Kuba-Krise: Die Welt vor dem Atomkrieg MrWissen2go Geschichte | Terra X https://www.youtube.com/watch?v=92TdmKEJeaM Transkript (automatisch erstellt) 0:00 Mit dem Angriff der russischen Armee auf die Ukraine ist der Krieg zurück in Europa. 0:04 Die Folgen treffen längst nicht nur diese beiden Länder, die Spannungen sind auf der ganzen Welt spürbar. 0:10 Schnell kommen historische Vergleiche auf. Etwa zur Kuba-Krise. 0:13 Sie ereignet sich in einer Hochphase des Kalten Krieges. Damals steht die Welt sozusagen fast vor dem Abgrund. 0:19 Immer wieder ist sie ganz knapp vor einem Atomkrieg. Aber dann kommt es zum Glück doch nicht dazu. 0:25 Was genau damals passiert ist, und wie die nukleare Katastrophe trotz aller Risiken verhindert wurde, 0:31 teils durch taktisches Geschick, teils nur durch Zufall, darum geht's in diesem Video. 0:36 (Rattern, Klingeln) Alles beginnt mit diesem Foto. 0:41 Ein US-Aufklärungsfoto dokumentiert im Oktober 1962 die Stationierung sowjetischer Mittelstreckenraketen 0:48 auf Kuba. Auf der kleinen Insel, direkt vor der Küste der USA 0:52 herrscht seit 1959 der Revolutionsführer Fidel Castro. Er bekennt sich als Kommunist und sucht die Nähe zur Sowjetunion. 0:59 Und die hat damit sozusagen einen Fuß in der amerikanischen Haustür. Schließlich sind es nur wenige Kilometer Luftlinie zwischen den USA 1:07 und Kuba. Und das sorgt für Unruhe. 1:09 Denn die USA betrachten Kuba als ihre Einflusszone. Als ihren Hinterhof sozusagen. 1:14 Sie wollen nicht hinnehmen, dass dort eine unabhängige US-kritische oder gar kommunistische Regierung im Amt ist. 1:20 Die USA verhängen Wirtschaftssanktionen und unterstützen eine militärische Operation. 1:25 Mehr als 1.000 Exil-Kubaner landen im April 1961 dabei mit Unterstützung der US-Marine und des US-Geheimdienstes CIA 1:31 in der Schweinebucht auf Kuba. Ziel ist es, einen Aufstand aufzulösen. 1:35 Aber die kubanische Armee kann die schlecht vorbereitet Invasion schnell zurückschlagen. 1:40 Die Sowjetunion unterstütz Kuba von da an bei der Selbstverteidigung. Gleichzeitig misstrauen die Machthaber in Moskau 1:46 Fidel Castro aber auch. Er ist ihnen zu sprunghaft. 1:49 Und könnte damit jederzeit eine ernsthaft Krise mit den USA provozieren. 1:53 Und das wäre eine fatale Wendung in dem schwelenden Konflikt der beiden Supermächte. 1:58 Ideologisch verfeindet und bis an die Zähne bewaffnet, so stehen sich die USA und die Sowjetunion 2:04 seit Jahren im Kalten Krieg gegenüber. Wie es genau dazu kam, darüber haben wir schon mal ein Video gemacht. 2:10 Schaut gerne rein, ist oben auf dem "I". Die Frage ist: Warum will Nikita Chruschtschow, 2:15 der Generalsekretär der kommunistischen Partei, jetzt Atomraketen auf Kuba stationieren lassen? 2:20 Er sieht darin eine gute Möglichkeit, seinen strategischen Nachteil gegenüber den USA ein Stück weit auszugleichen. 2:26 Denn zwar ist die Sowjetunion eine Atom- und eine Supermacht, sie hat zuerst einen Satelliten ins All geschossen, 2:32 und damit das sogenannte Space Race erst mal für sich entschieden - dazu auch ein Video auf dem "I". 2:38 Aber wenn man sich die Kräfteverhältnisse einmal anschaut, dann haben die USA damals ganz klar die Nase vorn. 2:44 Die US-Amerikaner haben fünfmal mehr Raketen, zehnmal mehr Langstreckenbomber, 17 Mal mehr Atomsprengköpfe. 2:49 Um es klar zu sagen, ein atomarer Krieg hätte Europa und die USA schwer getroffen, 2:54 aber die Sowjetunion wäre ausradiert worden. Mit Atomraketen auf Kuba könnte man immerhin 2:59 alle wichtigen US-amerikanischen Städte bedrohen. Ein Stück weit mehr ein Gleichgewicht des Schreckens schaffen. 3:05 Ein geflügeltes Wort damals. Denn die US-Amerikaner haben neben vielen anderen Nuklearwaffen 3:10 ebenfalls atomare Mittelstreckenrakete in Europa und in der Türkei stationiert. 3:14 Damit können sie längst alle wichtigen Punkte und Städte in der Sowjetunion angreifen. 3:19 Diese Bedrohung schwebt für die Sowjetunion immer über allem. Der damalige US-Präsident John F. Kennedy 3:25 erfährt jetzt also von den Raketenbasen auf Kuba. Übrigens weiß er schon mindestens eine Woche davon, 3:30 bevor er das Ganze öffentlich macht. Und er muss jetzt klug entscheiden. 3:35 Wie reagiert er auf die sowjetische Provokation. Seine Militärs drängen auf eine Operation. 3:40 Aber was passiert, wenn die USA Kuba angreifen? Können sie alle Raketenschussrampen zerstören? 3:46 Oder kommt es zu einem atomaren Gegenschlag? Sollte man sich vorsichtshalber auf einen nuklearen Erstschlag 3:52 gegen die Sowjetunion einstellen? Kennedy entscheidet sich gegen einen sofortigen Angriff auf Kuba. 3:58 Er plant einen stufenweisen Schlagabtausch. Blockaden, und wenn das nicht fruchtet: 4:02 dann Luftangriffe, Invasion. Er lässt mobil machen. 4:06 Die Interkontinentalraketen sind startbereit. Strategische Bomber fliegen Tag und Nacht an den Grenzen 4:12 des sowjetischen Luftraums hin und her. Mitsamt atomarer Bewaffnung und einer Liste möglicher Angriffsziele. 4:17 Erst dann informiert Kennedy die Öffentlichkeit. Am 22. Oktober hält der US-Präsident eine Fernsehansprache 4:23 und enthüllt die Existenz der Raketen auf Kuba. Er fordert die Sowjets auf, die Raketen abzubauen. 4:29 (englisch:) Ich rufe Generalsekretär Chruschtschow auf, die verstohlene und rücksichtslose Gefährdung 4:36 des Weltfriedens zu beenden. Er hat jetzt die Chance, die Welt vom Abgrund der Zerstörung zurückzuholen. 4:43 Und die Welt? Die hält den Atem an. 4:46 Vor allem für die Deutschen ist eine militärische Konfrontation der beiden Supermächte ein Horrorszenario. 4:52 Denn die Bundesrepublik und die DDR sind Frontstaaten im Kalten Krieg. Mitten im heutigen Deutschland stehen sich die Machtblöcke, 4:59 die westliche NATO und der Warschauer Pakt unter der Vormacht der UdSSR, waffenstarrend gegenüber. 5:05 Am 24. Oktober beginnt die angekündigte Seeblockade. Die USA bringen rund um Kuba 200 Kriegsschiffe in Stellung. 5:12 Aber Chruschtschow gibt sich unbeeindruckt. Ganz im Gegenteil: mit dem Material, das schon auf der Insel ist, 5:19 treibt er den Bau der Startrampen für seine Raketen voran. Die Kuba-Krise entwickelt sich also zu einer wahren Nervenprobe. 5:26 Und jetzt passiert das, was eben grade nicht passieren sollte. Es kommt zu Pleiten, Pech und Pannen, um das ganz salopp zu sagen. 5:34 Und das erhöht die Risiken, dass es zum Atomkrieg kommt. Risiko Nummer eins: 5:38 Ein sowjetischer Frachter steuert auf die Seeblockade von Kuba zu. Als Begleitschutz hat er vier U-Boote. 5:45 Die US-Marine zündet kleinere Übungsbomben, um die sowjetischen U-Boote zum Auftauchen zu zwingen. 5:51 Was die Amerikaner allerdings nicht wissen, die U-Boote haben Nuklearwaffen an Bord. 5:56 Und die Kommandanten sind befugt, die im Notfall auch einzusetzen. Heute wissen wir, dass nur einer der Kommandanten 6:02 einen kühlen Kopf bewahrte. Nämlich Wassili Archipow. 6:06 Er zögerte, die Nukleartorpedos abzufeuern und verhinderte somit eine Eskalation des Konfliktes. 6:12 Risiko Nummer zwei: Nur durch Glück entgeht der sowjetischen Aufklärung 6:17 am selben Tag ein routinemäßiger US-Raketenabschuss. Es hätte durchaus als gezielte Aggression gewertet werden können. 6:24 Risiko Nummer drei: Ein US-Flugzeug dringt unbeabsichtigt in den sowjetischen Luftraum ein. 6:29 Risiko Nummer vier: Auf der Pazifikinsel Okinawa stationierte US-Soldaten 6:34 starten beinahe einen atomar bestückten Marschflugkörper. Ihnen wurde irrtümlich ein Angriffscode übermittelt. 6:40 Den sie glücklicherweise anzweifeln. Risiko Nummer fünf: 6:44 Die USA wussten offenbar tatsächlich nicht, dass schon atomare Gefechtsfeldwaffen der Sowjetarmee 6:50 auf Kuba stationiert waren. Also Atomwaffen mit relativ geringer Reichweite. 6:55 Würden die zur Abwehr einer US-Invasion zum Einsatz kommen, wäre ein nuklearer Gegenschlag unvermeidbar. 7:01 Und so der Atomkrieg entfesselt. Und Risiko Nummer sechs: 7:05 Ein US-Spionageflugzeug wird über Kuba von einer russischen Rakete abgeschossen. 7:09 Der Pilot Rudolf Anderson stirbt, und das ist ein weiterer Schritt der Eskalation. 7:14 Eine Ausweg aus dieser explosiven Stimmung weist ein Brief der Kreml-Chefs, der das Weiße Haus erreicht. 7:20 Chruschtschow hat erkannt, dass er Kennedys Entschiedenheit unterschätzt hat. 7:24 Aber er will wenigstens einen diplomatischen Sieg erreichen. Er bietet an, die Raketen aus Kuba abzuziehen, 7:30 wenn die USA dafür ihre Raketen aus der Türkei zurückziehen. Eigentlich keine große Sache, denn die Raketen in der Türkei 7:37 werden sowieso bald taktisch überflüssig. Die USA gehen mehr und mehr dazu über, 7:41 ihre U-Boote mit nuklearen Raketen zu bestücken. Und mit ihrem großen Arsenal an Interkontinentalraketen 7:48 können sie ohnehin jeden Ort in der Sowjetunion erreichen. Wenn sie denn wollen. 7:53 Aber die Hardliner unter Kennedys Beratern, die sogenannten Falken sind gegen den Deal. 7:58 Sie fordern einen Militärschlag, drängen auf eine Invasion Kubas. 8:03 Das wiederum ruft Fidel Castro auf den Plan. Er fordert notfalls einen atomaren Erstschlag gegen die USA. 8:09 In einem Brief an den Kreml-Chef Chruschtschow schreibt er: Wer ist jetzt der Klügere? Wer gibt nach? 8:32 Tatsächlich ist es zu angespannt, als dass einer der großen Player, also Kennedy oder Chruschtschow, 8:38 vor den Augen des anderen und der Weltöffentlichkeit nachgeben könnte. Also werden die Verhandlungen ausgelagert, 8:44 auf die Hinterzimmer der Macht. So was nennt man dann Backchannel-Diplomatie. 8:48 Beauftragt wird damit Robert Kennedy, der damalige Justizminister und Bruder des Präsidenten. 8:53 Am Abend des 27. Oktober bestellt Robert Kennedy den sowjetischen Botschafter, Anatoli Dobrynin 8:59 zu einem streng geheimen Treffen ins Weiße Haus. Er beginnt das Gespräch mit einer Forderung. 9:04 Die Raketen auf Kuba müssen weg. So oder so. 9:07 Gleichzeitig macht er Dobrynin ein Angebot: Wenn Chruschtschow die Raketen abzieht, 9:12 würde Amerika nicht nur die Seeblockade beenden, sondern auch eine Garantie abgeben, Kuba auch künftig nicht anzugreifen. 9:18 Und, das ist entscheidend, Kennedy bietet an, wie von Chruschtschow gefordert, 9:23 die Raketen aus der Türkei abzuziehen. Dieser Teil des Deals soll aber geheim bleiben. 9:27 Die Amerikaner wollen keinesfalls den Eindruck erwecken, sie seien vor den Sowjets eingeknickt. 9:33 Wie reagiert Chruschtschow auf das Angebot? Immerhin scheint damit ein Weg gefunden, nachzugeben, 9:38 ohne dass er dabei sein Gesicht verlieren würde. Ein Teil seiner Forderungen ist, wenn auch im Geheimen, erfüllt. 9:44 Vielleicht - so meine Vermutung - war er klug genug, zu wissen, dass er den USA militärisch unterlegen sein würde. 9:50 Also beschließt er, das von Dobrynin übermittelte Angebot anzunehmen. Aber trifft seine Antwort rechtzeitig bei Kennedy ein? 9:57 Solche Botschaften werden damals per Telex, also Fernschreiben versendet und brauchen Stunden, um über den Atlantik zu gelangen. 10:04 In so einer Situation kann das über Krieg und Frieden entscheiden. Denn auch die US-Militärs waren in der Nacht der Geheimgespräche 10:11 nicht untätig geblieben. Der Krisenstab hatte schon die Details 10:14 eines Luftangriffs auf Kuba besprochen. Das US-Militär steht bereit zum Angriff. 10:19 Chruschtschow reagiert daher überraschend pragmatisch. Er lässt Kennedy seine Antwort via "Radio Moskau", 10:25 den staatlichen Auslandsrundfunkdienst der Sowjetunion übermitteln. 10:41 Quasi in letzter Minute ist der Atomkrieg damit abgewendet. 10:45 Die Welt kann aufatmen. Tatsächlich erreicht der Kalte Krieg mit der Kuba-Krise 10:51 seinen Höhepunkt. Im negativen Sinne. 10:53 Als Folge der letztlich unkontrollierbaren Zuspitzung wird zwischen den Supermächten 10:58 eine telefonische Direktverbindung eingerichtet. Der sogenannte "Heiße Draht". 11:02 Das ist eine direkte Verbindung zwischen Washington und Moskau. Genau das gibt es jetzt übrigens wieder, 11:08 wegen des Kriegs in der Ukraine. Aber anders als später häufig dargestellt, 11:12 handelt es sich dabei nicht um ein rotes Telefon, damals zumindest, welche Farbe es heute hat, 11:17 weiß ich nicht, es ist eine Fernschreiberverbindung, die hochkompliziert verschlüsselt ist. 11:22 Jede Stunde wird die Funktion getestet, 24/7. Die Machtblöcke kommunizieren schriftlich. 11:27 Das hat den Vorteil, dass man sich nicht verhören kann. In der aufgeheizten Stimmung kann jedes Missverständnis 11:33 schwerwiegende Folgen haben. Wollt ihr mehr wissen: wir haben dazu einen Post 11:37 auf unserem Instagram-Kanal gemacht - in der Infobox. Abonniert uns bei Instagram, lohnt sich immer. 11:43 Die Welt steht in diesen Tagen damals tatsächlich vor dem Abgrund. Keiner kann sagen, was passiert wäre, 11:48 wenn eine Seite die Nerven verloren hätte oder wenn es Missverständnisse gegeben hätte, die eskaliert wären. 11:54 Kann man die Situation heute mit der Kuba-Krise vergleichen? Wer unsere Videos kennt, weiß, dass wir immer betonen, 12:01 dass historische Vergleiche falsch sind. Niemals wiederholt sich Geschichte eins zu eins. 12:05 Aber mit dieser angespannten Weltlage momentan, bei der Atommächte mitmischen, 12:10 haben wir eine Situation, in der es teilweise Parallelen gibt. "Kuba 2.0" - so hab ich das schon mal auf meinem Kanal bezeichnet, 12:17 und ich denke, wir alle hoffen, dass die Situation genauso glimpflich ausgeht wie damals. 12:22 Es gibt auch den Spruch: "Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich." Was denkt ihr über Atomwaffen? 12:28 Sind sie wichtig, um mit einem Gleichgewicht des Schreckens größere Kriege zu verhindern? Oder ein unkalkulierbares Risiko? 12:34 Schreibt's gerne in die Kommentare. Und wenn ihr unsere Arbeit unterstützen wollt, 12:39 abonniert unseren Kanal gerne, dafür bekommt ihr jede Woche Videos zu Geschichtsthemen, die zeitlos sind 12:45 aber - wie man hier merkt - auch immer wieder aktuell. Hier zwei weitere Videos, eins von den Kollegen von "Kurzgesagt", 12:51 die zeigen, was bei der Explosion einer Atombombe passiert. Darunter spreche ich über die Zeit des Kalten Krieges insgesamt, 12:58 auch hier auf dem Kanal. Danke fürs Zuschauen und bis zum nächsten Mal!