Hermann Hesse liest -Über das Glück- Dennis Tschirner | Vocalist https://www.youtube.com/watch?v=7rLsb3w8ZaM Transkript (automatisch erstellt) 0:01 liebe Hörer lassen Sie mich über das Glück und das was das Wort mir bedeutet ein paar Worte 0:16 sagen wenn altgewordene Menschen sich darauf zu besinnen suchen wann wie oft und wie stark Sie Glück empfunden haben dann such sie vor allem in ihrer 0:31 Kindheit und mit Recht denn zum Erleben des Glückes bedarf es vor allem der Unabhängigkeit von der 0:41 Zeit und damit von der Furcht sowohl wie von der Hoffnung und diese Fähigkeit kommt den meisten Menschen mit den Jahren 0:53 abhanden Glück war nur in der Kindheit erlebt worden in Stunden oder Augenblicken deren wiederfinden sehr schwierig war denn auch dort noch auch 1:08 im Bezirk der Kindheit erwies sich der Glanz beim nachprüfen nicht immer als echt das Gold nicht immer als völlig 1:22 gediegen meldete sich eine solche Erinnerung so schien es zuerst als Hand es sich um Wochen oder Tage oder doch mindestens um einen Tag eine Weihnacht 1:37 etwa einen Geburtstag oder einen ersten Ferientag aber um einen Kindertag im Gedächtnis wiederherzustellen bedürfte es Tausender 1:53 Bilder und für keinen einzigen Tag auch nicht für einen halben brech das Gedächtnis die ausreichende Menge von Bildern zusammen ob es nun aber 2:09 Erlebnisse von Tagen von Stunden oder auch nur von Minuten gewesen sind erlebt habe ich das Glück manche Male und bin auch in späten 2:24 Tagen noch im Alter ihm für Augenblicke nahe gekommen von jenen glücksbegegnungen der lebensfrühe aber so oft ich sie 2:38 beschworen befragt und geprüft habe hat eine besonders Stand gehalten es war in meiner schulknabenzeit und das eigentliche 2:53 daran das echte urhafte und mythische darin der zu Zustand des still laachenden eins Seins mit der Welt der absoluten Freiheit von 3:07 Zeit von Hoffnung und Furcht der völligen Gegenwärtigkeit kann nicht lange gewährt haben vielleicht 3:20 Minuten eines morgens erwachte ich ein lebhafter Knabe von vielleicht 10 Jahren mit einem ganz ungewöhnlich Holden und tiefen Gefühl von Freude und 3:36 Wohlsein das mich wie eine innere Sonne durchstrahlte so als sei jetzt eben in diesem Augenblick des Erwachens aus einem guten 3:49 knabenschlaf etwas Neues und wunderbares geschehen als sei meine ganze kleingroße knabenwelt in einen neuen und höheren Zustand in ein neues Licht und Klima 4:07 eingetreten als habe das ganze schöne Leben erst jetzt an diesem frühen Morgen seinen vollen Wert und Sinn bekommen ich wusste nichts von gestern 4:23 noch von morgen ich war von einem glückhaften heute umfangen und sanft umspült es tat wohl und wurde von Sinnen und Seele ohne Neugierde und ohne 4:39 Rechenschaft gekostet ist durchran mich und schmeckte herrlich es war Morgen durch hohe Fenster sah ich über dem langen 4:56 dachrücken des Nachbarhauses den himmelheiter in reinem hellblau stehen auch er schien voll Glück als 5:08 habe er Besonderes vor und habe dazu sein schönstes Kleid angezogen mehr war von meinem Bette aus von der Welt nicht zu sehen nur eben 5:23 dieser schöne Himmel und das lange Stück Dach vom nachbarhause aber auch dies Dach dies langweilige und öde Dach aus 5:36 dunkelrotbraunen Ziegeln schien zu lachen es ging über seine steile schattige Schrägwand ein leises Spiel von Farben und die einzelne 5:51 bläuliche glaspfanne zwischen den roten tönernen schien lebendig und schien freudig bemüht etwas von diesem so leise 6:03 und stetig strahlenden frühhimmel zu spiegeln der Himmel die etwas rauhe Kante des 6:14 dachrückens das uniforme Heer der braunen und das luftig dünne Blau des einzigen glasziegels Schienen auf eine schöne und 6:25 erfreuliche Weise miteinander einverstand sie hatten sichtlich nichts anderes im Sinn als in dieser besonderen 6:35 Morgenstunde einander anzulachchen und es gut miteinander zu meinen himmelblau 6:46 ziegelbraun und glasblau hatten einen Sinn sie gehörten zusammen sie spielten miteinander es war ihnen wohl und es war gut und tat wohl 7:02 sie zu sehen ihrem Spiel beizuwohnen sich vom selben Morgen Glanz und Wohlgefühl durchflossen zu fühlen wie 7:16 sie so lag ich den beginnenden morgen samt dem ruhigen nachgefühl des Schlafes genießend eine schöne Ewigkeit in meinem Bett und ob ich ein Gleiches oder 7:33 Ähnliches Glück noch andere Male in meinem Leben gekostet habe tiefer und wirklicher konnte keines 7:43 sein die Welt war in Ordnung und ob dieses Glück 100 Sekunden oder 10 Minuten gedauert habe es war so außerhalb aller Zeit dass 8:01 es jedem anderen echten Glücke so vollkommen glich wie ein flatternder Bläuling dem anderen es war vergänglich es wurde von 8:16 der Zeit überspült aber es war tief und ewig genug um über mehr als 60 Jahre hinweg mich noch heute zu sich zurückzur 8:30 und zu ziehen es bestand aus nichts dieses Glück als aus dem Zusammenklang der paar 8:41 Dinge um mich her mit meinem eigenen sein aus einem wunschlosen Wohlsein das nach keiner Änderung keiner Steigerung 8:55 verlangeke die Ewigkeit des Glückes fuhr dieses Mal ihren Zerfall durch eine Steigerung des schönen durch ein mehr und zu viel an 9:11 Freude während ich so lag und mich nicht rührte und die lichte Stille morgenwelt in mich eindrang und mich in sich 9:25 aufnahm stieß aus der Ferne her etwas Ungewohntes etwas glänzendes und überhelles golden und triumphierend durch die stille voll 9:41 strotzender Freude voll lockender und weckender Süßigkeit der Klang einer 9:53 Trompete und schon war während ich nun völlig wach mich im Bett aufrichtete und die Decke zurückschlug der Klang 10:08 zweistimmig und mehrtimmig geworden es war die Stadtmusik die mit lingendem Spiel durch die Gassen 10:19 marschierte ein überaus seltenes und aufregendes Ereignis voll schmetternder Festlichkeit dass mir das Kinder Herz im Leibe zugleich lachte und 10:32 schluchzte als wäre alles Glück aller Zauber der Seligen Stunde in diese aufreizenden scharf süßen Töne zusammengeflossen undter gösse sich nun 10:46 geweckt und ins zeitliche und Vergängliche zurückgekehrt in einer Sekunde war ich aus dem Bett bebend vor 10:58 Festfreude stürzte zur Tür und ins Nebenzimmer aus dessen Fenstern man die Straße sehen konnte in einem Taumel von Entzücken von 11:10 Neugierde und dabei sein wollen legte ich mich in ein offenes Fenster hörte beglückt die schwellenden und hochmütigen Klänge der 11:23 näherkommenden Musik sah und hörte die Nachbarhäuser und die Straßen Erwachen lebendig werden und sich mit 11:36 Gesichtern gestalten und stimmen anfühlen und in derselben Sekunde wusste ich auch alles wieder was ich in jenem Wohlsein zwischen Schlaf und Tag so ganz 11:53 vergessen hatte ich wusste dass heute keine Schule sei sondern ein hoher Festtag ich glaube es war des 12:06 königsgeburtstag dass es Umzüge Fahnen Musik und unerhörte Belustigungen geben werde und mit diesem Wissen war ich 12:22 zurückgekehrt stand ich wieder unter den Gesetzen die den Alltag beherrschen und wenn es auch kein Alltag war sondern 12:32 ein Festtag zu dem die metallenen Töne mich erweckt hatten so war doch das eigentliche und schöne und göttliche 12:45 dieses morgenzaubers schon vergangen und hinter dem kleinen Holden Wunder schlugen die Wellen der Zeit der 12:59 Welt der Gewöhnlichkeit wieder 13:09 zusammen