Eine kurze Geschichte des Friedens Terra X History https://www.youtube.com/watch?v=XO_teIfoBrI Transkript (automatisch erstellt) 0:01 Der Traum vom Ende aller Kriege ist älter als die Friedensbewegung der 1960er Jahre. Aber vom Weltfrieden ist die Menschheit auch heute im 21. Jahrhundert immer noch weit entfernt. 0:14 Es ist einer DER Kriege unserer Zeit: Der Bürgerkrieg in Syrien dauert nun schon sieben Jahre lang, mehr als eine halbe Million Menschen sind darin gestorben oder gelten als vermisst, mehr als fünf Millionen sind geflüchtet. 0:29 Warum gelingt es nicht dort Frieden zu stiften? Und: Wie funktioniert Frieden? 0:35 Eine Frage, die sich Menschen schon seit Jahrtausenden immer wieder stellen. Um sie zu beantworten, hilft es, zu wissen, was „Frieden“ überhaupt bedeutet. 0:44 Frieden als Abwesenheit von Krieg, darauf können sich die meisten vermutlich einigen. Aber dann wird es schon komplizierter. Der norwegische Wissenschaftler Johann Galtung unterscheidet zwischen positivem und negativem Frieden. 0:59 Negativer Frieden ist für ihn der Zustand des Nicht-Krieges, also wenn keine Waffen mehr benutzt werden. Positiver Frieden dagegen ist dem Konzept nach viel mehr: Ein Zustand, in dem Gerechtigkeit herrscht, in dem es keine Armut oder Diskriminierung gibt. 1:16 Und warum leben wir dann nicht schon längst in diesem Zustand des positiven Friedens? Es ist nicht so, als ob die Menschen das nicht wollten. 1:24 Der Philosoph und Kirchenlehrer Augustinus von Hippo war bereits in der Spätantike der Meinung, dass der Mensch grundsätzlich in Frieden leben möchte. Demnach wollen sogar Terroristen Frieden, nur eben einen andern. 1:47 Der britische Philosoph Thomas Hobbes sieht das anders. Geprägt durch den englischen Bürgerkrieg im 17. Jahrhundert, ist sein Menschenbild ein anderes: Demnach ist der Mensch ein Egoist, der nach seinem eigenen Vorteil strebt. 2:01 Von ihm stammt das Zitat „Der Mensch ist dem Mensch ein Wolf“. Alle gegen alle also, der Krieg als Naturzustand der Welt. Friede kann es nämlich nach Hobbes nur durch eine Macht geben, die den Egoismus der Menschen kontrolliert: 2:16 Ein starker Staat, der Sicherheit und Ordnung schafft, auch durch militärische Abschreckung. Der bedeutendste Philosoph der Aufklärung Immanuel Kant traut dem Menschen mehr zu: 2:28 Auch wenn er nicht davon ausgeht, dass sich alle Menschen grundsätzlich immer vernünftig verhalten, traut er dem Menschen mehr Friedenswille zu als Hobbes es tut. Kant veröffentlicht Ende des 18. Jahrhunderts ein Buch mit dem Titel „Zum Ewigen Frieden“, eines seiner bekanntesten Werke. 2:45 Darin plädiert er für die Errichtung von internationalen Organisationen. Friedensbünde, die garantieren sollen, dass Staaten auf Krieg verzichten. Es sind genau solche Verbindlichkeiten und Verträge, die helfen, die Welt vorhersehbarer zu machen. 3:01 Jedes soziale System braucht Erwartungen und wechselseitige Rückversicherungen, um zu funktionieren. Genau deshalb sind Friedensverträge auch so wichtig. Sie schaffen Vertrauen und Stabilität. 3:14 Der älteste bekannte schriftliche Friedensvertrag wird 1259 v.Ch. zwischen dem ägyptischen Pharao Ramses II. und dem Hethiterkönig Hattusili III. geschlossen. Monatelange Verhandlungen beenden einen jahrzehntelangen Krieg. 3:32 Auszüge des Friedensvertrags befinden sich heute im Gebäude der Vereinten Nationen in New York. Warum ein Konflikt endet und Frieden geschlossen wird, kann ganz unterschiedliche Gründe haben. 3:44 Manchmal ist eine Partei einfach stärker, der Gegner ist ausgelaugt. Manchmal ist es das Drängen von außen. Beim Blick in die Geschichte lohnt sich es sich vor allem, den Westfälischen Frieden nach dem 30-jährigen Krieg zu betrachten: 3:57 Alle Friedensversuche scheitern, bis endlich alle Beteiligten miteinander verhandeln. Das dauert ganze fünf Jahre lang, zahlt sich aber aus. Danach herrscht 150 Jahre lang Frieden in Europa. Es ist kein Frieden aus Erschöpfung, es ist ein Frieden durch Diplomatie. 4:14 Der Westfälische Frieden nach dem 30-Jährigen Krieg gilt heute noch als Meilenstein für das Völkerrecht. In ihm werden die Interessen aller Beteiligten berücksichtigt. 4:24 Er ist auch deshalb so besonders, weil er nach dem Prinzip „Einer für alle, alle für einen“ funktioniert: Wer auch nur gegen einen Punkt des Vertrages verstößt, bekommt es mit allen zu tun. 4:36 Diplomatie, das heißt hier auch: Die Diplomaten haben Vollmachten ihrer Regierung, können verbindliche Zusagen liefern und gleichzeitig wissen sie genau, welche Zugeständnisse sie nur im äußersten Fall machen dürfen. 4:48 Dass alle Beteiligten eines Krieges miteinander verhandeln, ist auch einige Jahrhunderte später noch keine Selbstverständlichkeit. Nach dem ersten Weltkrieg wird das besiegte Deutschland von den Vertragsverhandlungen ausgeschlossen. 5:01 Auch der Inhalt des Friedensvertrags von Versailles stößt Deutschland bitter auf: Hohe Reparationszahlungen und Gebietsverluste sorgen für großen Unmut und werden so Nährboden für die spätere Nazi-Propaganda. 5:15 Direkt nach dem Zweiten Weltkrieg dagegen gibt es erst einmal keinen Friedensvertrag für das besiegte Deutschland. Die Teilung des Landes sorgt auch völkerrechtlich für Unsicherheiten, diese sind aber spätestens seit der Wiedervereinigung im Zwei-Plus-Vier-Vertrag beseitigt. 5:30 Aber auch ohne direkten Friedensvertrag ist klar: Deutschland hat den Zweiten Weltkrieg verloren. Frieden passiert nicht einfach. Es ist ein Prozess. 5:40 In diesem Prozess spielen viele Faktoren eine Rolle. Die Beteiligten müssen den Frieden zwar auch selbst wollen, nicht unterschätzt werden darf aber auch die Rolle von Vertretern der Zivilgesellschaft: 5:52 Musiker, Prominente, die ein Ende der Kampfhandlungen fordern. So gilt zum Beispiel Papst Johannes Paul II. als einflussreiche Führungsfigur im Kalten Krieg. 6:02 Als Friedensbotschafter tritt er damals immer wieder für Demokratie und Menschenrechte ein, unterstützt die polnische Gewerkschaftsbewegung Solidarność. Die Solidarność ist ein Teil der Lawine, deren Lostreten letztlich zum Fall des sowjetischen Imperiums beiträgt und den Kalten Krieg beendet. 6:19 Auf institutioneller Ebene sind es die Vereinten Nationen, kurz UN oder UNO, die den Frieden auf der Basis von gegenseitigen Absicherungen erhalten sollen. 1945 gegründet als internationale Organisation nach den verheerenden Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs, verpflichten sich all ihre Mitglieder, 6:39 Streit friedlich beizulegen und das Allgemeine Gewaltverbot anzuerkennen. Ihre Friedensbemühungen stützen sich auf die Grundsätze der UNO-Charta und die Kraft der Diplomatie. 6:51 Die Vereinten Nationen bieten mit der Generalversammlung ihrer 193 Mitgliedsstaaten zwar ein Forum für Gespräche. Aber: Sie können den Frieden nicht einfach so „anordnen“. 7:04 Selbst ihr mächtigstes Organ, der UN-Sicherheitsrat, ist in seiner Handlungsfähigkeit begrenzt. Während des Ost-West-Konflikts war er jahrzehntelang quasi gelähmt durch den häufigen Gebrauch des Vetorechts, das vor allem die Sowjetunion und die USA nutzten. 7:20 Der UN-Sicherheitsrat kann sich grundsätzlich jeder Streitangelegenheit annehmen. Das heißt, er kann Vorschläge zur Konfliktlösung machen und vermitteln, dafür braucht er aber die Aufforderung aller Streitparteien. 7:33 Er kann nicht selbst die Initiative ergreifen. Letztlich sind es immer die Streitparteien, die entscheiden, mit welchen Mitteln der Konflikt gelöst werden soll. Und, es liegt auch an ihnen, zu berurteilen, wie ernst sie die Eingriffe des Sicherheitsrats wirklich nehmen. 7:49 Natürlich kann der UN-Generalsekretär als oberster Verwaltungsbeamter Gespräche führen. Häufig ist es dabei schon ein Erfolg, wenn die Gespräche nicht vorzeitig abgebrochen werden. 7:59 Friedensverhandlungen können nur auf freiwilliger Basis geführt werden. Und das ist der entscheidende Punkt: Oft sind die Staaten nicht bereit, Konflikte gewaltfrei zu beenden. 8:11 Was alles erschwert: Die Konflikte in unserer Welt sind komplex. Das Geflecht der beteiligten Streitparteien und Interessen ist verworren. In Syrien zum Beispiel sind viele unterschiedliche Splittergruppen beteiligt, die unterschiedliche Ziele verfolgen. 8:25 Es fehlt der Wille, die Kriegsgewalt zu beenden. Ein landesweiter Waffenstillstand wurde bereits im Dezember 2015 durch eine Resolution des UN-Sicherheitsrats angestrebt, doch nie langfristig verwirklicht. 8:39 Frieden kann erst dann gelingen, wenn die Konfliktparteien bereit sind, die Waffen nieder zu legen und miteinander zu sprechen. Das erscheint ganz logisch, aber das Beispiel Syrien zeigt: Die Umsetzung ist das Problem. 8:53 Und selbst wenn es endlich zu Friedensverträgen kommt, ist damit längst nicht alles geklärt. Der wirkliche Frieden braucht Zeit. Um Gesellschaften, Völker miteinander zu versöhnen, braucht es mehr als Verträge. 9:08 Es braucht Menschen, die aufeinander zugehen und bereit sind, die Idee des Friedens zu leben, zu realisieren.