Semantik: Struktur und Aufbau der Nominalphrase eLearning-Inhalte von Dr. Peter Menke https://www.youtube.com/watch?v=4gQi0dpioH0 Transkript (automatisch erstellt) 0:00 Videolektion zum Thema "Nominalphrase" Nachdem Sie sich in der Vergangenheit nun ausführlich mit der Bedeutung einzelner Wörter 0:04 befasst haben (dies hauptsächlich auf der Basis von Merkmalen und Merkmalssemantik), werden wir nun den Blick darauf lenken, 0:12 wie sich größere sprachliche Einheiten konstruieren lassen und wie in ihnen Bedeutung kombiniert wird. 0:18 Als Basis dafür wiederholen wir kurz die Grundlage, die dafür vermutlich hilfreich sein könnten. 0:23 Diese sollten Teil der Einführung in die Germanistische Sprachwissenschaft gewesen sein. 0:28 Im Zweifel konsultieren Sie ein Einführungslehrbuch, wie etwa das angegebene Werk. Sprachliche Äußerungen werden aus kleineren Bausteinen zusammengesetzt. 0:38 Diese Bausteine nennt man Konstituenten (von lat. constituere: einrichten, festlegen, festigen). Man sagt auch: Die Äußerung konstituiert sich aus den einzelnen Bestandteilen, den 0:51 Konstituenten. Jede Konstituente erfüllt einen konkreten Zweck 0:54 (so kann man es für den Moment vereinfacht sagen) in einer Äußerung, und an der Stelle einer bestimmten Konstituente können immer auch sehr viele andere Konstituenten 1:03 des gleichen Typs stehen. Bilden wir ein paar Beispielsätze über Dinge, die ein (fiktiver) Herr Blühmel mag. 1:10 Überlegen Sie einfach mal, wie Sie den folgenden Satz so fortsetzen, dass Sie damit eine bestimmte Sache ausdrücken, die Herr Blühmel mag. 1:17 Sie sollen an dieser Stelle nichts anderes ausdrücken (also keine Begründung oder so). Schreiben Sie also drei bis vier Fortsetzungen auf. 1:25 Herr Blühmel mag ____. Was ist Ihnen eingefallen? 1:30 Im einfachsten Fall sind Ihnen einzelne Begriffe eingefallen, die Objekte denotieren. Kühe, Rahmschnitzel, Kinder oder Videospiele. 1:39 Diese für sich genommen gehören bereits zu dem Typus von Konstituente, der hier den Satz fortführt. 1:45 Mögliche andere Fortführungen wären aber auch diese hier: All diese Wortfolgen lassen sich (aus syntaktischer Sicht) genau so als Fortführung verwenden 1:56 wie die ersten. Sie sind zwar syntaktisch komplexer, aber erfüllen den gleichen Zweck, 2:01 nämlich, genauer darzustellen und auszuführen, was Herr Blühmel denn nun mag. Die letzten beiden funktionieren zwar aus syntaktischer, 2:09 nicht jedoch aus semantischer Sicht; wir schauen sie uns später noch genauer an. Was Sie hier getan haben, ist, eine Variante eines Konstituententests durchzuführen, 2:19 mit dem Sie herausfinden können, was genau in einer Äußerung eine Konstituente ist. Wenn Sie in einer Äußerung einen Teil A durch einen anderen Teil B ersetzen, 2:29 und die Äußerung dadurch nicht fehlerhaft wird, dann sind A und B Konstituenten des gleichen Typs. 2:36 Als Konstituenten bezeichnen wir daher Teile eines Ganzen. Ohne das Ganze im Blick zu haben, ist es nicht wirklich sinnvoll, von Konstituenten 2:45 zu sprechen. Wenn wir uns die eben gesammelten Wortfolgen isoliert und für sich genommen ansehen, 2:50 speziell, wenn es um ihre Form und ihren inneren Aufbau geht, sprechen wir eher von Phrasen. Das, was wir dort sehen, sind Nominalphrasen. 2:59 Eine Nominalphrase dient dazu, einen oder mehrere Referenten in einer konkreten oder generellen Situation zu beschreiben. 3:08 Mit Referenten meinen wir hier keine Personen, die Referate halten, sondern Bezugsobjekte. Jede Nominalphrase steht in der Regel für etwas, für jemanden oder auch für mehrere 3:20 Personen, Dinge oder auch für abstrakte Entitäten. Für den Moment klammern wir Pronomina erst einmal aus. 3:27 Sie können auch als Nominalphrase fungieren, werden aber verständlicher, wenn wir die prototypische Nominalphrase kennengelernt haben. 3:35 Jede Phrase besitzt ein zentrales Element, das seine Charakteristika vorgibt und ihr auch ihren Namen verleiht. 3:42 Das sind im Fall der Nominalphrase Nomen oder Substantive. In den Beispielen von eben sehen Sie hier die jeweiligen Köpfe rot hervorgehoben. 3:53 Sie stellen den Kern der gesamten Struktur dar, um den herum sich alle anderen Bestandteile nach festen Regeln arrangieren. 4:00 Die Bedeutung des Kopfes taucht immer auch in der Bedeutung der gesamten Nominalphrase auf. 4:09 Jedoch enthält die gesamte Phrase in der Regel weitere Informationen, die von eben diesen anderen Bestandteilen kommen. 4:16 Wir werden jetzt die wichtigsten Bestandteile durchgehen und schauen, wie sie ihren Teil zu so etwas wie einer Gesamtbedeutung beitragen. 4:22 Sie können beliebig viele attributive Elemente vor ein Substantiv setzen. Solche Elemente geben zusätzliche Eigenschaften an, die für den oder die Referenten gelten. 4:33 Wenn Sie „kleine“ vor „Katzen“ setzen, fügen Sie der Merkmalsliste (die bisher aus +KATZE besteht) noch das neue Merkmal +KLEIN hinzu. 4:44 Solche Elemente können attributiv verwendete Adjektive sein, oder auch komplexere Strukturen, wie „in Butter geschwenkte“. 4:51 In den allermeisten Fällen schränken Sie die Menge der möglichen Referenten mit solchen Angaben ein. 4:57 Sie verwenden spezifischere Beschreibungen, und solche Beschreibungen passen auf weniger Referenten. 5:03 Sie können in einer Nominalphrase auch auf verschiedene Arten konkrete Mengenangaben unterbringen. 5:10 Wenn Sie über mehr als einen Referenten sprechen, gibt es die Möglichkeit, mit Zahlwörtern eine konkrete Anzahl darzustellen. 5:17 Sobald so etwas vorliegt, wird konkret, wie viele Referenten genau von der Nominalphrase beschrieben werden. 5:23 Im Deutschen (und in vielen weiteren Sprachen) haben wir den Sonderfall, dass wir einen eigenen Numerus für einzelne Referenten haben: Den Singular. 5:33 Wenn wir über einzelne Dinge sprechen, gibt es oft Situationen, in denen wir daher kein separates Wort mehr verwenden müssen, um die Mengenangabe „1“ 5:42 abzubilden. Eine weitere grundlegende Unterscheidung ist die Tatsache, ob eine Nominalphrase definit 5:50 (oder bestimmt) ist oder nicht. Definite Nominalphrasen verweisen auf einen eindeutig bestimmten Referenten, 5:57 also auf einen, für den in der jeweiligen Situation jeweils klar ist, dass es genau um ihn geht. 6:05 Indefinite (oder unbestimmte) Nominalphrasen verweisen nicht auf so einen bereits bestimmten Referenten, sondern auf einen, der zuvor noch nicht bestimmt 6:13 ist. Im ersten Beispiel ist vor der Äußerung noch von keiner konkreten Blume die Rede gewesen. 6:20 Wir wissen nach der Äußerung noch nicht, um welche konkrete Blume es gerade geht. Im zweiten Beispiel können wir zumindest annehmen, 6:28 dass vorher in irgend einer Weise klar wurde, um welche konkrete Blume es geht. Im Deutschen haben wir mit den Artikeln die Möglichkeit, Unbestimmtheit oder Bestimmtheit 6:38 anzuzeigen. Beachten Sie, dass wir aber keinen unbestimmten Artikel im Plural haben. 6:43 Hier wird an der entsprechenden Stelle gar nichts eingesetzt: In anderen Sprachen finden Sie hier durchaus auch Artikel, etwa im Französischen: des 6:54 fleurs. Sie können Definitheit auch mit anderen Mitteln bewirken: 6:57 Mit einem vorangestellten Demonstrativpronomen oder Possessivpronomen, oder auch mit einem vorangestellten Genitiv. 7:04 Semantisch zeichnet sich Definitheit dadurch aus, dass Sie die Nominalphrase referenziell in Bezug setzen zu einer Entität im Äußerungskontext, 7:15 die schon eingeführt wurde. Mit indefiniten Nominalphrasen führen Sie in der Regel neue Entitäten in den Äußerungskontext 7:23 ein. Hier wussten Sie bis zum aktuellen Zeitpunkt noch nichts vom Stier, 7:28 doch jetzt ist er als Individuum im Äußerungskontext präsent, und Sie können in Folgeäußerungen an ihn anschließen. 7:34 Schlussendlich können Sie in eine Nominalphrase noch Quantoren bzw. quantifizierende Begriffe einbauen. 7:43 Diese sind zu unterscheiden von Mengenangaben. Sie dienen vielmehr dazu, Aussagen über eine Gesamtheit zu machen, 7:50 bei der man entweder etwas über alle, einige, eins oder kein Individuum dieser Gesamtheit machen möchte. 7:56 Hier haben wir eine Grundmenge von Büchern. Die folgenden drei Sätze mache Aussagen über diese Menge; der erste davon stellt eine Behauptung 8:06 auf, die dann wahr ist, wenn sie für jedes einzelne von ihnen gilt. 8:10 Der zweite davon gilt selbst dann, wenn die Teilbehauptung nur für einige von ihnen wahr ist (hier könnte man sich darüber streiten, 8:18 ab welcher Menge man von „einige“ spricht), und so weiter. Dies waren einige wichtige Bestandteile von Nominalphrasen. 8:26 Jeder Bestandteil nimmt einen typischen Platz innerhalb dieser Phrase ein. So stehen attributive Elemente am weitesten innen, 8:33 nach außen hin gefolgt von Mengenangaben, Determinieren und Quantoren. Sie können in der Regel diese Reihenfolge nicht verändern. 8:40 Wohlgemerkt sind dies noch relativ einfache Nominalphrasen. Sie können auch ganze andere Phrasen, ja sogar ganze Sätze, in Nominalphrasen integrieren: 8:56 Dies ist auch eine komplexe Nominalphrase. Hierzu jedoch später mehr. 9:02 Ich möchte abschließend noch kurz darauf eingehen, wie Sie merkmalsbasiert die Bedeutung einer Nominalphrase zusammentragen können. 9:09 Für heute schauen wir uns erst einmal nur an, wie die Bedeutung vom Kopfnomen und von attributiven Adjektiven etwas beiträgt. 9:17 Hierfür nehmen wir an, dass die resultierende NP ihre Informationen aus ihren Bestandteilen bezieht. 9:23 Um also die Bedeutung gewissermaßen zu berechnen, notieren wir eine leere Merkmalsklammer, in die wir dann nach bestimmten Regeln die Merkmale einsetzen. 9:31 Das machen wir auf formale Art und Weise nach den folgenden Regeln: 1. 9:36 Füge die Merkmale des Kopfnomens in die Merkmalsstruktur der NP ein. 2. 9:42 Für jedes attributive Adjektiv: Verschmelze die Merkmale des Adjektivs mit der Merkmalsstruktur des Kopfnomens. 9:49 Wenn kein Konflikt aufgetreten ist, haben wir als Ergebnis die Bedeutung der NP (natürlich in noch recht einfacher Form). 9:56 Wir werden jetzt an Beispielen genauer sehen, was dieses Verschmelzen ist, und was mit den möglicherweise auftretenden Konflikten gemeint ist. 10:04 Der einfachste Fall liegt vor, wenn wir nur ein Kopfnomen, oder nur ein Kopfnomen plus Determinierer haben. 10:10 Nehmen wir einfach mal an, dass die hier gezeigten Merkmale relevant und sprachlich motiviert für unsere Situation sind. 10:18 Hier landet das Merkmalsbündel des Kopfnomens in der Merkmalsstruktur der NP, und wir sind fertig. 10:23 Dieses Beispiel ist schon etwas komplizierter. Hier führen wir den ersten Schritt aus wie eben, 10:30 und verschmelzen alles, was dem Adjektiv „hinterlistig“ zufällt, mit den NP-Merkmalen. Verschmelzen heißt, dass wir die Merkmale aus beiden Ausgangsstrukturen zusammenwerfen. 10:41 Wenn es keinen Widerspruch gibt, dann erhalten wir die Fusion als Ergebnis. Widersprüche lägen dann vor, wenn zwei Merkmale angegeben sind, die nicht miteinander kompatibel 10:50 sind. Einen semantischen Widerspruch hätten wir beispielsweise dann vorliegen, 10:56 wenn wir versuchen, „berufstätig“ als attributives Adjektiv einzubauen. Wir können ja berechtigerweise annehmen, dass nur Menschen berufstätig sind. 11:07 Katzen aber sind, so wie wir die Merkmale definiert haben, keine Menschen. Hier müssten wir also +MENSCH (von „berufstätig“) und –MENSCH (von „Katze“) miteinander 11:16 verschmelzen. Dies ist nicht möglich, es entsteht ein Widerspruch, oder das, was wir weiter oben als Konflikt 11:22 bezeichnet haben, und wir können diese Nominalphrase nicht mit sinnvollem semantischem Inhalt füllen. 11:27 Ganz ähnlich wäre es, wenn wir „hinterlistig“ etwa mit „Nacktschnecke“ kombinieren wollen. Man kann ja vermutlich ohne große Überlegung davon ausgehen, 11:36 dass wir Nacktschnecken eher als –INTELLIGENT einstufen würden. Mit diesem recht einfachen Mechanismus haben wir bereits ein Verfahren an der Hand, 11:45 mit dem wir mehr schaffen, als nur eine syntaktische Kongruenz in der Nominalphrase zu fordern. Wir können, wenn wir die Merkmale schlau definieren, 11:54 auch bestimmte semantisch fragwürdige oder inkompatible Konstrukte als falsch erkennen und verwerfen. 11:59 Dieses Verfahren an sich werden wir in den nächsten Sitzungen noch verfeinern und weiter verwenden. 12:06 Versuchen Sie im Test einmal, das Verfahren der Verschmelzung selbst durchzuführen.