriert sein. Man wird gefangen genommen von dem, was sich dort ereignet. 11:29 Wenn man das in die Politik überträgt, eine so gestylte, perfektionierte politische Aufführung, 11:37 dann gewinnt man die ungeteilte Aufmerksamkeit der Zuhörer. Auf ihrem Weg zur Macht werden auch die Nationalsozialisten 11:51 auf große Kulissen und Pathos setzen. Und Hitler wird vom billigen Stehplatz 11:57 ganz nach vorn auf die Bühne rücken, als Manipulator der Massen. Doch Anfang 1920 ist Hitler noch kaum bekannt. 12:10 Im Januar tritt der Versailler Vertrag in Kraft. Deutschland wird darin 12:15 die Verantwortung für den Krieg zugesprochen. Die Folge: Hohe Reparationen. 12:20 Hunderttausende junge Männer verlieren Stellung in der Armee. Im Land herrscht Empörung über alle Parteigrenzen hinweg. 12:29 Der Versailler Friede sei ein Vertrag der Schande. Hitler wird das später in die Hände spielen. 12:39 Der Vertrag war ein fantastisches Propagandainstrument für Hitler. Man konnte ihm für alles die Schuld geben. 12:45 Man konnte ihn Punkt für Punkt durchgehen. All diese Artikel, die als ungerecht empfunden wurden, 12:52 Auch, wenn er in Wirklichkeit gar nicht so schlimm war. Mitte 1920 ist Hitler zumindest in München eine Lokalgröße. 13:03 Ein Bierhallen-Agitator, bekannt für seine fanatischen Reden. Um voranzukommen, braucht es allerdings mehr. 13:11 Zahlungskräftige Unterstützer und Zugang zu den Salons der besseren Gesellschaft. 13:18 Den wird ihm Dietrich Eckart verschaffen, Journalist und Bohemier. 13:23 Ein opiumsüchtiger Judenhasser. Eckart erkennt Hitler als ein politisches Talent 13:30 und unterstützt ihn, fördert ihn, bringt ihn mit weiteren finanzkräftigen Gönnern zusammen. 13:37 Hitler ist ja mittellos, 1919, 20. Er isst in der Suppenküche in München. 13:44 Er hat praktisch überhaupt kein Geld, er hat keine Ausbildung. 13:49 Und diese Menschen sehen in ihm etwas, das er selber noch gar nicht sieht. 13:54 Sie sehen ihn als einen kommenden Politiker, als ein Gegenentwurf zum üblichen Politiker der Weimarer Republik. 14:06 Ohne den Zugang zu den besseren Kreisen ist Hitlers Aufstieg in den kommenden Jahren kaum vorstellbar. 14:12 Auch reiche Frauen aus konservativen Unternehmerdynastien fördern Hitler. Wie Elsa Bruckmann oder Helene Bechstein . 14:22 Sie geben Geld, damit ihr Schützling dem einfachen Volk eintrichtert, was auch die Reichen wollen: Deutschland wieder groß machen. 14:34 13. August 1920, Hofbräuhaus. 2000 Menschen füllen den Saal. 14:44 Alle wollen Hitler hören, den Trommler der NSDAP. Sein Redetalent hat sich herumgesprochen, 14:51 verspricht Spektakel. Diese Bierhallen muss man sich vorstellen wie Konzertbesuche. 14:57 Die Leute zahlen ja Eintritt dafür. Die sind da nicht zufällig und dann redet jemand. 15:01 Die stehen an und die gehen da hin, es wird auf Plakaten angekündigt. "Hitler spricht". 15:06 Hitler startet bedächtig sein Thema: "Warum wendet sich die NSDAP gegen die Juden?". 15:13 Er doziert über ehrliche Arbeit und Ausbeutung. Die Juden nennt er Schmarotzer. 15:19 Und schreit heraus, wen er für den Hauptschuldigen der deutschen Misere hält: das jüdische Großkapital. 15:25 Hitlers spricht über Stunden ohne Mikrofon. (Weber) Er konnte fast flüstern, er konnte schreien, 15:31 Er konnte weich, er konnte hart klingen. Er hat sehr bildreich gesprochen, hat immer wieder Witze gemacht. 15:41 Und so hat er einfach die Leute mitgenommen. Sie grölen, sie jubeln, sie unterbrechen den Redner, 15:49 sie rufen etwas rein. Das ist eine Sache, die Hitler sehr liegt. 15:54 Dann das Crescendo der Rede. Der ehemalige Frontsoldat schreit, geifert, spuckt! 16:00 Was heute als Auftritt eines wahnsinnigen anmutet, gilt damals als Offenbarung. 16:05 (Pyta) Nur, wer es aus innerster Überzeugung will, der es rausschreit. 16:10 Der ist von dem überzeugt, was er verkündet. Also kein bezahlter Papagei. 16:18 Nicht jemand, der routiniert sein Redemanuskript herunterliest. Der die Überzeugung vermittelt, der meint es ernst. 16:26 Das trägt dazu bei, dass Hitler sich in München als Volkstribun eine in diesen Kreisen einmalige Stellung erredet hat. 16:41 Die Veste Coburg. Die braune Geschichte der Stadt unterhalb der mittelalterlichen Burg 16:46 ist ihr heute nicht mehr anzusehen. Doch Coburg entwickelt sich in den 20er-Jahren zum Musterbeispiel 16:52 nationalsozialistischen Machtzuwachses. Im Oktober 1922 ruft der deutsche Schutz und Trutzbund 16:59 zu einem deutschen Tag auf. Bisher sind solche Treffen eher honorige Altherren -Termine. 17:07 Doch diesmal rückt Hitler an, mit 600 Mann seiner Sturmabteilung, der SA. 17:15 Gegründet Ende 1920 als Sport und Turnverein, hat sie bald nur einen Auftrag: 17:19 Einschüchterungen des politischen Gegners. Mann schlägt dem Gegner den Schädel ein. 17:26 Das wird der Stil der SA werden in Zukunft. Dass man Gewalt ganz bewusst als Sprache, 17:30 als Propaganda verwendet. Wer jemanden zusammenschlägt und eine Straßenschlacht organisiert, 17:36 der fällt auf, und er zieht Presse auf sich. Man zeigt, dass der Krieg nicht vorbei ist. 17:41 Der Krieg findet weiterhin statt, und zwar vorläufig als Bürgerkrieg. Links gegen rechts, SA gegen die Kommunisten, 17:48 die NS-Bewegung gegen die Juden, gegen die Demokraten, gegen die Republik und so weiter. 17:52 Coburg ist einer der frühesten und deutlichsten Punkte, wo diese Sprache erfunden, 17:58 perfektioniert und nach außen gespielt wird. Innerhalb weniger Jahre wird aus einem schlecht ausgerüsteten Haufen 18:06 eine paramilitärische Schlägertruppe, die die öffentliche Ordnung herausfordert. 18:14 Die SA wird zur Parteiarmee, ohne deren Brutalität Hitlers Aufstieg kaum denkbar wäre. 18:24 Vorbild sind Italiens Faschisten. Im Oktober 1922 setzen Benito Mussolini 18:31 und seine Schwarzhemden zum Marsch auf Rom an und übernehmen die Macht. Hitler ist begeistert. 18:38 Er selbst steht in der NSDAP mittlerweile unangefochten an der Spitze mit uneingeschränktem Vollmachten. 18:47 Zudem hat Hitler einen Kreis von Getreuen um sich geschart, die ihn zum Führer verklären. 18:53 Männer wie Rudolf Heß, der später Hitlers Stellvertreter in der Partei werden wird. 18:59 Doch noch ist die NSDAP nur eine von vielen rechtsradikalen Gruppen. Januar 1923, französische und belgische Truppen 19:12 besetzen das Ruhrgebiet, weil Reparationszahlungen aus Berlin ins Stocken kommen. 19:17 Nun jagt eine Krise die nächste. Im Sommer vernichtet eine Hyperinflation 19:23 die Ersparnisse von Millionen Deutschen. Viele müssen hungern. 19:31 Die Weimarer Republik kämpft ohnehin um ihre Legitimität. Es geht auch um Probleme in der Bürokratie und Verwaltung. 19:39 Es gibt Umsturzversuche, die Gesellschaft polarisiert sich. Und dann kommt dieses furchtbare Jahr, 19:47 und alles, was die Menschen sehen, ist Verzweiflung. Immer mehr Verzweiflung. 19:52 Verzweiflung, die Hitler ausnutzt. Immer stärker verfängt seine Hetze gegen Sozialdemokraten, 20:00 Kommunisten und Juden, die am verlorenen Krieg und Deutschlands Niedergang Schuld sein sollen. 20:06 In dieser Situation ist hier jemand, der erklärt, wir bauen ein völlig neues Deutschland auf. 20:12 Ein neues deutsches, starkes Reich mit einer Volksgemeinschaft, einer solidarischen Volksgemeinschaft. 20:20 Und das kommt einfach an. Den Menschen in dieser Situation eine Vision zu bieten, 20:26 eine Lösung zu bieten, eine einfache Lösung. 1923 gelingt der NSDAP der Durchbruch in Bayern 20:36 die Mitgliederzahl verzehnfacht sich auf 55.000. Doch noch dominiert ein anderer im rechten Lager, 20:43 General a.D. Erich Ludendorff, der Säulenheilige der Völkisch-Nationalen. 20:49 * dramatische Musik * Im Herbst reist Hitler nach Bayreuth, 20:56 die Stadt seines großen Idols. Hier in der Villa Wahnfried hat Richard Wagner gewirkt. 21:03 * geheimnisvolle Musik * 30. September 1923. 21:09 Wieder ein deutscher Tag, diesmal in Bayreuth. Am Rand der völkischen Kundgebung 21:16 kommt es hier zur ersten Begegnung Hitlers mit dem Wagner-Clan. Im Haus Wahnfried lernt Hitler den Wagner-Sohn Siegfried 21:26 und dessen Frau Winifred kennen. Den Kontakt vermittelt haben die Bechsteins. 21:37 Winifred ist angetan von Hitlers bescheidenem Auftreten. Siegfried erkennt in ihm den möglichen Retter Deutschlands. 21:44 Er schreibt kurz darauf: "Gottlob gibt es noch deutsche Männer. 21:50 Er muss es fertigbringen". (Malinowski) Der Wagner-begeisterte Hitler wird vorgelassen zum Meister. 22:01 Der Meister ist nicht mehr, aber der Clan ist noch da, und die Villa Wahnfried ist da, und das Pianoforte steht da. 22:08 Und das ist eine Form des symbolischen Aufstiegs, die man in der Größe glaub ich gar nicht überschätzen kann. 22:17 Das ist immens, nicht nur für ihn selbst, sondern als Unterstreichung dessen, 22:21 er ist jetzt anerkannt und wird in den höchsten Kreisen des deutschen Bildungsbürgertums und der deutschen Oberschichten 22:28 als einer der Ihren anerkannt und empfangen. Wenig später setzt Hitler alles auf eine Karte. 22:35 * dramatische Musik * 8. November 1923. 22:40 Im Münchner Bürgerbräukeller treffen sich die Spitzen der bayerischen Regierung zu einer Kundgebung. 22:46 Mit einem Trupp SA-Männer stürmt Hitler in den Saal und erklärt, die nationale Revolution sei ausgebrochen. 22:54 Bedrängt von Hitler und dem hinzugekommenen General Ludendorff, Versprechen die Chefs von bayerischer Regierung, Reichswehr 23:01 und Polizei, den Putsch mitzutragen, doch es kommt anders. In dem Augenblick, in dem er die Leute aus dem Saal herauslässt, 23:09 ist eigentlich eine Revolution vorbei. Denn Leute, die ihm gerade noch zugesagt haben, mitzumachen, 23:15 fangen Halt an, die Befehle wieder zurückzupfeifen. Hitler versucht, den Putsch zu retten. 23:21 Eine Verzweiflungstat. Spitze von 2000 Getreuen marschieren Hitler und Ludendorff 23:27 Richtung Regierungsviertel. Doch in der Münchner Feldherrnhalle 23:31 endet die Revolte im Gewehrfeuer der Landespolizei. Insgesamt 15 Putschisten sterben, eine Kugel trifft Hitlers Nebenmann. 23:40 Wenige Zentimeter weiter rechts, und die Weltgeschichte wäre anders verlaufen. 23:45 (Weber) Die Sache hat überhaupt nicht funktioniert. Hitler versucht, aus dem Land zu fliehen. 23:50 Und der einzige Grund, wieso er es nicht schafft, bis zur österreichischen Grenze zu kommen, 23:56 ist, dass sein Auto einen Motorschaden hat. Sein Scheitern wird Hitler schon bald 24:02 zu einem Opfergang von Märtyrern verklären. Und sein Überleben als schicksalhafte Fügung. 24:08 Doch im Februar 1924 sieht es düster aus. NSDAP und SA sind verboten, und vor dem Münchner Volksgericht 24:18 beginnt der Hochverratsprozess gegen Hitler, Ludendorff und ihre Mitverschwörer. 24:23 Aber Hitler überrascht die Öffentlichkeit. Er übernimmt die volle Verantwortung für den Putsch. 24:29 Er habe das Beste gewollt für Deutschland. Gescheitert sei er an Verrat. 24:34 (Pyta) Hitler nutzt die Aufmerksamkeit, die der gescheiterte Putsch in ganz Deutschland hervorruft, 24:40 um sich ins Schaufenster zu stellen. Um sich als den eigentlichen Drahtzieher, 24:47 als den allein politischen Verantwortlichen darzustellen. Und verschafft sich damit deutschlandweite Publizität. 24:54 Plötzlich ist Hitler nicht mehr dieser gescheiterte bayrische Regionalpolitiker, 24:58 sondern jemand, der Deutschland retten will. Damit drängt er alle anderen medial in den Hintergrund, 25:06 die eigentlich in der öffentlichen Wahrnehmung bis dahin dieses Ereignis dominiert haben. 25:12 Hitlers Narrativ vom gescheiterten Retter Deutschlands verfängt auch bei den Richtern. 25:17 Sie verurteilen ihn wegen Hochverrats zur Mindeststrafe von fünf Jahren. 25:23 Doch mit der Möglichkeit zur Bewährung nach nur sechs Monaten. * spannungsvolle Musik * 25:32 Landsberg am Lech. In der Festungshaftanstalt verbüßt Hitler seine Strafe. 25:37 Unter komfortablen Bedingungen, mitsamt seinen Getreuen. Er liest viel und empfängt regelmäßig Besuch von Unterstützern, 25:49 die ihn bestärken. In diesem Moment tut sich ein Kreis von Mäzenen zusammen, 25:58 pilgert auch zu ihm nach Landsberg, besucht ihn ständig. Und redet ihm ja fast ein, er habe die Begabung zum Herrscher. 26:05 Hier muss man sich fragen, ist nicht eigentlich Hitler, der zur Macht verführte? 26:11 Derart bestärkt schreibt Hitler "mein Kampf", eine politische Propagandaschrift und idealisierte Autobiografie. 26:23 Die unrühmliche Zeit in Wien und München wertet er zu Lehrjahren auf. Seine traumatischen Kriegserlebnisse interpretiert er 26:32 als schicksalhafte Bewährungsprobe, Feuertaufe eines kommenden Führers, als der er sich mittlerweile sieht. 26:41 (Pyta) Hitler plant strategisch klug für einen politischen Neuanfang und legt sich eine konstruierte Vita zurecht. 26:47 Eine Art Lebenslauf, der ihm abgekauft wird von allen. Das ist Literatur, hier wird ein Leben erfunden. 26:54 Wird mit Fantasie alles umschifft, was problematisch hätte sein können. In "mein Kampf" skizziert Hitler 27:05 sein später ausformuliertes politisches Dogma, Rassenbiologischer Antisemitismus 27:11 und der Kampf um Lebensraum und Ressourcen. Für Hitler ist die Welt ein ewiger Kampf: 27:21 ein Kampf der verschiedenen Rassen. Die Arier sind die Überlegenen, die Juden dagegen stehen ganz unten. 27:28 Seine Aufgabe ist, sicherzustellen, dass die Arier den Kampf gewinnen. Kooperation, Demokratie, westliche Werte, zählt alles nicht. 27:37 Es ist ein Kampf um Leben und Tod. Kurz vor Weihnachten 1924 endet Hitlers Festungshaft in Landsberg. 27:47 Vorzeitig, nach neun Monaten. Das Foto zeigt den NS-Führer ernst, aber entschlossen. 27:55 Aufgenommen von Heinrich Hoffmann, Hitlers Leibfotograf und Vertrauter. Hoffmann ist bereits seit 1920 Mitglied der NSDAP. 28:08 Sein Studio und das Parteibüro liegen im selben Gebäude. Er rückt Hitler ins Zentrum seiner Kompositionen. 28:15 Er inszeniert Hitlers Macht und wird sein Bild in der Öffentlichkeit prägen wie kein anderer. 28:25 Hoffmanns Bilder haben den Anschein von Schnappschüssen. Hier wird ein Politiker in Aktion gezeigt. 28:32 Überall fotografiert er aus allen möglichen Situationen heraus. Das ist ecce. 28:38 Hier haben wir einen Gegenentwurf, eine Alternative zum herkömmlichen Politiker. 28:43 Beide wissen um die Macht der Bilder und entwickeln auch erst das Bild als politische Reklame. 28:53 Sie entwickeln erst eine beispiellose Bildpropaganda in Deutschland. 29:00 Hoffmanns Hitler-Konterfeis sind Werbebotschaften, die schon Ende der 20er-Jahre allgegenwärtig erscheinen. 29:07 Von parteioffiziellen Führer-Porträts über Homestorys für Illustrierte, bis hin zu Souvenirartikeln. 29:17 Eine Bilderflut, die Hoffmann und Hitler zu Millionären machen wird. Wer geglaubt hatte, 29:26 Hitler sei gebrochen nach dem Putsch Desaster, der irrt. Für ihn gilt: Jetzt erst recht. 29:32 Er ist es, der nicht nur den Neustart der NSDAP vorantreibt, sondern auch deren Organisation im ganzen Reich. 29:40 1926 bricht ein Richtungsstreit aus. NS-Führer im Nordwesten 29:45 wollen die Partei stärker sozialistisch ausrichten. Zur Parteilinken gehört auch Joseph Goebbels. 29:52 Ein Heißsporn der nach brotloser Schriftstellerei zur NSDAP stößt. In München sieht er "verkalkte Bonzen am Werk". 30:01 Er verlangt ein Machtwort Hitlers. Der Partei droht die Spaltung. Doch Hitler wartet ab, 30:08 entscheidet erst, als er sich sicher ist. Hitler hat einen sehr ungewöhnlichen Führungsstil, 30:13 er definiert Ziele sehr abstrakt. Daher meint man auch häufig, 30:19 dass Hitler nicht so richtig weiß, wo er hin will. Das ist aber eigentlich eine sehr geschickter Machttaktik. 30:27 Am Ende entscheidet er und fängt die Kontrahenten dennoch ein. Der Parteilinken schiebt er einen Riegel vor, 30:35 doch den talentierten Goebbels will er an sich binden. Er lädt den versierten Redner ein, 30:43 auch in sein Wochenendidyll bei Berchtesgaden. Er erkennt in ihm ein enormes Potenzial für die NS-Bewegung. 30:54 Hitler hatte eine sehr hohe soziale Intelligenz. Er war in der Lage, Freundschaften zu schließen und auch zu pflegen. 31:04 Man kann Gefolgschaft nicht befehlen. Die Menschen kamen zu ihm und folgten ihm. 31:14 Das gilt auch für Goebbels. er wird seinem Führer treu bleiben bis in den Tod. 31:22 Männer wie er glauben bedingungslos an Hitler und werden zu entscheidenden Stützen seiner Macht. 31:32 Weimar. Anfang Juli 1926 versammelt sich die NSDAP hier zu einem Parteitag. 31:38 Er markiert den Aufbruch in den Führerkult. Den Weg der Partei bestimmt von nun an allein Hitlers Wille. 31:47 Aufnahmen zeigen ihn wie einen Heilsbringer, der die Huldigungen seiner Jünger entgegennimmt. 31:54 Gefolgschaft bezeugt durch quasi religiöse Rituale, wie etwa die Weihe neuer Partei-Stammdaten 32:01 an der sogenannten Blutfahne. Eine Reliquie des gescheiterten Putsches von 1923. 32:08 Menschen, die der SA beitreten, sollen ja mit körperlichem Einsatz, mit Gewalt gegen den politischen Gegner vorgehen. 32:16 Das heißt, man braucht ein Ritual wie den Eid auf die Blutfahne, eine symbolische, rituelle Verstärkung dieser Verpflichtung. 32:29 Hitler inszeniert sich als von der Vorsehung bestimmter Führer auf einer von ihm geheiligten Mission im Zeichen des Hakenkreuzes. 32:42 Spätestens seit dem Nürnberger Reichsparteitag 1929 hat sich das Propagandabild Hitlers in Deutschland verfestigt. 32:52 Anfang August drängt eine Viertelmillion Menschen in die Stadt, um Hitler zu erleben. 32:59 Schier endlos marschiert die SA. Hitler und die Parteiprominenz lassen sich feiern. 33:07 Auf dem Nürnberger Hauptmarkt entstehen Ikonische Fotos der sogenannten Kampfzeit der Partei. 33:18 * mysteriöse Musik * Hitler ist der Kopf der Bewegung, 33:24 seine Unterstützer bleiben im Hintergrund. Winifred Wagner etwa, die mit den Kindern 33:31 im selben Nürnberger Hotel absteigt wie der NS-Führer. Vom engen persönlichen Verhältnis Hitlers zur Familie Wagner 33:38 wissen nur wenige, man schätzt einander. Doch es geht auch um handfeste Interessen. 33:45 Hitlers Aufstieg eröffnet Chancen für die Aufwertung des Hauses Wagner und den Festspielbetrieb. 33:52 Wenn sie Bilder oder auch Filme sehen mit Winifred Wagner und Hitler, am Teetisch beispielsweise, 34:00 dann fällt auf, dass Hitler unsicher ist, ihr gegenüber. Er ist nicht der Führer, der Unfehlbare, er ist derjenige, 34:10 der in einem Abhängigkeitsverhältnis zu ihr steht. Sie fördert ihn, sie finanziert ihn, sie hilft ihm, sie stützt ihn. 34:20 Diese Inner Circle, zu dem Winifred Wagner auch gehört, ist nicht unkritisch ihm gegenüber. 34:26 Hier wird auch Kritik geübt, denn man will ja etwas erreichen mit diesen Politikern. 34:33 Ende der 20er-Jahre entwickelt sich die NSDAP zu einer Wahlkampfmaschine. 34:39 Die Dramaturgie zielt auf die Massen und auf Präsenz. Überall. 34:46 Die NSDAP hat ganz massiv auf Redner gesetzt. In den kleinen Orten haben sich Leute jetzt ernst genommen gefühlt, 34:56 weil dann Vertreter einer Partei, die ihre Stimmen haben will, zu ihnen kommt und selbst persönlich ihr Programm vorstellt. 35:07 Und all das kann man, glaube ich, nicht unterschätzen, in der in der Wirkung, dass Menschen nicht unbedingt 35:13 von der NSDAP überzeugt waren, aber schon beeindruckt waren, was diese Partei auf die Beine stellt. 35:21 Auf dem Land, vor allem in evangelisch geprägten Regionen, erreicht die NSDAP schon 1928 Spitzenergebnisse an die 20 Prozent. 35:30 Im Reich liegt die Partei damals erst bei 2,6 Prozent. In Coburg, 35:39 wo die SA schon sieben Jahre zuvor aufmarschiert war, erobert die NSDAP bereits 1929 eine kommunale Mehrheit. 35:46 Coburg wird zur ersten deutschen Stadt, in der die Nazis an die Macht kommen. 35:55 1929 platzt in New York die Aktienblase. Die ganze Welt rutscht in eine Wirtschaftskrise, 36:02 auch das hochverschuldete Deutschland. Und wieder profitiert Hitler. 36:08 Binnen drei Jahren schließen mehr als 50.000 Betriebe, die Wirtschaftsleistung sinkt um fast 40 Prozent. 36:14 In Berlin zerbricht die Regierungskoalition. Kanzler Brüning regiert per Notverordnung 36:23 mit dem Segen von Reichspräsident Paul von Hindenburg. Brünings Sparkurs verschärft die Krise weiter. 36:32 Der Staat wirkt hilflos. 1930 wächst die Zahl der Arbeitslosen 36:38 von zwei auf drei Millionen. Zwei Jahre später werden es fast doppelt so viele sein. 36:46 Damit rutschen wenige Jahre nach der Hyperinflation abermals weite Teile der Gesellschaft in die Armut. 36:55 * mysteriöse Musik * Jetzt zündelt Hitlers permanente Hetze gegen das System. 37:05 (Hitler) Die Arbeitslosen-Armee beginnt nun zu wachsen. Eine, zwei, drei Millionen. 37:11 4 Millionen, 5 Millionen, 6 Millionen, 7 Millionen. Im Wahlkampf geißelt Hitler 37:19 die Auswüchse des globalen Finanzkapitalismus. Ein Thema, das auch den Kommunisten Zulauf bringt. 37:27 Aufstieg der Kommunistischen Partei nach 1929 führt dazu, dass es zu einer weiteren Polarisierung 37:35 des politischen Systems kommt. Dass viele deutsche Wähler der Mitte das Gefühl haben, 37:40 es gibt jetzt nur noch eine Entscheidung. Und die ist zwischen einer kommunistischen Zukunft 37:45 und einer nationalsozialistischen Zukunft. Das wiederum führt dazu, dass die bürgerliche Mitte erodiert 37:52 und viele Wähler der Mitte dazu neigen, eher Hitler zu unterstützen. 38:00 Im September 1930 kommt es zu Neuwahlen. Sie bringen einen bahnbrechenden Erfolg für die NSDAP. 38:07 Die Nationalsozialisten werden zweitstärkste Fraktion im Reichstag. Für Hitler aber ist das zu wenig. 38:15 Er will die absolute Mehrheit, um die Macht im Land zu übernehmen. In der krisengeschüttelten Republik jagt eine Wahl die nächste. 38:26 Keine andere Partei führt dabei so moderne Wahlkämpfe wie die NSDAP. Sie flutet Städte und Dörfer mit ihren Verheißungen, 38:38 Deutschland zu erneuern. Als Partei der Zukunft gegen das Establishment. 38:47 Der Reichspräsident ist ein 80-Jähriger alter Greis. Hier regieren eher ältere Politiker, das heißt, Hitler war jemand, 38:56 der er sich als junge Kraft präsentieren konnte. Ein einfacher Soldat aus dem Volk. 39:02 Ich bin wie ihr ein Gefreiter mit seinem Eisernen Kreuz, mehr nicht. Diese Kombination von Jugendlichkeit und aus dem Volk kommend 39:13 war eine ganz erfolgreiche und bewusst inszenierte Propaganda der NSDAP. 39:21 Auch die SA-Gewalt auf den Straßen gehört weiterhin zur Strategie. Hitlers Schlägertrupps heizen Konflikte an 39:30 und beklagen zugleich die Hilflosigkeit der Polizei. Die NSDAP untergräbt damit systematisch 39:36 die Autorität der Republik. Die SA-Gewalt richtete sich in erster Linie gegen die Kommunisten. 39:43 Und zweitens auch gegen den Staat. Ein demokratischer, rechtsstaatlicher Staat 39:50 muss das Gewaltmonopol für sich beanspruchen und auch verteidigen. Die SA Gewalt forderte den Staat heraus, 39:57 und der Staat war eigentlich immer der Verlierer. Bei den Reichstagswahlen im Sommer 1932 wird die NSDAP stärkste Kraft. 40:07 Doch wieder keine absolute Mehrheit. Hitler fürchtet, 40:11 seine Strategie einer legalen Machtübernahme könnte scheitern. Er pokert und fordert von Reichspräsident Hindenburg 40:20 die Ernennung zum Kanzler. Doch der lehnt ab. 40:27 Oktober 1932, zurück in Coburg. Die Stadt bereitet sich auf den Besuch Hitlers vor; 40:34 Hakenkreuze überall. Die örtliche NSDAP strotzt vor Selbstbewusstsein. 40:40 Sie hat längst erreicht, woran ihr Führer in Berlin bislang scheitert, die absolute Mehrheit. 40:48 Doch die Bilder von Geschlossenheit trügen, in der SA rumort es. 40:53 Es gibt Kräfte, die auf einen Staatsstreich drängen. Hitler steht unter Druck, vor allem, als die NSDAP 41:01 bei der Novemberwahl 1932 erstmals Stimmen verliert. Doch dann profitiert Hitler von der Rivalität reaktionärer Kräfte: 41:15 General Kurt von Schleicher und sein Gegenspieler Franz von Papen. Beide Ringen um die Kunst des Reichspräsidenten, 41:23 denn der ernennt den Kanzler. Nun schlägt von Papen Hitler vor, 41:29 damit er selbst als Vizekanzler mitregieren kann. Hindenburg lenkt ein, 41:34 in der Hoffnung, Hitler durch das Amt zu zähmen. Eine Fehlkalkulation. 41:43 Alle unterschätzen Hitlers unbändigen Willen zu absoluter Macht. 41:51 Hitler war die perfekte Projektionsfläche. Er hatte diese chamäleonartige Fähigkeit, 41:56 in genau der Farbe zu schillern, die der Umgebung entsprach, und sich anzupassen. 42:04 Hitler schien die Antwort zu haben oder die Antwort, selbst zu sein, auf die Fragen, die Millionen von Deutschen hatten. 42:12 und auf die Hoffnungen, Ängste und Verzweiflung, die Millionen von Menschen in diesen Mann reinprojiziert haben. 42:21 30. Januar 1933. Hindenburg ernennt Hitler zum Reichskanzler. 42:28 Einen gefährlichen Demagogen, zynischen Gewaltmenschen und Judenhasser 42:35 Die Nationalsozialisten kommen mit legalen Mitteln an die Macht. Sie feiern den Triumph mit einem Fackelzug durchs Brandenburger Tor. 42:48 Hitlers Aufstieg zur Macht wurde möglich durch die äußeren Umstände. Die tragische Kriegsniederlage, 42:54 den Zerfall und die Krisen der Weimarer Republik. Er wurde aber auch möglich 43:00 durch einen unerschütterlichen Glauben an sich selbst. Sein Redetalent und seine Fähigkeit, die Deutschen zu manipulieren. 43:12 Doch die Deutschen sind keinesfalls nur Verführte. Viele hoffen auf einen Führer, 43:18 der das geschundene Land wieder groß macht. Noch regiert Hitler in einer Koalition: 43:24 schon bald wird er nach der absoluten Macht greifen.