Karl Marx | Religionskritik Ethik-Abi by BOE https://www.youtube.com/watch?v=E_dNXiHNEuc Transkript (automatisch erstellt) 0:00 „Religion ist das Opium des Volkes.“ Dieser berühmte Satz stammt von Karl Marx, einem der bekanntesten Philosophen und Religionskritiker der Geschichte. 0:10 Was meint Marx mit diesem Satz? Und welches Ziel verfolgt er mit seiner Religionskritik? 0:16 Karl Marx (1818-1883) war ein deutscher Philosoph, Ökonom, Gesellschaftstheoretiker und Journalist. 1818 wird er in Trier als Jude geboren, aus den Familien seiner Eltern stammen mehrere 0:28 Rabbiner. Als Trier nach dem Wiener Kongress (1814-15) nicht mehr zu Frankreich, sondern zu Preußen 0:33 gehört, ist die Familie erstmals mit Antisemitismus konfrontiert. Sein Vater Heinrich darf auf einmal nicht mehr als Rechtsanwalt arbeiten und konvertiert 0:43 deshalb zum Christentum, wird evangelisch. Damit Karl das Gymnasium besuchen kann, wird auch er im Alter von sechs Jahren getauft. 0:52 Ein Jahr später konvertiert die Mutter. 1835 beginnt Marx sein Studium. 0:59 Er macht Bekanntschaft mit linken Anhängern des Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel, den sogenannten Junghegelianern, und lernt die Religionskritik Ludwig Feuerbachs kennen. 1:10 Marx wird Atheist. Mit 24 Jahren wird er Chefredakteur der liberaldemokratischen „Rheinischen Zeitung für Politik, Handel 1:17 und Gewerbe“ in Köln und kommt erstmals mit der sozialen Frage in Berührung. Marx gerät mit der Zensur in Konflikt, die Zeitung wird schließlich von der preußischen 1:27 Regierung verboten. 1843 verlässt er Deutschland und zieht nach Paris. 1:33 Dort lernt er die Ideen des Frühsozialismus kennen und wird auf das Elend des Industrieproletariats aufmerksam. 1:41 Er schließt Freundschaft mit Friedrich Engels (1820-1895) und widmet sich zusammen mit ihm intensiv der politischen Ökonomie. 1:48 Marx und Engels erarbeiten gemeinsam das politische Konzept des Kommunismus. Ihr „Kommunistisches Manifest“ erscheint 1848 und ist bis heute eines der meistgelesenen 1:59 Bücher der Welt. 1867 veröffentlicht Marx den ersten Band seines Hauptwerks „Das Kapital. 2:07 Kritik der politischen Ökonomie“. 1845 wird Marx aus Frankreich ausgewiesen. 2:14 Er gibt seine preußische Staatsangehörigkeit auf und bleibt Zeit seines Lebens staatenlos. Er lebt in Belgien und Deutschland, zieht schließlich nach England, wo er bis zu seinem 2:24 Tod 1883 lebt. Marx gilt als einer der einflussreichsten Theoretiker des Sozialismus und Kommunismus, 2:32 aber auch als berühmter Vertreter eines radikalen Atheismus und einer fundamentalen Religionskritik. Marx‘ Religionskritik ist stark von Ludwig Feuerbach beeinflusst. 2:44 Er schreibt: „Feuerbach ist unser größter Prophet, es gibt keinen anderen Weg zur Wahrheit als durch den Feuerbach." 2:52 Marx formuliert seine Religionskritik vor allem in der Einleitung seines Werks „Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“ (1843). 2:59 Darin verändert und verschärft er die Religionskritik von Ludwig Feuerbach (1806-1872). Dieser hatte Gott als Projektion menschlicher Wünsche beschrieben. 3:07 Auch Marx hält Gott für eine Projektion des Menschen. Er schreibt: „Das Fundament der irreligiösen Kritik ist: Der Mensch macht die Religion, 3:17 die Religion macht nicht den Menschen. Und zwar ist die Religion das Selbstbewusstsein und das Selbstgefühl des Menschen (...)". 3:25 In Gott sieht der Mensch nur sich selbst und zwar in idealisierter, ins Unendliche vergrößerter Form. 3:32 Im Unterschied zu Feuerbach vertritt Marx aber keine anthropologische, sondern eine gesellschaftskritische Religionskritik. 3:39 Der Mensch ist nämlich für Marx „kein abstraktes, außer der Welt hockendes Wesen", sondern existiert nur in Gesellschaft. 3:47 Er ist immer in einen politischen und sozio-ökonomischen Kontext eingebunden und lebt in einer bestimmten gesellschaftlichen Situation. 3:56 Seine Wirklichkeit ist durch wirtschaftliche und soziale Faktoren geprägt. Somit hat Marx‘ Ansicht nach nicht der einzelne Mensch, sondern die Gesellschaft die Religion 4:07 gemacht. Das gesellschaftliche Sein bestimmt nämlich das Bewusstsein des Menschen. 4:13 Religion basiert damit nicht wie bei Feuerbach nur auf persönlichen Erfahrungen und Wünschen, sondern auf gesellschaftlichen und politischen Zuständen. 4:22 Religion ist eine Reaktion auf die konkreten gesellschaftlichen Verhältnisse. Sie ist eine Projektion der Gesellschaft, das Produkt wirtschaftlicher und sozialer 4:31 Rahmenbedingungen. Marx teilt außerdem Feuerbachs Überzeugung, dass der Mensch sich durch Religion von sich 4:38 selbst entfremdet. Im Gegensatz zu Feuerbach betrachtet Marx jedoch die gesellschaftlichen Gründe dieser 4:44 religiösen Entfremdung. Ursache dafür, dass der Mensch Gott und weitere religiöse Inhalte erfindet, ist laut Marx 4:52 die verkehrte soziale Welt. Die ungerechte Gesellschaft erzeugt das verkehrte religiöse Bewusstsein. 5:00 Marx schreibt: „Dieser Staat, diese Sozietät produzieren die Religion, ein verkehrtes Weltbewusstsein, weil sie eine verkehrte Welt sind." 5:11 Das religiöse Bewusstsein ist bei Marx also entfremdetes Bewusstsein in einer entfremdeten Welt. 5:18 In dieser Welt erfindet sich nicht der einzelne Gläubige seine Religion, sondern diese wird ihm gesellschaftlich vermittelt. 5:25 Religion lässt sich laut Marx daher nur verstehen, wenn wir ihre Rolle innerhalb der Gesellschaft verstehen. 5:32 Für Marx sind alle vorkommunistischen Gesellschaften Klassengesellschaften. Die Frage lautet also: „Welche Rolle spielt Religion innerhalb des Systems der Klassengesellschaft?“ 5:43 Für Marx ist die Antwort ganz klar. Religion täuscht über das Elend der realen Verhältnisse hinweg, legitimiert es nachträglich 5:53 und stützt die bestehenden Machtverhältnisse. Damit nützt sie vor allem der herrschenden Klasse. 5:59 Religion verklärt beispielsweise die ungerechten Besitzverhältnisse zum Willen Gottes oder vertröstet die Gläubigen auf ein besseres Jenseits, sofern sie ihre schlechten Lebensbedingungen 6:11 im Diesseits akzeptieren. Hierbei handelt es sich aber nicht um einen bewussten Betrug. 6:17 Religion ist ganz einfach das Produkt einer bestimmten Gesellschaftsordnung. Niemand muss sie bewusst erfinden oder für seine Zwecke missbrauchen. 6:25 Priester und Kapitalisten durchschauen selbst nicht, dass die Religion eigentlich ein bloßes Konstrukt ist, das nur dazu dient, eine Gesellschaftsordnung zu stützen, von der sie profitieren. 6:36 Die religiöse Illusion betrifft laut Marx die gesamte Gesellschaft inklusive der herrschenden Klasse. 6:42 Demzufolge ist auch die Lösung, die Marx vorschlägt, eine andere als bei Feuerbach. Während Feuerbach für einen radikalen Humanismus und persönliches Engagement plädiert, lässt 6:53 sich laut Marx die religiöse Entfremdung nur durch gesellschaftliche Revolution überwinden. „Die Entfremdung wird durch Gott sanktioniert und nur durch die revolutionäre Praxis aufgehoben, 7:05 die die lähmende Wirkung des Gottesglaubens entmachtet und daher atheistisch ist.“ schreibt Marx. 7:13 Er ist davon überzeugt, dass ein tiefgreifender gesellschaftlicher und politischer Wandel nötig ist, genauer der Übergang zur sozialistischen und später kommunistischen Gesellschaft. 7:25 Religion verhindert seiner Ansicht nach diesen notwendigen Wandel, da sie die Menschen vom realen Elend ablenkt und auf ein besseres Leben im Jenseits vertröstet. 7:35 Unter den veränderten - besseren - wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen würde Religion Marx’ Ansicht nach überflüssig werden und absterben. 7:44 Marx kritisiert an Feuerbach vor allem, dass dessen Lehre rein theoretisch und viel zu abstrakt bleibt. 7:50 So schreibt er am Ende seiner „11 Thesen über Feuerbach“: „ Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an, sie zu verändern.“ 8:00 Und warum nennt Marx Religion das „Opium des Volkes“? Marx schreibt: „Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer 8:12 herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volkes.“ (Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie 1843) 8:20 In diesem Zitat sind die eben schon erwähnten elenden Zustände angesprochen, die Marx verändern möchte. 8:26 Dabei hat er vor allem die Arbeiter - das Proletariat - im Blick, das durch Industrialisierung und Landflucht im Elend und in völliger Abhängigkeit von den Fabrikanten - den Kapitalisten - lebt. 8:39 Opium ist eine stark beruhigende, schmerzstillende Droge, von der v.a. im 19. Jahrhundert Millionen Menschen weltweit abhängig waren. 8:47 Auf dem ersten Bild siehst du die Zeichnung einer sogenannten Opiumhöhle aus dem 19.Jahrhundert auf dem zweiten Bild ein Foto einer Opiumhöhle aus dem 20.Jahrhundert. 8:58 Die Menschen rauchten dort das Opium, um sich in einen Rauschzustand zu versetzen. Opium wurde und wird aber auch in der Medizin als Betäubungs- und Schmerzmittel verwendet. 9:09 Ebenso wie Opium wirkt auch Religion als Beruhigungs- und Betäubungsmittel, das „illusorisches" statt „wirkliches Glück" verschafft. 9:17 Sie lenkt den Menschen vom Elend in der diesseitigen Welt ab und vertröstet ihn auf ein besseres Leben im Jenseits. 9:25 Dadurch gleicht sie dieses Elend aus, kompensiert es. (Kompensationsthese) Religion trägt damit zur Unterstützung der 9:31 bestehenden Verhältnisse bei und verhindert die Emanzipation der Unterdrückten. (Repressionsthese) Laut Marx betrügen die Menschen sich mit 9:39 der Religion selbst. Auch Lenin benutzt - im Gegensatz zu einem sehr weit verbreiteten Übersetzungsfehler 9:45 - die Formulierung „Opium des Volkes“. Er versteht Opium jedoch tatsächlich als Opium für das Volk. 9:52 Seiner Ansicht nach wird das Volk durch Religion mit Absicht betäubt. Er propagiert einen kämpferischen Atheismus, der bereits unter Lenin zu Schließungen und 10:02 unter Stalin dann zu zahlreichen Abrissen von Kirchen in Russland führt. Marx hingegen geht es um Freiheit und Selbstbestimmung. 10:11 Er will Religion nicht verbieten, sondern dass sie überflüssig wird, dass ihre opiumhafte Wirkung nicht länger nötig ist. 10:18 Er schreibt: „Die Aufhebung der Religion als des illusorischen Glücks des Volkes ist die Forderung seines wirklichen Glücks. 10:26 Die Forderung, die Illusionen über seinen Zustand aufzugeben, ist die Forderung, einen Zustand aufzugeben, der der Illusionen bedarf.“ Für Marx ist Religion ein „ideologischer 10:39 Überbau“. Sie wächst auf dem Boden des gesellschaftlichen Elends und ist zugleich der Protest gegen 10:44 dieses Elend. Er schreibt: „Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes 10:52 und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend.“ Religion ist also ambivalent, hat einen Doppelcharakter. 10:59 Sie festigt bestehende gesellschaftliche Missstände, indem sie diese rechtfertigt (Repressionsthese) und den Menschen mit erwarteten Belohnungen im Himmelreich über die Missstände in seinem 11:09 Leben hinwegtröstet. (Kompensationsthese/ Trostfunktion) Sie ist der „Trost- und Rechtfertigungsgrund 11:14 […] einer herzlosen Welt.“ Andererseits formuliert sie ein Idealbild der Welt, welches im scharfen Gegensatz zur Realität steht, und fordert damit den Menschen 11:24 heraus. Sie ist Protest gegen die unmenschlichen sozialen Verhältnisse. 11:28 (Protestfunktion) Doch dieser Protest der Religion bleibt wirkungslos und ohnmächtig. 11:33 Denn Religion lenkt von der diesseitigen Welt und den notwendigen Veränderungen ab, indem sie den Menschen auf eine bessere Welt im Jenseits vertröstet. 11:42 Sie wirkt als Opium, als Beruhigungs- und Betäubungsmittel. Dadurch verhindert Religion die Bereitschaft zur Emanzipation des Menschen und zur Rebellion 11:52 gegen die realen Missstände. Religionskritik ist für Marx also die Voraussetzung für eine reale revolutionäre Veränderung 12:00 der Gesellschaft. Marx möchte mit seiner Religionskritik den Einzelnen, die Umwelt und die Gesellschaft 12:08 verändern. Damit eine solche Veränderung möglich ist, muss Religion kritisch betrachtet werden. 12:13 In einer veränderten, verbesserten Welt wird Religion Marx’ Ansicht nach absterben, da sie als Trostmittel nicht mehr gebraucht wird. 12:21 Der Mensch muss laut Marx die Religion - sein Opium - aufgeben, da sie die wahre Sicht auf das tatsächliche Elend vernebelt. 12:28 Doch es hätte keinen Sinn, den Menschen nur ihr Opium wegzunehmen, aber die Zustände unverändert zu lassen, die dieses Trost- und Betäubungsmittel nötig machen. 12:37 Der Kampf gegen Religion ist bei Marx gleichzeitig der Kampf gegen eine Welt, die Religion braucht. Soziale Missstände und die Entfremdung durch den Kapitalismus müssen bekämpft werden. 12:49 Doch was passiert nun genau, wenn der Mensch die Religion aufgibt? Zu Anfang ist der Mensch enttäuscht und leidet. 12:56 (> Opiumentzug) Er sieht nun klar die tatsächlichen gesellschaftlichen und politischen Missstände. 13:01 Er erkennt, in welchem Elend, in welcher Entfremdung er lebt. Nun muss er seine Enttäuschung überwinden, seine Vernunft gebrauchen und die für sein 13:10 Leiden verantwortlichen Missstände abschaffen. Der Mensch ist nämlich laut Marx - ebenso wie für Feuerbach - selbst das höchste Wesen 13:18 für den Menschen: „Die Kritik der Religion endet mit der Lehre, dass der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei.“ Der Mensch muss daher alle Verhältnisse umwerfen, 13:29 in denen er ein erniedrigtes und geknechtetes Wesen ist. Damit der Mensch nicht mehr von sich selbst und anderen entfremdet ist, braucht es eine 13:37 Veränderung der Produktionsverhältnisse, also eine Aufhebung der Arbeitsteilung und des Privateigentums. 13:44 Letztes Ziel der von Marx angestrebten gesellschaftlichen und politischen Veränderung und damit auch seiner Religionskritik ist der Kommunismus. 13:53 Einige Kritikpunkte, die man gegen Marx‘ Religionskritik vorbringen kann, kennen wir schon von der Kritik an Feuerbach. 14:01 Ebenso wie Feuerbach nimmt auch Marx nur das Christentum seiner Zeit in den Blick. Zudem überschätzt er die Bedeutung der materiellen und wirtschaftlichen Grundlagen für die Wesensbestimmung 14:12 des Menschen. Veränderte sozioökonomische Bedingungen, wie Marx sie sich wünscht, haben nicht den 14:18 von ihm vorhergesagten Effekt. Religionen starben z.B. in der UdSSR, in der DDR oder in China nicht von selbst. 14:26 Außerdem übersieht Marx, dass sich nicht alle menschlichen Probleme auf gesellschaftliche Defizite, genauer die Selbstentfremdung durch den Kapitalismus zurückführen lassen. 14:37 Auch Erfahrungen von Krankheit, Scheitern und Tod prägen den Menschen und lassen ihn Trost in der Religion suchen. 14:44 Außerdem kann der Glaube an Gott - entgegen Marx’ These - sehr wohl auch eine revolutionäre Kraft entfalten. 14:50 Religiöse Menschen engagieren sich häufig aktiv sozialpolitisch und kämpfen gerade auf Grund ihres Glaubens für gesellschaftliche und politische Veränderungen. 15:01 Der letzte Kritikpunkt bezieht sich auf Marx’ Weltbild. Seiner Ansicht nach wird Religion in der klassenlosen Gesellschaft überflüssig. 15:09 Zu Anfang der Menschheitsgeschichte existierte seiner Ansicht nach bereits eine solche klassenlose Gesellschaft. 15:15 Man geht heute jedoch in den Religionswissenschaften stark davon aus, dass es religiöse Kultformen zu allen Zeiten, auch in der Urzeit, gab. 15:25 In allen kommunistischen Staaten wird - ausgehend von Marx - Religion bis heute unterdrückt. Gläubige werden verfolgt oder praktizieren ihren Glauben im Untergrund. 15:35 Ist dies deiner Meinung nach berechtigt? Und: Kannst du aus heutiger Sicht nachvollziehen, dass Marx Religion für das „Opium des Volkes“ 15:43 hält? Schreibe deine Meinung sehr gerne unten in die Kommentare. 15:47 Mit dem Quizlet-Lernset „Karl Marx (Klassische Religionskritik)“ kannst du dein Wissen jetzt überprüfen. 15:53 Viel Spaß beim Lernen und bis bald!