Transhumanismus: Der Mensch als Maschine? | Sternstunde Religion | SRF Kultur SRF Kultur Sternstunden https://www.youtube.com/watch?v=6hfXyNMmk74 Transkript (automatisch erstellt) 0:00 Herzlich willkommen. Der Mensch hat einen Konstruktionsfehler: 0:04 Er ist sterblich, krankheitsanfällig und vergesslich. Wie schön es doch wäre, wenn wir Menschen 0:09 all dies überwinden könnten. So denken sog. Transhumanisten. Sie versprechen sich eine Optimierung des Lebens 0:16 durch Wissenschaft, Medizin und Technik, gar die Überwindung des Todes. Sieht so die schöne neue Welt aus? 0:23 Und wo bleibt im Kampf gegen jegliche Schwäche der Mensch? Darüber diskutiere ich heute mit Janina Loh, 0:29 Technikphilosoph:in und Ethiker:in, und Johannes Hoff, Theologe und Professor für Dogmatik in Innsbruck. 0:38 Mit Untertiteln von SWISS TXT Wie stellen Sie sich eine Gesellschaft in 100 Jahren vor? 0:46 Wird es da lauter technisch opti- mierte Menschen und Roboter geben? Die technisch optimierten Menschen und Roboter haben wir schon heute. 0:55 Ich glaube, eine Gesellschaft in 100 Jahren wird sich, ohne jetzt sagen zu wollen, ich wäre sehr gut in Prognosen, 1:03 nicht so signifikant unterscheiden von der heutigen Gesellschaft. Wir werden kaum in fliegenden Autos unterwegs sein 1:11 oder irgendwelche Gehirn-Chips haben. Vielleicht einige von uns. 1:16 Aber ansonsten würde ich sagen, dass zumindest die Singularität, die Ray Kurzweil ja schon für 2045 prognostiziert, 1:24 dann noch nicht eingetreten sein wird. Darauf kommen wir noch zurück. 1:29 Johannes Hoff, wie sehen Sie das? Es werden sich keine signifikanten äusserlichen Veränderungen 1:35 nach dem Modell klassischer Science-Fiction-Filme ereignen, auch wenn wir das immer vorgespielt bekommen. 1:42 Das ist Teil der Marketingstrategie. Aber wir werden die Chance haben, 1:46 die Frage nach einem guten Leben auf eine Weise stellen zu können, wie wir das in den letzten 500 Jahren 1:53 eigentlich vergessen haben. Alles früher, schneller, perfekter und effizienter zu machen, 2:00 ist eine vollkommen irrationale Ideologie. Damit kann man nicht überleben, aber auch nicht gut leben. 2:07 Damit wir gleich auch einen Begriff davon bekommen, was dieser Transhumanismus sein soll, 2:13 hören wir jemandem zu, der sich Transhumanist nennt. Er sagt von sich, 2:18 er sei die Mischung aus Mensch und Maschine. In meiner rechten Hand habe ich einen Low-Frequency-Chip drin. 2:25 Da sieht man jetzt nur die Narbe. In meiner linken Hand befindet sich ein High-Frequency-Chip. 2:32 Dann habe ich noch einen 17 Jahre alten Chip. Den habe ich mir vom Tierarzt reinspritzen lassen. 2:38 Der ist leider schon tot. Das Gleiche habe ich hier unten. Da ist auch ein toter Chip drin. 2:45 Ich kann mein Telefon mit meinem Chip entsperren. Erst muss ich die Stelle finden ... zack, ist das Telefon entsperrt. 2:56 Ich kann eine Textdatei hinterlegen als Datensatz, eine URL zu einer Website, die ich toll finde, 3:02 eine Suchfunktion. Ich kann mein Facebook-Profil, mein Twitter, 3:07 mein LinkedIn und meinen Steam-Account hinterlegen. Für die Paranoiden kann ich mein Bitcoin-Konto hinterlegen. 3:17 Ich habe mich für Chips entschieden, obwohl ich auch mit meinem Gesicht mein iPhone entsperren könnte 3:24 oder mit meinem Fingerabdruck. Das heisst ja nicht, dass Fingerabdruck oder Face-Unlock 3:30 weniger praktisch sind. Im Grunde ist der Chip unpraktischer. 3:34 Aber ich möchte damit einen Antrieb schaffen. Ich möchte durch Konsum Interesse wecken. 3:40 Umso mehr ich konsumiere mit Chips, mit Upgrades, mit Wearables und was es da alles gibt, 3:46 versuche ich mit Leuten, die das auch vertreten, einen Markt zu schaffen. 3:51 Wenn wir konsumieren, wird jemand damit Geld verdienen wollen. 3:56 Dass ein Geist und ein Bewusstsein digitalisiert werden, ist tatsächlich irgendwann möglich. 4:02 Dass ein Geist an zwei Stellen digital existieren kann als Kopie, als Klon, wie immer man das dann auch sieht, 4:09 das wird auch passieren. Ob ich es erleben werde, ist eine andere Geschichte. 4:14 Dass man einen Geist in andere Körper swappen kann, der sog. Body-Swap, wird auch passieren. 4:21 Stell dir vor, du bist sterbenskrank und hast die Möglichkeit, 4:25 dein Bewusstsein in einen anderen Körper zu stecken oder digital weiterzuleben für alle Zeiten. 4:31 Die Leute werden das wollen. Ja, die Leute werden das wollen. Sie aber nicht, Janina Loh. 4:38 Nicht unbedingt, nein. Also, ich ... Im Einzelnen kann ich mir Veränderungen 4:44 in Hinblick auf meinen Körper oder meinen Geist theoretisch vorstellen, aber ... 4:51 Insgesamt finde ich die Dinge, die wir gerade in dem Einspieler gesehen haben, 4:58 durchaus auch fragwürdig und problematisch. Man sieht hier auch sehr schön die Brücke, 5:04 die der Transhumanismus zum Kapitalismus schlägt. Und wie selbstverständlich die technologische Selbstoptimierung 5:13 mit kapitalistischem Gedankengut zusammengeht. Das sagt ja Steve Void selber auch. 5:20 Das ist übrigens sein Künstlername, so etwas gibt es häufig unter Transhumanisten. 5:25 "Void" ist eine Anspielung auf das Leere, das Selbergestalten. Sie, Herr Hoff, haben 2017 ein Manifest unterschrieben, 5:34 "Wider den Transhumanismus" heisst es. Das haben auch andere Wissenschaftler:innen unterschrieben. 5:42 Sie wollen also auch kein Cyborg werden? Ja ... - Also so eine Mensch-Maschine. 5:48 Die transhumanistische Ideologie, das hat Janina richtig gesagt, ist v.a. aus der wirtschaftlichen Verflechtung heraus 5:56 verständlich zu machen. Er sagt ja auch ehrlich, er will einen Markt schaffen. 6:01 Er hat ja lauter Technologien und lauter Gadgets, mit denen er Probleme lösen kann, 6:07 die ich selbst gar nicht habe. Aber der Markt ist normalerweise dazu da, 6:12 irgendwelche Probleme mir überzeugend so rüberzubringen, dass ich die irgendwann auch habe und dafür eine Lösung suche. 6:20 Aber das ist genau die Ideologie, die uns eigentlich von der Frage wegbringt, 6:26 von der ich eben gesprochen habe: Wie sieht eigentlich ein gutes Leben aus? 6:31 Es geht auch ... Für i h n ist es schon die Antwort, wie ein gutes Leben aussieht, oder? 6:37 Ja, ein gutes Leben ist, dass man immer effizienter wird. Das erinnert mich an "Momo" 6:43 und die Grauen Männer von der Zeitsparkasse, die die Zeit einsparen wollen: 6:48 Da hat man das Gefühl, immer besser, schneller und effizienter zu werden. Aber das ist eine Projektion. 6:55 Da wird die Beschleunigung zum Goldenen Kalb. Das gab es schon in den 20er-Jahren in Form des Akzelerationismus. 7:04 Aber das hat sehr wenig mit dem zu tun, was ein gutes Leben ausmacht. 7:09 Früher ist meine Oma zum Tante-Emma-Laden gegangen, das war wie ein Chatroom, da hat man geredet. 7:16 Und irgendwann brauchte man einen grösseren Kühlschrank, einen Supermarkt, ein Auto. 7:21 Dann hat der Laden zugemacht, und man hat viel Zeit gespart. Und was macht man am Schluss? Chatten. 7:27 Es ist nichts Neues entstanden, nur dass man mehr verdienen musste, um alles effizienter zu machen. 7:34 Diese lange nicht gestellten Fragen müssen wir heute stellen. Daher halte ich diese Ideologie auch für rückwärtsgewandt. 7:42 Da wird ein Industrialismus weiterzelebriert, der unseren Herausforderungen gar nicht gerecht wird. 7:48 Und das, wenn ich da einhaken darf, mit sehr rückständigen oder, um es neutraler auszudrücken, sehr traditionellen 7:57 und aus meiner Sicht in vielen Disziplinen auch schon überwundenen Kategorien und Begriffen. 8:03 Z.B. wird eine klassische Dichotomie zwischen Geist und Körper aufgemacht. 8:08 Diese Vorstellung liegt ja auch dem Mind-Uploading zugrunde. Die Trennung von Geist und Körper 8:14 haben Menschen wie Maurice Merleau-Ponty schon anders gesehen, 8:20 in einem holistischen Verständnis vom Menschen, und überwunden. Diese Vorstellungen werden weitertransportiert 8:27 im Transhumanismus. Und zwar deswegen, weil es eigentlich nicht darum geht. 8:33 Der Transhumanismus ist Kind seiner Zeit, mit seinem zugrunde liegenden 8:38 kapitalistischen Macht- und Kontrollbestreben. Wir vertiefen das gleich, aber halten wir etwas fest: 8:44 Sie beide sagen eigentlich, da werden auch Luftschlösser gebaut. Einige Philosoph:innen und Forscher:innen behaupten, 8:52 das ist in gewissen Bereichen überhaupt nicht möglich. Und trotzdem wird das so weitergetragen, 8:59 weil kapitalistische Interessen dahinterstecken. Aber bevor wir da hingehen, will ich das noch etwas vertiefen. 9:06 Es sagt doch auch schon der Name "Transhumanismus", also das über den Menschen Hinausgehende, 9:12 dass die menschliche Evolution weitergeführt werden soll, und zwar mit Mitteln der Technik. 9:20 Der israelische Historiker Yuval Noah Harari schreibt dazu: "Nachdem wir die Menschheit über die animalische Ebene 9:27 des Überlebenskampfs hinausgehoben haben, werden wir nun danach streben, Menschen in Götter zu verwandeln 9:34 und aus dem Homo sapiens den Homo deus zu machen." Er hat auch das gleichnamige Buch darüber geschrieben. 9:41 Ist also die Evolution an ihre Grenzen gelangt? Muss der Mensch selber nachhelfen? 9:46 Also, Yuval Harari finde ich ein bisschen ... Letztendlich ist er auch ein Transhumanist, 9:53 der vieles von den Marketing- texten übernimmt, ohne sie ... Und gleichzeitig davor warnt. 9:58 Aber er warnt nicht wirklich, sondern meistens übernimmt er sie. Man muss auch sagen, was Frau Loh eben gesagt hat: 10:06 Die hier verkaufte Ideologie wird ja nicht nur von einzelnen Wissenschaftlern bestritten. 10:11 Nehmen wir das Mind-Uploading: Da gibt es keinen seriösen Neurobiologen 10:17 oder klinischen Psychologen, der das ernst nehmen würde. Aber dahinter steckt eine unglaubliche Marktmacht, 10:24 die das dann vermarktet. Und die macht dann auch Blockbuster aus einem Buch wie Hararis, 10:30 der eigentlich als Wissenschaftler seriöser arbeiten müsste. Der erzählt das alles und sagt nachher: 10:36 "Wollen wir das eigentlich?" Aber das entspricht ja keinen wissenschaftlichen Standards. 10:42 Na ja, Herr Harari ist ziemlich einflussreich, er berät ja Leute wie Macron usw. 10:48 Es ist beunruhigend, wie ernst das genommen wird. Aus rein akademischen Debatten heraus ist das nicht erklärlich. 10:56 Sondern nur aus der Art und Weise, wie die Medienmacht gesteuert wird durch Silicon-Valley-Konzerne, die das pushen. 11:03 Absolut, und da sind auch weitere bekannte Namen wie Ray Kurzweil, den ich schon genannt habe, 11:10 der eine führende Funktion bei Google innehat. Ich meine zumindest, dass er sie noch innehat. 11:16 Er ist auch Mitbegründer der sog. Singularity University. Da werden eben die Zukunfts- Ökonom:innen ausgebildet, 11:23 die dann genau das weitertransportieren. Aber das sind eben Harari, Marvin Minsky, 11:30 einer der immer noch führenden Robotiker:innen - zumindest in bestimmten Bereichen - seit den 80er-Jahren. 11:37 Und Elon Musk können wir an der Stelle auch nennen. Das sind alles sehr bekannte Namen, 11:43 die dafür Vorreiterrollen haben in der Öffentlichkeit. Elon Musk ist besonders interessant mit seiner Firma Neuralink, 11:52 die daran arbeitet, ein Gehirn-Implantat zu machen, wo man mit Gedanken 11:58 Computer und andere Geräte steuern können soll. Als Grund dafür gibt er immer wieder die Sorge an, 12:04 dass Künstliche Intelligenzen oder Technologien den Menschen irgendwann überflügeln werden 12:10 und der Mensch deshalb aufgerüstet werden muss. Ja, aus so einer selbstgemachten Angst - 12:17 Sie hatten es gerade ähnlich ausgedrückt -, aus einem Problem, das de facto nicht existiert. 12:22 Aber es wird ja schon an Superintelligenzen gearbeitet. Ich habe über Neurowissenschaften ja eine Magisterarbeit gemacht 12:31 und in Tübingen bei Nils Birbaumer Vorlesungen über Biofeedback gehört. Wenn ein Affe einen Cursor bewegt mit einem Steuerungsinstrument, 12:40 und Sie messen und korrelieren, was im Gehirn vorgeht, kann er das nachher ohne Cursor nur mit dem Gehirn machen. 12:47 Das kennen wir auch von Locked-in-Patienten. Daran hat Birbaumer gearbeitet. 12:53 Manche können nur die Augen rauf- und runterbewegen, aber damit können sie bereits "Ja" und "Nein" mitteilen. 13:00 Und damit lässt sich ein Buchstabensystem entwickeln und kommunizieren, so wie Stephen Hawking. 13:06 Damit kann man Unglaubliches leisten. Aber es ist unglaublich schwer, beim totalen Locked-in-Zustand 13:13 mehr als 50 % Differenz hinzukriegen, dass ich einen Unterschied merke. 13:18 Aber diesen Sprung zu machen und plötzlich zu sagen: "Bald können wir Wikipedia mit dem Gehirn verknüpfen 13:25 und direkt kommunizieren", dafür gibt es keinen technischen Pfad, 13:30 weder vor 500 Jahren noch jetzt. Das wird dann seriös diskutiert, und man merkt nicht, 13:35 dass man an den Therapiekonzepten toll forschen könnte. Sondern es werden Science-Fiction- Geschichten draufgesetzt. 13:43 Deshalb halte ich Neuralink auch für einen Marketing-Hoax. V.a. wird dadurch auch der Blick verschoben 13:50 von den eigentlichen ethischen Herausforderungen, die damit einhergehen. 13:55 Natürlich entstehen auch unglaubliche Möglichkeiten, um bestimmten Krankheiten 14:01 oder Einschränkungen, wenn wir sie so nennen wollen, zu begegnen mit dieser Form von Chip. 14:07 Meinetwegen. Aber ich bezweifle die Ideologie, die dahintersteht. 14:12 Es ist diese selbstgemachte Problematik, einem technologischen Fortschritt hinterher sein zu müssen, 14:18 um nicht von künstlichen Intelligenzen, von denen unklar ist, ob sie je existieren werden, 14:24 überholt zu werden. Und dann aber vor allen Dingen: 14:29 Wie entstehen denn gerade diese Technologien bei Neuralink? Sind die nachhaltig hergestellt? 14:35 Der Vorwurf ist, dass dafür unermesslich viele Tiere getötet werden mussten. 14:41 Weil der Test an Tieren zugelassen war, nicht an Menschen. - Genau. Dann, wie sind die Arbeitsbedingungen dort? 14:48 Ist grösstmögliche Diversität gewährleistet? Wie arbeiten die Menschen dort selbst? 14:54 Wie können die dort arbeiten? Arbeiten die unter menschenwürdigen Bedingungen? 15:00 Auch da sind Vorwürfe laut geworden, dass die Menschen, die dort arbeiten, 15:06 bedroht oder "motiviert" worden sind: Sie sollten sich vorstellen, 15:11 eine Bombe wäre an ihrem Kopf befestigt, um sie zu grösserer Arbeitswilligkeit anzutreiben. 15:17 Die Arbeitsbedingungen bei Elon Musk sind ja bisher auch nicht besonders positiv aufgefallen. 15:24 Absolut, und das gehört halt in die Rechnung mit hinein. Wenn wir uns eine Technologie anschauen wollen, 15:30 ist es kurzsichtig, sich lediglich anzuschauen, für welche Zwecke wir sie einsetzen können. 15:37 Nein, wir müssen natürlich auch den gesamten Kontext ethisch beleuchten, 15:42 in dem diese Technologien entwickelt werden und entstehen. Um das Ganze noch ein bisschen plastischer zu machen 15:50 oder besser zu verstehen, wo der Unterschied liegt ... Sie haben es zu Beginn auch gesagt: 15:56 Nicht alle, aber diverse Menschen sind ja schon technisch optimiert, z.B. durch Gadgets wie Herzschrittmacher und Prothesen. 16:05 Derzeit wird auch eine robotische Bauchspeicheldrüse diskutiert und inwiefern das ethisch korrekt ist. 16:12 D.h., da gibt es schon Elemente, die im menschlichen Körper drin sind, die technisch funktionieren, 16:20 und dann gibt es Menschen wie Steve Void von vorhin. Wo liegt also der Unterschied? 16:26 Oder wo ist die Grenze zu dem, was Sie auch kritisch beleuchten? Also, der Mensch hat immer schon Prothesen gehabt. 16:37 Also, in dem Sinne sage ich, das rein biologische Wesen Mensch gab es nie. 16:44 Die Technikgeschichte fängt mit der Evolution des Menschen an. Es ist nicht nur Folge der Gehirnentwicklung, 16:51 dass wir Tools wie Faustkeile benutzt haben, sondern solche Tools haben uns erst zu den Menschen gemacht. 16:58 Trotzdem entstehen Lebensformen und Kulturen im Umgang mit diesen Technologien, und die wachsen langsam. 17:05 Da denke ich mir nicht einfach eine Science-Fiction-Geschichte aus, wie ich mich umbaue, und setze das dann um. 17:12 Da passieren meistens ganz andere Dinge. Wenn wir jetzt das Internet erfinden, 17:17 um schneller Liebesbriefe schreiben zu können, und ich sitze vor meinem Computer 17:23 und komme vor lauter Schreiben gar nicht mehr aus dem Haus, dann habe ich das Liebesbriefe- Schreiben nicht effizienter gemacht. 17:32 Sondern plötzlich ist eine ganz neue Lebensform entstanden, die wir gar nicht gewollt haben. 17:38 Ich muss darüber nachdenken, ob ich ein Tool habe für einen bestimmten Zweck. 17:43 Wenn ich einen Herzschrittmacher brauche, dann weiss ich, was die Funktion ist, die ich da substituiere. 17:50 Aber die Silicon-Valley-Konzerne spielen mit Technologien, wo nicht einmal richtig experimentell erprobt wird, 17:58 ob das überhaupt funktioniert. Sondern die Sachen werden auf den Markt geworfen, 18:03 und die Versuchsratten sind dann die User. Da wird mit Lebensformen 18:08 und mit menschlichem Leben hier und jetzt gespielt. Und das im vagen, fantastischen Versprechen, 18:14 dass wir in der Zukunft einmal eine geniale Menschheit haben. Ich würde es ähnlich sehen wie Sie. 18:21 Es ist sehr schwer, eine generelle Grenze zu bestimmen. Und auch ähnlich wie Sie, so habe ich Sie zumindest verstanden, 18:29 würde ich sagen: Den Gegensatz zwischen Kultur und Technik 18:34 oder Natur und Technik oder Mensch und Technik, den hat es so nie gegeben, der ist künstlich gemacht worden. 18:41 Der Mensch ist seit jeher ein technisches ... Geben Sie uns ein paar Beispiele? 18:46 Technik in einem ganz weiten Sinne, z.B. Kleidung. Der Faustkeil wurde gerade angeführt. 18:52 Aber Technik in einem weiten Sinne umfasst ja auch Techniken, also wiederholbare Prozesse, 19:01 die wir in derselben Weise immer wieder machen. In dem Sinne ist auch das Gehen bereits eine Technik 19:07 oder das Klettern auf Bäume oder das Essen mit Hilfe bestimmter Handgriffe. 19:13 Dass der Mensch ein technisches Wesen ist, ist eine erst mal rein deskriptive, neutrale Beschreibung, 19:20 eine Tatsache. Und dann müssen wir uns anschauen: 19:25 Was ist die Ideologie, die hinter einer Technologie steht? Ist es ein kapitalistisches Marktbestreben 19:32 oder ist es der Transhumanismus? Und dann geht es v.a. darum, ganz konkret eine Technologie 19:39 nach verschiedenen ethischen Fragenkomplexen zu beleuchten: Wie sah die Herstellung, wie sieht das Design aus? 19:48 Sie haben ja auch ein Buch zur Roboter-Ethik geschrieben und beschäftigen sich intensiv mit Ethik. 19:54 Ja, und eben auch mit Technologien und die Verknüpfung von beidem. Und neben Herstellung und Design lauten die weiteren Fragen: 20:03 Für welchen Aufgabenbereich sind solche Technologien gemacht? Was sollen sie übernehmen oder machen für uns Menschen? 20:12 Wir müssen fragen nach den Daten und der Sicherheit, die akquiriert und gebraucht werden im Rahmen einer Technologie. 20:20 Und wir müssen fragen nach Kontext und Einsatzbereich: Wie beeinflusst eine Technologie das Leben 20:26 und die Arbeit von Menschen, die vorher in diesem Bereich allein tätig waren? 20:31 Wir müssen uns das mit konkreten Technologien anschauen und nicht nach so einer generellen Grenze suchen, 20:38 die sehr schwer auszumachen ist, wo wir uns auf einmal ausserhalb des Menschlichen bewegen. 20:43 Es ist also einerseits ein ambivalentes Phänomen und nicht schwarz-weiss in dem Sinne, dass man Technik abzulehnen habe, 20:52 weil das überhaupt keinen Sinn machen würde. Es geht um die Ideologien dahinter. 20:57 Und da will ich noch etwas weiter darauf einsteigen. Der Transhumanismus lebt ja auch von einem Heilsversprechen, 21:05 z.B. dass man Alterungsprozesse umkehren kann, dass man unter Umständen unsterblich wird. 21:12 Der britische Bio-Informatiker und überzeugte Transhumanist Aubrey de Grey sagt: 21:17 Der erste Mensch, der tausendjährig werden würde, sei bereits geboren. 21:22 Wir schauen uns das kurz an. Ich möchte noch kurz das vertiefen, was Sie zuvor gesagt haben, 22:28 nämlich mit der Frage, wie breit das alles gestützt ist, denn das ist ja zuerst mal doch relativ spekulativ: 22:35 Wie breit sind solche Theorien denn wirklich abgestützt? Also, man muss auch hier wieder unterscheiden. 22:45 Es ist so ähnlich wie bei Neuralink: Es gibt ein paar Sachen, die man wirklich erforschen kann. 22:51 Das bezieht sich ja meistens auf Mikrobiologie und Genetik. Da kann man möglicherweise Zellerneuerung gestalten. 22:58 Aber da muss man erst mal die Nebenwirkungen abschätzen. Denn was das sonst noch für Funktionen hat, 23:05 das weiss man ja alles gar nicht. Aber dahinter steckt auch 23:09 ein rückwärtsgewandtes Verständnis von Wissenschaft und Technik. Im Gutenberg-Zeitalter stellt der Mensch sich vor, 23:18 er baut sich aus der Druckmaschine die ganze Welt zusammen. So hat sich auch Newton in der Physik die Welt vorgestellt. 23:25 Im Mittelalter versuchte man Kausalität so zu erklären: "Wie bringe ich einem Schüler den Satz des Pythagoras bei?" 23:32 Dagegen hat Newton gesagt: "Wie stosse ich eine Billardkugel an, damit die nächste weiterrollt?" 23:38 "Welchen Knopf muss ich drücken, um diesen Prozess auszulösen oder Dominosteine umfallen zu lassen?" 23:44 Aber versuche ich mit dem Modell einem Schüler den Satz des Pythagoras beizubringen, 23:50 stelle ich fest, es funktioniert nicht: Ich habe den Knopf gedrückt, und es kommt trotzdem nicht. 23:56 Dieser Mangel an Verständnis von Kausalität und die Idee, alles aus kleinen Teilen aufbauen und so das Ganze erklären zu können, 24:03 war anfangs auch die Idee der Genetik. Da hatte man die Gene, die DNA, die synthetisierten Proteine, 24:11 daraus entstehen Zellen, daraus Organe und ein Organismus. Und als man das grosse Genom-Projekt gemacht hat, hat man erwartet, 24:19 die Gene bauen alle irgendwie an den Proteinen herum. Aber das waren nur 2 %. 24:25 Die Idee, aus kleinen Bausteinchen die ganze Welt zu konstruieren, stimmt heute weder in der Biologie noch in den Neurowissenschaften 24:35 noch in der Quantenphysik. Karen Barad kennen Sie wahrscheinlich. 24:41 Die kenne ich nicht. Wer ist das? Das ist eine theoretische Physikerin, 24:46 die auch im Bereich von Posthumanismus forscht und feministische Studien macht, die ich wirklich schätze. 24:54 Und dann sieht man auf einmal, das ist ja alles gar nicht neuester Stand der Forschung. 24:59 Es wird also futuristisch dargestellt, aber Sie sagen, es ist eher rückwärtsgewandt. 25:05 Ja, und dem Wissenschaftsverständnis entspricht dann auch ein ähnlich gelagertes, 25:11 überholtes Verständnis vom Menschen oder Menschenbild. Eigentlich ist der Mensch nach transhumanistischem Verständnis 25:19 eine unglaublich komplexe Maschine, die mit den richtigen Algorithmen und Methoden 25:24 durchleuchtet werden kann. Auch die Idee beim Mind-Uploading 25:29 und überhaupt bei den Genen als dem kleinsten Bestandteil, aus dem sich alles zusammensetzt: 25:36 Der Mensch besteht, so die transhumanistische Idee, in seiner Essenz aus einem sehr komplexen, 25:42 aber dann doch wieder transparent machbaren Set aus Daten und Informationen. 25:47 Also ein komplexer Datensatz. Ja, superkomplex und von aussen erst mal sehr undurchsichtig. 25:55 Aber mit den richtigen Algorithmen und Methoden werden wir schon rausfinden, wie der Mensch zusammengesetzt ist. 26:02 Und wenn wir das können, und das ist eben das kapitalistische Setting, 26:07 in das sich der Transhumanismus so einfügt, können wir erstens ungewollte, unliebsame Eigenschaften, 26:15 also unliebsame Daten aus dem Set herauslöschen. Leute wie Julian Savulescu 26:21 sprechen von moralischem Enhancement, also dem Löschen unliebsamer Charaktereigenschaften. 26:27 Aber man könnte auch sagen, das ist ja super: Was ist daran so falsch, die Fehler des Menschen zu löschen? 26:34 Na ja, erst mal ist die Ausgangs- prämisse schon problematisch. Allein die Annahme, dass es überhaupt möglich ist, 26:41 den Menschen komplett in seiner Vollständigkeit, Diversität, Hybridität und Fluidität 26:47 auf so einen Satz von Daten herunterbrechen zu können. Ein Reduktionismus. - Absolut. 26:53 Deswegen nenne ich das Ganze auch Trivial-Anthropologie. Es ist eine sehr einfache, banale Vorstellung davon, 27:00 was Menschen sind. Und dieses Denken lässt sich dann auch übertragen auf andere Wesen. 27:06 Wenn der Mensch so aufgebaut ist, dann sind auch alle anderen Wesen irgendwie so aufgebaut. 27:12 Und dann können wir bewerten: Was finden wir denn gut und was finden wir schlecht? 27:17 Und die Frage ist natürlich: Wer macht das? Wer bewertet das? Wer legt denn fest, was für Charaktereigenschaften 27:25 irgendwie nicht so toll sind an mir? Und wer hat dann auch die Mittel, auch die finanziellen Ressourcen, 27:31 das durchführen zu lassen? Das heisst, der Mensch wird auf Grundlage dieses verqueren 27:37 und trivialen Menschenbildes mit einem entsprechenden wissenschaftlichen Verständnis 27:43 zu einer kontrollierbaren, bewertbaren und messbaren Einheit. Und kontrollierbar durch wen? 27:50 Mhm. Da kann sich jeder zu Hause selber die Antwort geben. 27:55 Und da sprechen Sie weiter über die ganzen ethischen Konsequenzen oder die ethischen Fragen und Diskussionen, 28:04 die man da stellen müsste. Sie sind mir jetzt etwas schnell von dieser "Todesfrage" weggerannt. 28:10 Ich habe ja gesagt, es sei ein Heilsversprechen. Und ich finde das interessant, weil vor mir auch ein Theologe sitzt. 28:18 Das Christentum setzt sich doch auch mit dem Tod auseinander, möchte doch auch den Tod überwinden, dem Tod den Stachel ziehen. 28:26 Auch andere Religion versuchen das oder streben es jedenfalls an. Sehen Sie da eine Nähe? 28:34 Der Begriff des Transhumanismus kommt ja von Dante, "transhuman change". 28:40 Dante blickt in Beatrice, Beatrice blickt in die Sonne. Da kann er nicht reinblicken, 28:46 das Licht Gottes ist für ihn zu hell. Sie lächelt, und er fängt an, sich zu verwandeln. 28:51 Dante ist eigentlich ein verklemmter Mensch, der irgendwie neben sich steht, 28:58 wie viele Transhumanisten meines Erachtens auch, und dieses Lächeln von Beatrice befreit ihn. 29:04 In der englischen Übersetzung heisst das "transhuman change". Das hat man dann auch übernommen von diesem Text. 29:11 Aber wenn jemand lächelt ... Also, Lächeln kann man nicht herbeiführen durch Knopfdruck. 29:18 Oder wenn ich es doch schaffe, Sie zum Lächeln zu bringen ... Sie versuchen es schon. 29:24 ... dann werde ich es mir selbst nicht abnehmen. Und genau das bezeichnen Christen als Gnade. 29:30 Die wirklichen Transformationen kommen durch Gnade zustande, nicht durch technische Steuerung oder Naturgesetze. 29:37 Sondern da spielt sich Kult, Kultur ab. Wenn man die lange Geschichte der Technik anschaut, 29:43 sind Technik und Kultur immer miteinander verschränkt. Alle Religionen, die wir kennen, gibt es nur wegen Technik. 29:50 Ohne Gedächtnis-Technologien, indem ich Bücher aufschreibe, Schriften lerne, Texte sammele, 29:57 ohne ausgebildete Leute, die sagen, welcher Text wichtig ist, würde man sich nicht erinnern, dass es Christus oder Mohammed gab. 30:05 Dafür sind hochkomplexe Kulturtechnologien notwendig. Auch die Schriftrevolution in der Antike 30:12 war ein kultureller Transformationsprozess. Was man sicher sagen kann, wenn man die Techniken hat: 30:19 Es kommt was vollkommen anderes raus, als was vorher geplant wurde. 30:23 Und da kommt auch das ins Spiel, dass man einerseits denkt: "Eine Technik erlaubt mir jetzt, Kontrolle über die Welt zu kriegen." 30:32 Und dann habe ich Leute, die Schriftzeichen entwickeln und die mir erlauben, ein Reich zu kontrollieren. 30:39 Aber die fangen dann auch an, m i c h zu kontrollieren. Also, einerseits glaubt man, die Verwundbarkeit abzuschaffen, 30:47 gleichzeitig entstehen neue Verwundbarkeiten. Ich bin mir nicht ganz sicher, 30:52 wie Sie meine Frage beantwortet haben, von der Nähe sozusagen des Desideriums des Nichtsterbens 31:00 bzw. nach dem Tod weiterzuleben im Christentum und anderen Religionen und der Nähe zu dem, was Sie gerade erklärt haben. 31:08 Im Verlangen nach Unsterblichkeit will ich etwas von bleibender Bedeutung schaffen, 31:14 wo ich mich selbst wiedererkenne als etwas, das nicht nur vergänglich ist. 31:19 Aber das hat zunächst damit zu tun, dass ich mich mit meiner eigenen Verwundbarkeit auseinandersetze. 31:25 Also dass ich nicht versuche, jeden Fehler auszumerzen und mir dabei als Kollateralschaden viele andere Probleme einhandle ... 31:34 Sie beginnen an ganz anderen Stellen. - Ja. So wie bei dem berühmten Kunstwerk von Joseph Beuys, 31:41 aus dem Christoph Schlingensief mal eine Performance-Aktion gemacht hat: Wer seine Wunde zeigt, wird geheilt. 31:48 Er trug seinen Krebs in einer Monstranz vor sich her. Die Fähigkeit, Fehler und Schwächen einzugestehen, 31:55 macht einen Menschen ja auch liebenswert und unterscheidet ihn von einer äusseren Hülle. 32:01 Und diese Aufrichtigkeit im Umgang miteinander ist das, was Dante "transhuman change" nennt: 32:08 eine Transformation, wo ich merke, mein Leben hat Sinn und Bedeutung. Und mit dieser Frage kann ich mich nicht auseinandersetzen, 32:16 indem ich rein technische Fragen an die Welt herantrage. Es ist die falsche Perspektive. 32:22 Alle religiösen Traditionen behandeln die Frage nach der Unsterblichkeit, 32:28 das ewige Leben, die Visio Dei. Bei Hannah Arendt ist es das, was es bedeutet, 32:33 in der Kultur Menschen hervorzubringen, die wir als unsterblich wahrnehmen. 32:38 Und wenn es auch nur Einstein oder Goethe oder Shakespeare ist. Diese kulturelle Leistung funktioniert nicht 32:46 nach technischen Problemlösungsstrategien. Spannend ist trotzdem dieses Mind-Uploading: 32:54 Das ist ja genau eine Form des Versuchs, unsterblich zu bleiben. 33:00 Sie haben es ja schon vorweggenommen: Geist und Körper trennen zu können, 33:04 diesen Geist auf ein Medium oder in eine Cloud zu laden und dort für immer zu existieren. 33:10 Jedenfalls so lange, wie diese Clouds mit Strom versorgt werden können. 33:15 Also da kommt ja genau dieser Aspekt rein und wird sozusagen technisch versucht, 33:21 dingfest zu machen. Ja, aber ... 33:26 Ich sehe das Ganze ja nicht aus theologischer Perspektive. Aber der Ursprung dieser Unsterblichkeitsbestrebung, 33:33 die sich beispielsweise u.a. im Mind-Uploading äussert und in dieser Idee von der virtuellen Unsterblichkeit, 33:40 der Loslösung vom gebrechlichen Körper, liegt begründet in der Vorstellung, 33:45 dass wir Menschen defizitär sind, so wie wir sind. Wir sind schon kaputt auf die Welt gekommen 33:52 und müssen alle unsere Mängel in irgendeiner Form beheben. Ein Mangel, der im Transhumanismus als einer der wichtigsten gilt, 34:00 ist der Mangel an Zeit, dass wir einfach nicht genug haben. Wir haben von nichts, von dem wir haben, genug. 34:08 Deswegen sage ich in einem Buch auch, der Transhumanismus baut eigentlich auf ein sehr einfaches Prinzip, 34:16 nämlich "Mehr ist besser". Das schreiben Sie ja in Ihrer Einführung. - Genau. 34:21 Und mehr von allem: ob jetzt von Intelligenz oder Wahrnehmungsfähigkeiten, 34:27 Daseinsmöglichkeiten, Erfahrungsmöglichkeiten, emotionalen Empfindungsmöglichkeiten oder v.a. auch mehr an Zeit. 34:35 Ja. Und deswegen die Idee, zuerst mal das Ding mit der Zeit zu klären, 34:42 entweder unser Leben so lange wie nur irgend möglich auszudehnen oder aber das Problem mit dem Tod generell zu überwinden. 34:50 Denn wenn wir mehr Zeit haben, haben wir dann auch mehr Zeit, alle anderen Probleme anzugehen, 34:56 die aus transhumanistischer Sicht den Menschen behelligen. Also entgrenzen wir uns zuerst. - Genau. 35:02 Und dann nehmen wir uns der anderen Probleme an. - Genau. Aber das heisst ja noch lange nicht, 35:08 dass wir alle Menschen gleichzeitig unsterblich machen. Natürlich ist auch da die Frage: Wer bekommt das denn zuerst? 35:17 Eine Zwei-Klassen-Gesellschaft. - Auf jeden Fall. Theoretisch könnten das erst mal wichtige Wissenschaftsmenschen sein, 35:26 die sich dann erst mal anderen Problemen zuwenden. Wie beispielsweise: 35:32 "Wenn alle Menschen unsterblich sind, wo sollen die dann leben?" 35:37 Es könnten erst mal ein paar wenige unsterblich gemacht werden, die sich um die Bevölkerungsmöglichkeiten 35:44 anderer Planeten kümmern, wohin die dann Unsterblichen auswandern können. 35:49 Es liegt alles in diesem sehr seltsamen Verständnis vom Menschen begründet, der ein kaputtes Wesen ist. 35:57 Wenn wir uns nicht als kaputt erfahren oder uns nicht als mangelhaft wahrnehmen, 36:02 dann bräuchten wir das nicht. Dazu können Sie bestimmt auch mehr sagen, Herr Hoff. 36:08 Sie haben ja hier ein Monumentalwerk geschrieben, "Verteidigung des Heiligen". 36:14 Da geht es Ihnen eben auch um eine Anthropologie. Aber woher kommt denn diese Misanthropie, 36:20 diese verachtende Haltung gegenüber dem Menschen? Ich glaube, die entscheidenden Weichenstellungen, wie angesprochen, 36:28 sind im Zeitalter von Descartes und Newton entstanden. Dort entstand ein extrem dualistisches Weltbild, 36:35 das wir immer in die Antike zurückschreiben. Ich knüpfe sehr stark an Platon an, 36:40 der radikal antidualistisch ist in vielen Punkten. In der Moderne entsteht die Vorstellung, 36:46 dass man Geistiges von Körperlichem und Leiblichem - Leib ist nicht Körper, er ist ein erlebter Körper - 36:55 auseinanderdividieren kann. Also, ich frage meine Studenten immer die Preisfrage: 37:04 Wenn es juckt in meinem Zeh, juckt es in meinem Kopf oder in meinem Zeh? 37:09 Man glaubte lange Zeit unter dem Einfluss von Descartes, da kommen elementare Sinnesreize, die reizen meinen Zeh. 37:17 Dann werden die Informationen, genauso wie die Buchstaben in der Druckmaschine, 37:22 im Gehirn zusammengebaut und synthetisiert, und es entsteht Bewusstsein. 37:27 Das ist wie eine Rechenmaschine. Und dann hat man am Schluss noch irgendwas übrig gehabt: 37:33 Da gibt es irgendwie noch Gefühle und Emotionen und intentionales Erleben. 37:39 Das ist so ähnlich wie bei einem IKEA-Bausatz: Sie bauen alles zusammen, und Schrauben bleiben übrig. 37:45 Die waren aber wesentlich für das ganze Ding. Nur wenn man es so zusammenbaut, kommt man nicht richtig hin. 37:52 Wir sind in der neurobiologischen Forschung viel weiter. Wir machen jetzt 4E-Cognition, 37:58 d.h. unser Denken ist "embodied", also verleiblicht. Mein Bauch spielt da genauso eine Rolle wie mein Gehirn 38:05 oder meine Muskelbewegungen. Oder der Zeh. - Genau. 38:09 Wir sind "extended", d.h., wir haben unter Umständen Tools. Merleau-Ponty bringt das Beispiel mit der Feder am Hut: 38:17 Wenn die Feder am Türrahmen streift, dann habe ich das Gefühl, den Türrahmen zu berühren, 38:22 obwohl der Hut eine Extension meines Leibes ist. Ich bin Teil meiner Umwelt. 38:28 Sehe ich dieses Glas, denke ich nicht nach: Was kann ich damit machen? 38:32 Sondern ich sehe dieses Glas, weil ich intuitiv danach greifen möchte. 38:37 Das löst bei mir einen bestimmten Bewegungsablauf aus, und wir sind "enacted". 38:43 Und genau dieserart findet das Denken gar nicht im Kopf statt, 38:48 sondern es ist ein holistischer, ganzheitlicher Prozess, der mit Zuständen zu tun hat. 38:53 Wenn man das mal verstanden hat ... - Verstehen das Ihre Studierenden? Ich versuche, denen das beizubringen in einem Forschungsprojekt 39:02 zu 4E-Cognition und Embodied Cognition. Aber die wichtigste Forschung dazu 39:08 ist in den letzten 30 Jahren erst entstanden. Und das, was die Transhumanisten erzählen, 39:13 ist dieser alte Kognitivismus, der mittlerweile vollkommen outdated ist. 39:18 Mind-Uploading ist reine Science-Fiction ... Aber diese Forschung kostet doch unheimlich viel Geld. 39:25 Es gab in der Schweiz das "Human-Brain"-Projekt, das u.a. an der EPFL durchgeführt wurde. 39:31 Extrem viele Forschungsgelder sind dafür draufgegangen. Es läuft momentan noch. 39:37 Wenn Sie mir jetzt sagen, das ist outdated und überhaupt: Weshalb kriegt das so viel Aufmerksamkeit 39:43 und damit auch die ganzen Gelder? Ja, also, ich ... 39:47 Also, das eine ist sicherlich: Diejenigen, die da die finanziellen Ressourcen haben, 39:53 erhoffen sich natürlich auch irgendwas daraus, also politische, ökonomische und auch positive Folgen. 40:01 Ein anderer Punkt ist: Wir Menschen sind mit so einer Schwarz-Weiss-Weltsicht 40:08 immer leicht zu bekommen. Wo immer Dinge kompliziert sind, 40:13 neigen wir generell dazu, entweder diesem Weg zu folgen: "Ich lehne das alles ab, 40:21 ich finde das alles problematisch, das will ich nicht." Also, wir folgen einem Technik-Skeptizismus 40:27 oder lehnen Technik generell ab. Oder aber wir verfallen dem anderen Extrem, 40:33 so einer euphorischen Haltung: "Ich habe ein Problem, also knalle ich Technik drauf." 40:39 Erst wenn wir Dinge differenzierter, genauer und komplexer sehen, dann können wir uns 40:46 in diesem grossen Graubereich dazwischen bewegen. Die Versprechen, die uns durch Neuralink 40:52 oder die "Singularity University" oder durch Google oder Amazon gemacht werden, sind halt: 40:58 "Wir haben eine Lösung für alle deine Probleme." "Oder zumindest für das Problem, das wir gerade sehen 41:04 und um das wir uns gerade kümmern." Das ist, glaube ich, für viele Menschen sehr attraktiv. 41:12 Yuval Noah Harari ist ein gutes Beispiel für jemanden, der sehr gut Geschichten erzählen kann. 41:18 Die Bücher wären in der Science- Fiction-Abteilung gut aufgehoben, werden aber als seriöse Forschung verkauft. 41:26 Das haben wir hier sehr oft: Viele Forschungsgelder wurden in Projekte gesteckt, 41:31 darunter ins "Human-Brain"-Projekt, das eigentlich ein Rohrkrepierer war. 41:36 Dabei kam eigentlich nur ganz, ganz wenig heraus. Aber es ist tatsächlich so: 41:43 Da tauchen Leute auf, die sich als Zukunftsforscher präsentieren. Da stehen dann Namen drunter wie Cambridge, Oxford und Harvard. 41:52 In Wirklichkeit sind es aber selten Leute, die ein ordentliches Berufungsverfahren gemacht haben. 41:59 Diese Leute bewegen sich an den Rändern der Forschung, stecken sehr viel Geld da rein und machen auch viel Levelling. 42:06 Dann beraten sie Politiker, wie Harari, der jetzt das Davos-Forum berät. 42:11 Und dann wird dieser Narrativ gepusht, der aber von der seriösen Forschung nicht ernst genommen wird. 42:17 Ich möchte das noch kurz von einer anderen Seite beleuchten, und zwar die Frage nach dem Glauben. 42:24 Es hat ja ganz viel auch damit zu tun, wenn das noch nicht festgelegt ist, dass da ein Glauben dahintersteckt. 42:31 Es gibt ja dann auch so Phänomene wie Kirchen, die die künftige Super- intelligenz verehren. 42:39 Da kommt dann auch wieder Google als Stichwort rein. Der ehemalige Entwickler, glaube ich, von Google war das, 42:47 Anthony Levandowski, der eine Kirche mit dem Namen "The New Way" 2015 gegründet hat. 42:54 Da frage ich mich dann schon: Wenn es solche Phänomene gibt, wie ist das denn einzuschätzen? 43:00 Ja, bei solchen Beispielen würde ich sagen, da betet quasi der Kapitalismus sich selbst an, 43:07 also die Ausgeburten des kapitalistischen Systems. Von weissen Menschen erzeugte Technologien 43:14 werden irgendwie als ... Aber die meinen das ja ernst. - Ja, ja, natürlich. 43:20 Warum sollten sie auch nicht? Sie sind ja in diesem System drin, vertrauen darauf und finden es gut. 43:26 Natürlich nehmen sie das ernst. Das Problem, das ... Also, generell würde ich erst mal ganz vorsichtig sagen, 43:34 Menschen sollen anbeten, wen oder was sie wollen. Aber abgesehen von dem kapitalistischen System, 43:40 das ich als problematisch empfinde, und dem, was dahintersteht, finde ich die Nähe zu rechten Strömungen 43:47 an dieser Stelle noch sehr viel problematischer. Nick Land hat in seinem "The Dark Enlightenment" 43:56 einen Text hervorgebracht, der von einer antidemokratischen Elitenherrschaft träumt: 44:03 von einem durch Algorithmen und KI-Technologien upgegradeten Übermenschen, 44:09 wie er das sagt. Diese sollen sich am Prinzip der Rationalität orientieren, 44:16 wodurch letztlich diese Vision einer künstlichen Superintelligenz vorangetrieben wird. 44:22 Vielleicht passt da noch ein Zitat von Levandowski dazu: "If there's something a billion times smarter than the smartest human, 44:30 what else are you going to call it than God?" Also, wenn es etwas gibt, 44:35 das eine Million Mal intelligenter ist als der Mensch, weshalb dann nicht "Gott" nennen, das m u s s doch Gott sein? 44:42 Das ist eine ganz alte Geschichte. Der Ursprung der Religion liegt nicht darin, 44:47 dass man sich einen Gott ausgedacht hat, sondern er liegt in der Religionskritik. 44:52 Religion im Judentum z.B. entsteht da, wo Menschen sich ein Goldenes Kalb bauen und sagen: 44:57 "Das ist noch nicht Gott." Sowie du irgendwas anbetest, das du selbst erschaffen hast, 45:03 das du dir selbst ausdenken kannst, dann kann das nicht Gott sein. Religion ist genau das, 45:10 was mich an die Grenzen des Begreifens führt. Daran haben sich alle Propheten und Mystiker abgearbeitet. 45:17 Es wird genau dann erst relevant, die religiöse Frage zu stellen, wo ich nicht mehr mir selbst das ausdenken kann. 45:24 Wie Augustinus gesagt hat: "Wenn du es definieren kannst, dann ist es nicht Gott." 45:30 "Wenn du es nicht definieren kannst, dann ist es Gott." Jeder hängt sein Herz an irgendwas, was ihm absolut wichtig ist, 45:37 aber sobald ich mein Herz an etwas Selbstgemachtes hänge, verfalle ich diesem Götzendienst. 45:44 Das wird in den Psalmen schön beschrieben: Man betet etwas an, das man selbst geschaffen hat. 45:50 Mit dem einen Stück Holz macht man das Feuer, mit dem anderen baut man sich einen Gott. 45:57 Und dann werden die Menschen so leer wie die Dinge, die sie anbeten. Genau das saugt einem die Lebensenergie aus, 46:03 dieses Anbeten von Götzen. So, wie wenn ich der Effizienz hinterherlaufe und dabei glaube, 46:09 ich würde mir immer mehr Zeit aussparen. Und dieser lebensverneinende Zug von falscher Religion 46:16 war der Ursprung der Religion, nämlich indem man begann, dort Götzenkritik zu betreiben: 46:22 "Betet nicht eure Kälber an." Darf ich da einhaken? Ich finde das ganz interessant. 46:28 Wir hatten es ja gerade von der Trivial-Anthropologie, der ein vereinfachtes Menschenbild zugrunde liegt, 46:35 das mit der Komplexität von menschlicher Vielfalt nichts mehr zu tun hat. 46:41 Ähnlich scheint es mir bei der Idee vom Göttlichen zu sein. Genau das Gleiche, ja. 46:46 Das, was vorher undefinierbar per se war, undurchleuchtbar und auch unverfügbar, 46:53 das wird auf einmal in Form einer Künstlichen Superintelligenz zu etwas Verständlichem. 46:59 Genau dieselbe Logik. - Ja. Und weil es ja von Menschen erschaffen worden ist, 47:05 ist da ja vielleicht auch die Hoffnung, dass es von Menschen auch kontrollierbar sei. 47:11 Ich möchte da gleich einhaken, "vom Menschen erschaffen": Was dem zugrunde liegt, 47:17 ist natürlich auch die Frage eines Menschenbildes. Der japanische Robotiker Hiroshi Ishiguro, 47:23 der sich einen maschinellen Doppelgänger erschaffen hat, hat da ganz klare Vorstellungen. 47:29 Hören wir ihm zu. Zwei Arten von Menschen in Zukunft, man hat sie im Film gesehen. 48:35 Sie haben ihn getroffen, den Robotiker. Wie war das? Es war, kurz gesagt, ein sehr schwieriges Gespräch, 48:43 das ich mit ihm geführt habe. Ich habe mich gefreut, dass wir uns treffen konnten. 48:48 Es war ein 60-minütiges Gespräch. Er ist tatsächlich ein eingefleischter Transhumanist. 48:54 Das hat man gemerkt. Er hat viele Positionen vertreten, 48:59 die ich hochgradig problematisch fand. Schwierig war, dass er dachte, ich wäre eine Journalistin. 49:05 Er wollte sich da auch nicht eines Besseren belehren lassen. Wann immer ich kritische Einwände gegeben habe, 49:12 ist er unfreundlich geworden oder war dann ungehalten. Und ich habe versucht, 49:18 wie man in dieser Szene auch ganz gut sieht, diplomatisch zu sein und zu sagen: "Very interesting." 49:24 Aber man sieht gleichzeitig auch mein Ringen mit der Situation. Im Film ist es nicht zu sehen, 49:30 aber er hat zwischendurch so Sachen gesagt wie: "Wir wollen doch alle Supermenschen werden." 49:36 Und als ich dann meinte, ich nicht, meinte er: "Sie sind ja auch eine Einzelperson." 49:42 "Aber wir müssen die Masse überzeugen davon, dass das, was wir hier tun, wichtig und richtig ist." 49:49 Und auf meine Nachfrage, was mit jenen passiert, die nicht so viel davon halten, sagte er sinngemäss: 49:56 "Wir werden Mittel und Wege finden." Man merkt ja auch, wie begeistert er ist. 50:01 Einmal sagt er, vielleicht haben wir in Zukunft "car-like bodies", also Körper wie Autos. 50:08 (Ironisch) Total schöne Vorstellung. Herr Hoff, was wäre denn Ihre Lieblingsform? 50:13 Ich fühle mich eigentlich ganz wohl, so wie ich bin. Sie sind auch noch nicht überzeugt? 50:19 Ich erfreue mich am Leben und hoffe, dass ich das noch weitergeben kann und andere daran teilhaben lasse. 50:26 Was macht denn ein gutes Leben aus? Das sind so ähnliche Ideologien, 50:30 wie wir sie auch im Stalinismus hatten, wo Zukunftsprogramme entworfen wurden. 50:35 Da werden erst mal ganz viele Leute verheizt, und die tolle Menschheit am Schluss ist eine reine Hirngeburt. 50:42 Das sind freudlose Ideologien. Deshalb ist mir auch dieser effektive Altruismus suspekt. 50:48 Diese Leute können nicht leben und vertrösten uns auf ein Jenseits. Und das wird dann immer den Religionen vorgeworfen. 50:55 Dabei geht es darum, aufrichtig hier und jetzt zu leben und sich am Leben zu erfreuen ... 51:00 Den effektiven Altruismus verstehe ich jetzt nicht so. Den hätte ich in eine andere Richtung getan. 51:08 Aber Sie sagen, Sie sind zufrieden, so wie Sie jetzt sind. Es wird von anderen Seiten gesagt, der Mensch ist defizitär. 51:16 Von Sophokles gibt es den Satz: "Es gibt viel Ungeheuerliches, 51:20 aber das Ungeheuerlichste ist der Mensch." Der Mensch schafft viel Ungeheures im positiven Sinn, 51:27 aber eben auch im negativen Sinn. Und dass es da einen "technological fix" 51:32 oder einen "technical fix" brauchen könnte, ist das denn so abwegig, dieses Verständnis? 51:39 Also, ich finde es persönlich schon abwegig. Darüber hatten wir auch gerade schon gesprochen: 51:45 Wann immer Dinge kompliziert erscheinen, versuchen wir, 51:50 mit einem möglichst einfachen Weg da herauszugehen. Entweder wir finden es schlecht oder total gut. 51:57 Und die Technik ist so vielfältig und bietet so viele Möglichkeiten. Da erscheint es naheliegend, 52:03 Technologien auch als vielfältige Problemlösungs-Tools einzusetzen. Aber ... wie gesagt: 52:11 Wir müssen uns die Dinge differenzierter anschauen. Das ist die vermutlich traurige, 52:17 von Philosophie sehr häufig genutzte Möglichkeit, auf solche unklaren Kontexte zu antworten. 52:24 Wir müssen uns die Dinge genauer und konkreter anschauen. Das machen Sie ja auch selber: 52:30 Sie schauen sich an, wie wir mit solchen Techniken umgehen könnten. 52:36 Sie sprechen da auch von "digitalen Tugenden". Können Sie gegen Ende des Gesprächs noch die positiven Noten hervorheben? 52:43 Ja, das eigentliche Problem, von dem der Transhumanismus ablenkt, ist ja die enge Verschränkung mit Marktideologien, 52:51 die uns einen bestimmten Normtypus des Menschen aufdrängen, einen perfektionierten Normtypus des Menschen. 52:59 Das habe ich von Denkern wie Michel Foucault gelernt. Das hat etwas mit Machtstrategie zu tun, 53:05 mit Verhaltenssteuerung. Die halten sich alle für autonom, in Wirklichkeit ist das steuerbar. 53:11 Nicht von einzelnen Menschen, aber das System hat eine Eigendynamik, 53:16 Menschen zu kontrollieren. Hier kommt man nur heraus, sagt Foucault, 53:20 indem man Markttechnologien unterläuft und Selbsttechnologien entwickelt. 53:25 Wie? Früher wurde das als Spiritualität oder Tugend-Ethik bezeichnet. 53:31 Ich treffe nicht einfach so autonome Entscheidungen, sondern brauche eine Lebensform, 53:37 um unterscheiden zu lernen zwischen dem, was ich wirklich denke, und dem, was ich schnell poste, 53:43 weil ich auch zur Gruppe dazugehören möchte. Ich nehme mich als autonom wahr, bin aber hochgradig manipulierbar. 53:50 Ich kann überhaupt kein Gefühl für meine Bedürfnisse bekommen oder eine ernsthafte Freundschaft entwickeln, 53:59 ohne eine Lebensform zu entwickeln, die das kultiviert, was die Griechen bezeichnen als "Erkenne dich selbst". 54:05 Ich muss erst mal eine Wahrnehmung von mir selbst entwickeln, auch ein Wahrnehmungs-Vertrauen, wie Merleau-Ponty es nennt. 54:13 Das ist ein langer Prozess. Und an diesem Punkt kommen auch in religiösen Traditionen 54:18 spirituelle Praktiken oder Tugenden ins Spiel ... Können Sie das konkret machen? Wir sind schon am Ende des Gesprächs. 54:26 Also, was ist eine Tugend-Ethik? Wenn ich als Tugend-Ethiker auf die Technologien blicke, 54:33 stellt sich nicht in erster Linie die Frage, welche Folgen das hat und ob das fair und gerecht ist. 54:39 Sondern die Frage ist: Wenn ich diese Technologien so baue und allen möglichen Leuten verkaufe, 54:45 wie verändern sich ihr Verhalten und ihre Umgangsformen? Wenn plötzlich alle am Mittagstisch auf ihren Handys herumdaddeln, 54:53 ist das ja irgendwie nicht toll, so will ich nicht leben. Aber kann man Technik so bauen, dass man das antizipiert? 55:00 Dass man Technik integriert in unsere Lebensform, ohne dass man sie kaputt macht 55:05 oder wir wie Autisten oder ADS-Leute durch die Gegend laufen? Das passiert ja gegenwärtig. 55:11 Nicht weil die Technik so böse ist, sondern weil sie nach dem Geschäftskonzept designt ist, 55:17 alle Leute abhängig zu machen und Aufmerksamkeit zu "ernten". Genau, und das beeinflusst dann auch die Verhaltensweise von Menschen. 55:25 Das ist ja schon längst bewiesen. Ich habe trotzdem noch nicht verstanden, 55:30 was genau die praktischen Vorschläge sind. Sie sprechen ja auch von einer "Praxis des guten Miteinanders" 55:37 zwischen allen Wesen, ob das Mensch, Roboter oder Tiere sind. 55:42 Wie kommen wir dahin? Das ist sicherlich noch ein weiter Weg. 55:47 Aber ich kann vielleicht zumindest erklären, wo ich das Hauptproblem sehe. 55:52 Das liegt unter anderem darin ... Zumindest in den ethischen Systemen, die sich an Aristoteles orientieren, 55:59 scheint es uns immer darum zu gehen, herauszufinden: Wer ist denn hier das autonome moralische Subjekt? 56:06 Am Ende sagen wir vor allen Dingen immer: "Es ist der Mensch." 56:11 Um den Menschen dreht sich alles im Kosmos. Vielleicht gibt es noch so ein paar andere wichtige Tiere, 56:17 die da auch bedeutsam sind, aber vor allen Dingen ist alles sehr um den Menschen zentriert. 56:23 Und Karen Barad, die Sie erwähnten, oder Donna Haraway, eine andere Denkerin, der ich sehr nahestehe, 56:30 versuchen die Perspektive von den sog. Relata, den Handlungseinheiten, 56:36 den Subjekten und Individuen abzurücken. Sie fokussieren eher darauf, 56:40 durchaus auch im Sinne von Hannah Arendt: Was passiert denn zwischen den Subjekten und Objekten? 56:47 Wie können wir mehr ... Ich habe das die "Praxis des guten Miteinanders" genannt, 56:53 um es etwas griffiger zu machen. Wie können wir uns mehr darauf konzentrieren, 56:59 wie eben ein solches gutes Miteinander aussieht, und weniger darauf, wer daran teilhat? 57:06 Also, dass wir weniger darauf achten: Sind das Menschen, die hier am Tisch sitzen, 57:12 oder dürfen vielleicht auch Hunde mitmachen? Oder bestimmte Pflanzen, vielleicht die Rosen? 57:19 Oder aber auch Maschinen, und wenn ja, welche Maschinen? Sondern wie können wir, unabhängig davon, wer teilhat, 57:26 schauen, dass es eine gute Teilhabe ist, ein gutes Miteinander oder gute Beziehungen 57:32 oder wie auch immer man das nennen möchte. Ich nehme das als Schlusswort. 57:37 Vielen herzlichen Dank für Ihre spannenden Ausführungen, Johannes Hoff und Janina Loh. - Danke. 57:44 Was glaubt ihr? Wird der Mensch bald obsolet sein und muss mit Technologie aufgerüstet werden? 57:50 Ich bin gespannt, schreibt es in die Kommentare. Und wenn ihr noch mehr solche Videos sehen wollt, abonniert den Kanal.