Feuerbach · Religionskritik und Projektionstheorie David Johann Lensing https://www.youtube.com/watch?v=aOFFgszR_a0 Transkript (automatisch erstellt) 0:00 Heute kurz und bündig, die Beantwortung der Frage: Was hat es mit Ludwig Feuerbachs Religionskritik auf sich? Ludwig Andreas Feuerbach war ein 0:08 deutscher Philosoph des 19. Jahrhunderts und gilt als »erster bedeutender Vertreter der klassischen Religionskritik«. Außerdem war er der Vater der Schriftstellerin Eleonore Feuerbach, 0:18 die später seinen schriftlichen Nachlass ordnete, sowie der Ehemann von Bertha Löw, die sein philosophisches Treiben finanzierte – und sein anderes Treiben zumindest duldete, wenn auch 0:28 sicher bitter enttäuscht. Mehr dazu in dem Vortrag »Ludwig Feuerbach und die Frauen« von Joachim Goetz, der ist unten verlinkt. Nun, hier soll’s um seine Religionskritik gehen. 0:49 Seine Religionskritik entfaltet Feuerbach maßgeblich in seinem Hauptwerk von 1841, mit dem Titel: »Das Wesen des Christentums«. Was hat Feuerbach zu dieser Schrift motiviert? Zwei Jahre vor 1:01 ihrer Veröffentlichung stellt und beantwortet er sich in einem Brief an einen Freund folgende Frage: Was ist der letzte Grund unserer geistigen und politischen Unfreiheit? Die Illusion 1:11 der Theologie. Ich weiß das aus meinem eigenen früheren Leben, wo dieser Teufel in Engelsgestalt mich in seinen Krallen gehabt hat. [...] Es ist unglaublich, welche Illusionen die 1:21 arme Menschheit beherrschen, noch heute beherrschen, und wie uns die spekulative Philosophie in ihrer letzten Richtung, statt von diesen Illusionen befreit, nur darin bestärkt hat. 1:31 Dieser Briefabschnitt verrät uns dreierlei. Erstens, dass Feuerbachs Kritik als Schlüssel für eine geistige und politische Befreiung gedacht und damit ganz lebenspraktisch motiviert war. 1:41 Zweitens, dass er seine Kritik sich gar nicht gegen die Religion an sich richtete, sondern gegen die Theologie – das heißt: die Lehre von Gott (auch wenn Feuerbach im 1:49 »Wesen des Christentums« immer wieder von der »Religion« spricht). Und drittens, dass die »spekulative Philosophie« – gemeint ist maßgeblich der einflussreiche Philosoph 1:58 Georg Wilhelm Friedrich Hegel – es versäumt hat, die Grenze zwischen Philosophie und Theologie ordentlich zu ziehen. 2:05 Damit ist bereits die argumentative Linie des »Wesens des Christentums« skizziert; es geht in der Konsequenz darum, Philosophie und 2:13 Theologie zu entmischen und dadurch einen neuen Zugang zum Phänomen der Religion zu gewinnen. Zur fachkundigen Auslegung von Ludwig Feuerbachs »Das Wesen des Christentums« 2:22 empfehle ich einmal mehr den entsprechenden Band aus der Reihe Klassiker Auslegen – wohlgemerkt eher an Studierende gerichtet. Hier und jetzt halten wir uns an Schulbuchwissen, sozusagen. Also, 2:32 worin besteht Feuerbachs Religions- oder eben Theologie-Kritik? Im Kern läuft sie auf die sogenannte Projektionstheorie hinaus. 2:44 Eine Projektion ist das, was ein Beamer oder – wie der Name schon sagt – ein guter alter Projektor macht: 2:49 Er wirft das vergrößerte Abbild eines Bildes an eine Wand oder Leinwand. Im übertragenen, psychologischen Sinne ist mit einer Projektion das gedankliche Heraufbeschwören einer 3:00 Illusion oder Vorstellung (also als Abbild) von eigenen Gefühlen, Sehnsüchten, Wünschen (als das ursprüngliche Bild) gemeint, auf eine wie auch immer geartete Projektionsfläche. 3:13 Und Feuersbachs Theorie besagt nun, dass Gott eine solche Projektionsfläche ist, quasi die Wand, an die wir unsere Vorstellungen werfen. Wie ist das zu verstehen? 3:24 Der Mensch erfährt sich selbst als endliches, begrenztes und unvollkommenes Wesen. Seine Wünsche und Sehnsüchte an etwas Überzeitlichem und Größerem teilzuhaben, überträgt er auf ein 3:35 göttliches Wesen. Dadurch versucht der Mensch, seine eigene Unvollkommenheit zu überwinden. Dass Gott als ewiges, vollkommenes, heiliges, allmächtiges und allwissendes Wesen erscheint, 3:46 ist nach Feuerbach also kein Zufall, sondern ein Produkt des menschlichen Wunschdenkens. Feuerbach selbst formulierte es in einer seiner Vorlesungen mal sehr prägnant wie folgt: 3:57 [N]icht Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde, wie es in der Bibel heisst, sondern der Mensch schuf, wie ich im »Wesen des Christenthums« zeigte, Gott nach seinem Bilde. [...] Jeder Gott 4:06 ist ein Wesen der Einbildung, ein Bild, und zwar ein Bild des Menschen, aber ein Bild, das der Mensch ausser sich setzt und als ein selbständiges Wesen vorstellt. 4:17 Ein Abbild also, dem all das zukommt, woran es mir mangelt. »Die Religion«, schreibt Feuerbach, »ist die Entzweiung des Menschen mit sich selbst.« Der Mensch setze 4:27 sich Gott »als ein ihm entgegengesetztes Wesen gegenüber: Gott ist nicht, was der Mensch ist – der Mensch nicht, – was Gott ist.« Als Beispiele führt er an: Gott sei unendlich, der Mensch ein 4:39 endliches Wesen; Gott sei vollkommen, der Mensch unvollkommen; Gott heilig, der Mensch sündhaft; Gott allmächtig und allwissend und der Mensch, na ja, ist vielleicht mächtig altklug, 4:50 aber eigentlich macht- und ahnungslos. All die Sehnsüchte nach einem besseren, höheren Wesen (Selbst) – so die Projektionstheorie – die projizieren gottgläubige Menschen auf ein von 5:01 ihnen losgelöstes Wesen als Fixpunkt für ihre scheinbar unerreichbaren Wunschvorstellungen. Aber der Mensch vergegenständlicht in der Religion sein eigenes geheimes Wesen. Es 5:12 muß also nachgewiesen werden, daß dieser Gegensatz, dieser Zwiespalt von Gott und Mensch [...] ein Zwiespalt des Menschen mit seinem eigenen Wesen ist. 5:21 Das Ziel von Feuerbachs Kritik besteht darin, den Gottglauben als falsch zu entlarven. Er lenke bloß ab und führe in die Irre. Mögen wir Menschen stattdessen die Größe und Würde im eigenen Wesen, 5:33 den Wert und das Potential unserer selbst entdecken – und damit auch den Glauben an und die Liebe zu uns und zueinander. In diesem Sinne handelt es sich bei Feuerbachs 5:43 Gedankengang um einen humanistischen Ansatz, der von einer erhabenen, menschlichen Natur ausgeht. Statt »Der Mensch ist ein Abbild Gottes« sollte es heißen: Der Mensch ist 5:54 dem Menschen ein Gott (homo homini deus est). Eine solche Religions- oder Theologiekritik scheint wie gemacht für die Gegenwart, da wir Menschen mehr denn je an unserer 6:04 Selbstüberwindung arbeiten und gottgleiche Wesen zu werden scheinen. Homo Deus, wie es Yuval Noah Harari prägnant genannt hat. An anderer Stelle wirkt Feuerbach nicht ganz so zeitgemäß. Zumindest 6:16 dürften Forschende und Studierende auf dem Gebiet der Gender studies Einspruch erheben wollen, wenn er etwa meint: »Der Geschlechtsunterschied ist kein oberflächlicher [...]; er ist ein 6:25 wesentlicher; er durchdringt Mark und Bein. Das Wesen des Mannes ist die Männlichkeit, das des Weibs die Weiblichkeit.« Das sehe ich, geprägt von gegenwartsphilosophischen Strömungen, 6:36 nicht ganz so streng binär, und finde Feuerbach diesbezüglich arg überholt – aber das ist ein anderes Thema. Das war’s erstmal zur Religionskritik bei Ludwig Feuerbach. 6:46 Falls dir der Beitrag geholfen hat: Däumchen nach oben. Falls nicht schon geschehen: Kanal abonnieren. Fragen und Feedback gerne in die Kommentare. Ich sag’: 6:53 Danke fürs Zuhören und bis zum nächsten Mal.