Was der Glaube trägt – Von Kopftuch, Kippa & Co. | Reportage rbb Doku https://www.youtube.com/watch?v=4gWCAEuuw4c Transkript (automatisch erstellt) 0:00 . * Musik * 0:05 Das Berliner Stadtbild ist bunt. Kopftuch, Kippa, Turban und Ordenskleid 0:09 begegnen uns im Alltag überall. Warum machen manche Leute ihren Glauben so sichtbar? 0:16 Und wie fühlt es sich an, als religiöser Mensch erkennbar zu sein? Wir haben Gläubige aus fünf Religionen gefragt. 0:31 Ich bin Herr Sarwan Singh, ich komme aus Indien. Ich bin seit 7 Jahren in Berlin, in Deutschland. 0:37 Ich mache eine Weiterbildung gerade, in der IT-Branche, als Cloud- und Web-Entwickler. 0:43 Und nebenbei arbeite ich einen Tag in der Gastronomie, in einem indischen Laden. 0:49 * Musik * Sarwan Singh kam als Student nach Berlin. 0:55 Er war auch schon Postzusteller, Lagerhalter und Taxifahrer. * Musik * 1:01 Den Turban trägt er als Sikh immer. Ehrliche Arbeit gehört zu den Grundprinzipien 1:07 dieser Religionsgemeinschaft. Für einen Sikh ist die Arbeit wie ein Gebet. 1:14 So, wie wir in den Tempel gehen und beten, ist die Arbeit auch ein Gebet für uns. 1:21 Deswegen sind wir einfach fleißig. Mit der deutschen Sprache hatte er kein Problem. 1:28 Wenn man in Indien wohnt, kennt man sowieso 5-6 Sprachen. Ich habe ein großes Interesse, Deutsch zu lernen. 1:36 Ich habe es schnell gelernt. Manche Leute brauchen mehr Zeit, 1:43 aber als Inder eine Sprache zu lernen, insbesondere die deutsche Sprache, das ist keine große Sache. 1:51 Das ist sozusagen Pillepalle. * orientalische Musik * 2:03 * ruhige Musik * Mein Name ist Schwester Hannelore. 2:10 Ich gehöre der Ordensgemeinschaft der Franziskanerinnen an und lebe mit zwei Mitschwestern hier in Berlin 2:19 seit mittlerweile 33 Jahren. Mitten in Pankow arbeiten und beten die Schwestern gemeinsam. 2:28 Schwester Juvenalis ist seit über 60 Jahren Nonne. Ich habe das Album mal mitgebracht. 2:37 So sah ich aus, als ich 25 Jahre alt war. Das bist du? - Ja. 2:44 Und das bin ich auch. Und fromm bin ich da. Na, ich bin ja immer noch so. 2:51 Und der alte Schleier, wo man ja sozusagen ... ... nicht rechts, nicht links gucken konnte. 2:56 Und keinen Führerschein machen konnte. Denn sie konnten ja nicht, ... wie nennt man den Blick? 3:03 Schulterblick. - Das ging ja nicht. Ich weiß noch, als ich gekleidet wurde: 3:09 Das war ja alles steif gestärkt. Bei jedem Schritt in der ersten Nachtwache: 3:14 Ich hatte immer das Gefühl, es kommt jemand hinter mir her. Es machte: "tsch, tsch, tsch", weil das so gestärkt war. 3:23 In den letzten 30 Jahren hat sich die Ordenskleidung stark verändert. Das ist also das jetzige Ordenskleid. 3:36 Es ist also jetzt einfach ein normales Kleid, ... ... das es auch in legerem Grau und als Arbeitskleid in Weiß gibt. 3:46 Früher war der Kragen ja wirklich so groß. Jetzt ist es ein Stück Stoff. 3:51 Das ist das Zeichen unserer Ordensgemeinschaft, daneben die rote Schleife 3:58 als Solidaritätszeichen für Menschen mit einer HIV-Infektion bzw. einer Aids-Erkrankung. 4:04 Der Schleier hat sich auch deutlich verändert von dem früheren geschlossenen Schleier, 4:10 wo auch die Stirn verdeckt war, zu diesem Halbschleier. Die Frauen, die im 19. Jahrhundert in Westfalen verheiratet waren, 4:21 da war klar: Die gehen nicht aus dem Haus ohne Kopfbedeckung. Sie hatten dann so eine Art Schlapphut, 4:29 quasi so eine Haube rund um den Kopf mit etwas hervorstehenden Stoffbahnen. 4:36 Daher kommt der Ausdruck "unter die Haube kommen". Ja, und dieser Schleier 4:40 ist sozusagen das Pendant auf Ordensebene. * ruhige Musik * 4:56 Dovid Gernetz legt den Gebetsschal an. Dass er ihn dabei kurz über den Kopf zieht, soll so sein. 5:04 Er schirmt sich damit von der Welt ab, um sich besser auf das Gebet vorbereiten zu können. 5:10 Mein Name ist Dovid Gernetz, ich bin 28 Jahre alt. Ich bin hier in der Kahal Adass Jisroel 5:16 Assistenzrabbiner und parallel Dozent am Rabbinerseminar zu Berlin. Ich bin schon seit 15 Jahren in Berlin. 5:25 Beim Gebet stehen wir vor Gott, deswegen ist es besonders wichtig, repräsentabel gekleidet zu sein. 5:34 Wir kommen generell gut angezogen zum Gebet in die Synagoge, aber das ist eine weitere, schönere Form, vor Gott zu stehen. 5:49 In der Synagoge Beth Zion in Berlin-Mitte sitzen die Frauen oben auf der Empore 5:54 und die Männer unten. Die Gemeinde Kahal Adass Jisroel ist orthodox 6:01 und lebt das Judentum sehr traditionell. Der gebürtige Ukrainer ist hier der Assistenzrabbiner. 6:09 Er zeigt uns den heiligsten Gegenstand in der Synagoge: Die Torarolle. 6:15 Das ist, was wir von Gott erhalten haben, wo alles drinsteht, unsere Geschichte und alle Ge- und Verbote. 6:21 Wir behandeln diesen Gegenstand mit dem allergrößten Respekt, er wird nur herausgeholt für das Gebet und besondere Anlässe. 6:29 Er wird auch großzügig verziert mit Silberschmuck. Es ist der heiligste Gegenstand im Judentum. 6:37 Eine Torarolle wird auch nicht weggeschmissen, wenn sie veraltet ist, man sie nicht mehr benutzen kann, 6:45 sie wird begraben. Sie wird wirklich auf einem jüdischen Friedhof begraben. 6:50 Die Torarolle ist so ein wichtiger Gegenstand wie ein Mensch für uns. 7:02 Teltow, südlich von Berlin. Hier hat die Berliner Sikh-Gemeinde ihren Tempel. 7:08 Die Religionsgemeinschaft aus Nordwestindien ist naturverbunden und legt Wert auf Nachhaltigkeit, der Ort im Grünen passt darum gut. 7:15 Sikhs sind sehr naturlieb. Die Luft ist unser Lehrer. 7:20 Das Wasser ist unser Vater. Und die ganze Erde ist unsere Mutter, 7:25 die uns alle Nahrung zum Leben gibt. Bevor es in den Tempel, den Gurdwara, geht, 7:31 müssen die Füße gewaschen werden. Füße nackt, der Kopf immer bedeckt: So wird der Tempel betreten. 7:40 Bei den Sikhs ist Gott gestaltlos und geschlechtslos. Angebetet wird eine Heilige Schrift, 7:46 die als "lebendiges Buch" verehrt wird. Diese Skripte werden hier aufbewahrt und mit einem Tuch bedeckt. 7:52 Sie enthalten die Lehren der 10 Gurus der Sikhs. * Gebetsgesang * 7:58 Ausgeteilt wird Parshad, eine heilige Süßspeise, die aus Milch, Mehl, Zucker, Butterschmalz und Wasser besteht. 8:05 Alle bekommen etwas davon, denn im Sikhismus gelten alle Menschen gleich viel. 8:11 In jedem Sikh-Tempel gibt es kostenlose vegetarische Speisen, Langar genannt. 8:21 Langar bezeichnet eine freie Küche für alle. Es gibt keinen Rassismus. 8:27 Es wird nie gefragt: Woher kommst du? Welche Religion hast du? Welche Hautfarbe hast du? 8:34 Du kannst einfach kommen, dich setzen, das Essen wird serviert. 8:39 Hier sind die Männer unter sich. Oder täuscht der Eindruck? Er sagt, da sitzen nur Männer. 8:46 Und hier sitzen wir zusammen. Das hat er nicht verstanden. 8:50 Es gibt keine feste Vorgabe. Wir können zusammen oder getrennt sitzen. 8:55 500 Mitglieder hat die Berliner Sikh-Gemeinde. Als Besucher kommen bis zu 2000 Menschen in einer Woche her. 9:03 Tempel und Küche sind täglich geöffnet. * ruhige Musik * 9:22 Ich heiße Iman Andrea Reimann, ich bin Muslimin. Und ich trage Kopftuch, weil im Koran steht, 9:28 dass ich als Muslimin erkennbar sein soll. Soll ich türkisch vorlesen? - Ja. 9:33 Ja? * liest vor auf Türkisch * Kannst du das verstehen? Echt? 9:43 Das ist ja klasse, dass du Türkisch lesen kannst. Ich kann das gar nicht. 9:47 * Singen * Andrea Reimann wuchs in Brandenburg auf. 9:52 Später wählte sie den zusätzlichen Vornamen Iman. Religion war für mich, bzw. Gott war für mich immer da. 10:01 Ich wuchs damit auf, in einer evangelischen Familie, mein Großvater war Pfarrer. 10:07 Damit stellte sich gar nicht die Frage: Gibt es einen Gott oder nicht? Er war halt da. 10:13 Ich war Anfang 20, ich suchte nicht wirklich, dachte nicht, ich brauche mal etwas anderes als Christentum, 10:20 das hat sich entwickelt, und zwar dergestalt, dass ich dann auch mit muslimischen Menschen 10:27 zusammenarbeitete, dann haben wir uns unterhalten. Das war sozusagen der Türöffner für meine islamische Lebensweise. 10:37 Im Kindergarten zieht sich Iman Andrea Reimann in den Pausen zum Gebet zurück. 10:42 Ich betete anfangs ohne Kopftuch, weil mir nicht klar war, dass man sich dafür bedecken soll. 10:47 Ich las dann in der Übersetzung des Korans: "Bedeckt euch, damit ihr erkannt werdet." 10:53 Und das war für mich so einleuchtend! * ruhige Musik * 11:02 Die Gebete sind immer ein Innehalten für mich. Das gibt mir irgendwie eine gute Struktur am Tag, 11:09 nach der ich mich ausrichten kann. Berlin-Neukölln: 11:21 Der Bau des Hindu-Tempels in der Hasenheide geht voran. Die Gemeinde ist besonders stolz auf die neue Tür. 11:28 Sie wiegt mehrere Tonnen, ist handgeschnitzt aus Teak und extra in Indien hergestellt. 11:34 Das Holz gibt es nicht hier, und auch die Arbeiter nicht. Das müssen fähige Handwerker sein, die gibt es dafür nur in Indien. 11:45 Mein Name ist Vilwanathan Krishnamurthy, ich bin 73 Jahre alt, ich bin seit 51 Jahren in Berlin. 11:53 Der Bau des spendenfinanzierten Tempels zieht sich hin, Grundsteinlegung war schon 2007. 11:59 Aber auch in diesem Jahr konnte der Neubau nicht eingeweiht werden: Der Boden aus Granit fehlt noch. 12:05 So feiert die Gemeinde weiter in einer alten Turnhalle ihre Gottesdienste. 12:11 Vilwanathan Krishnamurthy legt ein spezielles Gewand an. Weiß ist gedacht für Reinheit, es symbolisiert Reinheit. 12:20 Also: Ich bin innerlich und äußerlich rein. Wenn wir den Tempel besuchen: Das Gewand nennt man Dhoti. 12:27 Die Männer tragen einen Dhoti, Frauen tragen einen Sari. Die umgebaute Turnhalle hat bald als provisorischer Tempel ausgedient. 12:37 Hier trifft Vilwanathan Krishnamurthy einen Freund aus dem Tempel-Vorstand. 12:43 Das Zeichen auf der Stirn heißt Tilaka, dieses "dritte Auge" dient dem Schutz vor Dämonen. 12:49 Ich habe gerade zuhause gebetet. Dann mache ich einen Punkt drauf. 12:55 Ohne Punkt können wir nicht zu Gott beten. Tilakas werden als Streifen oder Punkte getragen, 13:02 sind oft aus Sandelholz-Pulver und gelten als Segenszeichen. Ein Prieser aus Mumbai ist zu Gast und inspiziert den Tempel-Neubau. 13:13 Im Hinduismus gibt es kein einheitliches Glaubensbekenntnis, keine zentrale Autorität, es herrscht Vielfalt. 13:21 So bunt wie der Tempel ist auch die Kleidung. Normalerweise tragen wir diese Kleidung nicht draußen, 13:31 nur für den Tempel-Besuch, es ist eine Art heilige Kleidung. Wir tragen sie nur zum Gebet, sonst nicht. 13:38 Sie kann gelb oder rot sein, die Farbe spielt keine Rolle. Wir sind als Franziskanerinnen nach Berlin gekommen, 13:53 um uns für Menschen mit HIV und Aids zu engagieren. Das heißt, wir begleiten sie in der letzten Lebensphase. 14:04 Über 550 Menschen begleiteten die Ordensschwestern schon beim Sterben, niemand ist vergessen: 14:11 Jeder Zettel an diesem Vorhang trägt den Namen eines Verstorbenen. Das Schlüsselerlebnis, 14:20 was sowohl Schwester Juvenalis als auch mich sehr bewegt hat, war, dass der erste Aids-Kranke, 14:27 der zu Schwester Juvenalis auf die Station kam, sehr deutlich geäußert hat, 14:33 wie viel Angst er hat, wie diese "Nonnen" mit ihm umgehen, 14:38 wenn herauskommt, er ist schwul und er ist aidskrank. Wir haben dann gesagt: Als Krankenschwestern 14:45 und als Franziskanerinnen kann uns das nicht egal sein. Und ich gehe davon aus, dass der Gott, an den ich glaube, 14:55 jeden Menschen liebt, so wie er ist. In unserer Arbeit 15:00 sind wir Ordensschwerstern in der Regel in Zivil. Das hat einfach den Grund, 15:06 dass eine Reihe der Menschen, die wir begleiten, durch Äußerungen gerade von offizieller Kirche aus den 1980ern, 15:16 Stichwort "Aids ist eine Strafe Gottes", mit Kirche nicht gerade die besten Erfahrungen machten. 15:24 Und wenn ich dort in Ordenskleidung auftauche, kann ich bei manchen Menschen sehen, 15:29 wie innerlich die Jalousie runtergeht. Ich habe die Ordenskleidung ja nie in dem Sinne "abgelegt", 15:36 aber es gibt eben gute Gründe zu gucken: Wann ziehe ich sie an? 15:46 Dovid Gernetz ist Dozent im Rabbinerseminar der Gemeinde Kahal Adass Jisroel. 15:51 An jeder Tür hängt eine Mesusa, ein Minitorarolle. Aktuell sind Semesterferien, ansonsten sitzen hier 10 Schüler. 16:03 An seinem Alltagsoutfit sind die "Schaufäden" zu sehen. Sie sind Teil eines speziellen Unterhemdes. 16:10 Dovid Gernetz trägt es fast immer, außer nachts und beim Sport. Der Name sagt es schon, "Schaufäden": Man schaut sie an 16:19 und erinnert sich an die Ge- und Verbote. So steht es auch in der Tora: Man soll die Fäden anschauen, 16:26 sich dadurch erinnern an die Gebote Gottes. Die moderne Technologie hat so Clips, 16:35 wodurch die Kippa auf dem Kopf bleibt, nicht herunterfällt oder im Wind wegfliegt. 16:45 Die Kippa erinnert mich und alle Juden, die sie tragen, an die konstante Präsenz Gottes: Er ist mit uns über uns. 16:55 Symbolisch gesehen, ist Gott im Himmel, deswegen ist die Kippa eine konstante Erinnerung: 17:01 Jemand ist über dir, jemand ist mit dir, du bist nie allein. 17:05 Vor zwei Jahren gab es einen Brandanschlag auf das Gemeindezentrum, seitdem ist es speziell gesichert. 17:12 Anfeindungen gehören für Dovid Gernetz zum Alltag. Trotzdem trägt er seine religiösen Symbole 17:18 auch auf der Straße, aber nicht in allen Bezirken. Wir würden sie dann einstecken, einfach so in die Tasche, 17:29 und eine Basecap über der Kippa tragen. Es macht mich schon traurig: 17:36 Die Welt ist so fortgeschritten, alles ist emanzipiert, 17:40 trotzdem müssen wir hier in Berlin 2025 unsere jüdische Identität verstecken, das ist sehr schade. 17:48 * ruhige Musik * * orientalische Musik * 18:09 In der Sikh-Religion haben wir "5K": Kesh heißt Haare, 18:15 Kangha heißt der Holzkamm. Dann haben wir so einen kleinen Dolch, 18:21 der heißt Kirpan. Dann haben wir eine Unterhose, eine besondere, die heißt Kachera. 18:31 Außerdem einen Armreif, der Kara heißt. Die Haare, Kesh, dürfen in dieser Religion 18:36 nicht geschnitten werden, sie gelten als Geschenk Gottes. * Musik * 18:46 So, fertig. Der Turban ist ein Zeichen, dass alle gleich sind, 18:51 ein Gleichheitszeichen: ein Kaiser trägt einen Turban, das normale Volk auch. 18:59 Sonntagmorgen im Sikh-Tempel Teltow. * Unterricht auf Panjabi * 19:05 Am Sonntag gibt es Schulzeiten. Die kleinen Kinder, die die indische Sprache nicht kennen, 19:11 können sie hier lernen. Unsere Sprache heißt Panjabi, das ist unsere Muttersprache, 19:17 und das ist auch die Sprache unserer Religion. * Unterricht * 19:24 Auch die Kleinsten bedecken schon ihr Haar, Jungen wie Mädchen. 19:29 Die Männer tragen einen sogenannten Dastar. Und was die Frauen tragen, das heißt Dumalla. 19:35 Das hat eine runde Form. Wir haben ein Dreieck, sie tragen eine runde Form. 19:44 * Musik * "Tar" in den alten Schriften heißt "Meter", also 1-2 Meter z.B. 19:53 "Tar" heißt "Meter, und "Das" heißt "Zehn". Also: Es sind zehn Meter. 20:01 Im Alter von 12-16 Jahren wird den Jungen in einer feierlichen Zeremonie der erste Turban überreicht. 20:08 Wie man den Stoff richtig bindet, muss ein junger Sikh erst lernen. * Musik * 20:22 Ich wurde teilweise auf dem Dorf groß, bei meinen Großeltern. Und das war natürlich für meine Familie nicht so einfach: 20:31 Das Kopftuch war wirklich eine schwierige Geschichte, weil sie ja dann mit mir gesehen werden, 20:37 und das hat ihnen einiges abverlangt. Da bin ich auch sehr dankbar, dass sie das mit mir durchgegangen sind. 20:47 Man fällt immer auf, man ist immer ein Hingucker. Die Kita-Kinder kennen sie nur mit Kopftuch. 20:53 Ob die Mädchen später eines tragen, sollen sie selbst bestimmen. Ich mache das aus mir selbst heraus, 20:59 weil ich das für mich richtig finde, dass ich in Deutschland die Freiheit habe, mich zu entscheiden: 21:05 Trage ich das Kopftuch oder nicht? Das ist ja ein hohes Gut, dass ich in Deutschland ... 21:14 ... mich im Grunde bekleiden kann, wie ich möchte. Es muss ja aus einem selbst herauskommen, 21:21 weil das, was damit verbunden ist, ein Kopftuch zu tragen, das ist nicht immer einfach! 21:27 Zur eigenen Religion stehen und zugleich andere Religionen achten: Das wollen sie und ihre Kolleginnen den Kindern beibringen. 21:36 Deshalb kooperiert die Kita mit jüdischen und christlichen Einrichtungen. 21:41 Interreligiöse Arbeit finde ich wichtig, weil es den Kindern zeigt: Ich bin nicht alleine mit dem, was ich als gottgläubiges Kind habe, 21:52 was mich ausmacht, da gibt es auch andere. Ich hoffe einfach, dass es sie stärkt für die Zukunft. 22:02 * Musik * Raus aus der Anonymität, rein in die Ordenskleidung. 22:11 Jetzt fallen die zwei Schwestern auf Berlins Straßen auf. Die gucken schon verstohlen oder ganz offen hin. 22:21 Oder sie sagen so ganz betont: "Guten Tag, Schwester." Wenn wir Patienten begleiten: 22:30 Manchmal ist es für die Patienten von Vorteil, wenn wir in Ordenskleidung sind. 22:36 Ich sage es mal etwas provokant: Der Ton im Sozialamt ändert sich möglicherweise, 22:42 wenn ich in Ordenskleidung daneben stehe. Aber ansonsten: Für die Patienten, wenn sie uns kennengelernt haben, 22:50 dann ist es sozusagen kaum noch ein Unterschied. * Musik * 22:58 Schwester Hannelore und Schwester Juvenalis sind im Park mit einem langjährigen Freund verabredet. 23:04 Vor fast 30 Jahren begleiteten sie Marc Mattulat und seinen Mann Paul. Beide HIV-infiziert. 23:11 Paul starb schließlich an Aids. * Musik * 23:16 Über ihre erste Begegnung können sie heute lachen. Zwei schwule Männer, der eine HIV-Träger, der andere aidskrank, 23:24 und ... * die Schwestern lachen * 23:28 ... Nonnen: Das geht doch nicht! Und dann schwebten die beiden ehrwürdigen Schwestern 23:35 die Treppe hoch, nicht so schön schwarz und feierlich wie heute, 23:40 sondern im grauen Ordenskleid. Das war sozusagen schon die weichgespülte Version. 23:50 Nicht ganz so offiziell. - Genau, und nicht so streng. Das machte schon Eindruck. 24:00 Sein Mann Paul war katholisch. Und dann sagt er: 24:06 "Du weißt ja, ich wollte aus der Kirche austreten." Er sprach immer so langsam. 24:11 Ich fragte: "wollte"? "Ja, ich habe gedacht, ... 24:16 ... wenn es Menschen in dieser Kirche gibt wie euch, muss ich nicht mehr austreten." 24:21 * sie atmet tief aus * Da dachte ich: "Dann sind wir ja auf dem richtigen Dampfer." 24:35 Die Baustelle in der Hasenheide. Das hinduistische Lichterfest Diwali 24:44 muss wieder in der alten Turnhalle gefeiert werden. Zum Fest kommen die Gäste von nah und fern. 24:51 Diwali ist ähnlich wie Weihnachten, das Lichterfest, das größte Fest im Hinduismus. 24:58 Das ist das Fest, das gefeiert wird als Sieg des Lichts über die Dunkelheit 25:05 oder des Guten über das Böse. Ich bin Anvita, das ist mein Mann Rohit. 25:11 Wir sind in Berlin wohnhaft seit 23 Jahren. Ich bin Dozentin von Beruf, mein Mann arbeitet als Ingenieur. 25:18 Arohi hat ihr Abitur gemacht und Ira ist in der 9. Klasse. * Musik * 25:27 Zum Lichterfest trägt Familie Prabhu festliche und farbenfrohe Kleidung. Man zieht sich bunt an, Schwarz und Weiß sind verboten. 25:37 Diese Farbenpracht bringt auch Freude. Anvita Prabhu trägt den Sari, ein traditionell ungenähtes Kleid. 25:46 Es ist ein langer Stoff, ungefähr fünf Meter lang. Das Tragen ist nicht immer einfach, 25:53 man muss es hier falten, es richtig tragen. Mittlerweile werden sie auch genäht, d.h. man zieht es wie ein Kleid an. 26:01 Das ist viel einfacher. Auch die Jugend bevorzugt praktischere Festkleidung. 26:07 Bei Festen trage ich eher Kurtas, eher etwas Bequemeres. 26:14 Ich fühle mich immer sehr schön, es ist sehr elegant. Ich fühle mich selbstbewusst, wenn ich das trage. 26:20 Und es macht mich froh. In der Öffentlichkeit tragen sie traditionelle Kleidung eher nicht: 26:27 Manchmal bekam ich dann Blicke in der U-Bahn usw. Im Auto würde ich es tragen, 26:33 aber nach dem Aussteigen würde ich sofort ins Haus oder in den Saal gehen, wo die Veranstaltung stattfindet. 26:40 Wenn man mich anstarrt, weil ich anders gekleidet bin: Das ist manchmal nicht so schön. 26:46 Das ist keine Alltags-Bürokleidung. Auch in Indien trägt man heutzutage Shirts und Hosen. 26:55 Aber ich trage das gerne. Meine Kollegen freuen sich auch, etwas Neues, anderes zu sehen. 27:03 Und mir macht das überhaupt nichts aus. Ich kann die Blicke ertragen. (lacht) 27:09 Wir sind etwas anders. (lacht) Der Hinduismus ist vielfältig, es gibt mehrere Millionen Gottheiten, 27:17 und die Familien haben ein sehr persönliches Verhältnis zu den Göttern. 27:22 Im Hinduismus ist Gott wie einer von uns. Er schläft, er isst, er ist wie ein Familienmitglied. 27:30 Man behandelt die Götter so wie einen Gast oder wie ein Familienmitglied, das verwöhnt wird. 27:39 Ob Diwali, Chanukka, Lucia, Advent: Lichterfeste gibt es in fast allen Religionen. 27:45 Und überall dieselbe Hoffnung: Dass das Licht über die Dunkelheit siegt, 27:50 und dass der Glaube trägt. Ganz gleich, was man trägt. 27:58 Untertitelung: rbb 2025