Er fotografierte das Vernichtungslager in Aktion | Terra X Terra X History https://www.youtube.com/watch?v=SVexnIP7YOU Transkript (automatisch erstellt) 0:03 Direkt an der Rampe von Auschwitz-Birkenau liegt die sogenannte Blockführer-Stube. Hier sind SS-Männer tätig, die die Züge in Empfang nehmen. Ein praktischer Ort für Bernhard Walter, um sein Motorrad abzustellen. Von hier sind es nur ein paar Meter ins Zentrum des Geschehens, das er an diesem Tag begleiten soll. 0:36 Auf der Rampe herrscht am frühen Morgen bereits reges Treiben. Eine Kolonne Juden aus Ungarn wird gerade „abgefertigt“, wie es im Sprachgebrauch der SS heißt. Eigentlich ist Fotografieren im Lagerbereich streng verboten. Bernhard Walter macht es in diesen Tagen dennoch, ganz offen. 1:02 Es sind die einzig bekannten Fotos, die ein Vernichtungslager in Aktion zeigen. Eine Frage, die den Historiker Stefan Hördler seit Jahren beschäftigt. Warum darf Walter, was andere nicht dürfen? 1:27 Er hat Bernhard Walters Fotos und Lebenslauf genau studiert. Wie dieser Fotograf in Auschwitz wurde. Der gelernte Stuckateur aus Fürth tritt im Mai 1933 in die Partei und SS ein, wie sein handgeschriebener Lebenslauf in der SS-Personalakte verrät. Er ist damals 22 Jahre alt und war häufig beschäftigungslos. 1:51 Bernhard Walter ist ein sogenannter Maikäfer, also die die erst nach der Machtergreifung, nach der Machtübernahme eintreten, um Teil des Systems zu sein. Es wäre jetzt sehr spekulativ zu sagen, er war besonders überzeugt oder dass er es aus rein opportunistischen Gründen gemacht hat. Vielleicht war es auch beides. 2:10 Zumindest hatte Bernhard Walter nicht nur kein Problem, für das System tätig zu sein, sondern er hat für das System mit Kontinuität bis 1945 ein Stück weit, in Anführungsstrichen, alles gegeben. Bernhard Walter meldet sich 1934 freiwillig als Wachmann in Dachau, einem der ersten KZs, die errichtet werden. 2:36 Die SS und die SA nehmen nach der sogenannten Machtergreifung Gegner des Regimes willkürlich gefangen und sichern so die Diktatur der Nazis. Bernhard Walter erlebt, wie die SS ganz Deutschland mit einem Netz von Konzentrationslagern überzieht. Er selbst wird mehrfach versetzt. 2:59 Im Januar 1941 tritt Walter seinen Dienst in Auschwitz an. Der Ort liegt in Oberschlesien, das nach dem Sieg über Polen von Deutschland annektiert wurde. Hier bauen die Deutschen eine ehemalige polnische Kaserne zu einem KZ um. Für Bernhard Walter nach sieben Jahren in der SS: vertrautes Terrain. 3:26 Selbst die Inschrift über dem Lagertor „Arbeit macht frei“ ist die gleiche wie in seinem ersten Dienstort, dem KZ Dachau. Auf ihn wartet in Auschwitz eine besondere Aufgabe. Nach einem Autounfall mit Schädelbruch kann er nicht mehr als Wachmann arbeiten. 3:46 Die SS lässt den erfahrenen Mitarbeiter nicht fallen, sondern schult ihn zum Fotografen um. In Auschwitz erhält Bernhard Walter Arbeitsräume in Block 26. Er baut hier als Leiter den sogenannten „Erkennungsdienst“ auf, eine zentrale Stelle der sogenannten Politischen Abteilung in allen KZs. 4:06 Ein angenehmer Job. Die meiste Arbeit erledigen Häftlinge. Außerdem hat Walter noch einen weiteren SS-Fotografen als Untergebenen. Im Erkennungsdienst werden die neuen Häftlinge fotografiert und registriert. Im Falle einer Flucht kann so gezielt nach ihnen gefahndet werden. 4:33 Wie alle KZs dient Auschwitz zunächst der Einschüchterung der Bevölkerung. Die Deutschen Besatzer verhaften willkürlich angehörige der polnischen Eliten und alle, von denen sie Widerstand erwarten. Selbst wenn diese fast noch Kinder sind. 4:57 Über 50.000 Häftlinge werden im Erkennungsdienst abgelichtet. Ein Teil der Fotos hängt heute an einer Gedenkwand in Auschwitz. Jedes dieser Gesichter hat eine Geschichte, die mit dem Tod im Lager endet. Walter bringt es in Auschwitz bis zum Hauptscharführer, der zweithöchste Unteroffiziersrang der SS. Dies entspricht einem Oberfeldwebel bei der Wehrmacht. 5:27 Als Leiter des Erkennungsdienstes genießt er besondere Annehmlichkeiten. Seine Frau und ihr einjähriger Sohn dürfen ihn nach Auschwitz begleiten. Dort werden zwei weitere Kinder geboren, ein Mädchen und ein Junge. 5:48 Die SS ist im KZ-System bewusst familienfreundlich. Die zentralen Positionen, die in der Lagerorganisation eingesetzt waren, hatten, wenn möglich, Familien am Standort. 6:03 Und aus der Sicht der SS war das immer ein beruhigendes Element, genau diesen Privatrahmen zu haben und dementsprechend diese Balance zwischen, so heißt es ja auch in den SS-Akten, „schweren Dienst“ und dem Ausgleich im privaten Haus. 6:22 Bernhard Walter fotografiert nicht nur Häftlinge, auch die SS-Angehörigen selbst. Er ist als offizieller Lagerfotograf bei Ausflügen und Feiern dabei. Walter kennt alle, die wichtig sind im Lager: Den Kommandanten von Auschwitz Rudolf Höß und den SS-Arzt Mengele, der grausame Experimente mit Kindern macht. 6:50 Der Fotograf hält den Moment fest, wenn das Personal der Gaskammern dem Chef zum Abschied ein Ständchen gibt. Bei allen wichtigen Anlässen begleitet ihn sein Untergebener SS-Unterscharführer Ernst Hofmann. Ein ehemaliger Volksschullehrer mit Leidenschaft fürs Fotografieren. 7:14 Bei einem Besuch des SS-Chefs Heinrich Himmler im Juli 1942 gerät so Walter selbst ins Bild, während er fotografiert. Der Reichsführer-SS hat wichtige Gründe für seinen Besuch. Himmler inspiziert vor allem ein neues Lager, das noch im Bau ist - es liegt drei Kilometer entfernt vom bereits bestehenden KZ, 7:40 das nun Stammlager genannt wird, beim Dorf Brzezinka, das die Deutschen Birkenau nennen. Auschwitz-Birkenau, oder Auschwitz 2, wie es genannt wird, hat einen rechteckigen Grundriss wie ein altes Römerlager mit zwei sich kreuzenden zentralen Lagerstraßen. 8:03 Zwischen ihnen liegen Baracken, auch Blöcke genannt, in denen die Häftlinge untergebracht sind. Von ihnen getrennt entsteht eine SS-Kaserne für die Bewacher. Nichts Neues für Himmler, ihn interessiert etwas anderes, ein ehemaliges Bauernhaus, am Rande des Lagers, das sogenannte „Weiße Haus“. Von ihm sind heute nur noch Fundamente zu sehen. 8:32 Vier luftdichte Kammern hat Kommandant Höß hier einbauen lassen. Er zeigt Himmler eine neue Methode für den systematischen Mord an allen Juden, den das NS-Regime ein Jahr zuvor begonnen hat. Bislang wurden sie meist erschossen, im Weißen Haus sterben sie durch das Giftgas Zyklon B. 8:57 Himmler lässt sich von Höß den gesamten Mordvorgang zeigen, vor versammelter Mannschaft. Zu ihr gehören wohl auch die Fotografen, die diese Fotos machen: Bernhard Walter und Ernst Hofmann. 9:15 Beide SS Fotografen begleiten Heinrich Himmler beim Besuch im Juli 1942, über den ganz klar belegt ist, dass er sich den Tötungsvorgang detailliert angesehen hat. Und es ist davon auszugehen, dass die Fotografen natürlich auch dabei waren. 9:47 Europa, im Frühjahr 1944. Noch beherrschen Deutschland und seine Verbündeten, darunter Ungarn, große Teile des Kontinents. Doch die Alliierten sind auf dem Vormarsch. Die Rote Armee steht bereits an der Grenze Ungarns, das über einen Bündniswechsel nachdenkt. Um das zu verhindern, rückt im Frühjahr 1944 die deutsche Wehrmacht in Ungarn ein. 10:18 Das hat Folgen für die rund 800.000 Juden im Land. Jetzt greift die deutsche Führung auch nach ihnen. Sie will sie ermorden, wie sie es anderswo schon getan hat. Aber einen Teil von ihnen zunächst als Arbeitssklaven für die deutsche Rüstungsindustrie ausbeuten. 10:37 Ungarische Polizisten leiten die Juden zu Sammelorten, wo sie in Züge verfrachtet werden. Ab Mitte Mai 1944 läuft die sogenannte „Sonderaktion Ungarn-Programm“ auf Hochtouren. Ende Mai informiert ein Telegramm das Auswärtige Amt in Berlin: Bis jetzt seien schon 150.000 Juden aus den Karpaten und Siebenbürgen zum „Zielort“ abgefertigt worden. Dieser „Zielort“ ist Auschwitz. 11:10 Eigens für die Transporte aus Ungarn sind die Bahngleise bis in den Lagerkomplex hinein verlängert worden. So können die Deportierten direkt im Zielort in Empfang genommen werden. Die Ankunft so vieler Menschen in so kurzer Zeit hat Bernhard Walter noch nie erlebt. Über 430.000 Menschen in nur acht Wochen. 11:32 Das sogenannte „Ungarn-Programm“ gilt als so bedeutend, dass Walter Fotos macht. Sein Chef will es so. Es ist davon auszugehen, dass der Initiator Rudolf Höß selbst war, der bis 1943 Kommandant von Auschwitz war und im Mai 1944 nach Auschwitz zurückkehrt, um diese Sonderaktion durchzuführen. 11:54 Und natürlich ist es in seinem Interesse, dass auch als eine Erfolgsgeschichte zu schreiben, die ihn als Experten des Lagerwesens darstellt. Die Fotos, die Walter in diesen Tagen macht, sind offenbar als eine Art Leistungsnachweis gedacht. 12:14 Höß will sich mit ihnen seinem obersten Chef Heinrich Himmler empfehlen. Die Botschaft: Er hat alles perfekt im Griff. Die Tür öffnete sich und es war ein Schreien und Rufen: Raus, raus, raus! Lasst alles zurück, nehmt nichts mit, lasst alles da. 12:44 Ich erinnere mich, es war noch ziemlich kalt und meine Mutter war sehr praktisch veranlagt. Sie behielt selbst jetzt einen klaren Kopf und sagte uns: Zieht alles an, was ihr könnt in der kurzen Zeit. Ich zog einen sehr großen Mantel an und ein Kopftuch und dann sprangen wir aus dem Zug und ließen alles andere zurück. 13:14 Nicht immer läuft es so reibungslos, wie es auf diesem Foto wirkt. Augenzeugen berichten von Chaos und Gewalt auf der Rampe. Bernhard Walter hat kein Interesse an Motiven, die den gewünschten Eindruck einer perfekten Abwicklung stören würden. 13:36 Zahlreiche Bilder, die Bernhard Walter macht, zeigen die Ahnungslosigkeit vieler Ankommender. Also die Menschen sind ja erst einmal froh, aus diesem Waggon raus zu kommen, an eine frische Luft zu kommen, vielleicht ihre Verwandten, Bekannten aus den anderen Waggons wiederzusehen 14:00 und Sie sehen auf den Fotos teilweise sogar eine Erleichterung in diesen Gesichtern, dass man irgendwo jetzt endlich angekommen ist und das vermeintlich die Tortur zu Ende ist. Einige Fotos macht Walter vom Dach des Zuges. Für das, was jetzt kommt, benötigt er Übersicht. 14:23 Noch sind die Menschen auf der Plattform ungeordnet, doch das ändert sich bald. Die SS bringt schnellstmöglich Ordnung in die allgemeine Unruhe. Wir waren alle auf der Plattform, als uns ein weiterer Befehl gegeben wurde. Männer auf die eine Seite, Frauen und Kinder auf die andere Seite. 14:50 Mein Vater und mein 16jähriger Bruder stellten sich also mit den anderen Männer in die Reihe neben uns. Die SS teilt die ankommenden in vier Kolonnen auf. Zwei auf der Ostseite der Rampe in Richtung des Tores und zwei an der Westseite ihnen gegenüber. 15:15 Alle vier Kolonnen sind auf die Mitte ausgerichtet, die frei bleibt. Dort wird der Zug geteilt, um den Weg in die Lagerstraße B zu öffnen. Dann beginnt die sogenannte Aussortierung. Zuerst sind die Frauen und Kinder an der Westseite der Rampe an der Reihe. 15:41 So erleben es auch Irene Vogel und ihre Familie. Die Menge bewegte sich nach vorne und wir mit ihr, bis wir schließlich ganz vorne waren. 16:00 Vor uns standen ein Dutzend Nazi-Soldaten mit Hunden und einer von ihnen hatte einen Stock. Die SS-Männer schlagen mit Spazierstöcken, wenn es ihnen nicht schnell genug geht. 16:22 SS-Ärzte teilen die Ankommenden auf der Rampe in arbeitsfähig und nicht-arbeitsfähig ein. Alte, Kranke und Kinder gelten grundsätzlich als nicht-arbeitsfähig. Es gibt Befehle, dass Frauen und Männer zu registrieren seien, aber Mütter mit Kindern nicht. Was klar ist, dass das immer eine Kategorie war, die in der Trennung aus der Sicht der SS ein Problem darstellte. 16:53 Weil sie in ihrer Panik oder dem Auseinanderzerren der Familie Unruhe in den Ablauf von Selektion und Mord brachte, den man unbedingt vermeiden wollte. An der Rampe hat der Fotograf von heute Morgen die Motive, die er wollte. Er bricht auf zur nächsten Station. 17:18 An mehreren Tagen begleiten Bernhard Walter und der zweite Fotograf von Auschwitz Ernst Hofmann die für nicht-arbeitsfähig Befundenen auf ihrem letzten Gang. Er führt hier von der Rampe aus durch die Lagerstraße B Richtung Norden. Auch hier machen sie Fotos: Alte, Frauen und Kinder. 17:42 Aus ihren Gesichtern spricht Sorge, aber keine Verzweiflung. Sie wissen nicht, dass diese Fotos die letzten Zeugnisse ihres Lebens sein werden. Durch die Lagerstraße B sind es rund 1,5 Kilometer zu einem kleinen Wäldchen, das noch innerhalb des umzäunten Lagers liegt. 18:20 Die Fotos, die hier entstehen, sollen zeigen, wie ruhig alles abläuft und wohl auch, dass die hier abgebildeten im Sinne der SS nicht-arbeitsfähig sind. Denn der Leiter der Vernichtungsaktion Höß wird erklären müssen, warum so viele vergast werden, wo Himmler doch dringend nach neuen Zwangsarbeitern für die Rüstungsindustrie verlangt. 18:51 Dieses Foto zeigt Menschen, kurz vor ihrer Ermordung. Fühlen die Fotografen kein Mitleid mit den Kindern, die sie direkt anschauen? Bernhard Walter hat selber drei Kinder. Unter den Kameraden ist er beliebt, wie eine Karikatur aus seinem Auschwitzer Freundeskreis zeigt. 19:21 Er wird in ihr als einer beschrieben, der sich um andere kümmert und zu Späßen aufgelegt ist, – ein „ausgezeichneter Gesellschafter und Grimassenschneider“. Wie kann ein solcher Mann sich in die Mordmaschinerie einfügen? 19:40 Bernhard Walter selbst ist ja bereits seit 1934 als SS-Mann im KZ-System tätig. Es ist nicht das erste Mal, dass dieser Mann Gewalt sieht oder Mord sieht, das ist schwer vorstellbar in der heutigen Zeit, aber das ist etwas, was für diese SS-Männer zum Alltag gehörte. 20:04 Neben der Gewohnheit wirkt auch die NS-Ideologie. „Ratten stellen unter den Tieren das Element der heimtückischen, unterirdischen Zerstörung dar. Nicht anders als die Juden unter den Menschen.“ 20:20 Seit Jahren schürt die Propaganda Hass gegen die Juden. Wie denken die SS-Täter? 20:32 In der Rassenideologie des Nationalsozialismus spielt das vermeintliche Blut eine exorbitant wichtige Rolle. Klar, dass biologisch gar nicht nachgewiesen werden kann, was eigentlich der Unterschied quasi des Blutes zwischen einem Juden und Nichtjuden sei. 20:48 Deshalb hat man etwas fast schon Metaphysisches entwickelt, nämlich den Moment der Rassenseele, die Rassenseele, die sich im Blut quasi weiterträgt von Generation zu Generation. Und wenn man, das ist die Perspektive der NS-Führung natürlich, wenn man dann das Judentum wirklich auslöschen möchte, muss man es quasi in allen ihren Wurzeln tun 21:13 und das bedeutet am Ende das unterschiedslose Ermorden von Männern, Frauen und Kindern. Überzeugte Rassekrieger sehen in den Kindern keine Kinder, sie sehen den heranwachsenden Feind. Es ist die furchtbarste Konsequenz der Ideologie: Die Täter morden offenbar mit gutem Gewissen. 21:39 Vom kleinen Wäldchen sind es nur ein paar Schritte zu einer von vier großen Vergasungsstationen, die die SS inzwischen erbaut hat. Von ihnen stehen in Auschwitz-Birkenau nur noch die Grundmauer, auch vom sogenannten Krematorium 5. 22:02 Über diese Schwelle gingen die Menschen in den Entkleidungsraum. Haben die Fotografen sie auch hierhin begleitet? Wir sind sehr oft nach Auschwitz gefahren, um sehr genau die Orte zu bestimmen, an denen die SS-Fotografen ihre Fotos aufgenommen haben. 22:22 Und es gibt Aufnahmen, die direkt aus der Tür des Entkleidungsraums der Gaskammer aufgenommen worden sind. Auch dieses: Eine Frau, die von drei Männer gehalten wird. Der Ort ist eindeutig, denn im Hintergrund ist das gegenüberliegende Krematorium 4 zu sehen. 22:44 Will sie nicht in das Gebäude gehen, in deren Tür der Fotograf steht? Ahnt sie, was ihr bevorsteht? Und hier spielt der SS-Fotograf ein Stück weit mit seinem überlegenen Wissen, denn er weiß, was jetzt kommt und mit der Perspektive macht er auch auf dem Foto klar, was als nächster Schritt folgt. 23:11 Von dem, was folgt, gibt es keine Fotos: Die Abläufe in den neuen Mordanlagen, Krematorium 2-5 genannt, sind bis ins Detail ausgeklügelt. Im Entkleidungsraum müssen sich die Opfer ausziehen, angeblich zum Duschen. 23:28 Nummerierte Haken an der Wand sind Teil der Täuschung. Die Opfer sollen sich ihre Nummer merken, um die Kleider wieder zu finden. Danach geht es in den angeblichen Duschraum. Die Duschköpfe an der Decke sind Attrappe. Entscheidend sind die umgitterten Käfige, die vom Boden zu einer Luke in der Decke reichen. Es sind Einwurfschächte für das Zyklon B. 24:06 Ein SS-Mann schüttet das Zyklon B, ein Ungeziefer-Mittel, durch die Dachluke. Aus dem Granulat treten sofort giftige Blausäure-Dämpfe aus. Es beginnt mit einem stechenden Schmerz im Brustkorb, gefolgt von heftigen Krämpfen wie bei einem epileptischen Anfall. 24:31 Das war ein Vorgang, der extrem qualvoll verlaufen ist. Und dieser Prozess, der von vielen selbst SS-Angehörigen im Nachhinein selbstentschuldend: ja, das sei ein Vorgang, der human gewesen sei für die Opfer anders als Erschießungen, wo man ja nicht sicherstellen kann, dass sie sofort tot sind. 24:54 Das sind natürlich extrem zynische, ja fast schon bösartige Aussagen, die nichts mit der Realität zu tun hatten. Von der Gaskammer sind es nur wenige Meter bis zu den Öfen, wo die Leichen verbrannt werden. Alles ist unter einem Dach. 25:18 Während des Massenmordes an den Juden aus Ungarn sind die Öfen Tag und Nacht in Betrieb. Über 10.000 Menschen werden allein am 26. Mai 1944 in den fünf Vergasungsstationen von Auschwitz-Birkenau umgebracht. Gegen 17.30 Uhr ist die übliche Arbeitszeit für SS-Männer wie Bernhard Walter beendet. Wahrscheinlich fährt er zurück ins Stammlager, in seine Arbeitsräume in Block 26, dem Erkennungsdienst. 26:01 Hier werden die Fotos vom sogenannten Ungarn-Programm entwickelt. Sie sind für ein Album bestimmt, mit dem der Leiter der Aktion Rudolf Höß seinen Vorgesetzten zeigen will, wie gut er diese Aufgabe meistert. Dementsprechend wählt Walter die Fotos und ihre Beschriftung aus. 26:25 Die Ausführung übernehmen Häftlinge. 56 Seiten mit fast 200 Fotos hat das Album am Ende. Walter benutzt die übliche Tarnsprache der Täter: Statt „Vernichtung“ heißt es im Album „Umsiedlung“ der Juden aus Ungarn. 26:47 An den Anfang des Albums stellt er Fotos von Menschen, die dem NS-Klischee - eines Juden entsprechen. Und so den Rassismus seiner Vorgesetzten bestätigen. Die Fotos von der Selektion auf der Rampe sollen Ruhe und Ordnung zeigen - Höß und seine Männer haben alles perfekt im Griff. 27:15 Dazu dienen auch die Aufnahmen von Müttern mit Kindern und alten Menschen, die kurz vor der Ermordung stehen. Auch wenn die Fotos den qualvollen Tod in der Gaskammer nicht zeigen, belegen die Aufnahmen ein beispielloses Menschheitsverbrechen. Ganz entgegen der Absicht der Täter. 27:46 Sie lassen 15 Exemplare des Albums anfertigen, das berichtet später ein Häftling, der daran mitarbeiten musste. Mit Sicherheit hat Reichsführer-SS Heinrich Himmler eines von ihnen bekommen, auch anderen SS-Größen dürfte es Höß voller Stolz geschickt haben. 28:05 Doch nur eines dieser 15 Exemplare ist erhalten. Es liegt heute in der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem. Historiker glauben zu wissen, wem es gehörte. Mit hoher Wahrscheinlichkeit handelt es sich dabei um die Kopie von Bernhard Walter, also eine private Kopie, die er als die Person, die die Fotos mit als Hauptakteur angefertigt hat, für sich behalten hat. 28:34 Es sprechen verschiedene Punkte dafür. Zum einen ist es ein Album, was bereits als Album benutzt worden war, geleert worden ist und wieder beklebt worden ist, mit qualitativen Abstrichen. Es wäre keine Kopie, die man Heinrich Himmler gegeben hätte, dazu war die Gestaltung viel zu schlecht. 28:59 Am 27. Januar 1945 befreien Sowjetsoldaten das Lager kampflos. Vor ihrer Flucht hat die SS noch alle Krematorien samt Gaskammern gesprengt. Mit den letzten SS-Männern verlässt auch der Fotograf Bernhard Walter im Januar 1945 Auschwitz, nach über vier Jahren Dienst in an diesem Ort. 29:28 Er kommt mit der Lagerleitung und vielen Auschwitz-Häftlingen in den Harz, ins KZ Mittelbau-Dora. Hier bauen Zwangsarbeiter unter Tage V2-Raketen zusammen. Im April 1945 muss die SS auch dieses Lager fluchtartig räumen. Dabei passiert Walter offenbar ein Missgeschick: Er lässt sein Album mit den Auschwitz-Fotos liegen. 29:55 Es ist stark davon auszugehen, dass Bernhard Walter seine private Kopie in Dora aus Gründen, die wir nicht kennen, zurückgelassen hat. Eine Vermutung ist, Nordhausen, die Stadt neben dem Konzentrationslager, wurde Anfang April 1945 schwer bombardiert, die SS ist zum überwiegenden Teil abgezogen, 30:18 dass einfach in der überhasteten Flucht das Album auch zurückgelassen worden ist. Das wäre eine Quelle, die ansonsten vernichtet worden wäre. Bernhard Walter, der SS Fotograf von Auschwitz, kommt nach dem Krieg in britische Gefangenschaft. 30:46 Im Mai 1947 wird er an Polen ausgeliefert und in Krakau vor Gericht gestellt, wie andere SS-Männer aus Auschwitz. Unter den Mit-Angeklagten, in einem separaten Prozess, ist sein ehemaliger Chef, der Auftraggeber des Fotoalbums, Rudolf Höß, der zum Tode verurteilt und gehängt wird. 31:11 Walter erhält drei Jahre Gefängnis und kehrt 1950 in seine Heimatstadt Fürth zurück. Er arbeitet als Filmvorführer in mehreren Kinos der Stadt. 1964 wird er als Zeuge zu den Frankfurter Auschwitz-Prozessen geladen. Er leugnet so gut wie alles, obwohl er selbst nicht angeklagt ist. 31:34 Er habe vom Massenmord nichts mitbekommen und wolle das alles endlich hinter sich lassen. Ich meine, ich bin in Auschwitz gewesen. Ich bin in Auschwitz beziehungsweise in Krakau vor einem Volkstribunal gestanden. Ich hatte gedacht, ich hätte meine Strafe hinter mir. 31:52 Und jetzt kommt da nach 19 Jahren beziehungsweise ich sag schon seit 59 wird man immer wieder dran erinnert, an dieses Auschwitz. Seine Fotos dienen als Beweisstücke im Prozess. Deshalb wird er vom Richter befragt. 32:09 Richter: "Und hier, da sind Eisenbahnwagen dabei..." - Bernhard Walter: "Die habe ich gemacht, das ist gleich am Anfang gewesen." Richter: "Die haben Sie selbst aufgenommen?" - Bernhard Walter: "Die habe ich auch selbst aufgenommen." 32:19 Doch eine Mitschuld empfindet er nicht. Richter: "Sie haben eben gerade gesagt, dieses Bild hätten Sie zu Anfang selbst aufgenommen." 32:28 Bernhard Walter: "Ich selbst habe keinen Menschen umgebracht. Ich hatte eigentlich ein ruhiges Gewissen. Aber immerhin, die Depression und dann die Bloßstellung in der Öffentlichkeit, dass man dort war, dass man auch zu dieser Garde gehörte, das hat einen gewissen seelischen Druck auf mich ausgeübt." 33:01 Ein schlechtes Gewissen kommt da nicht raus. Es sind oft Worte wie: Sie wollen nicht mit den Fragen belästigt werden, sie sind froh, dass sie nicht mehr daran denken müssen und die Fragen würden jetzt wieder Erinnerungen aufwühlen bei denen sie ja eigentlich froh waren, dass sie jetzt nicht mehr präsent sind. 33:16 Aber etwas wie ein offenes Bekenntnis zur Reue haben wenige nach 1945 geliefert, die Mehrheit ist fast oder ist scheinbar nahtlos zurückgekehrt und hat relativ problemlos, wenn sie nicht juristisch verfolgt worden sind, sich wieder in die Nachkriegsgesellschaft eingefunden. 33:42 Der Fotograf von Auschwitz stirbt 1979, ohne noch einmal belangt zu werden.