Darum machen gerade so viele Unternehmen dicht | Wirtschaft erklärt ZDFheute Nachrichten https://www.youtube.com/watch?v=2lsdZ0ALXAk Transkript (automatisch erstellt) 0:00 Habt ihr auch das Gefühl, gerade macht jeder zweite Laden dicht und wahnsinnig viele Firmen müssen schließen? Egal, wo man hinschaut, Insolvenz hier, 0:08 Insolvenz da. Das Autohaus, wo ich mein Auto abgeben soll, ist Insolvent gegangen. Das ist nicht nur ein Gefühl, das ist 0:13 real. Die Lage ist ernst. Wir verlieren jeden Tag bis zu 60 Unternehmen und ein Ende längst nicht in Sicht. 0:21 Ja, auch für das kommende Jahr gibt es laut Kreditreform nicht wirklich einen Grund zur Entwarnung. Das bedeutet einerseits der Baumarkt um 0:27 die Ecke verschwindet. Hier ist niemand mehr willkommen. Oder der Lieblingsbäcker [musik] macht zu, wie bei mir neulich passiert. Und 0:34 andererseits von diesen Pleiten sind jährlich mehrere 100000 Jobs betroffen. 2025 waren es 285 000. 0:42 Kleine Fzallah haben wir letztes Jahr sieben Unternehmen verloren, die durch Insolvenz oder unternehmerische Entscheidung geschlossen haben. 0:48 Ich bin Florian Neuhann. Ich berichte fürs ZF über Wirtschaft und will jetzt klären, warum gehen gerade so viele Unternehmen pleite? Welche Branchen sind 0:56 am meisten betroffen? Und steckt in dieser Krise vielleicht auch eine kleine [musik] Chance. 1:06 [musik] Die Zahlen sind auf jeden Fall brutal. [musik] Alle 20 Minuten geht in 1:15 Deutschland eine Firmaappleite. Diese Kurve hier zeigt die Unternehmensinsolvenzen in Deutschland. Und schaut mal, während der 1:22 Coronapandemie ging die Zahl runter. Warum dazu kommen wir gleich? Doch seit 2022 geht der Trend wieder nach oben. 1:31 Wir leben gerade nicht weniger als die größte Insolvenzwelle seit 2013. Allein im ersten Halbjahr 2026 haben schon 13 000 Unternehmen Insolvenz angemeldet. 1:42 Fast 8% mehr als im Vorjahr. Hier neulich sogar Thema im Fernsehen. [musik] Die Zahl der Unternehmensinsolvenzen ist 1:49 im ersten Halbjahr auf den höchsten Stand seit 2013 gestiegen. Floria Neuern aus unserem Wirtschaftsteam. Was sind die Gründe? 1:56 Für die aktuelle Pleitewelle gibt es verschiedene Gründe. [schnauben] 2:03 Während der Coronazeit hat der Staat ja vielen Unternehmen mit viel Geld unter die Arme gegriffen. Insgesamt mit 130 Milliarden Euro für Kredite und 2:11 Finanzhilfen. Das hat viele Unternehmen vor dem Pandemietod bewahrt und damals war das sicher sinnvoll. Aber mit diesen Hilfen hat der Staat auch Firmen am 2:21 Leben gehalten, die kein funktionierendes Geschäftsmodell mehr hatten, die also nur wegen der Finanzhilfen überhaupt weiterleben 2:28 konnten. Sogenannte Zombieunternehmen. Diese lebenden Toten mussten seitdem immer wieder weitere Rückschläge einstecken 2:37 vom Ukrainekrieg bis hin zu den US-Zö. Und jetzt sind die Finanzhilfen aus der Coronazeit alle ausgelaufen. Was in den letzten Monaten passiert, ein 2:48 klassischer Nachholeffekt. Ein Untoter nach dem anderen kollabiert. [stöhnen] Aber das alleine wäre ja nur ein statistischer Effekt. Hinter dieser 2:57 Pleitewelle steckt noch viel mehr und zwar die längste Phase ohne Wirtschaftswachstum, die wir in 3:06 Deutschland je hatten. Die Deutsche Wirtschaft krielt, vor allem im Vergleich zu anderen Industrienationen bereits seit 2019. 3:16 Warum? Dazu haben wir schon mal ein Video gemacht, Link hier oben. Und es ist doch klar, so eine Krise zeigt sich auch in den Zahlen von 3:23 Firmeninsolvenzen. Irgendwann gehen die Unternehmen halt pleite, weil die Kosten für Rohstoffe, Energie und Löhne gestiegen sind und viele Firmen stehen 3:32 in hartem Wettbewerb und können diese Kosten nicht mal ebenso an ihre Kunden weitergeben. 3:41 Außerdem sind in vielen Branchen auch Einnahmen weggefallen. Der Export z.B., Der ist vielfach eingebrochen. Etwa bei unserem langjährigen Exports Schlagert 3:49 den Autos. Hier läuft es besonders in China für deutsche Autobauer immer schlechter. Das treibt zwar die großen Automobilkonzerne wie VW, BMW oder 3:58 Mercedes nicht in die Insolvenz, aber die müssen drastisch sparen. Erst vor ein paar Tagen wurde ja berichtet, dass VW möglicherweise bis zu 100.000 Stellen 4:08 streichen könnte. Wer dann Pleite geht, das sind kleine, teilweise auch schon größere Zulieferer. 4:17 Ab dem ersten Quartal in dem Jahr hat sich im Endeffekt abgezeichnet, dass wir die Presse nicht mehr durchsetzen können, um sag mal profitable Aufträge 4:25 hier ins Unternehmen zu holen. Und zu allem kam in diesem Jahr noch der Irankrieg. 4:37 Der hat für einen echten Energiepreischock gesorgt. Im März ist der Ölpreis innerhalb weniger Tage um mehr als 50% 4:45 raufgeknallt. [musik] Auch wenn sich der Markt da mittlerweile wieder etwas entspannt hat, die noch mal höheren Energiekosten haben in diesem 4:53 Jahr vielen kriselnden Unternehmen endgültig den Koschlag verpasst. [musik] 5:04 Der Pleiteggeier erwischt bestimmte Branchen härter als andere. Am häufigsten mussten zuletzt Unternehmen aus der 5:13 Dienstleistungsbranche dicht machen. Danach kommt der Handel. An dritter Stelle das Baugewerbe. Im Vergleich dazu wirken 940 5:24 Industrieunternehmen [musik] auf Platz 4 eher wenig. Aber Achtung, hier hängen oft viele Arbeitsplätze dran. Ich finde es richtig schade, dass jetzt 5:33 die Firma Bachund ist. Ich bin jetzt hier 39 Jahre und heute ist mein letzter Arbeitstag. Und dann tut eine Insolvenz besonders 5:42 weh. In diesem Jahr waren in allen Branchen bisher 165 000 Arbeitsplätze betroffen. Das ist viel. Ganze 15% mehr als im Vorjahr. Und Forscher warnen, der 5:54 Pleitehöhepunkt ist noch nicht erreicht. Besser werden soll es erst, wenn die Wirtschaft wieder wächst, also vielleicht 2027. Insolvenzen folgen 6:03 nämlich in der Regel zeitverzögert auf den Verlauf der Konjunktur. [musik] Das alles klingt dramatisch und für jeden Betroffenen ist es das ja auch 6:14 ganz ohne Frage. Aber und das hört sich vielleicht erstmal seltsam an, für eine große Volkswirtschaft sind einzelne Pleiten nicht unbedingt schlecht, denn 6:23 hier kommt Josef Schumpitzer ins Spiel. Ein Ökonom aus Österreich. Anfang des 20. Jahrhunderts leitete eine Wiener Bank, die kurz darauf selbst pleite 6:34 ging. Vielleicht hat ihn das für eine seiner einflussreichsten Theorien inspiriert, [musik] die schöpferische Zerstörung. 6:43 Das alte Unternehmen pleitehen ist also ganz normal. Wenn etablierte Firmen eine Neuerung verschlafen, dann kauft der Kunde eben woanders. Ein Klassiker ist 6:53 die Geschichte von Quelle, eine deutsche Institution mit dem berühmten Quellekatalog. Hier sind die neuesten Modelle. Direkt vom Großversandhaus 7:02 Quelle. Die neue Schöpfung war der Versandthandel übers Internet. Die Erfolgsgeschichte des Sommers heißt 7:09 Amazon.com. 2,5 Millionen Bücher online im Angebot. Versandt in jedes Haus. Amazon hat den Handel schöpferisch zerstört und Quelle gegen Pleite. 7:21 [musik] Schauen wir noch mal auf die Lage bei uns. Die Plitewelle, die ist real. Aber ist das nun eine schöpferische 7:27 Zerstörung? Deutschland hat nicht das Problem, dass hier zu wenig gegründet wird. Im Gegenteil, 2025 war ein Boomjahr für Unternehmensgründungen. Es 7:35 wurde so viel gegründet, wie noch nie und der Anstieg geht auch in diesem Jahr weiter. Dass es mehr Gründungen gibt, ist in Krisenzeiten übrigens ganz 7:44 typisch. [musik] Viele versuchen es dann mit der Gründung einer eigenen Firma. Das Problem ist, dass zu viele der jungen Unternehmen 7:50 wieder scheitern. Das liegt unter anderem am Valley of Death, dem Tal des Todes. 8:01 Dieser Begriff beschreibt eine besondere finanzielle Durstrecke zwischen der ersten Finanzierung und dem Punkt, an dem sich ein Unternehmen selbst 8:09 finanzieren kann. Genau an diesem Tiefpunkt geht vielen Startups das Geld aus und sie sterben. Das Besondere dieses Valley of Death 8:19 gibt es vor allem in Deutschland und in Europa. Hier siehst du, welche Bewertungen Startups in der EU im Vergleich zu den USA erreichen. 8:28 Bei Startups in der frühen Phase kann die EU noch halbwegs mithalten. Auf 100 Firmen in den USA kommen 54 in der EU. Doch je höher die Bewertung, desto 8:38 deutlicher fällt die EU zurück. Warum? Vor allem, weil es an Investitionen fehlt, [musik] an Wagniskapital, also an Geld, das mit 8:48 etwas Risiko in junge Firmen gesteckt wird. Im internationalen Vergleich liegt Deutschland mit seiner Gründerfinanzierung gerade mal im 8:56 Mittelfeld. Sobald es ans Wachsen geht, wandern viele Unternehmen ins Ausland ab. Da gibt es nicht nur weniger Bürokratie, 9:04 sondern vor allem mehr Investoren. Die Regierung kennt das Problem. Seit dem Jahreswechsel gibt es z.B. den 9:13 Deutschlandfond, der Startups fördern soll. Um bei der Finanzierung zentraler Zukunftsinvestitionen [musik] sozusagen den Turbo zu zünden, möchte 9:21 der Bund mit dem Deutschlandfond gezielt auch privates Kapital mobilisieren. Vom Bund selbst kommen Garantien in Höhe von 30 Milliarden Euro und mit diesen 9:30 Garantien soll privates Geld mobilisiert werden, insgesamt 130 Milliarden Euro. Doch mit dem Fond sollen neben Startups zugleich noch zickere Dinge gefördert 9:40 werden. Mittelstand, der Abbau kritischer Rohstoffe, ein paar Schlüsseltechnologien. Ob der Fond also ausreicht, um Gründer 9:47 richtig groß werden zu lassen, da sind viele eher skeptisch. Halten wir fest, [musik] ein schnelles Ende der Pleitewelle ist nicht in Sicht. 9:59 Die Zahl der Insolvenzen dürfte erstmal weiter steigen. Die meisten Insolvenzen kann und sollte der Staat auch nicht verhindern. Wichtiger wäre eher, viel 10:09 mehr in Weiterbildung zu investieren und den Betroffenen dem Jobwechsel in neue Branchen zu erleichtern. Und wenn [musik] genug vielversprechende neue 10:17 Unternehmen auf den Markt kommen und neue Arbeitsplätze schaffen, verlieren Pleiten ein Stück [musik] weit ihren Schrecken. Hier bei der Erneuerung der 10:25 Schöpfung, da hapert es noch. Wir brauchen dringend mehr Investitionen vom Staat, aber auch [musik] aus der Wirtschaft. Sonst werden viele deutsche 10:33 Startups den Durchbruch weiterhin nicht schaffen. Was meint ihr? Wie schlimm ist die Pleitewelle wirklich? [musik] Schaffen wir neben der Zerstörung auch 10:41 den zweiten, den wichtigeren Teil, die Schöpfung? [musik] Oder haben wir den Anschluss schon verpasst? Schreibt's uns in die Kommentare und bis zur nächsten 10:50 Folge von [musik] Wieso Wirtschaft erklärt.