Erster Weltkrieg I Die Schuldfrage I musstewissen Geschichte MrWissen2go Geschichte | Terra X https://www.youtube.com/watch?v=OlrbhFmjIoY Transkript (automatisch erstellt) 0:00 In diesem Video versuche ich die Frage zu klären, wer die Schuld am Ausbruch des Ersten Weltkriegs trägt. 0:05 Wenn ihr meint, dass man das nach hundert Jahren doch mal langsam wissen müsste, 0:10 dann erfahrt ihr jetzt alles, was man dazu wissen muss. Allgemein kann man sagen, dass die europäischen Regierungen 0:18 Anfang des 20. Jahrhunderts alle erwarten, dass es bald wieder zu einem großen Krieg kommen könnte. 0:23 Und sie bereiten sich darauf vor. Es wird gerüstet, man schließt Bündnisse und so weiter uns so fort. 0:30 Die Bevölkerungen aber sind nicht besonders scharf auf einen neuen Krieg. Also ist jede Regierung bemüht, das eigene Land als Opfer darzustellen, 0:38 das sich nur gegen den Angriff der anderen Seite wehrt. Die eigene Bevölkerung muss davon überzeugt werden, 0:43 dass man einen "gerechten" Krieg führt. Wenn man sich die Fakten anschaut, dann scheint es glasklar zu sein. 0:49 Die deutsche Armee marschiert im neutralen Luxemburg und im neutralen Belgien ein 0:54 und dringt nach Frankreich vor. Aber die deutschen Bürger sind ja nicht an der Front. 0:58 Sie glauben ihrem Kaiser, Wilhelm II., und der sagt: "Mitten im Frieden überfällt uns der Feind!" 1:04 Deshalb glauben auch die meisten Deutschen daran, dass sie sich nur verteidigen. 1:09 Noch glasklarer ist die Formulierung im Versailler Vertrag, der den Ersten Weltkrieg beendet. 1:14 Darin wird erklärt, dass Deutschland und seine Verbündeten angegriffen haben. Dieser Artikel 231 des Vertrages wird Kriegsschuldartikel genannt. 1:23 Also, eindeutig ist Deutschland schuld. Diese Schuldzuweisung im Versailler Vertrag ist die Grundlage 1:29 für die gewaltigen Schadensersatzforderungen der Alliierten. Denn wer Schuld hat, 1:33 muss auch für die Schäden und Verluste der Sieger aufkommen. Deshalb wehren sich die neue demokra- tische Regierung der Weimarer Republik 1:40 und die deutsche Nationalversammlung. Man veröffentlicht Akten und lässt wissenschaftliche Arbeiten schreiben, 1:46 die zeigen sollen, dass Deutschland gar nicht der alleinige Schuldige ist. Es geht dabei nicht um die historische Wahrheit, um die reine Wahrheit, 1:54 sondern um eine politische Frage, um die Reparationszahlungen zu verringern und die harten Maßnahmen gegen Deutschland abzumildern. 2:01 Tatsächlich gibt es damals auch schon eine Diskussion darüber, dass die Bündnissysteme zu unflexibel waren. 2:08 Auf der einen Seite Frankreich, Russland und England und auf der anderen Seite Deutschland und Österreich-Ungarn. 2:14 Das hat sich verhakt und dann konnte keiner mehr den Krieg aufhalten. Das bedeutet, dass keiner irgendwie so richtig schuld ist. 2:22 War der Krieg also ein - ich weiß nicht - historischer Unfall? Was sagen denn die Geschichtswissenschaftler dazu? 2:29 Die haben doch hundert Jahre lang die Sache untersuchen können. Ja, die Geschichtswissenschaftler 2:34 haben heutzutage folgende verschiedene Erklärungen: Die Präventivkriegsthese. 2:39 Man kommt dem Gegner also zuvor. Genau das war der Plan der deutschen Militärs. 2:45 Die wussten nämlich, dass die Entente, also das Bündnis zwischen Frankreich, England und Russland, 2:49 immer stärker wird, immer mehr aufrüstet, je mehr Zeit vergeht. Deshalb wollte man den Krieg, wenn er schon nicht zu vermeiden war, 2:56 lieber früher als später führen. Deshalb nutzte man die Chance zum Losschlagen, 3:00 als im Juli 1914 die große Krise entstand. Deutschland ist schuld. 3:06 Die Weltmachtthese. Benannt nach dem Buch "Griff nach der Weltmacht" 3:10 des Historikers Fritz Fischer. Hier spielen die Kriegsziele der Mittelmächte, 3:15 besonders des Deutschen Kaiserreichs, eine Rolle. Zu Beginn des Krieges hat die Reichsregierung dazu festgehalten, 3:21 Deutschland wolle Frankreich so schwächen, dass es nie wieder eine Großmacht werden würde. 3:27 Deutschland wolle Russland zurückdrängen und zwischen sich und Russland ein neues Mitteleuropa schaffen. 3:33 Mehrere Gebiete sollten erobert werden, Belgien total abhängig werden. Und insgesamt würde Deutschland 3:39 die wirtschaftliche und politische Hegemonie über Europa, also die in jeder Hinsicht bestimmende Rolle spielen. 3:46 Deutschland hat also den Krieg langfristig geplant, um seine Ziele zu verwirklichen, und ist somit schuld. 3:53 Diese These hat einen lang andauernden Streit unter den deutschen Historikern ausgelöst. 3:58 Die Mehrheitsmeinung ist letztendlich: Deutschland trägt die Hauptschuld am Ausbruch des Krieges. 4:04 Dann gibt es da noch die Schlafwandlerthese. Benannt nach dem Buch "Die Schlafwandler" 4:08 von Christopher Clark. Diese These schaut sozusagen von weiter oben auf Europa 4:13 und nimmt alle Mächte in den Blick. Durch die Teilmobilisierung seines Heeres 4:17 hätte Russland die anderen Mächte gezwungen, militärisch zu reagieren. Frankreich hätte Russland Rückendeckung gegeben, 4:23 weil es auf eine Revanche gegen Deutschland aus gewesen sei. Österreich-Ungarn hätte die Krise mit Serbien so zugespitzt, 4:29 dass es zum Krieg kommen musste. England hätte sich aus innenpolitischen Gründen 4:34 zu wenig um den Erhalt des Friedens gekümmert. Serbien wäre zu weit gegangen. 4:40 Deutschland hätte den Ausbruch eines Krieges billigend in Kauf genommen. Alle Mächte tragen also Schuld am Krieg, weil alle Entscheidungen trafen, 4:49 die zu einer Eskalation, zu einer Zuspitzung beitrugen. Man hat sich gegenseitig immer mehr eingekreist, 4:56 fühlte sich immer mehr von den anderen bedroht, wollte womöglich den anderen zuvorkommen. 5:01 Das gegenseitige Belauern, die ständige Angst führte dazu, dass man die Lage in allen Hauptstädten falsch einschätzte. 5:08 Darum werden falsche Entscheidungen getroffen. Irgendwann war es dann zu spät 5:12 und die militärische Planung wurde wichtiger als politische Entscheidungen. Alle Mächte tragen Verantwortung am Ausbruch des Ersten Weltkrieges. 5:22 Was bedeutet das nun? Na ja, es stehen sich zwei Meinungen gegenüber. 5:27 Dass Deutschland eine bedeutende Mitschuld zukommt, wie das die allermeisten Historiker schreiben, 5:32 ist unumstritten. Das Kaiserreich war auf jeden Fall kein Opfer. 5:35 Die Politik des Kaiserreichs hat einen Krieg immer in Kauf genommen und es gab viele negative Traditionen in der Gesellschaft und in der Politik. 5:43 Aber ob die anderen Großmächte nun besser oder schlechter waren, das kann man nicht definitiv und auch nicht objektiv klären. 5:50 Denn es spielt auch die Einstellung zur aktuellen Politik eine Rolle. Auch nach hundert Jahren noch. 5:56 Umso wichtiger ist, dass wir versuchen, aus der Geschichte etwas zu lernen. Niemand hat damals auf Vermittlung und Interessensausgleich gesetzt. 6:05 Die Menschen sind über viele wahre Beweggründe der politisch Verantwortlichen getäuscht worden. 6:09 Das Militär hatte zu viel Macht. Ab einem gewissen Zeitpunkt 6:13 war es nicht mehr möglich den Krieg politisch zu stoppen, denn da griff schon die militärische Logik. 6:19 Wenn A mobilisiert, dann muss auch B die Gewehre entsichern, weil man sonst keine Chance mehr sieht. 6:25 Und so weiter und so fort. Erschreckend ist es umso mehr, wenn man heute noch weiß, 6:30 dass es noch bis ganz kurz vor dem tatsächlichen Kriegsausbruch möglich gewesen wäre, das Kämpfen zu verhindern. 6:36 Hat aber niemand gemacht. Man kann es leider nie definitiv sagen, 6:41 aber heute, nach zwei Weltkriegen, haben wir vielleicht doch endlich was gelernt. 6:48 Vor allem das, dass wir alle auf den Frieden achtgeben, aufpassen müssen, denn er ist schnell zerstört. 6:54 Wenn ihr mehr zum Ersten Weltkrieg erfahren wollt, dann schaut euch doch mal hier auf dem Kanal um. 7:00 Grundsätzlich kann ich euch nur empfehlen, diesen Kanal zu abonnieren. Dann verpasst ihr ab sofort nichts mehr. 7:05 Vielen Dank euch fürs Zuschauen und bis zum nächsten Mal. Untertitel im Auftrag des ZDF für funk, 2018