Der Vorleser, Bernhard Schlink | Deutschsprachige Klassiker erklärt – Kultbücher MOOCit Education Matters Lernvideos für die Schule https://www.youtube.com/watch?v=8H2PK4e7q0g Transkript (automatisch erstellt) 0:00 Heute schauen wir uns einen der vielleicht provokantesten Romane der deutschen Nachkriegsliteratur mal 0:04 genauer an. Bernhard Schlings, der Vorleser. Im Mittelpunkt stehen dabei zwei Themen, die dieses Buch so ja 0:11 unvergessen und auch so unbequem machen. Schuld und Erinnerung. Halten wir mal kurz inne. Stellen Sie sich das mal 0:19 wirklich vor. Das ist ein persönliches, ein fast unerträgliches Dilemma, das uns sofort mitten ins Herz der Geschichte 0:27 wirft. Was würden Sie tun? Was was würden Sie fühlen? Und das ist eben keine rein hypothetische Frage. Genau 0:35 diese Zerreißprobe ist der absolute Kern des Romans und der Grund, warum er bis heute so hitzige Debatten über 0:41 Verantwortung, über Empathie und über unsere Geschichte auslöst. Im Grunde läßt der Roman zwei Welten frontal 0:49 aufeinander prallen. Auf der einen Seite haben wir da die ganz intime persönliche Bindung zu einem Menschen voller 0:55 Erinnerungen und Gefühle. Und auf der anderen Seite, tja, da steht die unumstößliche historische Schuld, die 1:02 diese Person auf sich geladen hat. In genau diesem Spannungsfeld bewegt sich die ganze Geschichte. 1:09 Okay, um das alles zu verstehen, müssen wir uns einer ziemlich unbequemen Frage nähern. Denn Schuld ist in diesem Roman 1:17 nicht einfach nur ein Wort, es ist ein ganzes Feld von Bedeutungen. Der Roman spielt da ganz bewusst mit vier 1:23 verschiedenen Ebenen. Da hätten wir zum einen die juristische Schuld, die ganz klar vor Gericht verhandelt wird, dann 1:29 die moralische Schuld, das ist eine Frage des Gewissens, die historische Schuld, die eine ganze Generation 1:35 betrifft und zu guter Letzt die biographische Schuld des Erzählers Michael, der sich sein Leben lang 1:40 Vorwürfe macht. Und der Clue ist, der Roman trennt das nicht säuberlich. Alles vermischt sich und genau daraus entsteht 1:46 diese emotionale Wucht. Gehen wir jetzt mal zum Kern dieses persönlichen Dilemmas zur Beziehung zwischen dem 1:52 jungen Schüler Michael und der doch deutlich älteren Hanna. Man muss sich klar machen, diese Beziehung ist von 1:59 Grund auf unausgewogen. Sie ist total asymmetrisch. Da gibt's ein riesiges Gefälle bei Alter, Macht und Erfahrung. 2:07 Ihre Treffen laufen nach einem festen Ritual ab. ganz besonders das Vorlesen, das schafft Nähe und gleichzeitig 2:14 Kontrolle. Und über allem, wirklich über allem, schwebt die Scham. Sie wird zum Instrument der Steuerung und zwingt 2:22 diese Beziehung von Anfang an ins Geheime. Und dann dann kommt der große Wendepunkt. Diese private geheime 2:31 Vergangenheit kracht frontal auf die öffentliche historische Rechenschaft. Wir landen im Gerichtsaar. Klar, ein 2:38 Gericht kann die juristische Schuld feststellen und eine Strafe verhängen, aber kann es die tieferen Fragen nach 2:45 moralischer Verantwortung wirklich beantworten? Der Roman legt da ziemlich klar nahe, nein, hier stößt das Recht an 2:52 seine Grenzen. So funktioniert nun mal unser Rechtssystem. Es formalisiert menschliche Erfahrung. Schauen Sie mal, 3:00 aus chaotischen Lebensgeschichten werden klare Zeugenaussagen. Aus Taten werden Beweismittel und am Ende steht ein 3:06 Urteil. Das ist ein notwendiger Prozess, keine Frage. Aber er fühlt sich oft kalt an, irgendwie unvollständig. Und mitten 3:14 in diesem kalten formellen Prozess platzt die Bombe das zentrale Geheimnis des Romans Hanna ist Analphabetin. 3:23 Diese Tatsache, die sie aus tiefster Scham ihr ganzes Leben lang versteckt hat, hat im Grunde all ihre 3:29 Entscheidungen beeinflusst und das bringt uns zur wohl schwierigsten Frage des ganzen Buches. Ist ihr 3:36 Analphabetismus eine Erklärung für ihr Verhalten, vielleicht sogar für ihre Verbrechen? Oder oder wird er hier zu 3:43 einer billigen Entschuldigung, die ihre Verantwortung klein redet? Der Text, der gibt uns darauf keine einfache Antwort 3:51 und das mit voller Absicht. Okay, verlassen wir mal für einen Moment den Gerichtssaal und wechseln wir die 3:58 Perspektive. Was bedeuten diese Ereignisse eigentlich nicht für die Tätergeneration, sondern für die, die 4:04 danach kamen? Hier kommt dieser wichtige Begriff der Nachgeborenen ins Spiel. Das ist die 4:11 Generation, die nach dem Krieg geboren wurde. Sie selbst haben die Taten nicht begangen, aber sie erben dieses schwere 4:18 historische Vermächtnis. Michael ist der Prototyp für diese Generation und die Last, die sie tragen, ist ziemlich 4:25 komplex. Sie müssen sich mit dem großen Schweigen der Elterngeneration auseinandersetzen. 4:30 Sie erleben eine Art sekundäres Leid, also eine Betroffenheit, die sie nicht selbst erlebt, sondern geerbt haben. Und 4:38 genau darin liegt auch eine Gefahr, dass sie sich so sehr auf den eigenen Schmerz konzentrieren, dass die eigentlichen 4:44 Opfer aus dem Blick geraten. Und genau hier setzt ein ganz zentraler Kritikpunkt am Roman an. Dadurch, dass 4:51 die Geschichte sich so stark auf die Täterin Hanna und den nachgeborenen Michael konzentriert, entsteht eine 4:58 Lehrstelle, ein leerer Raum, in dem die Stimmen der wirklichen Opfer kaum zu hören sind. 5:03 So und das führt uns jetzt zum finalen Dilemma zu diesem ethischen Drahtseilakt, den der Roman von uns als 5:10 Lesern verlangt. Der Roman fordert uns auf, Hannas Motivation und ihre Umstände zu verstehen, also die Gründe, den 5:17 Kontext nachzuvollziehen. Aber und das ist der alles entscheidende Punkt, verstehen heißt nicht 5:23 rechtfertigen. Die Ursachen für eine Tat nachvollziehen zu können, bedeutet noch lange nicht, sie für richtig oder 5:28 akzeptabel zu halten. Die absolute Kernqualität dieses Romans ist seine Ambivalenz. Er konfrontiert uns ganz 5:37 bewusst mit widersprüchlichen Gefühlen und Deutungen, aber er gibt uns keine einfache, saubere Lösung. Seine Stärke 5:44 liegt ja gerade darin, dass er uns in dieser moralischen Unsicherheit zurücklässt. Und am Ende lässt der Roman 5:51 uns mit genau dieser einen Frage zurück: Wo hört Empathie auf und wo fängt die Relativierung von Schuld an? Und das ist 5:59 eine Frage, die weit über dieses Buch hinausgeht und uns alle etwas angeht.