Hugo Portisch, Die Geschichte Europas/ Teil 3: 1945-1989. #Doku Deutsch DocuThek All Languages https://www.youtube.com/watch?v=X_rEXMYplOc Transkript (automatisch erstellt) 0:00 In Memoriam Hugo Pontisch. Wie diese Stadt aussieht. Doch es ist nicht nur Berlin, das am Ende dieses 0:22 Krieges in Trümmern liegt. Überall in Europa hat der Krieg tiefe [musik] Wunden geschlagen. 0:31 Am 19. September 1946, also ungefähr ein Jahr nach Ende des Zweiten Weltkriegs, kommt Winston Churchill, der Mann, der Großbritannien 0:41 durch den Krieg geführt hatte, in die Schweiz, nach Zürich, und hält dort eine beachtenswerte Rede. Was soll aus Europa werden? Deutschland lag noch in Schutt 0:51 und Trümmern. Auch den anderen europäischen Staaten geht es schlecht. Auch die Amerikaner hatten noch nicht begriffen, dass sie Europa helfen 1:00 müssten. Es gab noch keine Marshallhilfe. Churchill wusste, dass die Idee, die er nun vortragen würde, für alle völlig 1:08 unerwartet kommen sollte. Churchill schlug etwas vor, was damals sensationell war. Wenn Europa wieder auf die Beine kommen wolle, wenn man dieses 1:18 Europa wieder zur alten Größe führen wollte, müsste etwas Außergewöhnliches geschehen, sagte er. Frankreich müsste sich entschließen, dem besiegten 1:28 Deutschland die Hand zu reichen. Nur wenn Frankreich und Deutschland sich miteinander versöhnen, könne Europa gerettet werden. 1:40 Der erste Schritt [musik] zur Wiederherstellung der europäischen Familie muss eine Partnerschaft zwischen Frankreich und Deutschland sein. 1:49 [schnauben] Die Struktur der Vereinigten Staaten von Europa, wenn sie gut und wahrhaftig 1:56 errichtet werden, wird [musik] so gestaltet sein, dass die wesentliche Stärke eines einzelnen Staates weniger wichtig sein 2:04 wird. Kleine Nationen werden so viel zählen wie große und sich durch ihren Beitrag 2:12 zur gemeinsamen Sache auszeichnen. Aber ich warne Sie. Die Zeit dafür ist möglicherweise kurz. 2:22 Im Moment gibt es eine Atempause. Die Kanonen haben aufgehört zu schießen. Die Kämpfe sind vorbei. Aber die Gefahren sind nicht vorbei. 2:34 Wenn wir die Vereinigten Staaten von Europa errichten wollen, oder welchen Namen wir ihnen auch immer geben, müssen wir jetzt damit anfangen. 2:43 Daher sage ich Ihnen, lassen wir Europa entstehen. [musik] Im Weißen Haus in Washington studiert 2:53 Präsident Harry Truman die Entscheidungen, die die Siegermächte [musik] zu Kriegsende in Jalta getroffen haben. Truman teilt die Meinung seines 3:01 Außenministers Marshall, dass Europa unter den Einfluss der Sowjetunion kommen würde, wenn Amerika den kriegsgeschädigten europäischen Ländern 3:10 nicht unverzüglich Hilfe leistet. Es war also nicht nur reine Menschenliebe, die den Außenminister und ehemaligen General George Marshall bewogen hat, eine 3:20 Strategie zum Wiederaufbau Europas zu entwickeln. In einer Rede anlässlich der Ernennung zum Ehrendoktor an der Universität 3:28 Harvard verkündet er die Absicht, Europa mit einer großzügigen Wirtschaftshilfe vor dem Hunger zu retten und vor dem Kommunismus zu schützen. Das Gegenmittel 3:38 scheint darin zu liegen, den Teufelskreis zu durchbrechen und das Vertrauen der Völker Europas in die wirtschaftliche Zukunft ihrer eigenen 3:46 Länder wiederherzustellen und für Europa als Ganzes. Die Produzenten und Landwirte in den großen Gebieten müssen willens und fähig sein, 3:54 ihre Produkte gegen Bargeld abzugeben. Aber ich habe keinen Zweifel, wenn wir uns entschließen, das zu tun, werden wir 4:03 damit Erfolg haben. Und ebenso habe ich keinen Zweifel daran, dass die ganze Welt den Atem anhält und darauf wartet, was es wohl sein wird, das wir versuchen 4:13 hier vorzuschlagen. Dass diese Marshall-Initiative des Staatssekretärs Marshall herrührende Wiederaufbauwerk 4:23 zu einem vollen Erfolg führen wird. Die Soforthilfe bietet den Europäern an, ihre materiellen Bedürfnisse Amerika zur Kenntnis zu bringen. Sie könnten in den 4:35 USA alles bestellen, was sie brauchen. Maschinen, Lokomotiven, Baumaterialien, Werkstoffe. Sie werden geliefert und den europäischen Staaten geschenkt. 4:45 Allerdings unter der Bedingung, dass die Staaten diese Güter den eigenen Bürgern auf Kredit in lokaler Währung verkaufen. Die abzuzahlenden Kredite würden nicht 4:55 an die USA zurückgezahlt, sondern in einem Fond gesammelt werden. Diese Gelder stünden dann weiter als Kredit an die eigenen Bürger zur Verfügung. Es war 5:05 de facto ein finanzielles [musik] Perpetuum Mobile, ein sich selbst immer wieder neu finanzierendes Wirtschaftshilfsprogramm. 5:24 [musik] Am 25. Juni 1955 kehrt mit einem Transport ehemals österreichischer Kriegsgefangener die Sektionsleiterin im 5:33 österreichischen Bundesministerium für Vermögenssicherung und Wirtschaftsplanung nach sieben Jahren Arbeitslager in Sibirien nach Österreich 5:42 zurück. Sie wurde von den Sowjets der Spionage bezichtigt und zu 25 Jahren Haft verurteilt. [musik] Erst mit der Unterzeichnung des österreichischen 5:51 Staatsvertrages wird Margarethe Ottillinger entlassen. Wie der Marshallplan begonnen hat, war habe ich ja die Planungssektion geführt und habe 6:01 mit dem Mitarbeiterstab haben wir die Pläne erarbeitet und aufgrund dieser Pläne hat dann die Marshallplan-Organisation 6:08 uns die Dollarbeträge bewilligt. Die wurden dann an Österreich gegeben. Wir haben sie im Kreditweg an die entsprechenden Firmen gegeben, die das 6:19 dann zurückzahlen mussten und das kam in einem bestimmten Fond und wurde dort gesammelt. Nicht durfte dieses Geld verwendet werden, natürlich für die 6:28 russische Zone. Aber ich war es war vorbereitet auch für diese Zone quasi Fonds anzulegen, weil ich immer gesagt habe, vielleicht ist es einmal so, dass 6:40 die Russen nicht in dieser Zone sein werden, dann wird man das Geld haben. Die Sowjetunion unter Führung Stalins verhängt über die Länder Osteuropas 6:50 quasi den Belagerungszustand. Stalin erzwingt die Kontrolle über die Wirtschaft und die politische Macht in den Ländern innerhalb seines 6:58 Einflussbereichs. Zum Teil müssen die von Moskau abhängigen Volksrepubliken hohe Reparationsleistungen 7:05 an das Mutterland der sozialistischen Revolution erbringen. Nachdem die Oppositionsparteien unterdrückt sind, ersticken Propaganda 7:14 und Terror in diesen Ländern jeglichen Protest und lassen nur mehr inszenierten Jubel für die Alleinherrscher zu. 7:24 [musik] Obwohl Stalin 1945 noch freie demokratische Wahlen 7:32 zugesichert hat, verstärkt sich in der sowjetischen Besatzungszone Deutschlands zunehmend die Parteidiktatur [musik] der Kommunisten. 7:51 Die Tschechoslowakei ist drei Jahre lang eine bürgerliche Demokratie. Eduard Benesch ist Präsident, Jan Masaryk ist 8:00 Außenminister. [jubel] Eine Regierungskrise, bei der die Sozialdemokraten zurücktreten, nutzen 8:07 die Kommunisten zur Machtübernahme, lassen die von ihnen unterstützten bewaffneten Werkschutzeinheiten marschieren und setzen Staatspräsident 8:15 Benesch unter Druck. Der gibt nach und setzt den Kommunisten Klement Gottwald als Regierungschef ein. 8:27 Einige Tage nach der Regierungsumbildung findet man Jan Masaryk, Sohn von Thomas Masaryk, den Begründer der tschechoslowakischen Republik, hier im 8:35 hellen Anzug tot auf dem Pflaster unter einem offenen Fenster seines Ministeriums. Der sogenannte dritte Prager Fenstersturz bleibt unaufgeklärt. 8:45 Schon 1945 übt Staatspräsident Benesch Vergeltung an der sudetendeutschen Bevölkerung. Weil diese den Anschluss an Deutschland 8:53 begrüßt hatte, wird sie jetzt von Benesch ausnahmslos enteignet und aus dem Land vertrieben. Rund drei Millionen Menschen müssen bis 1947 9:03 ihre Heimat unverzüglich verlassen. Dabei kommt es zu vielen Übergriffen und Totschlägen. Anders als bei den anderen 9:10 osteuropäischen Umwälzungen ist es in der Tschechoslowakei eine Revolution von unten, selbst wenn sie Stalins Plänen angepasst ist. [musik] 9:19 Die Kommunisten vollbringen den Umsturz mit Unterstützung der großen Mehrheit der Arbeiter. [musik] 9:27 Mit dem Tod von Masaryk und Benesch stirbt 1948 auch die bürgerliche Demokratie in der Tschechoslowakei. Stalin schließt [musik] 9:36 den Eisernen Vorhang. [musik] In den von den sudetendeutschen 9:43 verlassenen Ortschaften werden Häuser abgetragen, die Ziegel ins Landesinnere abtransportiert. 9:52 Die Dörfer an der Grenze sterben. [musik] Entlang dieser Grenze wird der Eiserne Vorhang gebaut. Wachtürme, Stacheldraht und Minengürtel. 10:04 Gefahr lauert an dieser Grenze. Anstelle von zwischenmenschlichen Begegnungen, Warenaustausch und dem freien Grenzübertritt gibt es 10:13 Beobachtungen und Misstrauen. Auf beiden Seiten. [musik] An der Grenze verödet das Leben und 10:20 Nachbarn werden zu Fremden. Der Eiserne Vorhang ist nun Wirklichkeit geworden. Entlang der Grenzen zum 10:32 ehemaligen Zwischeneuropa sind in den Jahren nach 1946 die Satellitenstaaten des sowjetischen Imperiums entstanden. 10:46 200 km hinter dem Eisernen Vorhang, in der alten, jetzt geteilten ehemaligen Reichshauptstadt Berlin, [musik] geht die Konfrontation weiter und sie wird 10:55 täglich explosiver. Die Sowjets versuchen die Westmächte, Amerikaner, Briten und Franzosen aus der vierfach besetzten Stadt zu vertreiben. 11:05 Ziel der Sowjets ist es, aus Ostdeutschland einen eigenen kommunistischen Staat zu machen, mit eigener Hauptstadt Berlin. 11:12 So ordnen die Sowjets eine Blockade der drei Westzonen an. Der gesamte Verkehr nach West-Berlin wird von den Sowjets gesperrt. Das könnte zu militärischer 11:22 Konfrontation führen. Doch die USA reagieren anders. Sie errichten gemeinsam mit den Briten eine Luftbrücke von Westdeutschland nach 11:30 West-Berlin. Sie überfliegen die Sowjetzone und versorgen 2,5 Millionen West-Berliner mit Nahrungsmitteln, Kohle und Öl und Rohstoffen. Das ist [musik] 11:40 der größte Einsatz dieser Art. Alle 63 Sekunden landet jetzt [musik] ein Flugzeug auf den drei in West-Berlin befindlichen Flugfeldern, Tempelhof, 11:50 Gatow und Tegel. Trotz dieser organisatorischen Meisterleistungen kommt es immer wieder [musik] zu tragischen Unfällen. 39 11:58 Briten, 31 Amerikaner und mindestens acht Deutsche verunglücken tödlich. Jedes der Flugzeuge wird innerhalb von 30 Minuten entladen, gewartet und fliegt 12:09 wieder ab. Mit den anfangs geschätzten 750 t Luftfracht pro Tag ist man vom 12:20 Tagesbedarf der Berliner weit entfernt. Um die tägliche [musik] Versorgung zu garantieren, arbeiten die Menschen auf 12:32 Hochtouren. Nach fast einjähriger Dauer wird die Blockade durch ein in den Vereinten Nationen diskret ausgehandeltes Abkommen 12:40 beendet. Die Sowjets heben die [musik] Blockade West-Berlins auf. Der Westen und die Freiheit haben gesiegt. [musik] 12:54 [musik] Während die Stadt belagert wird, entsteht aus den drei Westzonen der Amerikaner, Engländer und Franzosen 13:01 jetzt die neue Bundesrepublik [musik] Deutschland, ein demokratischer Staat mit einem demokratischen Grundgesetz. Zum Bundeskanzler wird Konrad Adenauer 13:10 gewählt. Neun Monate haben 65 Abgeordnete am Grundgesetz gefeilt. [musik] In 13:25 Paragraph 1 heißt es: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlicher Gewalt. Bald darauf [musik] 13:36 tritt die neue Bundesrepublik Deutschland der NATO, dem westlichen Verteidigungsbündnis bei. Bei ihrer Gründung sagt Präsident Truman: 13:45 Sie können zwischen Sklaverei und Freiheit wählen, zwischen Krieg und Frieden. Ich habe keinen Zweifel daran, was sie wählen werden. Der Vertrag, den 13:54 wir hier heute unterschreiben, ist ein Hinweis darauf, welchen Weg sie einschlagen werden. Wenn heute irgendetwas sicher ist, wenn irgendetwas 14:03 in der Zukunft unvermeidlich ist, dann ist das der Wunsch der Völker der Welt nach Freiheit und Frieden. 14:11 Kurz darauf überfällt das kommunistische Nordkorea Südkorea. Der UN-Sicherheitsrat beschließt in Abwesenheit der Sowjetunion die 14:20 Entsendung von Truppen aus 22 Ländern unter der Führung der Vereinigten Staaten. 14:28 [musik] Dieser erstmalige Stellvertreterkrieg fordert in den Jahren von 1950 bis 1953 14:42 Millionen Menschenleben. Soldaten der freien westlichen Welt lassen ihr Leben im Kampf gegen den kommunistischen Aggressor, der ebenso 14:51 hohe Verluste erleidet. Und endet nach langen Verhandlungen in einem bis heute andauernden Waffenstillstand am 38. Breitengrad. 15:04 Von jetzt an beginnt das Wettrüsten der beiden Supermächte USA und Sowjetunion. Beide bewaffnen sich mit nuklearen Sprengköpfen und Raketen und stellen 15:13 diese in Paraden zur Schau. Auch der Weltraum [musik] wird zur Arena des Kalten Krieges, in der ein Wettlauf 15:29 um strategische Vorteile in [musik] der Raumfahrt einsetzt. Die Sowjetunion entwickelt 1957 als erste einen die Welt umkreisenden Satelliten, genannt 15:39 Sputnik, der Weggefährte. Sie schickt 1961 mit ihrem Kosmonauten Juri Gagarin auch den ersten Menschen in den Weltraum. 15:50 Man belauert einander. Weltweit und in Europa. 15:59 Doch nun wird auch Churchill in Berlin Paris erhört. Ein Mann der französischen Wirtschaft, Jean Monnet, legt dem Außenminister Robert Schumann 16:08 einen Plan vor, mit dem gleich zwei große Sorgen Frankreichs behoben werden könnten. Statt künftig wieder eine Rivalität zwischen Deutschland und 16:18 Frankreich zu erwarten, sollte Frankreich dem besiegten Deutschland die Hand reichen und es für eine Zusammenarbeit gewinnen. Immerhin war 16:27 man durch den Marshallplan bereits innerhalb der OEEC zur Zusammenarbeit mit Deutschland gezwungen. Nun schlug Monnet vor, alle Kohlengruben 16:36 Deutschlands und alle seine Stahlwerke mit den Kohle- und Stahlbetrieben Frankreichs einer gemeinsamen Aufsicht zu unterstellen, eine Kohle- und 16:46 Stahlunion zu gründen. Denn ohne Kohle und Stahl ließe sich kein Krieg mehr führen. Das neue Deutschland, gegründet 1949, 16:56 wird von Frankreich eingeladen, in diese Kohle- und Stahlunion einzutreten. [räuspern] Adenauer ruft seinen Ministern zu: Das 17:03 ist der Durchbruch! Ja, das war der Durchbruch. Nur an der Hand Frankreichs war das besiegte und zerstörte Deutschland in eine neue europäische 17:13 Gemeinschaft zu führen. Belgien, die Niederlande und Luxemburg, vor allem auch Italien, traten nun der Montanunion bei. Sie gründeten die 17:23 Sechsergemeinschaft, die sich 1957 zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, 17:29 zur EWG, in Rom zusammenfand. Dort sollte sie unterschrieben werden. Die Idee Monnets zur Gründung der Kohle- und Stahlunion, der späteren Montanunion, 17:40 ist die Grundlage des Zusammenschlusses sechs europäischer Staaten. Mit der Unterschrift ihres Initiators, Frankreichs [musik] Außenminister Robert 17:48 Schumann, ist dies der erste Schritt in ein neues [musik] Europa. Frankreich, die Bundesrepublik Deutschland, die Niederlande, Belgien, Luxemburg und 18:01 Italien bilden fortan die Sechsergemeinschaft als gemeinsames Wirtschafts- und Friedensprojekt. [musik] Schumann reicht damit 18:09 Deutschland die Hand. Die gesamte deutsch-französische Kohle- und Stahlproduktion wird unter internationale Kontrolle gestellt und 18:17 für die Dauer von 50 Jahren wird ein gemeinsamer Markt geschaffen. Die Bundesrepublik bekommt ihren fixen Platz in der Völkergemeinschaft [musik] 18:26 wieder. In der Sowjetunion stirbt am 5. März 1953 18:34 der Despot, [musik] der über Tod und Leben von Millionen Menschen entschieden hat. Die Bevölkerung reagiert auf sein Ableben widersprüchlich. 18:42 Einige weinen, andere stoßen einen großen Seufzer der Erleichterung aus. Die meisten sind wie betäubt und fürchten, an die Zukunft zu denken. 18:52 Stalins [musik] Regentschaft kostete Millionen Menschen das Leben. Für sie bestand keine Möglichkeit [musik] zu einem revolutionären Sturz des 18:59 Despotismus. Eine Reform kann nur von oben kommen, von Stalins Anhängern und Komplizen. Dieser Umstand prägt den zögernden und 19:09 widersprüchlichen Charakter der sogenannten Entstalinisierung. In der DDR kommt der Aufstand von unten. Die Menschen sehen den Zeitpunkt 19:19 gekommen, sich nun gegen die Diktatur der Einheitspartei aufzulehnen. Mit bloßen Händen und dem Willen zur Freiheit treten sie den sowjetischen 19:27 Panzern entgegen. Ihr Schrei nach Freiheit erstickt in der gewaltsamen Unterdrückung. 19:38 Das letzte Ringen um die Freiheit Berlins und die Wiedervereinigung der Bundesrepublik Deutschland findet auf der Außenministerkonferenz 1954 in 19:47 Berlin statt, auf der Molotow seinen Plan für gesamtdeutsche freie Wahlen und die Neutralisierung Deutschlands vorstellt, mit dem Ziel, in Zukunft die 19:57 westliche Einflussnahme auf ein neutrales Deutschland zu schwächen. [musik] Auf dieser Konferenz hören auch die 20:04 Amerikaner vom Plan des sowjetischen Außenministers und denken aber bei dem Begriff Neutralität [musik] bereits an ein anderes Land. 20:16 Der sowjetische Außenminister Molotow hatte bei der Berliner Konferenz vorgeschlagen, auch Österreich sollte ein neutraler Staat werden. Das würde 20:25 zum Abschluss des Staatsvertrages helfen. Der amerikanische Außenminister John Foster Dulles wandte sich bei einem 20:33 Frühstück im Weißen Haus an den Präsidenten Eisenhower und fragte ihn, ob für die Amerikaner ein solcher Vorschlag annehmbar wäre. 20:42 Eisenhowers Antwort war eindeutig. Wenn Österreich so neutral wird, wie es die Schweiz ist, ist das durchaus annehmbar, sagt Eisenhower. Die Schweiz habe sich 20:52 bis an die Zähne bewaffnet und sei bereit, gegen jeden Angreifer entschieden zu kämpfen. Die neutrale Schweiz ist ja keine Lücke in der 21:01 NATO-Verteidigung. Auch die Österreicher wären bestimmt zum Kampf um ihre Freiheit bereit. Neutral wie die Schweiz, das ist die Formel, 21:10 meinte Eisenhower. Ein Jahr nach der Außenministerkonferenz wird die österreichische Regierung nach 21:19 Moskau [musik] eingeladen. Dort vollzieht sich das, was die Amerikaner bereits angedacht hatten. Österreich bekommt die Zusicherung für den 21:27 Staatsvertrag unter der Bedingung, dass das Land sich der immerwährenden Neutralität verpflichtet, [musik] also weder einem westlichen noch einem 21:36 östlichen Militärbündnis beitreten wird. Der Verhandlungsführer für die Sowjetunion ist Außenminister Molotow. Für Österreich verhandeln Bundeskanzler 21:45 Raab, Vizekanzler Adolf Schärf, Außenminister Leopold Figl und Staatssekretär Bruno Kreisky. 22:03 Die Verhandlungen werden ein Erfolg. Im NATO-Gebäude in Paris tritt die Bundesrepublik Deutschland dem 22:18 westlichen Militärbündnis und der Westeuropäischen Union bei und erklärt den Verzicht auf eigene atomare Waffen. Auch ist für Westdeutschland mit diesem 22:28 Vertrag die Besatzungszeit [musik] beendet. Was dadurch auch klar wird, ist der Fahrplan für Europa, geteilt [musik] in 22:36 Ost und West. Doch die Hoffnung auf eine Wiedervereinigung Deutschlands ist nun sehr gering geworden. 22:44 [musik] [musik] Nur einen Tag, bevor in Wien der 22:52 österreichische Staatsvertrag unterzeichnet wird, reist Molotow nach Warschau, um die bisherigen militärischen Bündnisverträge mit den 22:59 Ostblockstaaten auch in einem gemeinsamen Militärbündnis zu vereinen, dem Warschauer [musik] Pakt. Dieser ist nun Wirklichkeit und bildet den 23:08 östlichen Gegenpol zur westlichen NATO. Direkt von Warschau aus besteigt Molotow das Flugzeug nach Wien für den großen 23:17 Tag Österreichs am 15. Mai 1955. [musik] In Wien sollen die Besatzungsmächte den in Moskau ausverhandelten Staatsvertrag 23:27 mit Österreich unterzeichnen. [musik] Alle vier Mächte sind durch ihre Außenminister vertreten. Ihre Wagenkolonne [musik] fährt vor und 23:36 man versammelt sich im Sommersitz Prinz Eugens, dem Schloss Belvedere. [musik] Bundeskanzler Raab und Außenminister Figl empfangen die Delegationen der 23:44 Alliierten, die nach und nach im Schloss eintreffen. [musik] Und vor dem Schloss weht bereits die österreichische Fahne. 23:54 [musik] Gemeinsam unterzeichnen sie nun den Vertrag. Der sowjetische Außenminister Wjatscheslaw Molotow, 24:04 der britische Außenminister Harold Macmillan, [musik] der amerikanische Außenminister John 24:09 Foster Dulles, der französische Außenminister Antoine Pinay. Jetzt unterzeichnet auch Figl. 24:18 Und Österreich ist frei. Die Außenminister stehen gemeinsam auf dem Balkon des Schlosses und werden von 24:26 einer vieltausendköpfigen Menge jubelnd begrüßt. Man winkt gemeinsam dem österreichischen Volk zu. Jedoch ist man bereits [musik] getrennt. 24:35 Ab diesem Moment auf dem Balkon des Oberen Belvedere in Wien sind Ost und West militärisch eindeutig definiert. Und dennoch, 24:45 nach Deutschland ist nun auch Österreich in die Gemeinschaft der Nationen zurückgekehrt. Eine neue Ära beginnt in der Sowjetunion 24:55 mit einem erfahrenen Pragmatiker. Auf dem 20. Parteitag der Kommunistischen Partei der Sowjetunion im Februar 1956 leitet Nikita Chruschtschow in einer 25:06 geheimen Rede das Ende des Stalinismus ein. Chruschtschow zählt die Führer kommunistischer Parteien auf, die noch beim 19. Parteitag anwesend waren und 25:15 jetzt tot sind. [musik] Es gelte, so Chruschtschow in seiner Rede, wieder zu den leninschen 25:21 Prinzipien der Parteiführung, vor allem zur Kollektivität zurückzukehren. [jubel] Es scheint eine neue Phase der 25:31 Entspannung, ein Tauwetter im Kalten Krieg zu geben. Doch man sollte sich täuschen. Nachdem sich in Ungarn nach friedlichen 25:38 Massenprotesten in wenigen Tagen eine demokratische Führung unter dem Sozialisten [musik] Imre Nagy bildet, beenden sowjetische Panzer gewaltvoll 25:46 den Ruf nach Freiheit und Demokratie. Die Anführer des Volksaufstandes werden hingerichtet, [musik] Zehntausende eingekerkert und 25:54 interniert. Und rund 200.000 Menschen in die Flucht geschlagen. Der Wunsch nach Öffnung des Eisernen Vorhangs erhält von den USA nur verbale Unterstützung. Die 26:05 NATO greift nicht ein, da eine Einmischung in die Einflusssphäre [musik] der Sowjetunion als Kriegsgefahr befürchtet wird. 26:23 In Rom treffen einander 1957 die Regierungschefs und die Außenminister der Sechsergemeinschaft, um die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft, 26:32 kurz EWG, zu gründen. Ein nächster Schritt in ein gemeinsames [musik] Europa ist geschafft. Das Konzept, die Schlüsselindustrien eng miteinander zu 26:41 verzahnen und einen gemeinsamen offenen Markt zu schaffen, ist ein Friedenskonzept. Für die Bundesrepublik unterschreibt den Vertrag von Rom Konrad 26:49 Adenauer. An dem Tag, an dem die EWG-Verträge in Rom unterschrieben wurden, war ich im Kanzleramt zu einem Kaffeeklatsch beim 26:58 Bundeskanzler Raab. Wir machen immer wieder macht mir solche Begegnungen. Auf einmal sagt der Bundeskanzler ganz unerwartet: "Also, wir gehen dazu." 27:09 Sag ich: "Wozu, Herr Bundeskanzler?" Sagt er: "Zur EWG, also zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft." Ich erinnerte mich, dass die Russen 27:18 diese EWG verteufelt hatten. Sie sagten, es wäre der der Untergrund für die NATO. Und ich sag dem Bundeskanzler: "Und was sagen die Russen dazu?" Darauf antwortet 27:28 Raab: "Der wird nicht gefragt." Nein, die Russen wurden nicht gefragt, aber sie meldeten sich sofort, als Raab mit der Idee in die Öffentlichkeit ging. 27:39 Und Moskau erklärte, das wäre ein Bruch des Staatsvertrags, wenn Österreich zur EWG ginge, denn im [räuspern] 27:47 österreichischen Staatsvertrag ist der Anschluss Österreichs an Deutschland verboten. Und wenn Österreich zur EWG ginge, wäre es gleichbedeutend mit dem 27:56 Anschluss an Deutschland. Also musste auch Raab warten und Österreich warten, bis die Sowjetunion zusammenbrach. Erst dann durften wir zur EWG, das heißt zur 28:07 Europäischen Union, gehen, früher nicht. 1960 verliest Bundeskanzler Julius Raab die Regierungserklärung zum Beitritt Österreichs zur EFTA. Das neutrale 28:18 Österreich, durch das sowjetische Veto am EWG-Beitritt gehindert, schließt stattdessen einen Freihandelsvertrag ab. Die Mitglieder der EFTA sind Österreich, 28:26 die Schweiz, Portugal, Großbritannien, Norwegen, Schweden und Dänemark. Diese sieben Staaten schließen sich zu einer Freihandelszone zusammen, [musik] weil 28:35 sie der EWG nicht beitreten dürfen oder nicht beitreten wollen. Deutschlands Bundeskanzler Konrad Adenauer eilt 1963 auf Einladung von 28:45 Frankreichs Charles de Gaulle zu einer zukunftsweisenden Vertragsunterzeichnung in den Élysée-Palast. Aus Gegnern werden gute Freunde. Der im selben Jahr 28:53 zwischen de Gaulle und Adenauer geschlossene Vertrag über die freundschaftliche Zusammenarbeit der beiden Staaten stärkt das demokratische, 29:01 friedliche Europa. [musik] Der Bruderkuss besiegelt die gute Absicht. 29:08 [musik] In Europa ist das nicht die Regel. Der Eiserne Vorhang trennt [musik] das 29:18 demokratische Westeuropa vom kommunistischen Ostblock. Doch es gibt eine einzige Lücke, das freie West-Berlin. 29:27 Tausende [musik] Ostdeutsche benutzen den Übergang nach Berlin zur Flucht in den Westen. Das gefährdet recht bald die gesamte 29:35 [musik] Existenz der DDR. Daraufhin beschließt die DDR-Führung den Bau einer massiven Mauer rund um West-Berlin. Sie wird zum Symbol der im 29:46 Osten eingekerkerten Menschen. Die DDR-Propaganda aber nennt sie den antifaschistischen Schutzwall. 29:56 Sie bringt Schmerz und Leid und jahrelange Trennung. Nicht wenige Menschen riskieren ihr Leben, um diese Gefängnismauer zu überwinden. 30:13 [musik] Im selben Jahr steht der junge [musik] demokratische US-Präsident John F. 30:23 Kennedy einer weltpolitischen Krise gegenüber. Die Sowjetunion hat auf der mit ihr verbündeten [musik] Insel Kuba Atomraketen stationiert, die die 30:32 gesamten USA unmittelbar bedrohen. Um diesen offensiven Aufbau Einhalt zu gebieten, wird eine strenge Blockade über alles militärische 30:41 Offensivmaterial, das nach Kuba geliefert wird, eingeführt. Sämtliche Schiffe irgendeiner Art, die nach Kuba bestimmt sind, gleichgültig aus welchem 30:48 Land oder welchem Hafen, werden, wenn sie Ladungen von Angriffswaffen enthalten, zurückgeschickt werden. Ich habe die Fortsetzung und Verstärkung 30:56 einer scharfen Überwachung Kubas und seines militärischen Aufbaus angeordnet. Sollten diese offensiven militärischen Vorbereitungen andauern und dadurch die 31:04 Bedrohung der Hemisphäre verschärfen, wird dies weitere Aktionen rechtfertigen. Präsident Kennedy fordert den Abzug der 31:11 Raketen und verkündet eine Militärblockade, um sowjetische Transportschiffe fernzuhalten. Einige seiner Berater drängen zu einer Invasion 31:18 Kubas, aber im letzten Moment lenkt Chruschtschow ein. Er bietet den Abzug der sowjetischen Raketen gegen die amerikanische Zusicherung an, Kuba jetzt 31:28 und in Zukunft nie anzugreifen. Der Deal wird [musik] in der UNO abgesegnet. Die sowjetischen Raketen werden abgezogen, aber auch die Amerikaner [musik] ziehen 31:36 ihre in der Türkei stationierten Raketen ab, effektiv im Austausch. Als Reaktion auf diese ernsthafte weltweite Bedrohung unterzeichnen die 31:48 USA, die Sowjetunion und Großbritannien 1963 das erste Atomteststoppabkommen, das die Verbreitung von atomaren Waffen und atomaren Schäden verhindern soll. 31:59 [musik] Der Wille zu einer friedlichen Welt ist wieder einmal geboren, wenn auch das Wettrüsten der beiden Supermächte 32:06 ungehindert weitergeht. [musik] 32:15 Um zu betonen, dass die USA wegen des Mauerbaus weiterhin und immer für die Freiheit West-Berlins eintreten und sich nicht vertreiben lassen werden, besucht 32:23 Kennedy Berlin, spricht vor Zehntausenden Berlinern und endet mit seinem historischen Bekenntnis: [jubel] 32:33 Frankreichs de Gaulle hat sich mittlerweile mit Deutschland [musik] versöhnt. Bei den Briten hat er nach wie vor Vorbehalte. Zweimal verhindert 32:40 Charles de Gaulle die Europapläne der englischen Regierung. Er hält Großbritannien für nicht europareif. Eine Gegenleistung für Englands Krieg 32:48 gegen Hitler ist für den Staatspräsidenten keine politische Kategorie. [musik] 32:57 De Gaulle aber steht selbst unter schwerem Druck. In Paris revoltieren die Studenten und fordern den Rücktritt des konservativen Generals. Seine Politik, 33:05 [musik] die weitgehend auf seinen Erfahrungen als Kriegsveteran beruht, ist der jungen Generation zu eng, zu starr und zukunftsverweigernd. 33:14 Sie errichten Barrikaden. Es fliegen Pflastersteine, die mit Baggern und Bulldozern entfernt werden müssen. Im Mai 1968 brennt Paris und die Unruhen 33:23 greifen auch auf andere französische Städte über. Explosionsartig entlädt sich das soziale und politische Unbehagen der Studenten. Bei den 33:32 Arbeitern stoßen die revolutionären Aktionen der Studenten auf Misstrauen und zunächst auf Ablehnung. [musik] 33:39 Erst als die Regierung auf harte Konfrontation geht, schließen sich die Gewerkschaften den Protesten der Studenten an. 33:49 [musik] In der DDR rumort es ebenfalls. 1968 kommt es vereinzelt zu Protesten, vor allem friedlich und getragen von 33:59 Schülern und Studenten und jungen Arbeitern. Die Sympathien der Demonstranten gelten vorwiegend [musik] dem Versuch eines demokratischen 34:07 Umbruchs. Während die zweitstärkste Militärmacht der Welt beginnt, mit ihren Panzern die 34:17 sanfte Revolution in Prag zu überrollen. Dort fordern selbst Kommunisten einen neuen Sozialismus mit menschlichem Antlitz. Sie heben die Pressezensur auf, 34:27 fordern volle Meinungsfreiheit und eine Demokratisierung der Partei. Moskau reagiert [musik] wie Jahre zuvor in Ungarn und marschiert mit Panzern und 34:36 Truppen in die Tschechoslowakei ein, unterstützt von Soldaten Polens, Ungarns und Bulgariens. In Prag wird der Reformkommunismus einfach niedergewalzt. 34:46 [musik] Doch die Bevölkerung wehrt sich, versucht die Panzer aufzuhalten und setzt sie teilweise in Brand. Vergeblich 34:53 ruft der Führer der KP, Alexander Dubček, die Bevölkerung auf, sich nicht provozieren zu lassen, geduldig und gescheit zu sein. Letztlich aber 35:03 scheitert der Widerstand an der Übermacht der Truppen des Warschauer Paktes. Der Generalsekretär der Kommunistischen 35:10 Partei der Tschechoslowakei, Alexander Dubček, wird nach Moskau beordert und später seines Amtes enthoben. Sein Nachfolger ist ein moskauhöriger 35:20 Politiker. [musik] Eine neue Generation von Politikern setzt ein Zeichen im Westen. Englands 35:30 Edward Heath führt seine erste Mission nach Frankreich und zu Georges Pompidou. Dieser führt im Inneren die gaullistische Politik weiter. In der 35:38 Außenpolitik ändert sich jedoch sein Kurs. 1972 öffnet er für Großbritannien das Tor nach Europa. Mit Januar 1973 erfolgt der EWG-Beitritt [musik] 35:49 Englands. Er wird aber bald wieder in Frage gestellt. Margaret Thatcher, Parteivorsitzende der Konservativen, wirbt für den Verbleib in der EWG. Ein 35:58 Referendum findet statt. Das Votum ist eindeutig und 8 Millionen Briten stimmen dagegen. Rund 17 Millionen stimmen aber für den Verbleib in der EWG. 36:10 [musik] Premierminister Edward Heath trifft in einer Stadt im hohen Norden Europas 36:21 weitere [musik] Politiker, die über Sicherheit und Zusammenarbeit den Abbau des Eisernen Vorhangs konferieren. Das finnische Helsinki wird zum 36:29 Ausgangspunkt erster gemeinsamer Verhandlungen zwischen Ost und West. Auf der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa treten 35 36:38 Staaten zusammen und beraten erstmals blockübergreifende [musik] Maßnahmen zum Thema Menschenrechte, Wirtschaft, Wissenschaft, Technik und 36:47 Umwelt in Europa. Das Gleichgewicht des Schreckens zwischen östlichem und westlichem 36:57 Machtblock sieht mit der Stationierung amerikanischer Langstreckenraketen, den sogenannten Pershing II, auch westeuropäische Standorte vor. Im 37:05 sogenannten NATO-Doppelbeschluss wollen die Amerikaner Pershing II-Raketen in hohem Ausmaß [musik] in verbündeten NATO-Ländern Europas, vor allem in 37:13 Deutschland, stationieren. Deutschland muss dem zustimmen und verhandelt gleichzeitig um den Abbau der auf Westeuropa gerichteten sowjetischen 37:21 SS-60-Raketen. Dem Journalisten Hugo Portisch gelingt es, in die geheimen Atombunker der USA vorzudringen. 37:28 Nach einem Gespräch mit Henry Kissinger, dem Berater des US-Präsidenten und Außenminister der USA, wurde mir und meinem Kameramann Sepp Riff die 37:38 Erlaubnis erteilt, dieses Atomhauptquartier zu besuchen und es auch zu filmen. In Begleitung von vier Offizieren durfte ich den sogenannten 37:47 War Room, also den Kriegsbunker, besuchen und auch filmen, in dem sich jenes sagenhafte rote Telefon befindet, über das der Einsatz aller Atomraketen 37:58 und Atombomber zum Gegenangriff gestartet werden kann, wenn die USA von der Sowjetunion angegriffen würde. 38:08 Das rote Telefon kann nur eingesetzt werden, wenn der Präsident oder im Falle seiner Verhinderung ein legitimierter Nachfolger den Befehl dazu gibt. Und der 38:18 Befehl dann auch noch vom Pentagon, vom Vereinigten Generalstab konfirmiert wird. Eine Vorsorge, der den unbedachten Einsatz der Atomstreitkräfte verhindern 38:29 soll. Aber wenn der Befehl kommt, dann starten Hunderte Raketen aus unterirdischen Silos und von getauchten U-Booten, die den ersten Schlag der 38:39 Sowjetzeile überstanden haben, gegen die Sowjetunion. Wir haben uns große Mühe gegeben und riesige Summen Geldes investiert, um 38:47 unsere strategischen Systeme zu sichern, also diese Waffen, vor denen sich alle so sehr fürchten, um sicherzustellen, dass nichts dergleichen passiert, weder 38:55 von Seiten eines Individuums, eines Menschen, noch durch eine Fehlfunktion technischer Art im System selbst. 39:09 In manchen Nächten schlafe ich, vielleicht nicht so gut wie andere Menschen. 39:17 Die Menschen in Europa sind verunsichert und verängstigt. Ein möglicher Atomkrieg scheint täglich für sie Wahrheit werden zu können. Vielfach werden die Sorgen, 39:26 die sie in europaweiten Friedensmärschen auf die Straße tragen, als kommunistische Angstbeeinflussung gesehen. Doch in Anbetracht der 39:33 Bedrohungsszenarien hat diese Angst mit Politik wenig zu tun. Es ist ein US-amerikanischer Kinofilm, 39:41 der die Politik [musik] der Abrüstung nachhaltig beeinflussen wird. The Day After zeigt 1983 die Folgen eines irrtümlich ausgelösten 39:49 Atomschlages. Und beeinflusst den damaligen Präsidenten Ronald Reagan bei seinem 39:57 Entschluss, einem Abrüstungsvertrag [musik] mit Sowjetchef Michail Gorbatschow zuzustimmen. Die Welt rüstet ab. 40:15 Osteuropa will sich befreien [musik] und sich dem Druck der autoritären Regierungen nicht mehr beugen. Die Bürger wollen Freiheit, Demokratie 40:24 [musik] und Wohlstand. In der DDR beginnt der starre Block der Diktatur zu bröseln. Die DDR-Bürger 40:34 sehen ihre Chance gekommen, [musik] dass ihre Proteste letztendlich die Demokratie mit sich bringen könnten. 40:50 Das Sowjetreich beginnt von der DDR aus zu zerfallen. Michail Gorbatschow, der neue Mann in Moskau, führte in der Sowjetunion eine 41:04 neue Innenpolitik [räuspern] ein. Mit den Schlagworten Glasnost für Transparenz und Perestroika für Umgestaltung des Systems will er die 41:14 Sowjetunion grundlegend reformieren. Während die russische Bevölkerung gezögert auf Gorbatschows Pläne eingeht, erwecken sie besonders in der DDR eine 41:23 neue Hoffnung. Ähnlich wie vor in Prag, fordern die Ostdeutschen jetzt mehr Demokratie und mehr Freiheit. Dafür wird jeden Montag in der eigenen 41:33 Demonstration rund um die Nikolaikirche in Leipzig demonstriert. Die Regierung der DDR hält den Druck kaum noch stand. Als Gorbatschow die DDR besucht, wird er 41:44 mit großem Sprechchor empfangen. "Gorbi, Gorbi", schreit die Menge und es ist klar, was sie damit meint: Mehr Freiheit. Ab jetzt stehen der 41:54 Kommunismus und die von ihm getragenen Regime in Mittelosteuropa und in der Sowjetunion in Frage.