Postmoderne, Gegenwartsliteratur, Intertextualität, Metafiktion | Literaturgeschichte erklärt MOOCit Education Matters Lernvideos für die Schule https://www.youtube.com/watch?v=HHaxNql5YC4 Transkript (automatisch erstellt) 0:00 Kennen Sie das auch? Sie lesen ein Buch, schauen einen Film und fragen sich am Ende, ähm, was sollte das jetzt 0:06 eigentlich? Als ob die Spielregeln ständig neu geschrieben werden. Keine Sorge, damit sind Sie nicht allein. Wir 0:13 knacken diesen Code heute mal gemeinsam. Sehen Sie das hier als Ihre persönliche Bedienungsanleitung für die Geschichten 0:19 unserer Zeit. Okay, legen wir los. Unsere Welt heute, die fühlt sich oft ziemlich zerstückelt an, oder? Man hat 0:27 das Gefühl, da prasselt einfach ein endloser Strom von Infos, Meinungen und Bildern auf einen ein. Sie scrollen 0:34 durch ihren Social Media Feed und denken sich: "Moment mal, ist das jetzt echt oder Fake News? Wem kann man eigentlich 0:41 noch irgendwas glauben?" Und genau dieses Gefühl, diese permanente Unsicherheit, das ist doch irgendwie zu 0:48 einem Grundgefühl unserer Zeit geworden. Und es geht ja noch weiter. Manchmal fühlt sich sogar das eigene Leben an wie 0:55 so ein Remix. Sie wissen schon, zitiert, neu verpackt, aus dem Zusammenhang gerissen. Alles wirkt wie ein Echo von 1:02 etwas anderem. Ein bisschen wie ein Meme, das ständig neu aufbereitet wird. Und genau dieses Lebensgefühl, das ist 1:09 natürlich auch in der Literatur angekommen. Stellen Sie sich das mal vor. Der Erzähler, dem Sie 300 Seiten 1:15 lang vertrauen, führt sie absichtlich komplett an der Nase herum. Die Geschichte zwinkert ihnen quasi zu und 1:22 sagt: "Hey, ich weiß ganz genau, dass ich nur eine Geschichte bin." Ja, und da stellt sich doch die Frage, warum ist 1:28 das so? Warum fühlen sich moderne Geschichten oft so kompliziert an, so selbstironisch und manchmal auch einfach 1:35 nur verwirrend? Tja, das ist kein Zufall. Sie sind ein Spiegel unserer Zeit und der Schlüssel, um das alles zu 1:43 verstehen, der hat tatsächlich einen Namen und dieser Name lautet Postmoderne. Aber Achtung, das ist nicht 1:51 einfach nur eine Epoche, die man im Kalender abhaken kann. Denken Sie dabei eher an eine Haltung, eine ja eine Art 1:57 Werkzeugkasten, den Autoren nutzen, um unsere komplexe Welt von heute überhaupt noch greifen zu können. Ganz kurz zur 2:04 Klärung, damit wir hier vom gleichen sprechen. Postmoderne ist die Haltung, also diese Skepsis, dieses Spiel mit 2:11 Formen. Und Gegenwartsliteratur, na ja, das ist schlicht und einfach die Literatur, die heute geschrieben wird 2:17 und die bedient sich eben sehr, sehr gerne aus genau diesem postmodernen Werkzeugkasten. Das ist der wichtige 2:22 Punkt. Ein absolut zentraler Gedanke, den die Postmoderne auf den Kopf stellt, ist die Idee der sogenannten großen 2:29 Erzählung. Was ist damit gemeint? Nun, das ist die Vorstellung, dass es die eine große Geschichte gibt, die alles 2:35 erklärt, z.B. die vom unaufhaltsamen Fortschritt der Menschheit. Und das postmoderne Denken sagt an der Stelle 2:41 ganz klar: "Moment mal, ist die Welt nicht viel viel komplizierter? Gibt es nicht eigentlich unzählige, sich oft 2:47 widersprechende Geschichten, die alle gleichzeitig existieren?" Okay, also schauen wir uns diesen 2:53 Werkzeugkasten doch mal genauer an. Welche Tools benutzen Autoren denn jetzt ganz konkret, um diese komplexe Realität 3:00 einzufangen? Das erste Werkzeug hat einen etwas sperrigen Namen, Intertextualität. 3:06 Aber die Idee dahinter ist eigentlich total simpel. Kein Text existiert im luftleeren Raum. Wenn in einem Roman 3:12 eine Figur plötzlich eine Zeile aus einem bekannten Song zitiert, dann ist das Intertextualität. Jeder Text ist im 3:19 Grunde Teil eines riesigen andauernden Gesprächs mit anderen Texten, mit Filmen, Mythen, ja sogar mit 3:25 Werbeslogans. Und das kann ganz verschiedene Formen annehmen. Mal ist es ein direktes Zitat, mal ist es eine 3:32 Parodie, die einen berühmten Stil nachahmt und damit spielt, oder es geht sogar seit, dass eine ganze bekannte 3:38 Geschichte komplett neu geschrieben wird, aber aus einer völlig anderen Perspektive. Als nächstes hätten wir im 3:44 Kasten die Metafiktion. Das ist, wenn eine Geschichte quasi über sich selbst nachdenkt und spricht. Kennen Sie das, 3:51 wenn ein Film die vierte Wand durchbricht? Genau das. Der Text sagt uns im Grunde: "Hallo, nur damit du es 3:57 weißt, ich bin eine erfundene Geschichte und du liest mich gerade." Das lenkt unsere Aufmerksamkeit total darauf, wie 4:03 erzählen eigentlich funktioniert. Ein weiteres extrem beliebtes Werkzeug ist der unzuverlässige Erzähler. Das 4:12 bedeutet, die Stimme, die uns die ganze Geschichte präsentiert, der können wir einfach nicht über den Weg trauen. Die 4:17 ist nicht objektiv, sie ist parteisch, vergisßt Dinge oder lügt uns vielleicht sogar dreist an. 4:24 Und das ist der Clue. Das ist oft psychologisch total realistisch. Denken Sie mal drüber nach. Unsere eigene 4:31 Erinnerung ist doch auch lückenhaft. Wir erzählen Geschichten oft so, dass wir selbst gut dabei wegkommen. Und die 4:37 Literatur macht hier nichts anderes als genau diese menschliche Eigenschaft abzubilden. Das zwingt uns als Leser 4:44 selbst zu Detektiven zu werden, was stimmt hier und was nicht. Und dann zu guter Letzt Hybridät. Was heißt das? 4:52 Ganz einfach, hier werden die Grenzen gesprengt. Ein Roman ist plötzlich nicht mehr nur ein Roman. Er saugt quasi alle 4:59 möglichen anderen Medienformate in sich auf. Und das sehen wir doch heute wirklich überall. In einem Roman finden 5:06 Sie plötzlich ganze Chatprotokolle, wissenschaftliche Aufsätze, endlose Fußnoten oder sogar Fotos und 5:13 eingescannte Dokumente. Die Form des Buches wird damit genauso fließend und vermischt wie die Medienwelt, in der wir 5:20 alle tagtäglich leben. Okay, aber warum dieser ganze Aufwand? Warum all diese scheinbar so komplizierten Werkzeuge? 5:28 Die Antwort ist eigentlich ganz einfach, weil sie eine direkte Reaktion auf unsere moderne Lebenswelt sind. Das ist 5:35 keine sinnlose Spielerei. Schauen Sie sich mal diese Zusammenhänge an. Das ist wirklich spannend. Diese 5:41 Mediensättigung, die wir alle spüren in der Literatur wird daraus Remix und Zitat. Der soziale Pluralismus, also die 5:47 vielen verschiedenen Lebenswelten nebeneinander. Daraus werden Geschichten mit ganz vielen unterschiedlichen 5:52 Perspektiven und die Vertrauenskrisen, die wir erleben, die spiegeln sich eins zu eins im unzuverlässigen Erzählen 5:58 wieder. Man sieht also, Literatur reagiert immer ganz direkt auf die Welt da draußen. Aber und das muss man auch 6:05 sagen, nicht jeder findet diese Entwicklung super. Und das bringt uns direkt zu einer ziemlich zentralen 6:10 Debatte. Was soll das alles eigentlich? Was ist der Wert dieser postmodernen Techniken? Ist das am Ende alles nur ein 6:18 abgehobenes intellektuelles Spiel für ein paar Eingeweihte? Etwas, das den Kontrakt zur echten Welt komplett 6:24 verloren hat? Oder oder ist es vielleicht eine total wichtige und scharfe Form von Kritik, die uns am Ende 6:30 sogar hilft, unsere komplexe Welt besser zu durchschauen? Die Kritiker sagen ganz klar: Das ist alles zu verspielt, das 6:36 führt zu politischer Beliebigkeit, zu Apathie. Aber die Befürworter, die halten dagegen und sagen: "Nein, nein, 6:42 Moment. Gerade weil diese Texte uns vor Augen führen, wie Geschichten konstruiert werden, decken sie doch 6:48 Machtstrukturen auf. Sie rütteln an scheinbar einfachen Wahrheiten und machen uns so zu klügeren, kritischeren 6:54 Lesern und zwar nicht nur von Büchern, sondern von allen Geschichten, die uns jeden Tag erzählt werden. Und das führt 7:01 uns zu einer letzten ziemlich großen Frage. In einer Welt, die ja immer komplexer wird, in der Wahrheit ständig 7:08 umkämpft ist und alte Gewissheiten einfach nicht mehr gelten, was für Geschichten brauchen wir da eigentlich 7:14 für die Zukunft? Brauchen wir Geschichten, die uns einfache, klare Antworten liefern oder brauchen wir 7:20 vielleicht eher die, die uns beibringen, mit Unsicherheit umzugehen und vor allem die richtigen Fragen zu stellen? Tja, 7:27 genau diese Frage, die lässt uns die Literatur von heute am Ende stellen.