Der Mauerfall: Die friedliche Revolution in der DDR | neuneinhalb | WDR WDR https://www.youtube.com/watch?v=Tim1mrdHu2M Transkript (automatisch erstellt) 0:00 Ich treffe gleich jemanden, der bei einer Revolution mitgemacht hat. Eine Revolution, die Deutschland verändert hat. 0:10 Long Story Short 1989 gibt es in vielen Städten der Deutschen Demokratischen Republik, 0:16 kurz DDR, große Demonstrationen. Tausende Menschen protestieren auf den Straßen gegen ihre Regierung. 0:23 Damals ist Deutschland bereits seit 40 Jahren geteilt und viele sind extrem unzufrieden, wie es in der DDR läuft. 0:29 Ihnen fehlt es, frei, reisen zu dürfen, denn die DDR ist in Richtung Westen abgeriegelt, die Grenzen werden schwer bewacht. 0:37 Freie Wahlen gibt es nicht. Dafür eine große Partei, die über alles bestimmt. 0:42 Die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands, kurz SED. Wer die Partei und ihre Entscheidungen kritisiert, bekommt Probleme. 0:51 Auch die schlechte wirtschaftliche Lage des Landes trägt dazu bei, dass Menschen beginnen, 0:56 sich gegen das politische System der DDR aufzulehnen. Und das, obwohl sie sich damit in Gefahr bringen. 1:02 Denn Demos sind in der DDR streng verboten. Michael ist nicht nur zu Demos gegangen, sondern hat selbst welche organisiert. 1:11 Das Ergebnis war. Ja, unbedingt. Ich hatte selber und habe natürlich. 1:17 Ich habe uns diesen alten DDR Trabi gemietet, um mit Michael durch seine revolutionäre Vergangenheit zu düsen. 1:23 Aber meinst du du kriegst diesen Trabi zum Fahren? Ja, und das schaffe ich unbedingt. 1:30 Los geht die Reise. Ich kann das noch. Eindeutig. 1:34 Ja. Ich fühle mich hier sicher. Gut. Und während wir fahren, ist Zeit, euch Michael etwas genauer vorzustellen. 1:42 Michael wächst in einer Pastorenfamilie in Frankfurt an der Oder auf, weil die Kirche vom DDR Regime nicht gern gesehen ist. 1:49 Hat Michael schon als Kind mit Ausgrenzung zu tun? Zum Beispiel darf er kein Abitur machen. 1:55 Mit 17, etwa acht Jahre vor dem Mauerfall wird er das erste Mal verhaftet wegen eines Aufnäher aus der Friedensbewegung auf seiner Jacke. 2:04 Zwei Jahre später zieht Michael nach Berlin und beginnt, bei der evangelischen Kirche zu arbeiten. 2:09 Jetzt nimmt sein politisches Engagement richtig Fahrt auf. Wir fahren zu Michaels erstem Arbeitsort. 2:17 Hier in der Erlöserkirche ist er mit vielen Menschen in Kontakt gekommen, die dem DDR Regime kritisch gegenüberstanden. 2:24 Und mit wem oder mit was für Menschen hattest du hier damals am meisten zu tun? 2:29 Na mit allen, die in der DDR sonst nicht so richtig wussten, wo sie hin sollen. Das waren teilweise Musikbegeisterte, es waren Punks, es waren Skins. 2:38 Wir hatten hier auch die friedensbewegten Umweltgruppen. Es ging ja immer darum, Wir wollten den offenen Raum schaffen 2:45 dafür, dass Menschen das ausdrücken können, was sie sowieso machen wollen und sonst in der DDR keine Möglichkeit dafür hatten. 2:52 Deswegen waren hier Blueskonzerte. Oder wir haben auch politische Aktionen hier gemacht. 2:57 Mit dieser alten Druckerpresse hat Michael damals zum Beispiel Flugblätter für anstehende Demonstrationen gedruckt 3:03 und dann kann man die so drehen und dann geht es los. Aber was ich nicht so ganz verstehe das klingt ja alles wie Dinge, 3:12 wo die Polizei oder die Stasi sich dachte, Da können wir einschreiten, Die kommen alle in Knast. 3:18 Warum hat es geklappt, dass ihr das hier machen konntet? Ja, die Kirche hatte so eine wirklich eigene Rolle in der DDR 3:25 von der DDR überhaupt nicht gewollt, aber irgendwie auch gebraucht, weil alle Unzufriedenen waren ja dann in geschlossenen Räumen und 3:35 dann hat man die draußen nicht gesehen, dann war das für die DDR wieder okay. Dann sind wir rausgegangen und dann kamen die Polizei und dann ja 3:43 teilweise 50 Mannschaftswagen oder so, die standen hier vor der Tür, die hat noch richtig eine Wohnung 3:48 schräg gegenüber in der ersten Etage, wo sie immer raus gefilmt haben, um zu identifizieren, wer hier rein und rausgeht. 3:56 Das war so, da gibt es auch im Stasiunterlagenarchiv gibt es da ganz viele Filmaufnahmen. 4:01 Stasi steht für das Ministerium für Staatssicherheit. Diese Institution 4:06 soll in der DDR sicherstellen, dass niemand gegen die Regierung vorgeht oder deren Weltanschauung kritisiert. 4:12 Dafür baut die Stasi ein System der Kontrolle auf. Sie lässt Tausende von Menschen 4:17 überwachen, die in ihren Augen Schwierigkeiten machen könnten. Sie bringt sogar Nachbarn und Familienmitglieder dazu, 4:24 sich gegenseitig zu bespitzeln, oft durch Erpressung. Zu jeder überwachten Person wird eine Akte angelegt. 4:32 Hat die Stasi Verdacht auf staatsfeindliche Tätigkeiten? Bestraft sie diejenigen, lässt sie verhaften 4:38 und oft für mehrere Jahre einsperren. Die Zentrale der Stasi gibt es immer noch. 4:45 Heute ist sie allerdings ein Museum. Michael wurde in einem dieser Gebäude einmal festgehalten. 4:50 Vorne auf dem Bild Und da ist die Kirche, die wir kennen das ja, Das Bild ist quasi ein Schnappschuss. 4:58 Ich würd sagen, so zehn Sekunden nach Aufnahme dieses Bildes waren wir alle festgenommen. 5:03 Und das ist ja nicht nur einmal passiert, sondern siebenmal sieben Mal richtig. Hast du da nicht mal überlegt Boah, 5:10 vielleicht höre ich mal auf mit dem, was ich hier mache? Keineswegs. 5:13 Nachdem ich das erste Mal im Knast war, damals 17, da ich ja überlegt Zwei Jahre nehme ich den Kauf 5:18 und der war immer bei jeder Demonstration oder was auch immer ich angezettelt habe oder mitgemacht habe, habe ich immer überlegt 5:24 kriege ich dafür mehr als zwei Jahre? Wahrscheinlich nicht. Dann kann ich es machen. 5:29 Das ein krasser Gedanke in dem Alter. Hier in der Zentrale sammelte die Stasi 5:34 alle Informationen über die Menschen, die sie ausspionierte. In Akten wie dieser finden sich unzählige persönliche Informationen, 5:42 zum Beispiel auch Briefe und Postkarten. Aber wie ist die Stasi denn dahin gekommen? 5:48 Ich gehe davon aus, die hatten Briefkastenschlüssel und nicht nur Briefkasten. Schlüssel. 5:53 Mir ist es ja auch passiert. Ich bin in meine Wohnung und da steht in meinem Wohnzimmer vor einem Regal 5:59 ein Mann, der sagt Na, ich wollt mal ihr Bücherregal angucken. Echt? 6:03 Ja, ich war ein bisschen komplex und sagte Ich habe einen Schlüssel. Und wenn Sie jetzt hier sind, dann würde ich jetzt auch gehen 6:11 und es gegangen. Ich hatte richtig Angst. 6:12 Wenn mir so was passieren würde, ich würde mich ja nirgendwo mehr sicher fühlen. In den eigenen vier Wänden. 6:16 Nicht mal wenn ich Michael so höre, finde ich es umso beeindruckender, das Ende der 80er Jahre immer mehr Menschen in der DDR den Mut 6:25 finden, ihre Kritik offen auszusprechen. 1989 fordern immer mehr von ihnen mehr demokratische Rechte. 6:33 Sie wollen freie Wahlen, Reise und Meinungsfreiheit. Gleichzeitig fliehen immer mehr Menschen in den Westen. 6:40 Als rauskommt, dass es Fälschungen bei Kommunalwahlen gibt, steigt die Wut im Land noch weiter. 6:45 In Leipzig starten im September die ersten Montagsdemos, die sich in weitere Städte ausbreiten und immer größer 6:52 und mächtiger werden. Wie hat sich das denn damals für dich angefühlt? 6:59 Plötzlich wurden immer mehr, auch auf der Straße. Wie war das für dich? 7:03 Einerseits beruhigend, weil es wurde nach und nach deutlich So ganz spinnen tun wir offenbar nicht. 7:09 Auf der anderen Seite war klar Der Staat wird sich das jetzt nicht mehr gefallen lassen. 7:13 Irgendwas wird jetzt passieren, aber das Ding ist ja, ich habe mich ja, 7:16 ich frage mich echt, wie konntet ihr demonstrieren, wenn der Staat sich das auch nicht gefallen lässt? 7:21 Also das war doch alles nicht erlaubt. Wir waren einfach viele und dann sind die Polizisten Stück für Stück zurückgewichen 7:28 und haben sie einfach so Wir haben nichts gemacht. Wir haben Lieder gesungen und Kerzen gehalten. 7:34 Das war einfach die Überwältigung der staatlichen Gewalt durch, durch Frieden, durch einfach friedliche Revolution. 7:42 Die standen da mit ihren Knüppeln und wir standen ihnen gegenüber auf Armeslänge mit, mit. 7:49 Mit Kerzen in der Hand. Mit Gewalt kann die DDR Regierung nichts gegen den Protest der Menschen ausrichten. 7:56 In einer Pressekonferenz am 9. November 1989 folgte dann die Reaktion auf die Proteste. 8:02 Deshalb haben wir uns dazu entschlossen, heute eine Regelung zu treffen, 8:09 die es jedem Bürger der DDR möglich macht, über Grenzübergang Spunkt 8:15 der DDR auszureisen. Michael hört an diesem Tag im Autoradio von den Reiseerleichterungen 8:22 und fährt sofort zu dieser Brücke. Damals war hier noch ein streng bewacht Grenzübergang. 8:28 Also als ich kam, war das tatsächlich überhaupt noch nicht so aus. Ich war ja einer der Ersten hier. 8:32 Da waren außer mir vielleicht zehn, zwölf andere Menschen, die an der Mauer an der Grenze standen. 8:38 Und dann bin ich da hin und keiner wusste, was jetzt ist. Dann sagte ein Polizist Ausweis her. 8:44 Und da macht er einen dicken Stempel auf mein Foto, so dass man das Foto nicht mehr sehen konnte. 8:50 Was machen Sie da? Sie kommen doch sowieso nicht wieder. 8:53 Ich sage, ich will gar nicht wissen. Ich wollte nur mal fragen, was hier los ist. 8:57 Und dann waren hinter mir Leute, die haben geschubst, haben gesagt, wir wollen aber da hin, 9:00 und dann haben die mich raus geschubst. Und dann stand ich auf der Brücke und war in Westberlin 9:04 und da hielt ein Ford Fiesta an, da hab ich gesagt Ja, ich bin aus dem Osten, ich bin hier gerade rüber, hat er gesagt, Du hast da. 9:10 Super. Vielleicht machen wir eine Feier. Ich gesagt Ja, super. 9:14 Wo feiert man denn hier, hat er gesagt, Am Kudamm. Dann sind wir zusammen zum Ku'damm gefahren und ab da war Party. 9:20 Als bekannt wird, was gerade passiert, strömen immer mehr Menschen zu den Grenzübergängen und feiern. 9:25 Das erste Mal seit 28 Jahren sind die Grenzübergänge der Berliner Mauer offen. Dank vieler mutiger Menschen, die sich dafür eingesetzt haben, die bei. 9:38 Für Michael ist ganz klar Sich einzumischen lohnt sich immer und erst recht in der heutigen Zeit. 9:44 Er habt es gehört. Und dieser Mann weiß, wovon er spricht. 9:48 Schaut doch auch mal vorbei, wenn ihr mehr über diese Zeit wissen wollt. Oder in der ARD Mediathek. 9:53 Da gibt es auch ganz viel dazu. Siehst bis zum nächsten Mal. Tschüss.