3 Irrtümer über die Völkerwanderung | Terra X Terra X History https://www.youtube.com/watch?v=HtSbZ9dZ1s0 Transkript (automatisch erstellt) 0:01 Asiatische Reiternomaden – die Hunnen – versetzen Europa Ende des 4. Jahrhunderts in Bewegung und treiben Germanische Kriegerverbände ins Römische Reich. Der Beginn der „Völkerwanderung“. 0:15 „Die Zeit der „Völkerwanderung“ – so nennt man in Deutschland die turbulente Epoche zwischen Antike und Mittelalter. Zwischen dem 4. und 6. Jahrhundert bringen germanische Kriegerverbände die Großmacht Rom ins Wanken: 0:28 die „Ewige Stadt“ wird gleich zweimal geplündert, erst von den Westgoten, dann von den Vandalen. Der letzte Kaiser wird abgesetzt. Bis heute kursiert das Klischee von hünenhaften germanischen Kämpfern, die von außen ins Römische Reich einfallen und ihm den Todesstoß versetzen. 0:44 Aber war das wirklich so? Die Wahrheit ist wie immer differenzierter. Hier kommen 3 Irrtümer über die „Völkerwanderung“ Irrtum 1: Germanen waren Feinde der Römer 1:04 Bis heute zeugen eindrucksvolle Monumente von der einstigen Macht der Römer in Europa. Doch seit Ende des 4. Jahrhunderts verblasst die Pracht des Kaiserreichs. Was war geschehen? 1:20 Schon vor der Völkerwanderung zeigt das Imperium Zerfallserscheinungen: Je größer das Reich, desto schwieriger Verwaltung und Verteidigung. 1:34 Deshalb ziehen sich die Römer im 3. Jahrhundert an Rhein und Donau zurück und teilen das Imperium auf: Zunächst in vier Präfekturen, Ende des 4. Jahrhunderts schließlich in west- und oströmisches Reich. 1:49 Neben dem Kaiser im Westen residiert jetzt ein zweiter in Konstantinopel. Gleichzeitig droht Gefahr von außen: Besonders aus dem Norden, von den „Germanen“. Hinter dem römischen Sammelnamen stecken höchst unterschiedliche Gruppen: 2:08 Zwar ähneln sich ihre Sprachen, Götter und bäuerlichen Lebensweisen. Aber ihr Gemeinschaftsgefühl reicht selten über das eigene Dorf hinaus. 2:19 Aus römischer Sicht sind sie „Barbaren“ – wie alle Völker außerhalb des Imperiums. Schon vor der „Völkerwanderung“ drängen Krieger aus „Germanien“ ins Römische Reich. 2:34 Doch das Imperium schlägt brutal zurück. Trotzdem treibt es die „Barbaren“ immer wieder über die Grenzen. Um das zu verstehen, zeigt mir Gabrielle Kremer die luxuriöse Therme von Carnuntum – inklusive Fußbodenheizung. 2:54 „Man muss sich vorstellen, dass im Römischen Reich der Lebensstandard sehr viel höher war als in den nördlich angrenzenden Gebieten. Auf der einen Seite diese hoch entwickelten Städte wie zum Beispiel Carnuntum. 3:06 Und auf der anderen Seite eher bäuerliche Siedlungen mit ganz einfachen Hütten aus Holz und Lehm. Mit ihren Angriffen wollen diese Völkerstämme also nicht das Römische Reich zerstören, sondern sie wollen sich Zugang verschaffen zu Wohlstand und zu den materiellen Gütern.“ 3:24 Die Römer wissen ihren Wohlstand zu verteidigen. Deshalb versuchen viele „Germanen“ auf anderen Wegen an die begehrten Konsumgüter des Imperiums zu gelangen. 3:35 „He, he, he, he – wir tun Euch nichts!” Statt auf Waffen, setzen sie auf Handel. 3:48 Denn von Geschäften profitieren am Ende beide Seiten – mehr als von Kriegen mit ungewissem Ausgang. Römische Alltagsgegenstände werden zu begehrten Prestigeobjekten, die das Ansehen ihrer neuen Besitzer steigern. 4:12 Manche Germanen handeln nicht nur, sondern kämpfen sogar für die Römer – als „foederati“, als Verbündete. Das bietet Aufstiegschancen und ist auch aus römischer Sicht lukrativ, denn ein ausländischer Soldat kostet sechsmal weniger als ein römischer. 4:29 So schreitet die „Barbarisierung“ der Armee Roms voran… …auch bei der Ausrüstung: Rundschilde halten Einzug bei den Legionen – nach germanischem Vorbild. 4:44 Zwar kämpften immer schon Nichtrömer für das Kaiserreich. Aber seit dem 3. Jahrhundert wächst ihr Anteil an der Armee rasant. „Hat man damit nicht ein Stück weit auch Macht abgegeben an die Barbaren?“ 4:58 „Ja, das mag auf den ersten Blick so aussehen. Aber der römische Staat war ein Vielvölkerstaat. Und diese strenge Trennung zwischen römischen Bürgern und Barbaren, die hatte sich in der Spätantike ja schon längst aufgelöst. 5:10 Und im dritten Jahrhundert haben alle freien Bewohner des Reiches das römische Bürgerrecht bekommen und alle Bürger konnten im römischen Staat auch Karriere machen.“ „Das heißt also: anders als man lange angenommen hat, sind die Menschen schon vor der sogenannten Völkerwanderung ins römische Reich gekommen. 5:28 Und mit den Kampftruppen, die mit Waffen für den römischen Wohlstand gekämpft haben, haben sich die Römer ganz gut arrangiert.“ Irrtum 2: Germanen waren unzivilisierte Barbaren 5:45 Trotzdem: In Erinnerung bleiben die germanischen Krieger als grobschlächtige Barbaren – nicht zuletzt wegen der Eroberung Roms durch die Westgoten im Jahr 410. Bis heute prägt die Plünderung der „Ewigen Stadt“ die Vorstellungen von der „Völkerwanderung“. 6:10 „Der Fall der Stadt Rom – bis heute ein Sinnbild für barbarische Zerstörungswut und den Untergang römischer Zivilisation. Aber entspricht das der Wirklichkeit?“ Getrieben von asiatischen Reiternomaden – den Hunnen, die damals im Osten Europas auftauchen 6:26 kommen die späteren Westgoten im Jahr 376 ins Reich – nicht als Eroberer, sondern als Flüchtlinge. Laut Chronisten überqueren bis zu 200.000 Menschen die Donau – mit kaiserlicher Erlaubnis. 6:41 Die Römer können die erfahrenen Krieger gebrauchen und nehmen sie als Söldner unter Vertrag. Unter den „Goten“ tut sich ein Krieger mit dem Namen Alarich hervor. 6:51 Bei der Flucht vor den Hunnen war er ein Kind. Jetzt ist er einer von vielen Warlords in römischen Diensten. Unter hohen Verlusten kämpft er für Theodosius – den letzten Alleinherrscher über das römische Imperium. 7:14 Nach dessen Tod wird das Reich unter zwei Nachfolgern geteilt. Die geraten bald in Streit miteinander und Alarich muss zwischen beiden Parteien lavieren. Letztendlich wird er aber von beiden hintergangen. 7:28 „Beide haben versucht, einerseits sich Alarich und seine Truppe vom Leib zu halten, andererseits aber auch versucht, auf sie zurückzugreifen, weil das natürlich eine starke Armee gewesen ist, die man auch für eigene Zwecke einsetzen konnte. Und das hat dazu geführt, 7:44 dass Alarich so ein bisschen zerrieben worden ist zwischen beiden Reichshälften und dadurch auch in eine schwierige Situation gebracht wurde, die am Ende dazu geführt hat, dass er dann 410 Rom erobert hat.“ 7:59 Kein Triumph, sondern eine Verzweiflungstat: Alarich braucht Roms Schätze, um seine Männer zu entlohnen. Er hatte nie im Sinn das Reich zu zerstören, sondern suchte darin einen Platz für sich und sein Gefolge. 8:17 Alarich stirbt wenige Monate nach der Eroberung Roms. Acht Jahre nach seinem Tod schließen die Westgoten mit den Römern einen neuen Vertrag - und erhalten die Erlaubnis, im Westen des Imperiums zu siedeln. 8:32 Hier gründen sie eigene Reiche: Zunächst rund um Toulouse, im heutigen Frankreich. Dann in Spanien, mit der Hauptstadt Toledo. 8:46 Am Südufer des Tajo bauen die Westgoten im Jahr 578 eine neue Kapitale: Reccopolis – eine Residenzstadt nach römischem Muster. Archäologen haben die Fundamente einer Kirche und eines Palastes freigelegt. 9:02 Inzwischen lassen sich aber auch ohne Spitzhacken dem Boden Geheimnisse entlocken. Mit einem Gerät, das wie eine Sämaschine über die Felder gezogen wird. 9:14 Sonden messen das Magnetfeld der Erde in 1,20 Meter Tiefe, einhundertmal pro Sekunde – Archäologie 2.0. Im Deutschen Archäologischen Institut in Frankfurt erklärt mir Knut Rassmann die Technologie, die in Reccopolis zum Einsatz kam: 9:36 Unter anderem auch Drohnen, die mit Hilfe von Lasern kleinste Veränderungen im Boden erkennen. „Ich denke, dass wir erhärten konnten, dass die gesamte Stadtanlage dicht bebaut ist. Und dafür waren eben vor allem die magnetischen Prospektionen ausschlaggebend. 9:53 Und durch die Drohnensensorik, durch die geophysikalischen Methoden können wir den gesamten Stadtraum und auch die Peripherie in den Blick nehmen. Und das eröffnet uns eben die Chance, das Gesamtbild so einer Stadt zu generieren.“ 10:06 So lässt sich auch ohne weitere Grabungen Reccopolis in groben Zügen rekonstruieren - damals eine der größten Städte Spaniens. Eine Bauleistung, die man den „Barbaren“ lange Zeit nicht zugetraut hat. 10:21 „Trotz solcher beeindruckender Beispiele haben die ‚Barbarenvölker‘ keinen guten Ruf, sie gelten als unzivilisiert. Vor allem in den Teilen Europas, die von den Römern beherrscht worden waren. 10:33 Bis heute heißt ‚Völkerwanderung‘ in Frankreich zum Beispiel ‚invasions barbares‘ – ein Begriff, der negative Assoziationen weckt. Auch das Wort ‚gotisch‘ ist ursprünglich negativ gemeint. 10:45 Es stammt von dem italienischen Architekten Giorgio Vasari der damit im 16. Jahrhundert die mittelalterliche Baukunst als ‚barbarisch‘ geißelt. Und dann gibt es da noch das Wort ‚Vandalismus‘ – bezieht sich auf die Vandalen, die im Jahr 455 nach Christus Rom in Schutt und Asche gelegt haben. 11:02 Aber geprägt wird dieser Begriff erst Jahrhunderte später, während der Französischen Revolution – von einem königstreuen Kirchenmann. Er bezeichnet damit die Revolutionäre, die die Kirchen kaputt gemacht haben. Dabei waren die Vandalen alles andere als unzivilisierte Kaputtmacher. 11:21 Sie haben während der ‚Völkerwanderung‘ den längsten Weg zurückgelegt.“ 406 fallen sie bei Mainz in das Römische Reich ein. Jahrzehnte später erreichen sie den Norden Afrikas und erobern Karthago, eine der größten Städte des Imperiums. 11:41 Mehr als 30 Jahre sind sie auf Achse – ein Tross aus zehntausenden Menschen. Einige werden sesshaft, andere ziehen weiter: Erst mit Ochsenkarren, dann mit gekaperten Schiffen der Römer – bis ihre Odyssee nach mehr als 4.000 Kilometern endet. Ihr Ziel: Karthago. 12:03 Die Römer hatten die Metropole am Mittelmehr 600 Jahre zuvor erobert und zerstört. Von den Vandalen wird die Stadt dagegen verschont und zur blühenden Hauptstadt ihres Königreiches gemacht. 12:17 Von wegen Vandalismus… Irrtum 3: Das Römische Reich endet 476 nach Christus 12:36 Im Jahr 476 sitzt ein Teenager auf dem Kaiserthron: „Romulus Augustulus“ – das „Kaiserlein“ nennen ihn die Zeitgenossen spöttisch. Doch hinter den Kulissen zieht sein General Odoaker die Fäden, der Sohn eines Hunnen. Durch einen Militärputsch reißt er die Macht an sich und setzt das „Kaiserlein“ einfach ab. 13:01 „Lange Zeit galt das Jahr 476 nach Christus als Datum für den endgültigen Untergang des weströmischen Reichs. Tatsache ist aber: Die Zeitgenossen haben von diesem vermeintlichen Untergang gar nichts mitbekommen – zumindest nicht in Italien.“ 13:21 „Genau hier erlebte das angeschlagene Imperium sogar ein regelrechtes Revival. Beeindruckendes Symbol dafür ist diese Kirche hier: Sant‘Appolinare Nuovo, erbaut von Theoderich – genannt ‚der Große‘.“ 13:37 Auch der Ostgote Theoderich gelangt nicht friedlich an die Macht. Als Anführer eines Heeres im Sold des oströmischen Kaisers hat er Karriere gemacht. In kaiserlichem Auftrag zieht er Ende des 5. Jahrhunderts mit einem riesigen Tross nach Italien, tötet Odoaker und lässt sich zum König krönen. 13:56 Selbstbewusst tritt ein Barbar das Erbe des Imperiums an. Schon zu Lebzeiten baut er sich ein Mausoleum, das die Zeiten überdauert hat. 14:12 Theoderichs Herrschaft wurde von Zeitgenossen als glanzvoll gerühmt. Was war sein Geheimnis? „Er schaffte es, die Kulturen der Ostgoten und Römer zu verbinden und für lange Zeit nebeneinander bestehen zu lassen, weil er die römische Kultur kannte. 14:34 In Italien baute er Städte und Gebiete wieder auf, die durch Kriege und Barbareneinfälle verwüstet worden waren. Und er verlieh den Resten des Römischen Reiches neues Leben, neuen Schwung." 14:50 In seinem Königreich setzt Theoderich auf strikte Aufgabenteilung: Die Eroberer haben die militärische Macht, während die Römer die zivile Verwaltung bestimmen. Zwar haben die Ostgoten das letzte Wort, zum Beispiel in der Rechtsprechung. Doch weil Theoderich den alten Beamtenapparat respektiert, unterwerfen sich die Römer. 15:20 Rom erlebt eine Renaissance: Theoderich lässt Prachtbauten wie das Kolosseum reparieren. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten gibt es wieder Brot und Spiele. Knapp hundert Jahre nach der Plünderung der „Ewigen Stadt“ durch die „Westgoten“ wird der „Ostgote“ Theoderich wie ein Kaiser empfangen. 15:42 Nebeneinander statt miteinander – anfangs hat diese Formel Erfolg. Doch in Glaubensfragen stehen sich Ostgoten und Römer unversöhnlich gegenüber. Und das, obwohl beide seit dem 4. Jahrhundert Christen sind. 15:59 Bei den Römern setzt sich das Christentum unter Kaiser Konstantin durch. Die Goten bekehren sich dank eines Bischofs mit Namen Wulfila zum neuen Glauben. Aber an Jesus scheiden sich die Geister: Römische Christen sind der Überzeugung er sei Gott und „eines Wesens mit dem Vater“. Für gotische Christen ist er eher Mensch. 16:24 Der christliche Glaube eint Goten und Römer - und trennt sie zugleich. Deshalb finden sich in Ravenna noch heute zwei Taufkirchen: Eine gotische… 16:39 …und eine römische. Trotz aller Ähnlichkeiten: In der Glaubenslandschaft entstehen Parallelgesellschaften. Nur Theoderich hält Ostgoten und Römer zusammen. Nach seinem Tod im Jahr 526 zerfällt sein Reich. 17:03 Theoderichs Mausoleum aber hat die Zeiten überdauert. Bis heute erinnert es an den großen König der Ostgoten. „Theoderich bringt das Römische Reich zu letzter Blüte. 17:15 Aber seine Politik, die scheitert – nicht zuletzt wegen Religion und dem Gegensatz zwischen römischen und ostgotischen Christen. Den Weg in die Zukunft, den weist ein anderer Herrscher…“ 17:29 Der fränkische König Chlodwig aus dem Geschlecht der Merowinger. Dort, wo heute die gotische Kathedrale steht, lässt sich Chlodwig taufen – um das Jahr 500 nach Christus, das genaue Datum ist umstritten. 17:47 Ein entscheidender Schritt: Als erster Barbarenherrscher bekennt sich Chlodwig zum römisch-katholischen Glauben. Die Religion wird zum Bindeglied zwischen römischer und fränkischer Bevölkerung. 18:05 Mit dem Segen der Kirche treten die Franken das Erbe des Imperium Romanum an. Was mit der Taufe Chlodwigs in Reims beginnt, erreicht im Jahr 800 in Rom seinen Höhepunkt: 18:19 Mit der Krönung von Karl dem Großen. Es gibt wieder einen Kaiser im Westen Europas – auch wenn er kein Römer ist. In neuer Gestalt lebt die römische Herrschaftsidee weiter: im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation hat sie bis 1806 bestand. 18:36 „Im Westen treten Karl der Große und die Franken das Erbe der Römer an. Im Osten bleibt das römische Reich sogar bestehen – bis ins 15. Jahrhundert, als Byzantinisches Reich. 18:45 Aber auch andere treten in die Fußstapfen des Imperium Romanum: rund ums Mittelmeer sind es die Araber und im Osten zum Beispiel die Slawen. Das Römische Reich endet nicht mit einem Paukenschlag, sondern ganz allmählich. 18:56 Die ‚Barbaren‘ im Westen schlagen auch nicht alles kurz und klein, sondern sie setzen das römische Erbe fort – und reichern es durch eigene Traditionen an.“ „Welche Klischees oder Irrtümer der Geschichte kennt ihr noch? Schreibt es gerne unten in die Kommentare. 19:11 Und wenn Ihr mehr über das Römische Reich erfahren wollt, dann haben wir Euch hier ein paar Videos verlinkt – schaut da gerne mal rein! Danke fürs Zuschauen und bis zum nächsten Mal!“