Die Romanows | Geschichte der Zaren Royalworld - Adel & Dynastien https://www.youtube.com/watch?v=O6OkqL2OSH0 Transkript (automatisch erstellt) 0:00 Das größte Land der Erde steckt voller Geheimnisse: Russland! Einst war es das Reich der Zaren. 0:15 Mitten im Wald von Jekaterinburg, einer Stadt im Ural, steht eine Kapelle. Jeden Sonntag bitten Mönche hier um Vergebung für ein Verbrechen, 0:28 das wie ein dunkler Schatten über der russischen Geschichte liegt. Die Ermordung von Zar Nikolaus II. und seiner Familie. 0:44 Nach 23 Jahren auf dem Thron, wird er … 1917 zur Abdankung gezwungen. 0:52 Es ist verbürgt, dass er gesagt hat “Gott weiß, ich war meiner Aufgabe nie gewachsen”. Er muss Monate zuvor geahnt haben, was passieren würde. 1:04 Die Zarenfamilie wird unter Arrest gestellt. In der Nacht zum 17. Juli 1918 wird sie aus dem Schlaf gerissen und in einen Keller geführt 1:15 – auf Befehl Lenins. Alles in allem war Russlands Monarchie dem Untergang geweiht. 1:26 Sie ahnen, was ihnen bevorsteht. In deutscher Sprache findet sich auf der Tapete des Kerkers von Jekaterinburg ein Heinrich Heine-Zitat: 1:34 „Belsazar ward in selbiger Nacht von seinen Knechten umgebracht!“ Präsidenten werden ermordet aus politischen Gründen. 1:45 Aber eine ganze Familie? – Sie haben es getan! Das Reich der Romanows. Drei Jahrhunderte herrscht die Zarendynastie über Russland. 2:31 Ihr unvorstellbarer Reichtum spiegelt sich noch heute in der Pracht ihrer Residenzen. Mythen und Legenden ranken sich um das einst mächtige Herrschergeschlecht,… 2:46 dessen Schicksal vor fast 100 Jahren besiegelt wurde. Das Thema war lange Zeit tabu. Niemand hat darüber geredet. 2:56 Es war schon gefährlich, sich auch nur dafür zu interessieren. Das Ganze reicht ja so weit zurück. Es ist eine Tragödie mit einer langen Vorgeschichte. 3:14 60 Nachfahren der Romanows leben heute verstreut in aller Welt. Viele sind ins Exil nach Paris gegangen. 3:30 Wie Xenia Sfiris. Eine Großnichte des letzten Zaren. Seine Schwester konnte damals mit ihrer Familie fliehen. 3:43 Sie sind die Nachfahren von Großfürstin Xenia von Russland. Da meine Familie vor der Revolution viel reiste, hatte sie überall Häuser. 3:57 Und die Häuser mit ihrem ganzen Interieur – den Möbeln und Gemälden – waren Kostbarkeiten. Nachdem sie nach Frankreich geflüchtet waren, konnten sie viel davon verkaufen und sehr gut davon leben. 4:13 Die jüngste Generation kennt die Vergangenheit ihrer Vorfahren nur aus Erzählungen… und von den Bildern, die ihnen geblieben sind. 4:34 Wir erzählen den Mädchen schon ein bisschen über die Familiengeschichte. Aber noch nicht viel. Stück für Stück. 4:44 Zu den russischen Ahnen gehören: Peter der Große – der Star der Familie. 4:51 Katharina II. – auch eine „Große“, die eigentlich eine Deutsche ist. Und Nikolaus II. – der letzte Romanow auf dem Zarenthron. 5:04 Meine Mutter sagt immer, es ist wichtig, weil es wichtig ist. Der „allerwichtigste“ war wohl Peter Romanow. 5:18 1682 besteigt er den Zarenthron. Er will sein Land in die Moderne führen und wird posthum zu Peter dem Großen. 5:29 Die Künstler verleihen ihm feine Züge. Das ist geschmeichelt. Peter ist ein Hüne von Mann, der mit stattlichen zwei Metern seine Zeitgenossen schon mal verschreckt. 5:37 Peter ist ein Hüne von Mann, der mit stattlichen zwei Metern seine Zeitgenossen schon mal verschreckt. Er wirkt auch manchmal wild und ungewaschen. Auch politisch ist er ungestüm. 5:48 Peter der Große hat deshalb eine gewisse Vorbildwirkung, weil er versucht hat, das Land von neu auf zu gestalten, so dass es eine Weltmachtstellung erlangen kann. 6:00 Er war davon überzeugt, dies tun zu müssen, weil er selbst auf der „großen Gesandtschaft“ 1697/98 Mittel- und Westeuropa bereist hatte und einen sehr intensiven Eindruck davon bekommen hatte, 6:15 wie Gesellschaften, Staaten woanders funktionieren. Reisen bildet. Das nimmt Peter sich zu Herzen. 6:22 Er reist inkognito, aber nicht allein. Seine Entourage besteht aus mehr als 350 Begleitern: 6:32 darunter Adlige, Gardisten, Geistliche, sechs Trompeter, vier Zwerge und ein Affe. Über Königsberg und Berlin geht es nach Amsterdam, in die Werftstadt Zaandam. 6:46 Schon am Tag nach der Ankunft lässt sich ein gewisser „Peter Michailow“ bei einer Werft als Zimmermann anstellen – Werkzeug und zünftige Arbeitskleidung bringt er selbst mit. 6:58 Das ist ja grotesk, eine herrliche, groteske Geschichte. Auf jeden Fall war das natürlich ein Riesen-Unternehmen, sozusagen quasi seine Elite rauszunehmen und nach Westeuropa zu reisen, um sich dort sozusagen 7:07 abzuschauen, wie leben die hier im Westen, sozusagen, Industriespionage zu betreiben, aber auch Kulturspionage zu betreiben. So bisschen eigentlich wie die Chinesen vor 10, 20 Jahren nach Europa gekommen sind, 7:20 alle mit einer Kamera in der Hand, und man hat sich doch immer gewundert, wieso fotografieren die Türklinken, oder warum fotografieren die Lichtschalter? Die wollten einfach alles aufsaugen 7:31 um sich herum, und jetzt fährt man nach Shanghai und sagt, ah, deswegen haben die das gemacht, weil die wollten einfach alles nachmachen. Und so war halt Peter der Große auch. 7:39 Weiter geht’s nach London. Der König gewährt dem Romanow Unterkunft im Kensington Palast. Er hat lustigerweise genau in diesem Teil des Palastes gewohnt. Das ist der ältere Trakt des Gebäudes. 7:56 Er ist sozusagen hergekommen, um Schiffbau zu lernen. Er träumte von einer russischen Flotte. Peter der Große und seine Leute haben furchtbar viel getrunken. Branntwein mit Chili, klingt fürchterlich! 8:22 Und eines Tages wollte er zur Uni nach Oxford. Aber sein Ruf war ihm vorausgeeilt, und Oxford wollte ihn nicht haben. Der Mann war eine Katastrophe! 8:36 Er war nie in Oxford. Aber hier gewesen ist er, ohne Frage, und hat viel gelernt in Sachen Schiffbau. Den Kopf voller Ideen kehrt Peter im Sommer 1698 nach Moskau zurück. 8:54 Jetzt will er ganz Russland umbauen. Sofort und radikal. Ein sichtbares Zeichen seines Reformwillens: Die Bärte müssen ab. 9:06 Dieser haarige Ausdruck des Russentums ist Peter verhasst: Eine Erinnerung an Vorgestern. Er befiehlt, sich nach deutscher und französischer Mode zu kleiden. 9:18 Sein Lieblingsspielzeug lässt er nach westeuropäischem Muster bauen: 380 Kriegsschiffe. Dumm nur: Er hat keinen eisfreien Zugang zum Meer. 9:31 Deshalb führt Peter Krieg gegen die Schweden, die im Nordwesten die baltische Ostseeküste beherrschen. Noch! 9:39 Denn Peter erobert den östlichen Zipfel des Finnischen Meerbusens… und lässt dort 1703 eine Festung errichten – die Sankt-Peters-Burg. 9:50 Die neue Hauptstadt des Zarenreichs. Peters größte Ambition war, aus den Russen Europäer zu machen. Petersburg als Stadt 10:06 steht ja für alles Europäische. Wir wollen so sein wie Paris, wir wollen so sein wie London. Aber sozusagen diesem Modell, dem Petersburg-Modell, steht eben sozusagen das andere Modell entgegen, 10:17 nämlich dieses Iwan-der-Schreckliche-Russland. Und genau diese beiden Sichtweisen beschäftigt seit Peter dem Großen jeden russischen Herrscher. 10:27 Wer die heutige Politik in Russland verfolgt, entdeckt Parallelen zu längst vergangenen Zeiten. Der Kreml, einst Zarenresidenz. Heute Regierungssitz von Präsident Putin. 10:41 Russland besinnt sich auf die Tradition der Romanows. Auch in seinen Symbolen: Seit 1993 leuchtet die Fahne wieder Weiß-Blau-Rot – ein Souvenir Peter des Großen aus den Niederlanden. 10:56 Putin hat ein Interesse an einem starken und großen Russland, das ein Akteur in der Weltpolitik sein soll, und in diesem Bemühen, Russland als Großmacht zu behaupten, gibt es Ähnlichkeit sicher zu Peter dem Großen 11:11 und dem, was er wollte. Aber es ist keine in allem bewusste Anknüpfung an zaristische Tradition in irgendeiner Form, eher das Interesse an einem großen identitätsstiftenden Narrativ, das Gesamtrussland betrifft. 11:29 Es ist ein Erbe, auf das Russland heute wieder stolz ist. Die Pracht einer Vergangenheit, die auch zur Verklärung einlädt. 11:46 Auch eine Deutsche macht Karriere auf dem Zarenthron. Katharina die Große. Was sie für Russland geleistet hat, war außergewöhnlich. 11:57 Obwohl sie nicht dazu bestimmt war. Sie ist eine geborene „Zerbst“. Und kaum einer weiß, wie man das überhaupt ausspricht. 12:09 Katharina ist eine Tochter aus dem kleinen, verarmten, deutschen Fürstenhaus Anhalt-Zerbst. Doch ihr Schicksal ändert sich schlagartig. 12:20 Auf Vermittlung Friedrich des Großen wird sie 1745 mit dem russischen Thronfolger Peter verheiratet. Doch glücklich wird die Ehe nicht. 12:36 Peter ist Militär-Freak, Preußen-Verehrer und ein infantiler Sonderling, der sich in Kriegsspielchen mit Zinnsoldaten übt. 12:47 Katharina liest Voltaire und bildet sich in Staatsrecht. Das Paar geht bald getrennte Wege. Von Seitensprüngen ist die Rede, auch politischer Natur. 12:59 Es gab relevante Elitenvertreter, die auch hohe Ämter hatten und die erkennen, dass man sich mit Katharina über politische Dinge sehr viel besser 13:06 unterhalten und auseinandersetzen kann als mit Peter III. und beginnen auf sie zu setzen. 1762 wird Peter Zar. 13:17 Jetzt droht er Katharina mit Scheidung – und einem lebenslangen Aufenthalt hinter Klostermauern. Katharina schmiedet ein Komplott. 13:25 Alle Regimenter der kaiserlichen Garde zieht sie auf ihre Seite. Sechs Monate nach seiner Thronbesteigung wird Peter entmachtet. Eine Woche später ist er tot. 13:39 Katharina fühlte sich bedroht. Sie hat sich vermutlich mit Freunden getroffen und etwas gesagt wie: “Oh, mein Mann ist ja so ein Langweiler, wenn der doch weg wäre!” 13:52 Und die dachten, sie meint – und schon war er aus dem Weg geräumt. Katharina will den Mord weder in Auftrag gegeben, noch davon gewusst haben. Doch sie profitiert davon. 14:09 34 Jahre lang bestimmt sie als Katharina II. die Geschicke des Landes. Sie reformiert das Riesenreich. Doch dabei verliert sie den Blick für die Untertanen. 14:21 Auch noch ein Jahrhundert später schuften rund 90 Prozent der russischen Bevölkerung auf dem Land. Die Hälfte davon als Leibeigene. Sie werden von adligen Grundherren wie Sklaven gehalten. 14:33 Das russische Volk wurde nie gefragt, was es sich überhaupt vorstellt unter Monarchie oder Demokratie oder konstitutioneller Monarchie. Das hat sich erst unter Alexander II. geändert. 14:52 Seine Erlasse waren erste kleine Schritte hin zu mehr Selbstbestimmung auf regionaler Ebene. Alexander II. herrscht ab 1855. Er will die Unterdrückung seines Volkes beenden 15:11 und sein Reich vom Stigma der Barbarei befreien. Auch Mitte des 19. Jahrhunderts sind Ausbeutung und Willkür noch an der Tagesordnung. 15:23 Die Menschen hungern. Zigtausende sterben. Er hat die Zeichen der Zeit erkannt. 15:32 Dass die Leibeigenschaft aufgehoben und eine Art Demokratie etabliert werden musste. Mit parlamentarischen Elementen innerhalb der russischen Strukturen. 15:45 1861 schafft Alexander die Leibeigenschaft ab. Er reformiert das Gerichtswesen – zum ersten Mal erlebt Russland eine Gewaltenteilung. 15:57 Am Beginn seiner Regierung brachte er den Begriff der Glasnost in die Debatte ein, also der politischen Transparenz und damit meinte er Meinungsfreiheit, 16:05 und das führte zu einer Explosion der öffentlichen Meinung, wie sich Russland zu entwickeln habe. Und Alexander II. galt, obwohl er ein Reformer war, als Symbol des alten Systems. 16:21 Denn vielen geht er nicht weit genug. Geheimbünde bilden sich, die das Zarentum für jeglichen Missstand im Land verantwortlich machen. 16:33 Eine dieser Zellen nennt sich „Volkswille“. Die Mitglieder kennen nur ein Ziel: die Ermordung des Zaren. Wochenlang beobachten die Terroristen jeden Schritt des Herrschers. Sie kennen seine Wege. 16:47 Am 13. März 1881 schlagen sie zu. Die Leibwächter sind schwer verwundet, ein Passant tot. 17:00 Alexander aber entsteigt unverletzt seiner Kutsche. Er will den Opfern zu Hilfe kommen. Ein junger Mann stellt sich ihm in den Weg. 17:12 Nur wenige Schritte trennen sie. Mit Alexanders Tod sterben auch die Reformen. 17:25 Er war der beste Zar von allen. Und der große Fehler war, all seine Vorhaben aufzugeben. Niemandem fällt der Wandel leicht. Man muss es trotzdem versuchen. 17:37 Aber so, wie die Dinge lagen, war die Monarchie Russlands nicht mehr zukunftsfähig. Der Herausforderung, die Monarchie ins 20. Jahrhundert zu führen, muss sich Alexanders Enkel Nikolaus stellen. 17:50 Seit 1894 steht er an der Spitze des Reichs – als 17. Zar aus der Dynastie der Romanows. Ein absoluter Herrscher – wie all seine Vorgänger. Wohl fühlt sich Nikolaus II. in seiner Rolle nicht. 18:09 Das war überhaupt kein politischer Mann. Er wurde Zar, weil er musste. Von da an machte er seine Arbeit. Allerdings wider Willen. Das war absolut nicht das, was er machen wollte. 18:20 Er stand auch unter der Fuchtel seiner Frau. Er tat alles, um ihr zu gefallen. Nikolaus hat seine Jugendliebe Alexandra geheiratet. 18:33 Eine deutsche Prinzessin aus dem Hause Hessen. Doch weder am Hof noch beim Volk ist Alexandra beliebt. 18:47 Das war vor allem dem Umstand geschuldet, dass sie eine Prinzessin britisch-deutscher Herkunft war und nichts von russischer Geschichte verstand. Noch weniger verstand sie vom orthodoxen Glauben. 19:04 Vier Töchter schenkt Alexandra dem Zaren. Die Schwestern Olga, Tatiana, Maria und Anastasia verbringen viel Zeit mit ihren Eltern – und ihren Cousinen. 19:19 Die Cousinen waren richtig befreundet. Sie sahen sich regelmäßig. Da mein Großvater mit der Nichte von Nikolaus II. verheiratet war, 19:27 standen sich die Familien sehr nahe. Zar Nikolaus war der Trauzeuge meiner Großeltern. Sie sahen sich bei Festen und auf gemeinsamen Ausflügen und luden sich zu Geburtstagen ein. 19:51 Sie führten ein Leben wie Sie in Ihrem Haus und ich in meinem. Die Kinder hatten eigentlich ein ganz normales Leben. 20:06 Das Glückt scheint komplett, als 1904 endlich der ersehnte Sohn zur Welt kommt: Thronerbe Alexej. Doch der kleine Zarewitsch leidet an einer Erbkrankheit. Er ist Bluter. 20:27 Selbst kleine Wunden werden für den Jungen lebensgefährlich. Die arme Mutter. Als sie erfahren hat, dass sie der Grund war – 20:36 dass sie die Krankheit von Queen Victoria an ihren Sohn weitervererbt hatte – wie sollte sie sich das verzeihen? Das hat ihr ganzes Leben verändert. 20:47 Innere Blutungen, aggressive Medikation. Der Junge muss oft große Schmerzen über sich ergehen lassen. 20:54 Tag und Nacht wird er von Leibwächtern umsorgt. Einmal, als der Junge gestürzt war, hatte er eine innere Blutung, die ihn furchtbar leiden ließ. 21:07 Die Ärzte konnten ihm nicht helfen. Da sagte er: “Mutter, ich will sterben”. Was fühlt eine Mutter dabei? In ihrer Not wendet sich die Zarin an einen Mann, der als Wunderheiler gilt. 21:25 Telegraphiert hat sie – an Rasputin. Seine Antwort war schlicht: Sie möge zu Gott beten und die Ärzte wegschicken. Das tat sie. 21:34 Und dem Jungen ging es besser. Rasputin, der „Heilsbringer“ aus Sibirien. 21:42 Seine Wirkung: regelrecht hypnotisch. Vor allem auf Frauen. Also die waren fasziniert natürlich, so einen Typen plötzlich bei sich zu haben, 21:51 der sich nie gewaschen hat in seinem Leben, mit diesen strahlenden Augen, der mit Händen gegessen hat und die Knochen hinter sich geschmissen hat, der sehr grobschlächtig war, 22:00 und für die war das sozusagen, wow, das ist sozusagen der Urrusse. Mythos Rasputin. Über kaum einen Russen ist so viel fabuliert worden – in Filmen, Hits und Gerüchteküchen: 22:17 Ein sibirischer Bauernsohn aus ärmlichsten Verhältnissen, der Karriere macht als "Wanderprediger". Auch die Zarin sieht in ihm einen Gottgesandten. 22:27 Aus heutiger Sicht würde man sagen: Wie können die so einem Spinner sozusagen zum Opfer fallen? Der zentrale Punkt, warum natürlich die Zarin auf diesen Rasputin plötzlich gehört hat, war, weil 22:39 sie einfach eine sehr verzweifelte Mutter war, die sich einfach sehnlichst gewünscht hat, dass ihrem Sohn geholfen wird. Und da kommt eine ihrer Hofdamen und erzählt eben, uh, 22:51 der neueste Hit, kennst du nicht Rasputin? Das ist der ... Ganz Petersburg redet von dem! Das ist der, den musst du kennenlernen! Das war damals vollkommen normale Mode, 22:59 so wie man heute sagen würde, kennst du nicht den Yogalehrer? Alle rennen zu dem hin! Spiritismus ist damals überall en vogue. Nikolaus lässt seine Frau gewähren. 23:10 Im familiären Umfeld ist er sensibel, doch Gespür für die Stimmung im Volk fehlt ihm. Er ignorierte die Entstehung des Proletariats in den Großstädten. Das waren keine braven Bauern mehr, 23:25 dem Zaren ergeben und gottesfürchtig; das war die Bevölkerung des neuen Russland, das sich in Richtung Sozialismus entwickelte, wie alle anderen Völker. 23:36 Er begriff nicht, dass sich die Zeiten geändert hatten. Die Romanows regieren prunkvoll abgehoben, wie eh und je – in der Scheinwelt absoluter Herrschaft. 23:48 Von den Nöten ihrer Untertanen bekommen sie nichts mit. Der Petersburger Hof gilt als der prächtigste seiner Zeit, mit 15.000 Bediensteten. 24:01 Sie hatten alles in zehnfacher Ausführung. Sie besaßen unzählige Paläste und verfügten über einen gigantischen Hofstaat. Alles war im Überfluss. 24:11 So dass Queen Victoria über die Zarenfamilie zu sagen pflegte: „Diese schrecklichen Russen – die übertreiben immer so!“ 24:22 Die britische Verwandtschaft rümpft die Nase. Dennoch: Im Mai 1913 treffen sich drei Vettern in Berlin. Der britische König George V. 24:34 Der deutsche Kaiser Wilhelm II. Und der russische Zar Nikolaus II. 24:43 Sie feiern die Hochzeit der Kaisertochter mit dem Herzog von Braunschweig. Es ist das letzte Mal, das sie sich sehen. 24:53 Sie sind familiär verbunden, aber politisch Rivalen. Unter den Kosenamen Willy und Nicky schreiben sich Kaiser und Zar seit Jahren auf Englisch. 25:07 1914 stürzt Europa auch durch ihr Zutun in die Krise. Erst als es zu spät ist, besinnen sie sich auf ihre Familienbande. 25:17 Wilhelm schreibt seinem Vetter am 29. Juli 1914, man müsse diesen schlimmsten Krieg, der Europa drohe, verhindern. 25:28 Drei Tage später beginnt der Erste Weltkrieg. Moderne Technik macht ihn zu einem Massensterben. 25:39 Zu den Verlusten an der Front kommen Hungersnöte in der Heimat. Die Menschen in Russland machen den Zaren dafür verantwortlich – und seine deutsche Frau. 25:54 Sowohl die Intelligenz als auch das Militär bis hin zum einfachen Bauern – alle redeten über Zar Nikolaus und seine Familie. Er neigte zu mystischen Ideen 26:08 und tanzte nach der Pfeife seiner Frau. Der Staat wurde von der Zarin regiert, die wiederum von einer gewissen Kamarilla gesteuert wurde. 26:19 Zu der gehörte auch der schmutzige sibirische Bauer Rasputin. Über ihn kursieren die abenteuerlichsten Gerüchte: 26:32 Es heißt, der Zarenhof stehe völlig in seinem Bann. Zarennahe Kreise um Felix und Irina Jussupow wollen dem Treiben ein Ende setzen. 26:48 Sie waren zu dem Schluss gekommen, da die Zarin total unter dem Einfluss von Rasputin stand. Als sie sich auch noch in die Politik einmischte und die Minister austauschte, wurde es gefährlich. 27:00 Deshalb hatten mein Großvater und die anderen beschlossen, Rasputin verschwinden zu lassen. Am Abend des 30. Dezember 1916 27:11 locken die Verschwörer Rasputin unter einem Vorwand in das Palais der Jussupows,… um ihn ein für alle Mal aus dem Weg zu schaffen – kein leichtes Unterfangen: 27:23 Man reicht dem Gast vergifteten Wein. Doch statt zu sterben, beginnt er zu singen. Man schießt ihm in den Rücken. Doch er wankt davon. 27:32 Man fesselt den „vergifteten Angeschossenen“ – und wirft ihn in den Fluss. Zur Rechenschaft werden die Täter nicht gezogen. 27:40 Die meisten Zeitgenossen betrachten den Mord als patriotische Tat. Da mein Großvater mit der Nichte des Zaren verheiratet war, 27:50 konnte der Zar ihn nicht ins Gefängnis stecken. Meine Großeltern wurden auf die Krim geschickt. Das hat sie gerettet. Denn sie waren weit weg von der Hauptstadt, als die Revolution ausbrach. 28:03 Sankt Petersburg im März 1917. Tausende gehen auf die Straße – für Brot und Reformen. 28:10 Den Demonstranten schließen sich meuternde Regimenter der Kaiserlichen Armee an. Wenige Tage später drängen die Generäle ihren Zaren zum Verzicht auf den Thron. 28:21 Am 15. März 1917 dankt Nikolaus II. ab. Er war nicht besonders charakterstark. Hinzukam diese Haltung “Ich bin von Gott auserwählt, 28:35 mein Volk zu führen”. Das paßte nicht zusammen. Er war der Lage nicht gewachsen und blieb dennoch stur. Der falsche Mann am falschen Ort zur falschen Zeit. 28:52 Nach der Abdankung wird die Zarenfamilie im Alexanderpalast vor den Toren Sankt Petersburgs zunächst festgesetzt. 29:01 Ihre treuesten Diener weichen ihnen nicht von der Seite, auch fünf Monate später nicht, als die Familie nach Tobolsk in Sibirien verlegt wird. 29:12 Dort schreibt die Zarentochter Maria in ihr Tagebuch: „Wir sind alle gesund, gehen viel auf dem Hof spazieren und fahren Schlitten über die Berge.“ 29:23 Da glaubte der Zar noch, dass er sich nach dem Krieg auf die Krim zurückziehen und ein normales Leben führen könnte. Aber das war eine Illusion. 29:43 In einem Staatsstreich reißen die Bolschewiki im November 1917 unter Lenins Führung die Macht an sich. Es beginnt eine Zeit des Terrors. 29:56 In der Situation des russischen Bürgerkrieges, die Roten gegen die Weißen, kam es zu einer Eskalation der Gewaltspirale überall im Land, die mit Worten kaum zu fassen ist. 30:09 Da gab es Pogrome gegen Bevölkerungsgruppen, Ermordung zarischer Generäle und Adeliger, jeder gegen jeden. 30:17 Und Lenin gegen das alte Regime. Er hasst den Zaren. Sein Bruder wollte dessen Vater ermorden und wurde deshalb hingerichtet. 30:25 Lenin selbst wegen Mitarbeit an einer illegalen Zeitung drei Jahre nach Sibirien verbannt. Jetzt schlägt seine Stunde. 30:36 Er lässt die Zarenfamilie deportieren – nach Jekaterinburg in den Ural. Zweieinhalbtausend Kilometer östlich von Sankt Petersburg. 30:48 Im „Ipatjew-Haus“ werden die Zarenfamilie und ihre Bediensteten unter Arrest gestellt. „Haus zur besonderen Verwendung“ nennen es die Bolschewiki. 31:06 17. Juli 1918, kurz nach Mitternacht. Heftiges Klopfen lässt den Leibarzt der Zarenfamilie, Dr. Botkin, aufschrecken. 31:17 Man sehe sich gezwungen, die Familie und ihre Bediensteten in den Keller zu verlegen, zu ihrem eigenen Schutz. Da es in der Nacht zu Schusswechseln in der Stadt kommen könne. 31:30 Es dauert eine halbe Stunde, bis alle sich angekleidet und im Souterrain versammelt haben. Sie zogen sich eine Art Reisekleidung an, denn es war frisch. Außerdem wurde ihnen gesagt, 31:48 dass sie möglicherweise herausgefahren werden. Ruhig schritten sie nach unten. Die Töchter und die Kammerzofe hielten Kissen in ihren Händen. Darin war Schmuck versteckt. 32:02 11 Personen werden in jener Nacht in den Keller des Ipatjew-Hauses geführt. Der Kommandant Jurowski ließ sie in einer Reihe aufstellen. Er hat oft solche Appelle durchgeführt. 32:15 Jeden Morgen hat er auf diese Weise überprüft, ob alle anwesend waren. Ein solches Antreten war daher nichts Ungewöhnliches. 32:45 Dann eröffnet der Kommandant dem Zaren, dass die Regierung ihre Hinrichtung beschlossen habe. Es kam zu einer wilden Schiesserei. Alle rannten umher. Es war ein Blutbad. 33:13 Das Massaker dauert mehrere Minuten. Einige Kugeln prallen an den eingenähten Juwelen ab. Doch die Mörder hält in dieser Nacht nichts auf. 33:25 Plötzlich ist Anastasias Stimme und Stöhnen zu hören. Es stellte sich heraus, dass sie noch am Leben war. Auf einem Gewehr steckte ein riesiges Bajonett 33:39 – wie ein Messer. Damit wurde sie schliesslich getötet. Als alles beendet schien, kam plötzlich der kleine Zarewitsch zu Bewusstsein. 33:58 Sie setzten die Pistole an seine Stirn. Mit diesem Schuss wurde die ganze Zarenfamilie ausgerottet. In ganz Russland wird in jenen Tagen Jagd auf Angehörige der Romanows gemacht. 34:15 18 Mitglieder der Dynastie und etliche Menschen aus ihrem Umfeld fallen den Bolschewiki zum Opfer. Sie versuchten, so viele zu ermorden, wie sie konnten. 34:28 Nur wer rechtzeitig auf die Krim entkommen konnte, hatte Glück. Zu denen gehörten auch mein Vater und mein Großvater. 34:38 Der britische König George V. schickt ein Schlachtschiff, um die Verfolgten zu retten. Auch die Mutter des Zaren. 34:49 Als sie in Jalta ablegten, traf ein anderes Schiff ein, voll besetzt mit zarentreuen Soldaten auf dem Weg nach Sewastopol, zum Kampfeinsatz. Und als sie an dem Schiff mit der Zarenmutter vorbeifuhren, sangen sie die Hymne der Zaren, aus voller russischer Kehle. 35:09 Sie kennen ja russische Chöre, beeindruckend! Alle auf dem Schiff haben gesungen. Und es war das letzte Mal, dass die Hymne vor einem Mitglied der Herrscherfamilie erklingen sollte. 35:30 Die Zarenmutter Maria Fjodorowna. Über das Schicksal ihres Sohnes sollte sie nie Gewissheit erlangen. Sie wollte nie, nie, dass jemand darüber spricht. Sie wollte es nicht wahrhaben. 35:48 Sie sagte sich die ganze Zeit: Nein, das darf nicht sein. Vielleicht stimmt das alles gar nicht. Oder anders gesagt: Sie hoffte auf das Unmögliche. 36:05 In diesem Wunschglauben lebt die Mutter des Zaren bis zu ihrem Tod in Kopenhagen, wo auch Prinz Dimitri seine Heimat gefunden hat. 36:31 Wir begreifen kaum, wie so etwas geschehen konnte. Ich meine: Präsidenten werden ermordet aus politischen Gründen. Aber eine ganze Familie? 36:41 Das ist doch nicht möglich. Sie haben es getan! Unter den Sowjets wurde das Schicksal der Zarenfamilie totgeschwiegen. 36:53 1978 begibt sich der Geologe Alexander Awdonin heimlich auf die Suche. Wir wussten, dass der Dichter Wladimir Majakowski in den 20er Jahren in Jekaterinburg war 37:09 und den geheimen Ort mit den Gebeinen gesehen hatte. Danach hat er sein berühmtes Gedicht "Imperator" verfasst. Es endet mit den Worten "...es läuft eine Straße durch die Stelle, an der der Imperator liegt...". 37:33 Sie hatten erst versucht, sie zu verbrennen, dann, sie in Säure aufzulösen, aber das hat nicht funktioniert. Also suchten sie einen Platz, um sie zu verscharren. Bahngleise waren ganz in der Nähe. 37:46 Also schafften sie Bahnschwellen herbei und legten sie auf die Leichen. Dann fuhren sie mit dem Lastwagen drüber – vor und zurück, um sie zu begraben. 38:00 Ein Jahr dauern die geheimen Ausgrabungen von Alexander Awdonin. 1979 entdeckt er drei menschliche Schädel. Ein gefährlicher Fund. 38:15 Wir steckten die Schädel zusammen mit einer Ikone in eine Kiste, gruben ein Loch und legten in der Nacht die Kiste dort hinein. 38:24 Wir haben dann 12 Jahre lang kein Wort darüber verloren. Mit dem Untergang der Sowjetunion hat auch das Totschweigen des Zarenschicksals ein Ende. 38:39 Auf Veranlassung von Präsident Jelzin werden die sterblichen Überreste der Zarenfamilie und ihrer Bediensteten 1991 exhumiert. Eine DNA-Analyse der Fundstücke beseitigt letzte Zweifel. 39:01 Wir haben Blutproben von Familienmitgliedern genommen. Von Prinz Dimitri Romanow, von Prinz Nicholas Romanow. Sogar von Prinz Philip, dem Mann der britischen Königin. 39:10 Er gehört auch zur Verwandtschaft, war eine der wichtigsten Personen unserer Untersuchung. 1998 werden die Gebeine der Zarenfamilie und ihrer Bediensteten 39:22 in Sankt Petersburg zu Grabe getragen – ein feierlicher Staatsakt. Die Queen erlaubte einigen ausgewählten Offizieren die Teilnahme an der Bestattung. 39:38 Auch der „Pipe Major“ war dabei, mit seinem Dudelsack. Und als die Särge vom Flugzeug umgeladen wurden in die Leichenwagen, spielte er ganz allein das Klagelied “Heimkehr”. 40:13 Bei uns stand der Enkel des Arztes, der in Jekaterinburg ermordet wurde. Er ist auf die Knie gefallen, als der Sarg seines Großvaters vorbeigetragen wurde. 40:25 In diesem Moment wurde dieses historische Ereignis gegenwärtig – für uns, für mich, für Russland. Der Mann war gekommen, um der Heimkehr seines Großvaters beizuwohnen. 40:47 In der Peter-und-Paul-Kathedrale, dem Wahrzeichen der einstigen Zarenhauptstadt, finden die Opfer von Jekaterinburg ihre letzte Ruhe. 41:00 Im Beisein der Nachfahren verneigt sich der damalige Präsident Boris Jelzin vor dem letzten Zaren und seiner Familie. 41:10 „Das Blutbad von Jekaterinburg war eine der schändlichsten Seiten in unserer Geschichte“, erinnert Jelzin. Mit der Beisetzung „wollen wir die Schuld unserer Vorfahren sühnen“. 41:24 Dass Jelzin da war – politisches Kalkül hin oder her –, dass er im Namen Russlands um Vergebung gebeten hat für das, was unserer Familie angetan wurde. 41:37 Das werden wir nie vergessen! Das war einer der beklemmendsten Tage, 41:56 aber auch einer der glücklichsten, weil sie dort jetzt in Frieden ruhen. 90 Jahre nach ihrer Ermordung wird die Zarenfamilie als Opfer kommunistischer Gewalt rehabilitiert. 42:15 Den Weg – von den Romanows zu Lenin, zu Stalin bis hin zur heutigen Regierung – verstehen die Russen als Kontinuum, als Teil ihrer Geschichte, als Teil ihres Fortschritts. 42:30 Sie waren durch die Hölle gegangen, aber sie haben es überstanden. Mit Stolz, mit Stärke und mit Widerstandskraft. Und dafür gibt es im Russischen ein Wort, das bedeutet 42:47 “die Fähigkeit, weiterzumachen, die Fähigkeit, klarzukommen“. „Sich nicht unterkriegen lassen“. Und ich finde das äußerst liebenswert. 43:01 Das Erbe der Zaren – an unzähligen Plätzen Russlands ist es heute noch sichtbar. Das russische Volk beginnt, die Geschichte der Romanows neu zu entdecken. 43:14 Auf der Suche nach Wegen in die Zukunft.