Die Kirche im Nationalsozialismus MrWissen2go Geschichte | Terra X https://www.youtube.com/watch?v=Yea4604Nuo8 Transkript (automatisch erstellt) 0:00 Hier seht ihr zwei Symbole: das Kreuz Jesu, das Symbol für das Christentum, 0:05 und das Hakenkreuz, das Symbol, das die Nationalsozialisten sich selber nehmen. 0:09 Kennt ihr das höchste Gebot für die Christen? Jesus sagt: "Liebe Gott und deinen Nächsten." 0:14 Und die Nationalsozialisten, sie sagen: "Du sollst Adolf Hitler gehorchen und dich für ihn opfern." 0:20 Können beide Gebote zusammenpassen? Wie war das für deutsche Christen zur Zeit der NS-Diktatur? 0:25 Das erklären wir euch in diesem Video in einer fiktiven Geschichte, die aber auf historischen Hintergründen beruht. 0:31 (Sausende Geräusche, Rattern, Klingeln) Vorab: Es geht in diesem Video nicht um die Kirchen, 0:36 um die protestantische und die katholische, nicht um Bischöfe, Widerstandskreise, Gesetze und so weiter. 0:41 Zumindest nicht im Wesentlichen. Ich gebe zu, als wir dieses Video zur Kirche in der NS-Zeit 0:45 zunächst konzipiert haben, da ging es genau darum. Dabei haben wir gemerkt: 0:48 Man kann zu diesem komplexen Thema so unendliche viele komplizierte Fakten und Details erzählen 0:53 und ein richtig langes Video machen, von dem am Ende wahrscheinlich wenig hängen bleibt. 0:58 Aber Glauben, das ist ja vor allem eine ganz persönliche Sache. Und wir haben uns viel mehr gefragt: 1:03 Wie haben sich junge Christen zur Zeit des Dritten Reichs gefühlt? Welche inneren Konflikte mussten sie aushalten? 1:09 Wie sind sie mit dem Regime der Nationalsozialisten zurechtgekommen? Das ist natürlich schwierig nachzuvollziehen. 1:14 Deshalb haben wir uns eine Figur ausgedacht, von der ich euch ein bisschen erzählen will. 1:19 Marlene Möller. Eine junge Frau, die irgendwo in Süddeutschland wohnt, 1:23 aus einer christlichen Familie stammt und die an Gott glaubt. Noch mal: Diese Marlene ist erfunden. 1:29 Aber das, was sie erlebt hat, könnte durchaus so stattgefunden haben. Und vielleicht gibt es auch Menschen, 1:34 die das so oder zumindest ganz ähnlich tatsächlich erlebt haben. Unsere Marlene wird vielleicht im Jahr 1919 geboren. 1:42 Christliches Elternhaus, evangelisch, bürgerlich. Mit dem neuen Staat, der Weimarer Republik, 1:47 können die Möllers nichts anfangen. Sie sind politisch konservativ-national eingestellt. 1:52 Der Vater zog mit viel Überzeugung in den Ersten Weltkrieg, aus dem er schwerverletzt zurückgekehrt ist. 1:58 Die Eltern waren immer brave Untertanen des deutschen Kaisers. Sie erzählen oft von dieser Zeit. 2:03 Sie vermissen die klaren Strukturen von damals. Sie denken, die demokratischen Politiker in der Republik 2:09 haben das Vaterland verraten. Die Sozialdemokraten sind für sie kommunistische Atheisten. 2:14 Die katholische Zentrumspartei gilt ihnen als papsthörig. Marlene bekommt als Kind natürlich mit, 2:20 wie die Eltern mit Freunden über Politik reden. Ohne dass sie aktiv darüber nachdenkt, 2:24 wird ihre Grundeinstellung zu dem neuen Staat vom Elternhaus geprägt. Dieser Österreicher, Adolf Hitler, der 1923 einen Putsch versucht, 2:33 und der so aggressive Reden hält, der ist auch nichts für die Möllers. Zu schrill, zu brutal. 2:38 Außerdem geht es ja einige Jahre in der Weimarer Republik aufwärts. Erst als 1929 die Weltwirtschaftskrise hereinbricht 2:46 und Hitlers Warnungen vor dem bevorstehenden Untergang plötzlich gar nicht mehr weltfremd, 2:50 sondern gradezu prophetisch erscheinen, hören die Möllers seinen Reden zu. 2:55 Der Vater macht jetzt bei Hitlers NSDAP sogar sein Wahlkreuz. Er hat seine Arbeitsstelle verloren und hofft einfach, 3:01 dass Hitler alles besser machen wird. 1933 kommen die Nationalsozialisten an die Macht. 3:07 Marlene ist da ein Teenager. Sie besucht die Gruppenstunden der Evangelischen Jugend. 3:11 Diese Jugendorganisation wird von der neuen Reichsregierung zwangsweise in die Hitlerjugend, in die HJ, eingegliedert. 3:18 In Marlenes Fall natürlich in den sogenannten "Bund Deutscher Mädel", BDM abgekürzt. Die Organisation für junge Frauen. 3:25 Die Heimabende findet Marlene meistens langweilig. Aber ihre Mutter schickt sie trotzdem hin. 3:30 Marlene besucht auch weiterhin die Sonntagsschule in der Kirche, wo sie die Geschichte von Jesus hört. Sie lernt die zehn Gebote. 3:36 Oder: Du sollst Gott lieben und deinen Nächsten. Aber beim BDM sagt man ihr, 3:41 dass sie Adolf Hitler lieben und ihm gehorchen soll. Marlene ist hin und her gerissen, weil sich das ja widerspricht. 3:47 Sie fragt ihre Eltern und die erklären ihr, dass gute Christen einer rechtmäßigen Regierung gehorchen. 3:52 So steht es in der Bibel. Und die Nationalsozialisten sind ja auch 3:56 auf verfassungsmäßigem Weg an die Macht gekommen. Dass sie eine Diktatur aufbauen, 4:00 in der alle, die anderer Meinung sind, verfolgt und weggesperrt werden, 4:04 das sehen Marlenes Eltern nicht ganz so kritisch. Oder sie verdrängen es. 4:07 Denn eingesperrt werden Kommunisten, also Feinde des Christentums. Verfolgt werden Juden. 4:12 Die evangelische Kirche bezieht sich auf den Reformator Martin Luther. Der hat sich ja auch extrem judenfeindlich geäußert. 4:18 Klar, das war vor 400 Jahren, vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten. 4:22 Aber es bietet ihnen natürlich einen willkommenen Anknüpfungspunkt. In seinem Buch "Mein Kampf" wirbt Adolf Hitler, 4:29 der selbst Katholik ist, um die Christen beider Konfessionen, da ja beide Kirchen bereits jahrhundertelang 4:35 einen Kampf gegen das Judentum geführt hätten. Jetzt ist es so, dass der Nationalsozialismus 4:40 im Kern seiner Ideologie natürlich antikirchlich und antichristlich ist. Aber Hitler weiß, dass er die Stimmen der Christen wie Marlenes Familie 4:47 bei den Wahlen braucht. Der Glaube spielt im Alltag 4:50 und der Weltanschauung der Menschen zu der Zeit noch eine deutlich größere Rolle als heute. 4:55 Deshalb gibt sich Adolf Hitler betont bürgerlich. Und er greift die Kirchen auch nicht an, zumindest nicht direkt. 5:00 Und Marlenes arbeitsloser Vater findet es sowieso gut, dass die Nationalsozialisten mehr Arbeitsstellen schaffen wollen. 5:05 In der Kirchengemeinde aber gibt es Streit. Denn nicht alle Christen arrangieren sich mit dem Regime. 5:11 Adolf Hitler will jetzt eine einheitliche, von oben kontrollierte Reichskirche schaffen. 5:15 Dagegen stemmen sich die Mitglieder der sogenannten "Bekennenden Kirche". Sie leisten Widerstand. 5:20 Nicht gegen den Nationalsozialismus, sondern gegen die staatliche Gleichschaltung der Kirche. 5:25 Auch in Marlenes Gemeinde gibt es solche Leute. Sie geraten ins Visier der Geheimen Staatspolizei, der Gestapo. 5:31 Wer sich den Nazis widersetzt, der bekommt Repressalien zu spüren. Mit der katholischen Kirche, mit dem Vatikan, gibt es einen Deal. 5:38 Selbstbestimmung, Geld und katholischer Schulunterricht gegen die Garantie, dass sich die Katholiken 5:44 aus Hitlers Politik heraushalten. Nach dem Abschluss des Vertrages, 5:48 dem sogenannten "Reichskonkordat" im Sommer 1933 beendet Hitler zumindest vorübergehend 5:53 die Zwangsmaßnahmen gegen die katholische Kirche. Und auch den Gleichschaltungsversuch der evangelischen Kirche 5:59 gibt Hitler auf. Denn im Geheimen bereitet er sich schon auf den Krieg vor. 6:04 Da kann er solche Konflikte nicht gebrauchen. Und die Kirchen? Die schweigen. 6:08 Selbst als die Nationalsozialisten die Juden aus dem Alltagsleben und dem Berufsleben hinausdrängen. 6:14 Selbst als in Pogromen vom 9. November 1938 die Synagogen brennen, jüdische Geschäfte zerstört werden 6:21 und Jüdinnen und Juden misshandelt, verhaftet und sogar getötet werden, sagt der Pfarrer von Marlenes Gemeinde nichts dazu. 6:29 Vereinfacht gesagt hält dieses Schweigen der Kirchen bis zum Schluss. 6:34 Öffentlich protestieren sie nicht gegen die Vernichtung der Juden. Oder nur verklausuliert. 6:39 Damit, das muss man im Rückblick so beurteilen, haben sie sich mitschuldig gemacht. 6:43 Auch wenn es immer schwierig ist, pauschale Aussagen zu treffen. Die Kirchen wollen schon, dass Christen 6:48 bei den verbrecherischen Aktionen der Nationalsozialisten nicht mitmachen. Aber Christen, die sich in der NSDAP engagieren, 6:54 werden auch nicht aus der Gemeinde rausgeworfen oder exkommuniziert. Immerhin stärken einige Pfarrer und Priester damals mit ihren Predigten 7:01 und im Beichtgespräch Menschen, die gegen den Nationalsozialismus sind. Vereinzelt gibt es auch Protest, 7:06 zum Beispiel gegen die Ermordung von behinderten Menschen, etwa durch den Bischof von Münster Clemens August von Galen. 7:11 Jetzt muss man sehen, dass sich die Kirchen nicht als politische Organisationen sehen, 7:15 sondern als Organisation, die fürs Seelenheil, wenn man so will, verantwortlich ist. 7:20 Angesichts der bis mindestens 1940 immer stärker werdenden Popularität des NS-Regimes 7:25 wollen sie nicht den Anschluss an die Mehrheit der Deutschen verlieren, in dem sie sich gegen Hitler stellen. 7:30 Außerdem fürchten die Kirchen mögliche Sanktionen. Eine schwierige Gemengelage. 7:36 Vor allem auch für eine junge Christin. Marlene hat von klein auf gehört, 7:40 dass die Juden Jesus ans Kreuz geschlagen haben. Marlene hat nichts persönlich gegen Juden. 7:45 Ihr kennt solche Sprüche. Aber sie nimmt die Aktionen der Nationalsozialisten 7:50 stillschweigend hin. Aus der Politik hält sie sich heraus. 7:54 Als Verwundeter im Ersten Weltkrieg muss Marlenes Vater nicht in den Krieg ziehen, den Hitler 1939 entfesselt. 8:00 Die anfänglichen Siege der deutschen Wehrmacht begeistern ihn. Auch Marlene ist stolz. 8:05 Der Vater sagt, dass die Erfolge der Armee zeigen, dass Gott auf Seiten der Deutschen ist. 8:09 Hitler wird immer populärer. Und er ist 1940 auf dem Höhepunkt seines Ansehens. 8:15 Auch Marlenes Eltern hängen Hakenkreuzfahnen aus den Fenstern ihres Hauses, 8:19 zum Beispiel zum Geburtstag Adolf Hitlers am 20. April. Die Kirchen sind Teil der deutschen Kriegsgesellschaft. 8:25 Es gibt einen Patriotismus, der Menschen und Material für den Kriegseinsatz mobilisiert. 8:30 Hunderte Pfarrer oder Ordensfrauen sind als Militärseelsorger oder im Sanitätsdienst tätig. 8:35 Auch in kirchlichen Einrichtungen werden Zwangsarbeiter eingesetzt. Den Kriegsdienst verweigert kaum jemand. 8:41 Als dann der Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion 1941 beginnt, sind viele in Marlenes Gemeinde begeistert. 8:48 Dass das gottlose Reich der Kommunisten vernichtet werden soll, das findet insgesamt große Zustimmung. 8:53 Als sich das Kriegsglück dann ab dem Jahr 1942 gegen die Deutschen wendet, betet Marlene noch intensiver für den Sieg. 9:00 In den Kirchen wird viel darüber gesprochen, dass das Leid der eigenen Bevölkerung wirklich schlimm sei, 9:04 als die Alliierten die deutschen Städte bombardieren. Aber das Leid der anderen, der Angegriffenen, 9:09 das kommt meistens zu kurz Marlene ist mittlerweile eine junge Frau. 9:13 Sie betet für Hans, den sie liebt. Und der auch in Russland kämpft. 9:18 Eine Welt bricht für sie zusammen, als sie erfährt, dass Hans in Stalingrad gefallen ist. 9:22 In jenem Kessel, in dem die Wehrmacht untergeht. In der barbarischen Schlacht von Stalingrad, 9:27 die Hunderttausende Soldaten das Leben kostet. Marlene findet Halt in ihren Glauben. 9:32 Und weil sie schon als Jugendliche der nationalsozialistischen Propaganda ausgesetzt war, 9:36 betet sie auch weiterhin für den Führer. Als sie im Sommer 1944 die Nachricht hört, 9:41 dass ein Attentat auf Hitler verübt worden ist, ist sie ehrlich erschüttert. 9:45 Damit ihr das richtig versteht, noch ein paar Worte dazu. Wir haben ja schon gesehen, dass es Christen gibt, 9:51 die von Anfang an für Hitler sind. Und andere sind gegen ihn. Auch Widerständler des 20. Juli 9:56 handeln aus christlichen Motiven heraus. Und trotzdem können viele deutsche Christen 10:00 mit den Plänen der Attentäter nichts anfangen. Dass Hitler in seinem Hauptquartier, der Wolfsschanze, 10:06 den Sprengstoffanschlag von Oberst Stauffenberg nur leicht verletzt überlebt, 10:10 das führen nicht wenige Christen auf den Willen Gottes zurück. Das ist übrigens eines von vielen Attentaten, das scheitert. 10:17 Und auch diejenigen Christen, die Hitler für einen Tyrannen halten, sind oft gegen das Attentat. 10:22 "Du sollst nicht töten!" Das Gebot gilt auch im Falle Hitlers für sie. 10:25 Ein Mord bleibt eben ein Mord, auch wenn er an einem Verbrecher begangen wird. 10:29 Und so lehnen die Kirchen dann auch wieder die Todesstrafe ab, die gegen die Attentäter verhängt wird. 10:35 Ist ziemlich kompliziert. Unsere Marlene ist nicht im Widerstand aktiv, 10:38 wie die allermeisten Deutschen eben auch. Aber es gibt natürlich Christen, die für ihre Überzeugungen kämpfen. 10:43 So wie Dietrich Bonhoeffer. Schon früh hatte der evangelische Pfarrer 10:47 vor den Nationalsozialisten gewarnt und sich als einer der Ersten in der Kirche 10:50 gegen die Judenverfolgung gestellt. Im April 1945 wird er von den Nationalsozialisten 10:55 im KZ Flossenbürg ermordet. Auch Marlene hört von seinem Widerstand. 10:59 Genauso wie sie davon hört, dass die Juden im Osten umgebracht werden. Sie fängt sogar an, für die Juden zu beten. 11:06 Aber sie schafft es eben nicht, sich konsequent von Hitler abzuwenden. 11:10 Als der Krieg endet, ist Marlene 26 Jahre alt. Sie hat als Christin das Dritte Reich durchlebt. 11:15 Auch wenn sie keine Verbrechen begangen hat, fühlt sie sich danach irgendwie schuldig. 11:19 Aber irgendwie auch als Opfer. Ein Gefühl, das sie noch den Rest ihres Lebens begleiten wird. 11:24 Die evangelische Kirche veröffentlicht im Oktober 1945 die Stuttgarter Schulderklärung. 11:29 Darin heißt es: (Er liest vor.) 12:00 Bis heute ist die Schuldaufarbeitung der Kirchen nicht abgeschlossen. Eine Bewertung wie bei so vielem ist schwierig. 12:06 Auch aus Sicht der Kirchen. Marlenes Geschichte war der Versuch, 12:09 damit ihr euch besser diese Zeit vorstellen könnt, die bis heute so unvorstellbar ist. 12:13 Dass es eben nicht so einfach ist, zu sagen: Diese Menschen, die waren gegen Hitler, 12:17 diese dafür und alle Christen haben sich etwa so oder so verhalten, weil sie so eingestellt waren. 12:22 Wie ist es bei euch? Beschäftigt ihr euch mit der Vergangenheit eurer Vorfahren 12:26 im Nationalsozialismus? Wisst ihr da eventuell was drüber? Oder interessiert euch das nicht? 12:30 Schreibt das gerne unten in die Kommentare. Hier neben mir findet ihr ein Video zur Jugend 12:35 im sogenannten Dritten Reich allgemein. Und darunter ein Video zu den historischen Fakten der Bibel. 12:41 Danke euch für Zuschauen und bis zum nächsten Mal.