Geschichte · Klasse 9–10 · aktualisiert
68er-Bewegung: Ursachen, Verlauf und Folgen
Du lernst, warum die 68er-Bewegung viele Proteste umfasst, weshalb der Konflikt in Westdeutschland eskalierte und wie du Folgen vorsichtig beurteilst.
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Kurz gesagt
Die 68er-Bewegung ist eine Sammelbezeichnung für unterschiedliche Protestbewegungen der 1960er Jahre. In Westdeutschland forderten Studenten mehr Mitbestimmung und gesellschaftliche Veränderungen. Ihre Ziele, ihre Mittel und ihre Folgen waren umstritten.
Wer entscheidet an einer Hochschule, und wie viel Mitsprache haben Studenten? Solche Fragen verbanden sich in den 1960er Jahren mit Protesten gegen Krieg und gegen den Umgang mit der Vergangenheit im Nationalsozialismus, kurz NS. Du untersuchst, warum daraus heftige Konflikte entstanden und weshalb sich spätere Veränderungen nicht einfach auf eine Bewegung zurückführen lassen.
Deine Lernziele
Hake ab, was du schon kannst. Löst du alle Aufgaben eines Abschnitts, hakt Mela das Ziel für dich ab.
4 Abschnitte
Die Bezeichnung 68er-Bewegung entstand im Rückblick. Sie fasst unterschiedliche Protestbewegungen und neue Lebensweisen der 1960er Jahre zusammen. Gemeint ist weder eine einzige Organisation noch nur das Jahr 1968. An den Protesten waren mehrere Generationen beteiligt.
Die Bewegungen hatten Verbindungen und ähnliche Ziele, aber auch eigene Ursachen und Verläufe. In den USA waren die Bürgerrechtsbewegung gegen rassistische Benachteiligung und der Protest gegen den Vietnamkrieg wichtig. In Frankreich standen auch Arbeiter mit Forderungen nach besseren Löhnen und kürzeren Arbeitszeiten im Vordergrund.
In Westdeutschland begannen die Proteste etwa 1965 und erreichten 1967 ihre größte Beteiligung. Der Prager Frühling in der Tschechoslowakei hatte eigene Ursachen. Dort ging es unter anderem um demokratische und wirtschaftliche Reformen. Du solltest deshalb bei Aussagen über „die 68er“ prüfen, welches Land, welche Gruppe und welche Zeit gemeint sind.
Definition
Sammelbezeichnung
Ein gemeinsamer Name für unterschiedliche Erscheinungen. Hier verbindet er Protestbewegungen, ohne ihre Unterschiede aufzuheben.
Merke: Der Name „68er-Bewegung“ bezeichnet mehr als die Ereignisse eines Jahres. Auch Arbeiter und Menschen verschiedener Generationen beteiligten sich.
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Eine Ursache erklärt, warum Protest entsteht. Ein Ziel beschreibt, was sich ändern soll. Eine Protestform ist das Mittel, mit dem Teilnehmer ihre Forderungen ausdrücken.
An den westdeutschen Hochschulen kritisierte der Sozialistische Deutsche Studentenbund, kurz SDS, fehlende Mitsprache der Studenten. Er forderte mehr Mitbestimmung und eine demokratische Selbstverwaltung der Universitäten. Auch die unzureichende Aufarbeitung des Nationalsozialismus war ein Ausgangspunkt des Protests. Die Bewegung verlangte eine vollständige Entnazifizierung der Gesellschaft und Aufklärung über NS-Verbrechen.
1966 bildeten SPD und Unionsparteien die Große Koalition, also eine gemeinsame Regierung. Im Bundestag blieb die kleine FDP als Opposition übrig. Das verstärkte das Anliegen, außerhalb des Parlaments politischen Druck auszuüben. Nach der Regierungsbildung entstand die Außerparlamentarische Opposition, kurz APO. Der SDS war eine führende Organisation der Studentenbewegung.
Zu den Zielen gehörten außerdem der Widerstand gegen den Vietnamkrieg und gegen die geplanten Notstandsgesetze, also Gesetze für staatliche Notlagen. Deren Gegner befürchteten einen Abbau demokratischer Rechte. Diese Befürchtung ist von einem nachgewiesenen Ende der Demokratie zu unterscheiden. Die Bewegung kritisierte auch den Einfluss des Springer-Verlags auf die öffentliche Meinung.
Als Protestformen nutzten Teilnehmer Demonstrationen, Flugblätter, Informationsveranstaltungen und Störungen akademischer Feiern. Bei einer solchen Feier in Hamburg entrollten Studenten ein Transparent, also ein großes Banner mit einer Aufschrift. Damit kritisierten sie den unzureichenden Umgang von Professoren mit ihrer Rolle in der NS-Diktatur. Forderung und Mittel lassen sich hier trennen: Aufarbeitung war das Ziel, das öffentliche Zeigen des Transparents die Protestform.
Definition
Außerparlamentarische Opposition (APO)
Politische Opposition außerhalb des Parlaments. Sie versuchte etwa durch öffentliche Proteste Einfluss auszuüben.
| Bereich | Beispiel aus dem Hochschulprotest |
|---|---|
| Ursache | Der SDS kritisierte fehlende Mitsprache der Studenten. |
| Ziel | Studenten sollten mehr mitbestimmen können. |
| Protestform | Studenten machten durch Demonstrationen und Transparente auf Forderungen aufmerksam. |
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Eskalation bedeutet, dass sich ein Konflikt verschärft. Ein wichtiger Einschnitt war der 2. Juni 1967 in West-Berlin. Studenten demonstrierten gegen den Schah, den Herrscher des Iran. Unter anderem Angehörige des iranischen Geheimdienstes schlugen auf friedliche Demonstranten ein. Die Polizei griff dagegen zunächst nicht ein und löste dann die Demonstration gewaltsam auf. Der Polizist Karl Heinz Kurras erschoss den Studenten Benno Ohnesorg.
Große Teile der Berliner Presse, insbesondere Zeitungen des Springer-Verlags, stellten das Geschehen zunächst falsch dar: Die Studenten hätten randaliert und die Polizei korrekt gehandelt. Diese Berichte verstärkten bei Mitgliedern der Studentenbewegung den Vorwurf, die Springerpresse hetze gegen sie. Polizeigewalt und Berichterstattung verschärften damit den Konflikt. Ohnesorgs Tod war ein Einschnitt in eine bereits bestehende Bewegung, nicht deren ursprüngliche Ursache.
Am 11. April 1968 schoss Josef Bachmann auf den Wortführer Rudi Dutschke. Dutschke überlebte schwer verletzt. Danach versuchten Demonstranten, die Auslieferung von Springer-Zeitungen zu verhindern. Es kam zu gewaltsamen Auseinandersetzungen. Innerhalb der APO wurde heftiger darüber gestritten, welche Mittel politisch vertretbar seien. Trotz der Proteste wurden die Notstandsgesetze 1968 verabschiedet: Ein wichtiges Ziel der Bewegung war damit verfehlt.
Seit Herbst 1968 zersplitterte die Bewegung zunehmend. Gruppen stritten über Ziele, Organisation und Gewalt. Frauen kritisierten ihre Unterdrückung im SDS. 1970 löste sich der SDS auf. Damit endete nicht jedes politische Engagement. Einige gingen in streng geführte kommunistische Organisationen, die sogenannten K-Gruppen. Eine radikale Minderheit wandte sich dem Terrorismus zu, also politischer Gewalt durch Anschläge. Andere setzten ihr Engagement auf anderen Wegen fort. Die gesamte Bewegung mit dieser Minderheit gleichzusetzen wäre falsch.
| Zeit | Ereignis | Einordnung |
|---|---|---|
| 2. Juni 1967 | Ein Polizist erschießt Benno Ohnesorg in West-Berlin. | Ein Einschnitt in einen bereits bestehenden Konflikt. |
| 11. April 1968 | Josef Bachmann schießt auf Rudi Dutschke. | Weitere Verschärfung des Konflikts und des Streits über Gewalt. |
| 1968 | Die Notstandsgesetze werden verabschiedet. | Der Protest verhindert die Gesetze nicht. |
| 1970 | Der SDS löst sich auf. | Das politische Engagement seiner bisherigen Mitglieder endet damit nicht insgesamt. |
Merke: Unterscheide die Ursachen einer Bewegung von Ereignissen, die einen bestehenden Konflikt verschärfen. Spätere Wege einzelner Gruppen stehen nicht für alle Teilnehmer.
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Die Bewegung erreichte viele ihrer Ziele nicht, beeinflusste aber soziale Reformen und einen längerfristigen Wandel von Werten. Spätere Bewegungen übernahmen auch Protestmittel wie Flugblätter und eigene Veröffentlichungen. Solche Verbindungen sind genauer als die Behauptung, sämtliche späteren Veränderungen seien durch „1968“ entstanden.
Bereits um 1960 veränderten neue Konsum- und Freizeitangebote sowie die Popkultur die westdeutsche Gesellschaft. Zur Popkultur gehören etwa populäre Musik und Mode. Werte und Vorstellungen von den Rollen der Geschlechter wandelten sich besonders bei Jugendlichen. Dieser Aufbruch gehörte zu den Voraussetzungen der Bewegung. Er war nicht erst ihre Folge. Die zeitliche Reihenfolge setzt einer einfachen Erklärung also Grenzen.
Auch der Anspruch auf Gleichberechtigung passte nicht durchgehend zur eigenen Praxis. Frauen kritisierten im September 1968 ihre Unterdrückung im SDS. Das zeigt einen Widerspruch zwischen dem Ziel der Befreiung und den Machtverhältnissen innerhalb der Bewegung. Ein Urteil sollte deshalb sowohl angestrebte Freiheiten als auch solche Widersprüche berücksichtigen.
Ein Sachurteil fragt hier: Welche Veränderungen lassen sich der Bewegung begründet zuschreiben, und wo reicht das Material dafür nicht aus? Ein Werturteil bewertet diese Veränderungen nach einem offengelegten Maßstab, etwa gleicher Mitsprache. Wenn du gleiche Mitsprache als Maßstab verwendest, kannst du sowohl die Forderung nach demokratischen Hochschulen als auch die Benachteiligung von Frauen im SDS beurteilen.
Eine abgewogene Einschätzung lautet: Die Bewegung trug zu Veränderungen bei, entstand aber selbst in einer Gesellschaft, die sich bereits wandelte. Ihre Bedeutung bleibt umstritten. Aus „Danach geschah es“ folgt noch nicht „Deshalb geschah es“.
Beispiel: Beispieltext, ausgedacht: ein Urteil genauer formulieren
- 1Ein Schüler schreibt: „Der Wandel der Werte begann in Westdeutschland durch die 68er-Bewegung.“
- 2Du prüfst die Reihenfolge: Der gesellschaftliche Wandel hatte bereits um 1960 begonnen.
- 3Du formulierst genauer: Die Bewegung konnte den Wandel beeinflussen, war aber selbst schon von ihm geprägt.
Merke: Prüfe bei einer behaupteten Folge den zeitlichen Ablauf und konkrete Verbindungen. Benenne bei einer Bewertung außerdem deinen Maßstab.
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Alles auf einen Blick
68er-Bewegung
Sammelbezeichnung
Unterschiedliche Bewegungen, Länder und Generationen gehören zu den Protesten der 1960er Jahre.
Ursachen und Ziele
Kritik an fehlender Mitsprache und am Umgang mit der NS-Vergangenheit verband sich mit Forderungen nach gesellschaftlicher Veränderung.
Protestformen
Demonstrationen, Informationsveranstaltungen, Flugblätter und Störungen akademischer Feiern machten Forderungen öffentlich.
Eskalation und Zerfall
Gewalt verschärfte Konflikte; Streit um Ziele und Mittel trug zur Zersplitterung bei.
Folgen beurteilen
Die Bewegung beeinflusste Veränderungen, war aber selbst von einem früher begonnenen gesellschaftlichen Wandel geprägt.
Musteraufgabe · Schritt für Schritt
Warum eskalierte der Konflikt am 2. Juni 1967?
- 1Aufgabe klären: Erkläre am Protest in West-Berlin, wie sich ein bestehender Konflikt verschärfte.
- 2Situation benennen: Studenten demonstrierten gegen den Schah. Unter anderem Angehörige des iranischen Geheimdienstes griffen friedliche Demonstranten an.
- 3Handlungen unterscheiden: Die Polizei griff zunächst nicht gegen diese Angreifer ein. Sie löste dann die Demonstration gewaltsam auf; Karl Heinz Kurras erschoss Benno Ohnesorg.
- 4Berichterstattung prüfen: Große Teile der Berliner Presse, insbesondere Springer-Zeitungen, stellten zunächst die Studenten als Randalierer und das Vorgehen der Polizei als korrekt dar.
- 5Zusammenhang erklären: Diese Berichte verstärkten bei Mitgliedern der Bewegung den Vorwurf der Hetze. Polizeigewalt und Berichterstattung verschärften den Konflikt; die Bewegung hatte schon vorher bestanden.
Fehler finden
Welche Aussage verschiebt den Beginn des gesellschaftlichen Wandels? In einer Zeile steckt ein Fehler. Tippe sie an.
Fehler in Zeile 2Die zweite Aussage verschiebt den Beginn des Wandels um ein Jahrzehnt nach hinten. Richtig: Der beschriebene gesellschaftliche Wandel in Westdeutschland begann bereits um 1960. Er war auch eine Voraussetzung der Bewegung.
Lückentext
Wähl in jeder Lücke das passende Wort und prüf dann deine Antworten.
Die Große Koalition aus SPD und Unionsparteien entstand . Bei der Demonstration gegen den Schah in West-Berlin wurde Benno Ohnesorg am 2. Juni erschossen. Josef Bachmann schoss am 11. April auf Rudi Dutschke.
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