Mord an „Kranken" – „Euthanasie" im Nationalsozialismus MrWissen2go Geschichte | Terra X https://www.youtube.com/watch?v=2zmByElakrg Transkript (automatisch erstellt) 0:04 Vorab ein Hinweis: In diesem Video beschäftigen wir uns mit den Krankenmorden in der NS-Zeit. 0:10 Eines der finstersten Kapitel der Geschichte, das uns Grausamkeiten und erschütternde Tatsachen aufzeigt. 0:16 Es führt uns schonungslos und mahnend vor Augen, wozu Menschen fähig sind, wenn die Unmenschlichkeit regiert. 0:22 Kennt ihr dieses Denkmal? Es steht seit 2014 in Berlin 0:25 und erinnert an Opfer der Euthanasie- Morde der Nationalsozialisten. Hinter dem verharmlosenden Ausdruck "Euthanasie" 0:32 steht das grausame Schicksal Zehntausender Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen, 0:38 die zwischen 1939 und 1945 ermordet werden. Denn die nationalsozialistische Ideologie 0:43 sieht ihr Leben als nicht lebenswert an. Als unwert, so die zynische und perfide Bezeichnung der Nazis. 0:48 Dieses Denkmal wirft bereits Fragen auf. Ist es der richtige Weg der Aufarbeitung? 0:53 Ist es ein Teil der Aufarbeitung? Ein wichtiger? Angehörige von Opfern kritisieren, 0:58 dass es bis heute keinen eigenen Gedenktag gibt und keine Entschädigungen im Rahmen des Bundesentschädigungsgesetzes. 1:05 Schwierige Fragen. Unmöglich für uns, die in diesem Video zu beantworten. 1:09 Aber vielleicht können wir dazu beitragen, dass über diese Fragen weiter nachgedacht wird. 1:14 In diesem Video gehen wir in der Geschichte zurück. Die Aktion T4: 1:18 Hinter diesem harmlosen Namen steht ein Verbrechen mit unfassbaren Ausmaßen. 1:23 Die organisierte Ermordung von 70.000 Menschen. Was ist da geschehen? 1:28 Wie konnte es dazu kommen? Gab es Widerstand? 1:31 Wie wurde dieses Verbrechen nach 1945 aufgearbeitet? Alles das in diesem Video. 1:39 Das Video ist Teil des Funk-Schwerpunkts "Leben mit Behinderung". 1:43 Wir beginnen Anfang Oktober 1939. Adolf Hitler verfasst einen Brief an seinen Arzt Dr. Karl Brandt 1:49 und den Reichsleiter Philipp Bouhler. Hitler spricht darin davon, 1:53 unheilbar Kranken einen Gnadentod zu gewähren. Er gibt im Brief den Männern einen Auftrag: 1:58 Sie sollen die Tötung von Menschen mit Behinderung oder psychischen Erkrankungen planen und organisieren. 2:04 Die geplante Ermordung wird also von Hitler zum Gnadentod umgemünzt. 2:09 Rückwirkend datiert Hitler das Privatschreiben auf den 1. September 1939. 2:13 Damit fällt der Brief mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs zusammen. Der Mordbefehl soll im Kriegskontext stehen. 2:20 Die befohlene systematische Ermordung wird bekannt unter dem Namen Aktion T4. 2:25 Benannt nach dem Sitz der dafür zuständigen Zentraldienststelle in Berlin, Tiergartenstraße 4. 2:31 Die Nationalsozialisten verwenden nun nicht mehr das Wort Gnadentod, sondern den harmlos klingenden Begriff "Euthanasie". 2:38 Er kommt ursprünglich aus dem Griechischen und bedeutet "schöner Tod" oder auch "guter, leichter Tod". 2:44 Im deutschen Sprachraum ist dieser Begriff aber untrennbar mit der Ermordung von Menschen mit Behinderung 2:50 oder psychischen Erkrankungen durch die Nazis verbunden. Er ist damit, obwohl er eine über 2.000 Jahre währende Geschichte hat, 2:57 nicht wertneutral in einem anderen Kontext zu verwenden. Wie auch andere Begriffe, die die Nazis gebraucht haben 3:04 und sie damit für immer mit einem bestimmten Kontext belegt haben. Bereits im Oktober 1939 werden als Folge dieses Befehls 3:11 die Direktoren von Heil- und Pflegeanstalten aufgefordert, Meldebögen auszufüllen. 3:15 Darin sollen sie Patienten melden, die schon lange in den Anstalten leben, 3:20 und diejenigen, die an Krankheiten wie Epilepsie, Demenz oder Schizophrenie leiden. 3:24 Diese Bögen entscheiden über Leben und Tod von unschuldigen Menschen. Stellt euch das mal vor. 3:30 Ein "Gutachter" entscheidet über das Leben eines Menschen, indem er ein Kreuzchen auf einem Papier macht. 3:36 Und das, ohne den Menschen jemals gesehen zu haben. Kriterien dabei sind, 3:41 ob die Krankheit als heilbar gilt und ob Menschen noch arbeiten können. 3:45 Diejenigen, für die das nicht gilt, werden zunächst verlegt. So heißt es zumindest. 3:50 Die Betroffenen werden in Zwischenanstalten gebracht in der Nähe der späteren Tötungsanstalten. 3:55 Angehörige können die Deportierten nur bis zu diesen Zwischenanstalten begleiten. 4:00 Dieses grausame Konzept findet sich bei den Nazis immer wieder. Die Konzentrations- und Vernichtungslager 4:06 hatten die gleiche unmenschliche Logik. Ihr seht, alles ist perfide durchdacht 4:11 und organisiert. Von den Zwischenanstalten bringen Züge der Reichsbahn 4:15 oder Busse die Menschen zu den Tötungsanstalten. Busse sind zunächst rote Wagen der deutschen Reichspost. 4:21 Ja, nicht wundern, die Post war immer gelb, nur während der Nazizeit nicht. 4:25 Später werden die Busse zur Tarnung grau angestrichen. Die sogenannten grauen Busse sind bis heute ein Synonym 4:32 für die Deportation der Kranken. Insgesamt gibt es sechs Tötungsanstalten. 4:36 Verteilt auf dem Reichsgebiet. Vor Ort werden die Menschen direkt aus den grauen Bussen 4:47 in einen Raum mit Brauseköpfen an der Decke geführt. Dort werden sie mit Kohlenmonoxid vergast. 4:52 Die Leichen anschließend verbrannt. Familien der Opfer erfahren die wahre Todesursache nicht. 4:58 In sogenannten Trostbriefen heißt es, der oder die Angehörige sei an einer Krankheit oder Infektion, 5:04 an einer Lungenentzündung oder Ähnlichem gestorben. Ausgestellt sind diese Schreiben 5:09 vom Verwaltungspersonal der Tötungsanstalt, die in dem Schreiben natürlich so nicht genannt wird. 5:15 Die Reaktionen der Angehörigen sind gemischt. Natürlich dominieren Trauer und Unverständnis, 5:20 dass sie nicht Abschied nehmen konnten. Manche aber sind auch erleichtert, 5:24 dass die vermeintlichen Leiden des Toten ein Ende haben. Das klingt nach einer verstörenden Aussage, 5:30 einer unmenschlichen sogar. Ihr müsst das aber im Kontext der Geschichte sehen. 5:35 Es herrschte Krieg, die Zukunft war ungewiss. Auf den Schlachtfeldern starb man in Massen. 5:40 Der Tod war zu dieser Zeit allgegenwärtig. Sarkastisch gesagt: Man hatte sich an ihn gewöhnt. 5:47 Aber vereinzelt gibt es auch Beschwerden über die Verlegung. Was ich auch wichtig finde: 5:52 Der Aktion T4 geht bereits eine jahrzehntelange Diskussion voraus, was lebenswertes Leben sei und was nicht. 5:59 1895 ist der Philosoph Adolf Jost der Erste, der ein Recht auf den Tod fordert. 6:05 Er argumentiert, dass Schwerkranke das Recht haben sollten, zu entscheiden, ob sie weiterleben oder sterben wollen. 6:12 Seit der Jahrhundertwende damals diskutieren Ärzte, Psychiater und Juristen die von Jost aufgeworfene Frage 6:18 mit unterschiedlichen Ansichten. Die Debatte radikalisiert sich, 6:22 als 1920 der Jurist Karl Binding und der Psychiater Alfred Hoche in ihrer Schrift "Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens" 6:30 behaupten, dass es menschliches Leben gebe, das weder für den Einzelnen noch für die Gesellschaft von Wert sei, 6:36 und sie sprechen sich für die Tötung der von ihnen sogenannten "Ballastexistenzen" aus. 6:41 Hoches und Bindings Veröffentlichung führt zu teilweise heftigen und kontroversen Debatten 6:47 in der Weimarer Republik. Der Großteil der Ärzte in der Republik lehnt die Forderung ab. 6:52 Die Nationalsozialisten nutzen deren Argumente aber zur wissenschaftlichen und moralischen Rechtfertigung 6:58 ihrer Gräueltaten: die Ermordung von Menschen mit körperlichen und geistigen Behinderungen. 7:03 Die Verfolgungen bis zur Ermordung dieser Menschen nehmen ihre Anfänge schon 1933. 7:08 Es wird das Gesetz zur "Verhütung erbkranken Nachwuchses" erlassen. Dieses Gesetz erlaubt die Zwangssterilisation 7:15 von Menschen mit vermeintlichen Erbkrankheiten oder schweren körperlichen und geistigen Behinderungen. 7:21 400.000 Menschen fallen der Umsetzung des Gesetzes zum Opfer. Schon 1933 werden auch die finanziellen Mittel 7:27 für Heime und Anstalten gekürzt. Die Patienten schlafen anstatt auf Matratzen auf Strohsäcken 7:32 und bekommen weniger zu essen. Das Morden beginnt an den Hilflosesten und Schutzlosesten. 7:38 Den neugeborenen Kindern. Schnell kommen Kleinkinder und Jugendliche bis 16 Jahre dazu. 7:43 Ob körperliche Fehlbildungen, Down-Syndrom oder Lähmungen, 7:47 ab August 1939 sterben mindestens 5.000 Kinder. Welches Ziel verfolgen die Nationalsozialisten? 7:54 Was bringt sie dazu, so zu handeln? Zum einen wollen sie - das ist unmenschlich, aber pragmatisch - 8:00 Kosten für Pflege und Unterbringung der Patienten einsparen. Zum anderen verfolgen die Nazis das Ziel, 8:06 unheilbare Erbkrankheiten zu besiegen. Sie wollen einen gesunden deutschen Volkskörper, wie sie sagen. 8:12 Und um diese fanatische, vermeintliche Idealvorstellung zu erreichen, ist ihnen Mord ein legitimes Mittel. 8:19 Trotzdem wissen die Nazis, dass ihre Vorgehensweise in der Bevölkerung 8:23 keine breite Akzeptanz haben würde. Sie verschleiern ihr Handeln. Denkt an die Trostbriefe. 8:29 Aber die Verschleierungen der Nazis reichen nicht aus, es keimt der Verdacht auf, dass Menschen getötet werden. 8:35 Die einen wollen nicht dran glauben und verschließen die Augen davor. Aus Angst oder anderen Gründen. 8:41 Aber es gibt auch andere. Vormundschaftsrichter Lothar Kreyssig hat diesen Verdacht und handelt. 8:47 Im Sommer 1940 fällt ihm auf, dass einige seiner Mündel nach der Verlegung sterben. 8:51 Er wendet sich nicht an die lokale Polizeidienststelle. Der gläubige Brandenburger hat Beziehungen in die Ministerien. 8:58 So wendet er sich direkt an den Justizminister. Kreyssig erstattet Anzeige wegen Mordes. 9:04 Kreyssig versucht außerdem, so gut es geht, seine Betreuten zu schützen. 9:08 Er verbietet kurzerhand deren Deportation und leistet so Widerstand. 9:12 Aber viel kann er nicht bewirken. Er selbst wird von den Behörden in den Ruhestand geschickt. 9:18 Anders geht es bei folgendem Kritiker aus: der Münsteraner Bischof Clemens August Graf von Galen. 9:24 Auch er vermutet, dass Kranke systematisch ermordet werden. Er will sich dazu in seiner Sonntagspredigt 9:30 am 3. August 1941 äußern. Der in der Bevölkerung beliebte Bischof 9:34 verurteilt in seiner Predigt die Tötung von Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen. 9:40 Er spricht von Ermordung, prangert die wirtschaftlichen Gründe hinter den Tötungen an 9:45 und fragt: Hast du, habe ich nur so lange das Recht zu leben, solange wir produktiv sind? 9:50 Solange wir von anderen als produktiv anerkannt werden? Von Galen findet deutliche Worte. 9:56 Er ist mehrfach als Kritiker des NS-Regimes in Erscheinung getreten. Es bleibt nicht bei dieser Predigt. 10:02 Sie verbreitet sich im ganzen deutschen Reich. Die Unruhen sind so groß und der Bischof so beliebt, 10:07 dass Hitler einknickt - zumindest scheinbar. Hitler gibt den Befehl, die Mordaktion T4 zu beenden. 10:13 Im September 1941 wird die Aktion T4 eingestellt. Aber letztendlich ist es nur ein scheinbares Ende 10:18 und wieder eine Verschleierung. Die Menschen werden nicht mehr in den Tötungsanstalten vergast, 10:24 aber das Morden in Anstalten, Heimen und Psychiatrien geht weiter. Bis zum Kriegsende. 10:29 Patienten werden durch Medikamentenüberdosis, Nahrungsentzug oder Vernachlässigung getötet. 10:34 Diese Phase ist auch als "dezentrale Phase" bekannt. Das bedeutet, 10:38 dass nicht mehr die Verantwortlichen am Berliner Tiergarten entscheiden, sondern Ärzte und Pfleger vor Ort. 10:44 Zu den Patienten kommen ab 1941 jüdische oder nicht arbeitsfähige KZ-Häftlinge. 10:49 Ab 1943 kranke, osteuropäische Zwangsarbeiter. Mit dem Kriegsende 1945 endet die systematische Ermordung 10:55 von Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen. Zehntausende starben. 11:00 Allein während der Aktion T4 wurden 70.000 Menschen umgebracht. Insgesamt fallen den verschiedenen Mordprogrammen 11:07 im nationalsozialistischen Machtbereich circa 300.000 Menschen zum Opfer. 11:11 Und T4 wird eine Art Vorbild für die Massenvernichtung an den Juden. Was geschieht nach dem Krieg? 11:17 Den Tätern, den handelnden Ärzten, Schwestern und Krankenpflegern, den Verantwortlichen in der Verwaltung 11:23 wird teilweise der juristische Prozess gemacht. Im Herbst 1945 werden zwei Ärzte und ein Pfleger 11:29 der Tötungsanstalt Hadamar von einem US-Militärtribunal zum Tode verurteilt. 11:33 Im Nürnberger Ärzteprozess werden sieben Angeklagte zum Tode verurteilt, 11:38 neun zu langen Haftstrafen. In Nebenprozessen weitere Personen, 11:42 die vor Ort oder in der Verwaltung daran beteiligt waren. Und was bleibt von den ermordeten Menschen? 11:47 Massengräber, Erinnerungen und quälende Ungewissheit bei Angehörigen über das genaue Schicksal der Opfer. 11:54 Angehörige kämpfen vor allem in den 50er- und 60er-Jahren dafür, Mahnmale zu errichten. 11:59 Kleine Zeichen des Gedenkens und der Erinnerung an die Opfer. Allerdings noch ohne Erklärungen, 12:05 welche unfassbaren Gräueltaten und Verbrechen in diesen Tagen geschehen sind. 12:09 In den 1980er-Jahren fangen Forscher an, die Krankenmorde systematisch aufzuarbeiten. 12:14 Orte des Verbrechens wie Hadamar oder Grafeneck werden zu Gedenkstätten. 12:19 Deutlich mehr Initiativen setzen sich jetzt für das Gedenken an die Krankenmorde ein. 12:24 In der Bundesrepublik erklärt der deutsche Bundestag erst 1994 das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses zu NS-Unrecht. 12:32 In der sowjetischen Besatzungszone, also dem Gebiet der späteren DDR, wird dieses Gesetz schon 1946 aufgehoben. 12:39 2014 eröffnet die Stadt Berlin schließlich den Gedenk- und Informationsort 12:44 für die Opfer der national- sozialistischen Euthanasiemorde. Es tut sich also etwas. 12:49 Auch mehren sich immer noch die Mahnmale, Stelen und Plaketten an Orten, an denen die Krankenmorde stattgefunden haben. 12:57 Allerdings immer noch längst nicht an allen. Reicht es, ein Mahnmal aufzustellen? 13:02 Oder muss mehr getan werden? 2019 fordert die Gedenkinitiative für die Euthanasieopfer 13:07 ein öffentliches Erinnern. Unter anderem auch einen bundesweiten Gedenktag. 13:12 Den 18. Januar. Denn am 18. Januar 1940 ist der erste Transport 13:17 im oberösterreichischen Hartheim angekommen. Wie seht ihr das? 13:21 Braucht es so einen eigenen Gedenktag? Oder haben wir genug? 13:24 Müssen wir noch mehr oder sogar anders erinnern? Was sollte noch getan werden? 13:30 Seid ihr schon mal in Gedenkstätten oder am Berliner Mahnmal gewesen? Schreibt es in die Kommentare. 13:36 Und was ich noch wichtig finde: Wir sprechen über etwas, das in der Geschichte passiert ist. 13:41 Aber schaut mal auf die Debatte zu den Impfungen gegen Corona. Da gibt es Leute, die sagen: 13:47 Warum sollte man jemanden mit Demenz impfen? Warum sollte man jemanden impfen, der sowieso bald stirbt? 13:53 Das ist ein Gedanke, den es vor einiger Zeit schon mal gab. Finde ich zumindest. 13:58 Neben mir findet ihr ein Video der Kolleg*innen von Bubbles, die auch ein Video zum Schwerpunkt Leben mit Behinderung gemacht haben. 14:07 Klickt da gerne mal rein. Direkt darunter findet ihr die Playlist zu dieser Funk-Aktion. 14:13 Danke euch fürs Zuschauen und bis zum nächsten Mal.