Wie sah die Antike tatsächlich aus? Homer vs. Hesiod // Kontroverse Geschichte Kontroverse Geschichte https://www.youtube.com/watch?v=OJ6kyE9lA40 Transkript (automatisch erstellt) 0:07 [Musik] Die griechische Antike wird oft als Zeit heroischer Kämpfe, göttlicher Prophezeiung und großer Kriege 0:20 dargestellt. Diese Vorstellung kommt vor allem von Homea, dem bekanntesten antiken griechischen Autor, dessen Werke Ilias und Odysseée das Bild einer 0:29 kämpferischen und sagenhaften Welt zeichnen. Doch es gibt eine Diskussion darüber, ob Homeras Werke wirklich die ältesten literarischen Zeugnisse der 0:38 Antike sind. Denn der Dichter Hesiot, ein Dichter, der er die alltäglichen Szenen des altgriechischen Lebens beschreibt, könnte ebenfalls der Ältere 0:46 sein. Durch die Jahrhunderte haben Historiker die beiden Dichter unterschiedlich datiert. Von manchen in späte 7 bzw. 8. Jahrhundert vor 0:54 Christus, von manchen in die Zeit des trojanischen Krieges. Hesiots Werke, Theonie und Werke und Tage zeichnen ein anderes Bild der Gesellschaft. Wenn 1:04 Hesiot tatsächlich der ältere Autor wäre, würde das unsere heutige Vorstellung von Herr Antike nachhaltig verändern. Wir würden beim alten 1:12 Griechenland nicht an eine konservative von Kriegen geprägte Zeit denken, sondern eine liberale Friedenszeit. Diese Frage ist nicht nur für die 1:21 Forschung interessant, sondern auch für die Wahrnehmung der Antike in der breiten Öffentlichkeit. Die Frage, ob Homer oder Hesiot der 1:29 ältere und wichtigere Dichter der Antike ist, scheint auf den ersten Blick klar zu sein. Der Pauli, dem einstiegigen Lexikon zur Altertumswissenschaft von 1:40 1970 erklärt die Debatte für nichtig, indem er feststellt, dass Hesiot ohne jeden Zweifel jünger sei als Homer. In diesem Video wollen wir die 1:50 verschiedenen Argumente, die der Pauli in dieser Kontroverse um die zeitliche Priorität der beiden Dichter vorbringt, vorstellen und mit Argumenten aus der 1:58 neueren Forschung widerlegen. Homer, Homer, Homer, immer Homer. Aber warum eigentlich? Ich habe neulich in 2:12 einem Seminar einiges über Hesiot und sein Werk Ärger gelernt. Das war wirklich aufschlussreich. Trotzdem kennt ihn kaum jemand. Eigentlich hast du 2:19 recht. Das Studium soll uns doch zum kritischen Denken motivieren. Lass uns doch mal nachschauen, ob es nicht auch Argumente für Hesiot als älteren und 2:25 prägenderen Autoren gibt. Sollte Hesiot tatsächlich der ältere von beiden sein, dann würde das unsere Vorstellung der Antike total verändern. 2:34 Z.B. das mit der Büchse der Pandora. Was hat denn Pandora mit Hesiot zu tun? Darüber können wir ja später noch reden. Lass uns erstmal die antiken Gelehrten 2:42 fragen, die auch in Pauli als Quellen angeführt werden. Ich bin Era Tosines von Kirene, gelehrter und bibliothekar an der 2:54 berühmten Bibliothek von Alexandria im dritten Jahrhundert vor Christus. Ich habe mir ein ehrgeiziges Ziel gesetzt, ein Buch über die Geschichte der 3:01 Geografie zu schreiben. Und wie beginnt man am besten so ein Werk? Natürlich ganz am Anfang. Also stellte ich mir die Frage, wer als erstes unsere Welt 3:09 geographisch beschrieb, Homer oder Hisiot? Als Bibliothekar mit Zugang zu unzähligen Schriften konnte ich die Werke beide Autoren genau untersuchen. 3:18 Dabei fiel mir etwas spannendes auf. In der Geschichte gibt es immer wieder einen wissenschaftlichen Fortschritt. So auch in der Geografie. Ich vergliche 3:25 also, wer von beiden mehr wußte und wer Begriffe verwendete, die zu meiner Zeit noch geläufiger waren. Mein Gedanke, derjenige, dessen Wissen 3:32 weiterentwickelter ist, muss der Jüngere sein. Ein Beispiel: In Humers Odyssee wird der Fluss in Ägypten als Ägyptus bezeichnet. Hiot hingegen verwendet 3:42 bereits das Wort Neil, ein Begriff, der auch in meiner Zeit noch üblich ist. Das spricht dafür, dass Hesiot später lebte. Auch bei den geographischen Kenntnissen 3:50 gibt es Unterschiede. Omer erwähnt in seinen Werken Ilias und Odyssee nicht einmal die Inseln Italiens. Hiot dagegen kennt nicht nur Syrakus auf Sizilien, 3:59 sondern auch die kleine vorgelagerte Insel Ortygia und sogar den NER, den gewaltigen Vulkan. Und noch etwas. Romer beschreibt das Volk der Sküten lediglich 4:07 als treffliche Rossemelker. Hesiot dagegen bezeichnet sie bereits als Rossemelkende Sküten. Ein richtiger Volksstamm mit Namen. Also schon mein 4:16 Fazit: Homer ist der ältere der beiden, denn Hisiot besitzt ein deutlich umfassenderes geographisches Wissen. Er verwendet die moderneren Begriffe und 4:24 schie zeitlich näher an meiner eigenen Gegenwart. Moment mal, die Entwicklungstheorie von Erathostenis, dass die Menge an Wissen 4:35 stetig ansteigt, ergibt zwar Sinn, reicht alleine als Argument, aber nicht. Stimmt. Er argumentiert die gesamte Zeit so, was Humer nicht nennt, kennt er auch 4:43 nicht. Wenn das stimmt, muss er ja in einer schrecklichen Welt gelebt haben, wenn er nichts als Zorn, Kampf und Irrfaden kannte. 4:51 Genau. Nur weil Hesiot mehr erwähnt als mehr und ihm auch einiges an Wissen voraus hat, bedeutet das nicht zwangsläufig, dass er jünger war. 4:58 Eratosten scheint bei seiner Ausführung wohl die Tatsache übersehen zu haben, dass er in die Entwicklung von Wissen abhängig von etnooziokulturellen 5:05 Faktoren ist. Der Historiker Walter Burgard hat z.B. für Hesiots genaue Kenntnisse des Mittelmeers damit begründet, dass Hesiots Vater Seefahrer 5:12 war und er somit das Mittelmeer genauer kannte. Nur weil Hesiot umfassendere Kenntnisse als Hom mehr hat, muss das nicht bedeuten, dass er jünger ist. Er 5:19 ist schlichtwg in einem anderen Umfeld groß geworden. Daraus ergeben sich seine im Vergleich zu Homer höher entwickelten Kenntnisse über den Nil sowie die 5:26 anderen Namensgebung als auch die Kenntnis der Rossemelkendens Güen. Mit Eras Behauptung, was Humer nicht erwähnt, kennt ihr auch nicht, würden 5:35 Autor und Werk zu einer bedenklichen Einheit verschmelzen. Das würde bedeuten, Humer müsste alles niederschreiben, was er weiß. Doch wenn 5:42 der Tner für die Irrfahten des Odysseus einfach nicht relevant ist, wieso sollte Humen dann erwähnen, selbst wenn er ihn nicht kennen würde? Das Verschweigen 5:50 einer Information bedeutet nicht, dass Homer es nicht wusste. Es war schlicht einfach nicht relevant für seine Erzählwelt. 5:57 Hm, also ihrer Tostenis hat mich jetzt nicht überzeugt. Was sagt denn Aristach? Ich 6:08 bin Aristach von Samutrake und war im 2. Jahrhundert vor Christus Bibliothekar in Alexandria. Ich bin Philologe, also ein Sprach und Literaturwissenschaftler 6:18 und beschäftige mich vor allem mit der Grammatik und Textkritik. auch der Ilias, die als ältestes Werk der Dichtkunst gilt. Ich wollte beweisen, 6:26 dass Homea älter sei als Hesiot, indem ich systematisch Parallelstellen aus Homas und Hesiots Werken gesammelt habe, um belegen zu können, dass Hesiot von 6:35 Homea abgeschrieben hat. Wie Eratostin es schon feststellte, hatte Hesiot ein moderneres Wissen als Omea. So nennt Hesiot Dionisos als Erfinder des Weins 6:45 Omea überlieferte gegen Maron als Erfinder. Hesiot präzisiert folglich die homerische Angabe, um die spätergängigen Verbindung von Weiden und Jisers in 6:54 Einklang zu bringen. Und dazu muss er die homerische Stelle gekannt haben. Homer dichtet in der Elias ein Vers amivalent, das heißt uneindeutig. Ares 7:04 befahl Fobos und Daimos die Pferde zu zäumen. So könnte man Fobos und Daimos für die Namen der Pferde halten. Hesiot habe die Amivalenz aufgelöst, indem er 7:14 sie in der Tegonie ausdrücklich als seine Sünde bezeichnete. Hesiot hat den Vers bei Homer also genau erklären wollen und dazu muss er die 7:22 entsprechenden Verse genaustens gekannt haben. Deshalb muss er jünger sein. Ein weiteres Beispiel dafür, dass Hesiot Homeas Stellen, die lückenhaft sind, 7:32 nutzt, um sie mit seinem Inhalt zu füllen, zeigt sich auch am Beispiel der Gorgo Medusa. Home berichtet nur, Medusa habe einen erschreckenden Blick. Hesiot 7:43 macht aus dem erschreckenden Blick ein versteinernen Blick und dichtet alle damit verbundenen Sagen inklusive der Enthauptung. 7:50 Wie auch der Gorgo Medusa erging es dem Zyklopen Polyfilm aus der Odyssee. Hesiot dichtet, sie heißen Pyklopen mit Beinamen, weil ihnen ein einziges 8:00 kreisrundes Auge in der Stirn lag. Homer beschreibt die Größe und das Wesen der Zyklopen ganz genau, erwähnt aber nie, dass sie nur einäugig sind. Hesiot habe 8:10 sich erneut in die Irre füllen lassen, weil Polyfilm durch das Blenden eines Auges blind wurde. Es ist allerdings wahrscheinlich, dass Polyfilm das andere 8:18 Auge bereits vor der Ankunft des Odysseus verloren hat. Anderfalls hätte Homea so ein wichtiges Detail nicht verschwiegen. Meine Textkritik kommt zu 8:26 dem Ergebnis, dass Hesiot von Homer abschrieb. Er dichtete Verse um, die er nicht verstand oder die seiner Meinung nach lückenhaft waren. Um so genau auf 8:36 die homerischen Verse Bezug nehmen zu können, muss er die Texte präsent gehabt haben. Hiot muss also zwangsweise der jüngere von beiden Dichtern sein. 8:50 Alle Achtung vor dem Aufspüren von intertextuellen Bezügen, aber aus den Parallelstellen ergibt sich keine zeitliche Datierung. Die Abweichung um 8:57 die Erfindung des Weines oder Genealogie des Zeus kann auch darin begründet sein, dass Hesiot für seine Theogonie eine andere Quelle als Homer hatte. Aus einer 9:05 Parallelstelle ergibt sich nicht zwangsläufig ein zeitliches Verhältnis. Es sind ja nicht mal wirklich parallelstellen, war Aristraich vom 9:13 Beginnern Humer als in älteren betrachtet. Die Priorität von Homer gegenüber Hisiot ist Verortsetzung und Ergebnis seiner Untersuchung zugleich. 9:21 Vor diesem Hintergrund ist es nur logisch und notwendig, dass Hesiot das Abschreiben von Homer vorwirft. Wenn ein Versiot inhaltlich sinnvoller und 9:29 verständlicher formuliert ist, weder zu den Söhnen des Ares, dann muss Aristrachen als Anspielung auf Homer interpretieren, ansonsten würde seine 9:37 Argumentation keinen Sinn ergeben. Genau. Die schwache Argumentation von Aristach wird auch am Zyklopen Polyphem deutlich. Aristach argumentiert ja, dass 9:47 Hesiot jünger sei, weil er die wage Formulierung über die Anzahl der Augen bei Homer präzisiert hat und alle Zyklopen einäugig macht. Hesiot nimmt 9:55 also indirekt auf Homer Bezug. Bereits in der Antike wurde diese Argumentation kritisch gesehen, weil sie umkehrbar ist. So betont der römische Philologe 10:03 Akius: Homer schweigt hier war die Anzahl der Augen, weil diese Eigenschaft von Zyklopen bereits vorher schon landläufig durch Hesiot bekannt ist. 10:10 Akius dreht den Spieß also um. Jedes Mal, wenn Humer nur Waage oder kurz formuliert, wie bei den vermeintlichen Pferden des Ares oder den Blick der 10:18 Medusa, macht er das, weil die ausführliche Erklärung bereits vorher bei Hesiot erfolgt ist. Dann sind aber viele Argumente der griechischen 10:25 Gelehrten einfach umkehrbar. Ich glaube, die alten Gelehrten wußten einfach selbst nicht, wer älter war und hatten schlichtweg keine besseren Methoden. 10:33 Umso erstaunlicher ist es, dass ich trotzdem die Behauptung durchgesetzt hat, Homer sei der Ältere von beiden. Wie sehe wohl unser Bild der 10:39 griechischen Mythen aus, wenn sich Hiot als ältester Dichter durchgesetzt hätte? Ich meine, offenbar verdankt Meduse erst ihm ihren versteinernden Blick. 10:47 Hast du nicht vorhin auch noch den Pandoraamythos angesprochen? Vielen Dank, Herr Schmidt, dass Sie hergekommen sind, um uns bei unserer 10:59 Recherche zu helfen. Sie haben einen Aufsatz zum Pandora Mythos geschrieben und darin machten sie deutlich, wie sehr wir heute davon beeinflusst sind, dass 11:06 mehr ältes ist. Können Sie uns und dem Publikum bitte das einmal genauer erklären? Na klar, gerne. Freut mich ja, wenn 11:13 Studenten sich mit den Auswirkungen der Antike bis in die Gegenwart beschäftigen. Der Mythos Pandora geht auf Hesiot zurück. In der Tegonie wird 11:21 die Geschichte von Prometus, der das Feuer stielt, um es den Menschen zu schenken, erzählt. Zeus bestraft Prometus mit ewiger Folter, doch auch 11:30 die Menschen sollen leiden. Er schickt ihn die erste Frau, Pandora. Diese sei deshalb ein so furchtbares Übel, so Hesiot, weil sie sich wie eine 11:38 Bienkönigin vom Mann ernähren lässt und weil er weder mit ihr noch ohne sie richtig leben kann. Pandora nimmt den Deckel eines übergroßen Tongefäßes ab 11:47 und verstreut dessen Inhalt. Nur die Hoffnung bleibt im Gefäß zurück. Die Deutung, dass der Inhalt des sogenannten Pittos alles übel sei, von dem die Welt 11:58 voll ist, ist kanonisch geworden. Dabei lässt Hesiot selbst die Frage des Inhalts, der Herkunft des Pittos und die Motive Pandoras unbeantwortet. 12:10 Aber war es nicht so, dass ausgerechnet Aristach, der sonst Hesiot vorwirft, er habe lückenhafte Verse von Homer genutzt, um seine eigene Dichtung darauf 12:17 aufzubauen, nun Homer heranzieht, um die missverständlichen Verse von Hesiot zu füllen? Das stimmt, denn auch wenn Homeani von 12:27 Padora berichtet, dichtet er im letzten Buch der Elias eine Allegorie von zwei Peti, aus den Zeus gutes und übles austeilt. Aristach war durch seine 12:37 eigene vorangenommene Meinung Hesiot müsse von Humer abgeschrieben haben, geblendet. Diese Einstellung führt ihn zu der Bewertung, daß das Pythos, 12:48 welches Pandora öffnet, das Gefäß sei von Zeus, indem sich das Übel befindet. Das Interessante ist, Aristas Erklärung hatte durchschlagenden Erfolg. Niemand 12:59 nach ihm in der Antike, im Mittelalter oder in der frühen Neuzeit scheint den Mythos grundsätzlich anders verstanden zu haben, als vor dem Hintergrund der 13:07 zwei homerischen Pettoi. Dieser Hintergrund verkompliziert die Mythos allerdings und ließ ihn der Art glückenhaft erscheinen, dass neue Motive 13:17 zusätzlich eingeführt werden mussten, um den Sinn beibehalten zu können. So kann Zeus einer schmächtigen Frau kein übergroßes Vorratsgefäß mit auf dem Weg 13:25 geben. aus dem Pitus wird eine Büchse. Diese Entwicklung ist wirklich spannend und auch für uns heute noch total aktuell, denn wirklich jeder kann mit 13:34 dem Begriff Pandoraamythos etwas anfangen. Die Büchse der Pandora ist sinnbildlich zum geflügelten Wort geworden und die Assoziation, dass es 13:42 sich dabei um etwas Schlechtes handelt, stammt ausschließlich von Homer. Genau. Kaum jemand kennt den wahren Ursprung. Durch die Zusammenführung der 13:50 beiden Ansätze von Hesiot und Homer entstand ein neuer Mythos. der Pandoraamythos der europäischen Tradition, dessen Geburtsstunde 13:57 eigentlich bei Aristach zu suchen ist. Man könnte sagen, der Pandoraamythus, wie wir ihn kennen, ist nicht von Hesiot, sondern von Aristaich und Schuld 14:05 daran ist die Priorisierung von Homer gegenüber Hesiot. Wenn Humer also nicht von jeher priorisiert betrachtet worden wäre, 14:12 hätte Aristrach die Mythos nicht auf diese Weise interpretiert und die Geschichte, wie wir sie heute kennen, wäre eine gänzlich andere. 14:20 Ihr habt es erfasst. Vielen Dank für die Hilfe. Es war wirklich spannend zu sehen, wie die vermeintlich abgeschlossene Debatte um 14:26 die Frage nach der Priorisierung von Homer und Hesiot noch mal auflammt und welche Relevanz das Ganze bis heute hat.